Die Riesen in Antwerpen

De Duiker, zijn hand en de kleine Reuzin

riesen_in_antwerpenNachdem ich im vergangenen Herbst die Fotos und Videos über den Besuch der Riesen in Berlin gesehen hatte, war ich hin und weg. Es war klar: Sollten die gigantischen Marionetten der Theatertruppe Royal de Luxe irgendwann eine Stadt in der Nähe besuchen, müsste ich hin. Die Gelegenheit kam schneller als gedacht, weil die Riesen erneut zu Gast sein würden beim Zomer van Antwerpen, wo sie bereits 2005 und 2008 zu sehen waren. Schließlich sind es kaum 200 Kilometer von Düsseldorf bis nach Antwerpen. Und so fuhren wir am Freitag, den 20.08.2010 dorthin. Es wurde ein Abenteuer. Denn wie immer folgt das Spektakel keinem festen Plan, und wir wussten nicht, wann und wo der Taucher und die kleine Riesin sein würden – die ganze Stadt war ihre Bühne.

Der Taucher schläft

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Legenden und Geschichten
Nun habe ich im vergangenen Jahr in drei Kursen niederländsiche Grundkenntnisse erworben, kann die Sprache in Schriftform gut und gesprochen einigermaßen verstehen und mich ganz gut verständlich machen. Alles las ich auf der Website des Zomer van Antwerpen die Geschichte des Tauchers, seiner Hand und der kleinen Riesin. Natürlich hatte ich mich vorher nie gefragt, wie denn der Namen der Stadt an der Schelde entstanden sein könnte. Vor Zeiten soll ein nicht besonders freundlicher Riese den Fluss bewacht und von allen Schiffern und Fischern Wegezoll erpresst haben. Das stank dem römischen Legionär Silvio Brabo so sehr, dass er einen Kampf mit ihm anzettelte und sogar gewann. Dem besiegten Riesen schlug der die Hand ab und warf sie in die Schelde. Das war das Handwerfen, oder auf niederländisch “(H)Ant werpen”.
Der Auftritt der großen Puppen war dieser Legende gewidmet. Die Truppe hatte auf der Basis dieser Geschichte ein eigenes Märchen entwickelt. Danach war der Riese eigentlich ganz nett und hat mit dem eingenommenen Geld die Stadt seiner Träume (das heutige Antwerpen) für die Menschen gebaut. Die Hafenbecken gestaltete er so, dass sie ihm als Badewannen dienen konnten. Eines Tages nahmen ihn Fremde aus einer anderen Welt gefangen und hackten ihm die Hand ab. Riese und Hand wurden von der Strömung auf den Grund des Atlantiks gezogen. Und während der Riese zum Taucher wurde, blieb die Hand dort und streichelte die Fische und Algen, um etwas zu tun zu haben. Und wieder spielte die Strömung mit und zog die Hand mitsamt einem verlorengegangenen Postsack der Schifffahrtsgesellschaft Red Star Line zurück in eines der Hafenbecken von Antwerpen, wo der Taucherriese inzwischen seine Heimat gefunden hatte.
Die kleine Riesin war schon lange auf der Suche nach dem Taucher, der ihr Onkel ist. Mit dem Boot kam sie nach Antwerpen. Und da der Taucher davon erfuhr, begannen sie, sich in der Stadt zu suchen. Zunächst fand der Riese den Postsack und seine Hand, und dann trafen Riese und Riesin aufeinander und feierten das Treffen mit einem großen Picknick auf dem Sant-Jansplein.

Die Suche
Unser Hotel, das Plaza an der Charlottalei, liegt mitten im jüdischen Viertel. Tatsächlich ist die Stadt inzwischen das bedeutendeste Zentrum des orthodoxen Judentums in Europa. Dass hier fast so viele Chassiden leben wie in New York, stellten wir schon am Freitagabend fest: Männer mit Hüten, mühlsteinförmigen Pelzmützen und Schläfenlocken, gekleidet in schwarze Seidenmäntel, Kniebundhosen und weißen Strümpfen strömten in Richtung der Synagoge. Die Frauen sah man später, meist schwarz-weiß gekleidet und mit schwarzen Kopftüchern bedeckt. Knaben von sechs, sieben Jahren hatte man das Stirnhaar rasiert und Schläfenlocken onduliert; auch die Kinder trugen nur schwarz-weiße Kleidung. Samstags war es dann im Viertel still, alle Geschäfte geschlossen, kaum Menschen auf der Straße.

Wir wussten, dass die Riesen ab etwa 16 Uhr in der Stadt erscheinen würden, und machten uns auf die Suche. Am Sint-Jansplein sollte einer von ihnen zu finden sein. Aber wir wussten nicht wo das war, und unser Navigationsgerät kannte diese Straße nicht. Also brauchten wir einen Stadtplan. Wir machten uns auf den Weg in die Innenstadt, durchquerten den Stadtpark und überquerten den Ring. Zum Wasser wollten wir. Nirgends ein Buchladen. Aus den Reiseführern wussten wir, dass im Norden des Zentrums ein Stück alter Hafen zum In-Viertel geworden war. Vielleich hatte der Taucher da seine Badewanne.
Wir irrten durch die Stadt. So groß sind die Riesen, dachten wir, dass man sie sehen müsste. Ohne Erfolg. Plötzlich sahen wir einen Lastwagen an uns vorbeifahren. Auf der Ladefläche lauter Menschen in rotem Samtlivree – die Helfer der Riesen! Irgendwo musste doch einer von beiden sein. Plötzlich Menschenströme, denen wir uns anschlossen. Und dann standen wir plötzlich an diesem Sint-Jansplein. Da saß der Taucher und schnarchte vor sich hin. Wir waren fast vier Stunden durch Antwerpen gegangen, um ihn zu finden.

Die Begegnung
Am kommenden Morgen fragte ich die Rezeptionistin. Ja, sagte sie, die kleine Riesin hat wohl an den Gedempte Zuiderdokken übernachtet. Sie gab uns einen kleinen Stadtplan und markierte die Stelle. An diesem Samstagmorgen gegen zehn war Ruhe in der Stadt. Am Vorabend waren wir schon den shoppenden Massen in der Altstadt und vor allem in der bekannten Fußgängerzone Meir begegnet. Dann standen wir an diesen ehemaligen Hafenbecken, die mittlerweile ein Park geworden war, aber die Risin war schon weg. Wir gingen runter an den Fluss und nahmen einen Kaffee.

Plötzlich hörten wir laute Stimmen und Musik. Das musste die kleine Riesin auf ihrem Weg sein. Wieder sahen wir Menschen zu einem Punkt laufen und liefen mit. Wir bogen in eine Gasse ein: Da kam sie! Geführt von einem Kran an einem Trekker, begleitet und geleitet von den Helfern in ihren samtenen Jacken. Brüllend laute Zideco-Musik. Männer mit Besen putzten vor ihren Füßen im Takt. Wir folgten dem Zug, der in der Fußgängerzone zum Halten kam. Man legte der Riesin Kissen unter. Sie war müde, setzte sich und schlief ein.

Der Taucher
Schon wieder waren wir mehr als zwei Stunden unterwegs. Nun wollten wir auch den Taucher sehen. Wieder gingen wir an die Schelde. Saßen in einem Café. Dann wieder die typische Geräuschkulisse in weiter Ferne. Im Laufschritt dorthin. Man wusch den Taucher gerade. Mit einem Kranwagen hatte man einen Feuerwehrschlauch auf zwölf Meter Höhe gehievt, also auf Augenhöhe mit dem Riesen. Gerade setzte man die Sichtscheibe seines Taucherhelms wieder ein. Und dann ging es los.

Geschätze dreißig Leute braucht es, den Riesen in Bewegung zu setzen. Auf dem Gerüst sitzen die Spieler, die den Kopf bewegen, die Augen, den Mund. Je fünf Leute braucht es, um die Arme zu bewegen. Und um die Füße mit den schweren Taucherschuhen zu bewegen, müssen auf jeder Seite zwölf kräftige Herren arbeiten. Die greifen zu zweit ein Seil und springen aus etwa drei Meter Höhe auf die Fahrbahn. Dann schwingen Sie das Seil zum nächsten Paar, das springt, und laufen zurück, um wieder auf den Wagen zu steigen.
Der zwölf Meter große Taucher ging so ganz dicht an uns vorbei. Ich hatte Gänsehaut; ein Augenblick, den ich nicht vergessen werde.

Der Schluss
Mittlerweile hatten wir den lokalen TV-Sender entdeckt, der das Tagesprogramm bekanntgab. Danach hatten sich die Riesen am späten Samstagabend am Sint-Jansplein getroffen und würden dort übernachten. Um 11 würde man sie wecken. Dann sollte es ein ausgiebiges Picknick geben. Also fuhren wir am Sonntagmorgen zum Platz. Während sowohl am Freitag, als auch am Samstag erstaunlich wenig Menschen die Riesen begleitet hatten, war der Sint-Jansplein um Viertel vor 11 schon dicht bevölkert. Die Riesen schliefen noch; die kleine Riesin auf dem Schoß des Tauchers.
Da wir keine Chance sahen, dicht genug an das Paar heranzukommen, verließen wir den Platz und reisten ab.

Und seit diesen Tagen träume ich davon, die Riesen einmal nach Düsseldorf zu holen…


» Erlebnisbericht von Rainer Bartel am 24.08.10 um 12:11 » in Kategorien: Ausland,Feuilleton » 2.894 x gelesen » 1 x kommentiert
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  1. “Und seit diesen Tagen träume ich davon, die Riesen einmal nach Düsseldorf zu holen…”…wäre mal was anderes als DTM Präsentation oder Skilanlauf am Rheinufer! Da würde ich hingehen!

     
    Kommentar von Weed am 24.08.10 um 13:08

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