In Athen brennt der Baum

[Upd.] Athen: Von Bullen und Malakas

athen_inflammen.jpgUpdate: Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat ein hochinteressantes Interview zum Thema mit Michael Kelpanides, Professor an der Aristoteles-Universität, geführt, das einige Aussagen dieses Beitrags bestätigt, in vielen Fällen aber die hier geäußerten Annahmen zurecht rückt (mit Dank an unseren IM).

Während sich der deutsche Journalistenmob an Bildern von brennenden Autos, Geschäften und Weihnachtsbäumen in der griechischen Hauptstadt aufgeilt und vor allem das Mistblatt schnell das Chaoten-Etikett verklebt, fragen sich wenige, weshalb die Situation in Athen nach dem Mord an einem 15-jährigen Schüler derart eskalieren konnte. Natürlich haben die Riots, die sich von Exarchia aus in die Innenstadt und bis zum Syntagmaplatz ausdehnten, ein Geschichte. Und die beginnt mit der dunkelsten Zeit Griechendlands: Der Diktatur der Obristen. Darüber und über die Rolle der Behörden, speziell der Polizei, in der Vergangenheit und Gegenwart ist mit Griechen zu reden, um das Geschehen dieser Tage zu begreifen.

Sieben Jahre lang beherrschte eine Junta aus Militärs der zweiten Führungsebene das Land, ohne dass sich die Mehrheit der Griechen nennenswerten Widerstand leistete – denn die regelmäßigen Verhaftungs- und Folteraktionen betrafen ohnehin nur die wenigen Kommunisten, die sich nach dem Bürgerkrieg bis 49 noch dazu bekannten, und vor allem Jugendliche, insbesondere Studenten. Natürlich hatte beim Militärputsch vom 21.04.1967 die CIA kräftig mitgemischt; Ziel der üblichen US-Einmischung war es, den demokratischen Papandreou an der Bildung einer Regierung zu hindern. In der Folge herrschten die Obristen mit totalitären Methoden: Zwangshaarschnitte für Jugendliche waren da noch das kleinste Übel. Tausende Beamte fühlten sich unter der Junta recht wohl, waren ihre kleineren und größeren Geschäfte jetzt doch durch Militärmacht abgesichert. So stahlhart das Regime nach außen erschien, so korrupt wurde im Hintergrund agiert, und der Wohlstand einiger heute führender Familien hat ihren Ursprung in korrupten Aktionen dieser Zeit.

Das Regime der Obristen
Was aber allen Griechen, die jene Zeit in Griechenland erlebten oder die sich genauer mit der Geschichte der Junta befasst haben, in Erinnerung geblieben ist: Dass Polizisten samt und sonders üble Malakas sind, die für eine Uniform und ein bisschen Sold jede Schweinerei begehen, die nicht unmittelbar zur eigenen Verhaftung führt. In kaum einem anderen EU-Land ist die Verachtung der Bevölkerung gegenüber den Bullen so groß wie in Griechenland. Zumal sich ja die meisten Ordnungsmaßnahmen der Polizei durch kleine Geldgeschenke aus der Welt schaffen lassen. Deshalb haben die meisten Griechen auch weder Respekt, noch Angst vor den Ordnungskräften. Während man sich auf den Inseln über die Polizisten eher lustig macht, schlägt ihnen auf dem Festland – nicht nur in den größeren Städten – nackter Hass entgegen.
So konnte sich das in diesen Tagen häufig erwähnte Viertel Exarchia zu einem befreiten Gebiet entwickeln, dass kein Cop ohne Not bzw. ausdrücklichen Befehl betreten würde. Reiseführer schildern das Quartier gern als fröhlich-alternatives Studentenidyll mit vielen Kneipen, Cafés und Restaurants, in dem man gern mal einen Abend oder eine Nacht bummeln sollte. Tatsächlich aber leben hier um die 4.000 junge Menschen, die diesem Staat, ja, jeder Staatsmacht abgeschworen haben und so leben wie sie das für richtig halten.

Polytechncia-Aufstand
Die Tradition Exarchias als Zentrale der autonomen-anarchistischen Bewegung geht auf den 17.11.1973 zurück. An diesem Tag begann der Aufstand der Studenten des Polytechnikums, das in ebenjenem Viertel liegt. Wer in diesen Jahren mit offenen Augen die Nachrichten verfolgt hat, wird sich an das Bild erinnern, wie ein Panzer das Eingangstor der Hochschule niederwalzte und Hunderte Soldaten das Gelände stürmten. Offiziell gab es dabei keine Tote unter den Studenten, aber spätere Untersuchungen sprachen von 24 Todesopfern im Zuge des Aufstands. Tatsächlich berichten Augenzeugen von wenigstens 50 Uni-Besetzern, die noch am Tag des Aufstands spurlos verschwanden.
Es waren also die Studenten des Polytchnikums, das in Exarchia liegt, die den offenen Widerstand gegen die Obristen aufnahmen. Ausgehend vom 17. November blieb der Junta kaum noch ein halbes Jahr bis zum Ende ihres Regimes.
So wurde der 17. November zum Mythos der Widerstands. Zwischen 1975 und 2003 existierte eine sich auf dieses Datum beziehende Untergrundorganisation namens Revolutionäre Organisation 17. November, die zahlreiche Anschläge verübte und sich Ende 2002 selbst auflöste, nachdem eine Reihe Aktivisten festgenommen worden waren. Tatsächlich aber existiert die Infrastruktur der Gruppe, die eine Art griechisch-nationalen Sozialismus anstrebt, fast uneingeschränkt weiter; die Ziele der 17N werden von den Autonomen weiter angestrebt.

17. November
So zelebrieren die Exarchia-Leute jedes Jahr am 17. November die Erinnerung an den Polytechnica-Aufstand – man kann sich das Fest in etwa vorstellen wie die alljährlichen Mai-Feierlichkeiten in Berlin. Jahrelang hat die Polizei sich rausgehalten, zumal sich die Aktionen auf das Viertel selbst beschränkten. Dieses Jahr aber kam es erstmals seit langen am 17.11. zu weitergehenden Protesten. Über 10.000 Demonstranten zogen in Erinnerung an die Rolle der USA beim Erhalt des Regimes zur amerikanischen Botschaft; dabei kam es zu schweren Auseinandersetzungen mit der Polizei. Augenzeugen berichten, dass die Cops mit größter Härte zuschlugen, auch weil die mitlaufenden Autonomen ihre schützendes Viertel verlassen hatten. Überhaupt hört man aus autonomen Kreisen, dass offensichtlich eine Null-Toleranz-Politik gegenüber den Studenten in Exarchia ausgerufen wurde.

Auch das hat es bereits vor Jahren gegeben. Und auch ein Todesopfer gab es auf Seiten der Exarchia-Leute damals zu beklagen. Genau vor 23 Jahren, am 06.12.1985, hatte die Polizei während einer Demo im Viertel den ebenfalls 15-jährigen Michalis Kaltezas mit einem Kopfschuss erlegt. Die linksautonome Szene erklärte Michalis zum Märtyrer und erinnerte jedes Jahr durch informelle Demos an dessen Ermordung.

Was genau den zweiten Mord am 15-jährigen Alexandros “Alexis” Grigoropoulos, einem Sohn aus bürgerlichem Haus, dessen Vater ein stadtbekannter Juwelier ist, auslöste, ist umstritten. Natürlich behauptet die Polizei, die Beamten hätten “nur” Warnschüsse abgegeben, und ein Querschläger habe Alexis getötet. Augenzeugen behaupten aber, es habe sich um gezielte Schüsse auf eine Gruppe von rund 30 Jugendlichen gehandelt, die eine Cop-Truppe beschimpft und mit Flaschen beworfen hätten.

Kaputter Staat
Die Kommentatoren räsonieren im Umfeld der Riots über die Unfähigkeit der Regierung Karamanlis, einem Neffen des ehemaligen Staatspräsidenten gleichen Namens, der das Amt nach dem Ende des Obristen-Regimes übernommen und – mit Unterbrechungen – bis 1995 innehatte. Auch wenn die Partei des aktuellen Ministerpräsidenten Karamanlis, die Nea Demokratia, nach hiesigem Verständnis der CDU ähnelt, ist die Zugehörigkeit des Mannes zum Karamanlis-Clan entscheidend für seinen Aufstieg gewesen. Familien spielen in der greichischen Politik ohnehin eine wichtigere Rolle als die Parteizugehörigkeit. Wobei sich das Land in zwei in jeder Hinsicht verfeindete Lager spaltet: Die Vertreter der Karamanlis-Richtung, die Griechenland auf einem kapitalistischen Kurs halten wollen, und den Anhängern der PASOK, die eher sozialdemokratisch ausgerichtet sind. Tatsächlich steht aber auch für PASOK-Funktionäre und -Wähler die Tatsache im Vordergrund, dass sie für sich in Anspruch nehmen, während der Junta-Zeit den Widerstand organisiert zu haben. Weniger korrupt als die ND-Anhänger sind auch die PASOK-Leute nicht, das haben zahlreiche Skandale während der Ära des legendären Papandreou bewiesen.

Die Tatsache, dass sich die Blöcke gegenüberstehen und die politische und wirtschaftliche Macht unter sich aufteilen, hat bereits in den Achtzigern zu einer allumfassenden Politikverdrossenheit der Griechen und ohnmächtiger Wut bei den Jugendlichen geführt. Bei jeder Wahl hoffen die interessierten Griechen, es möge zu einer nicht oder weniger korrupten Regierung kommen, aber jedes Mal werden sie enttäuscht. So glaubt eigentlich kein Bürger dieses Staats mehr an die Demokratie.
Die Wut richtet sich deshalb nicht nur bei den Exarchia-Studenten, sondern auch bei den ausgesprochen aktionsfreudigen Fußball-Ultras gern auf die Polizei, die man als dumpfes Organ der Korruption begreift. Aber auch Griechen, die nicht zur Gewalt neigen, sind sich sicher: Jeder Cop ist ein Malaka.


» Hintergrundbericht von Rainer Bartel am 12.12.08 um 13:30 » in Kategorien: Ausland » 1.410 x gelesen » 4 x kommentiert
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  1. Ich danke herzlich für diese Informationen! Das ist es, was man anderswo lesen möchte, aber nicht zu lesen bekommt, nichtmal ansatzweise.

     
    Kommentar von Jean Stubenzweig am 11.12.08 um 05:54
  2. Diese Hintergründe sind bei uns weitgehend unbekannt. Mich irritiert aber, dass Sie von einem gezielten Mord sprechen. Das erscheint mir nicht plausibel. Wer hätte denn einen Nutzen davon?

     
    Kommentar von Joachim Reinhold am 11.12.08 um 18:47
  3. [...] muss wohl eine Qualitätszeitung einen fundierten Bericht veröffentlicht haben? Nö, es ist nur die Rainer’sche Post aus Düsseldorf, die mit ihren Artikeln uns immer qualitative Antworten auf jene Frage gibt, weshalb der [...]

     
  4. [...] In Athen brennt der Baum. Prototypisch für die verlausten Korruptionsstaaten der freien, [...]

     

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