25 Jahre nach der Katastrophe im Brüsseler Heyse-Stadion

Fußballterror: Gewalt im Stadion!

hooligansEs war ein schöner Frühsommertag. Wir saßen in einer Gartenwirtschaft in Düsseldorf-Kalkum, weil Freunde dort ihre Hochzeit feierten. Gegen halb acht kam jemand aus dem Gastraum und sagte: Da gibt’s schlimme Krawalle in Brüssel. Die wenigsten wussten auf Anhieb, wovon der Typ sprach. Bis ich anmerkte: Da findet gerade das Endspiel um den Europacup statt; zwischen Liverpool und Turin. Wer an Fußball interessiert war, ging rein, um zu sehen, was geschah. Es handelte sich um den Vorfall vom 29.05.1985, der heute als die Katastrophe von Heysel bekannt ist. Wir standen schockiert vor dem Fernseher und sahen die eingequetschten Zuschauer, wir sahen die Mauer fallen und die leblosen Körper auf der Laufbahn. Das Spiel wurde übrigens mit anderthalbstündiger Verspätung angepfiffen. Juventus Turin gewann den Pokal zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte.

Der Spiegel brachte in der folgenden Woche eine Titelgeschichte unter der Überschrift “Krieg im Stadion” bzw. “England raus aus Europa”. Die dort gegebene Darstellung der Ereignisse stimmt nicht mit dem überein, was mittlerweile durch Augenzeugenberichte gesichert ist und sich auf Wikipedia so liest:

Am Mittag des Tages hatten alkoholisierte Fans in der Stadt randaliert. Bereits eine Stunde vor Anpfiff begannen die Anhänger von Juventus, im Stadion mit Steinen und Leuchtraketen zu werfen. Die Anhänger des FC Liverpool antworteten mit Schmähgesängen und bengalischen Feuern. Zwei Juventus-Fans stürmten auf den Rasen. Um 19.45 Uhr versuchten mehrere hundert Fans des FC Liverpool den benachbarten Block zu stürmen. Im Block Z standen vor allem italienische Fans. Die flüchtenden Juventus-Fans gerieten in Panik. Viele von ihnen wurden gegen eine Mauer gedrückt, die Minuten später zusammenfiel und einen Teil der 39 Todesopfer unter sich begrub.
Die italienischen Fans hatten die Tickets in Block Z von einem italienischen Reisebüro erhalten, das sie wiederum von einem korrupten UEFA-Offiziellen bezogen hatte. Die Fans hätten eigentlich nicht in Block Z stehen dürfen, dort hätten sich nur neutrale Zuschauer befinden sollen. Das Stadion erfüllte die Anforderungen der UEFA für ein Europapokal-Endspiel nicht. Zudem war Block Z nur unzureichend gesichert. Es gab als Abgrenzung lediglich einen schwachen Maschendrahtzaun, den man ohne größeren Kraftaufwand problemlos niederdrücken konnte. Die später eingestürzte Mauer war brüchig. Polizisten waren im Block Z nicht anwesend. [Quelle: Wikipedia]

Unmittelbar nach dem Katastrophentag gaben die europöischen Medien durchweg und ausschließlich den Engländern die Schuld:

Auf jeden Fall beginnen die Liverpooler um 19.15 Uhr von den oberen Rängen mit Signal- und Feuerwerksraketen auf die Italiener zu feuern.
Der Angriff der “Todeshorde” (Frankreichs Sportblatt “L”Equipe”) scheint raffiniert vorbereitet: In einem Ablenkungsmanöver auf der gegenüberliegenden Stadionseite tut eine Handvoll Briten so, als wolle sie den Eingang zu den italienischen Blocks stürmen. Die Polizei reagiert sofort, mehrere Hundertschaften rennen zu dem vermeintlichen Krisenpunkt.
Für die Liverpooler in der Kurve unter der Anzeigetafel ist damit der Weg frei. Sie reißen den schwächlichen Maschendraht ein, fegen 40 Gendarmen, die sich ihnen in den Weg werfen, hinweg und stürmen prügelnd auf die Italiener ein.
Die Zuschauer, darunter mehrere tausend Italiener, fliehen in Panik die niedrigen Stufen hinab und werden im Winkel zwischen den Absperrgittern und der Trennmauer eingeklemmt. Unter dem Druck der Menschenmassen geben eisenarmierte Betonpfeiler nach, ein sieben Meter langes Mauerstück stürzt ein. [Quelle: Spiegel 23/1985]

Durch die Ereignisse rückte der Begriff “Hooligans” ins öffentliche Bewusstsein. Die Medien benutzten dieses Wort zunächst aber ausschließlich für gewalttätige britische Fußballanhänger. Dass das Gewaltpotential italienischer “Fans” zu jener Zeit mindestens genauso hoch war und bei Spielen der italienischen Liga in den Jahren ab 1980 praktisch jedes Wochenende Todesopfer zu beklagen waren, blieb außen vor. Immerhin versuchten Experten das Phänomen sozio-politisch zu erklären und wiesen zu Recht daraufhin, dass die rigide wirtschaftsliberale Politik der Margret Thatcher über Jahre dafür gesorgt hatte, dass fast ein Viertel der Bevölkerung ohne jede Zukunftsaussicht und vorwiegend arbeitslos zu leben hatte.
Und hier gleichen sich die Verhältnisse. In Italien lag die Arbeitslosigkeit im Jahr 1985 bei rund 18 Prozent, bei Menschen unter 25 Jahren sogar deutlich über 25 Prozent – ein Wert, der u.a. in Liverpool, Manchester, Leeds und anderen englischen Fußballhochburgen in jenem Jahr auch galt. Wie in Großbritannien kümmerte sich in Italien die Regierung Craxis überhaupt nicht um dieses Problem, sondern versuchte die hohe Inflation durch eine merkwürdige Geldpolitik zu bremsen, was der italienischen Wirtschaft massiv schadete.

Hunderttausenden jungen Männer in England und Italien hatte man so die Hoffnung genommen, je auf eigenen Beinen zu stehen, Familien zu gründen und diese zu ernähren. Hunderttausende Engländer zwischen 18 und 30 fanden nur noch im Fußball einen Ort, an dem sie sich selbst vergewissern konnten, wo sie eine Rolle einnahmen, wichtig waren. Außerdem waren Ligaspiele in beiden Ländern ein billiges Vergnügen: In England lag damals der durchschnittliche Eintrittspreis für die Stehplätze bei umgerechnet 1 DM, in Italien bei etwa 1,50 (Für Bundesligaspiele musste man als Normalpreis mit mindestens 4 und maximal 10 DM rechnen…).
Immer wenn frustrierte junge Männer in Scharen zusammenkommen und sich zu Gruppen zusammenschließen, ist Gewalt nah. Denn Gewalt gegen Fremde auszuüben ist eine Möglichkeit, sich Respekt in der Gruppe zu erkaufen. Der extreme Alkoholkonsum bei den Briten diente damals wie heute in erster Linie dazu, die Hemmschwelle zu senken. Italienische “Hooligans” brauchten das wohl nicht.

Wir reden von massiver Gewalt in den Stadien und vor und nach den Spielen außerhalb der Spielstätte. Im Vergleich zu dem, was in ganz Europa an fußballbezogener Gewalt zwischen etwas 1975 und 2000 stattfand, herrschen in den Fußballarenen dieser Jahre Zustände wie auf dem Ponyhof. Das hat vor allem damit zu tun, dass sich die Zuschauerstruktur massiv verändert hat. Am massivsten in England, wo nach dem Desaster von Hillsborough im Jahr 1989 die Bedingungen in den Stadien so verändert wurden, dass die Angehörigen der Unterschicht ausgeschlossen wurden. Die Stadien wurden zwangsweise zu reinen Sitzplatzarenen umgebaut, die Preise per saldo fast verzwanzigfacht.

Was wird, wenn weiter an den Armen gespart wird?
Vielleicht hätte man Frau Merkel und ihren Regierungskonsorten mal ein Video mit den Ereignissen im Heyel-Stadion vorspielen sollen. Vielleicht hätte man diese Truppe überhaupt einmal darüber informieren sollen, was sich aus welchen Gründen in den frühen achtziger Jahren rund um den Fußball in England und Italien abgespielt hat. Vielleicht hätte mal ein anerkannter Soziologe dieser Regierung des Grauens erklären sollen, dass die derzeitige Gewalt auf den Straßen von den Jungmännern ausgeht, die dank Hartz IV und neoliberaler Arbeitsmarktpolitik (die ja vom Schröder-Fischer-Regime begründet wurden…) chancenlos sind.

Ein Ansteigen der Gewaltbereitschaft in den Fußballszenen in Europa ist jetzt schon zu beobachten. In Italien hat sich das seit 1980 in Wellen bewegt, die absolut parallel zur wirtschaftlichen Entwicklung verliefen (in Griechenland übrigens auch). In Fangruppierungen ist immer mehr Machismo zu beobachte, ein immer stärkeres Ausleben anachronistischer Ehrvorstellungen; der Wert der Fahne wird plötzlich wieder hochgejubelt. Ja, es gibt bereits Gruppierungen, die davon singen, dass sie in den Krieg ziehen, wenn sie zu einem Auswärtsspiel fahren. Wo die Männer keine Chancen haben, da entdecken sie die Ehre als Wert wieder und neigen zum Kämpfen.
Diese Effekte durch polizeiliche und andere adminsitrative Maßnahmen aus dem Fußball fernhalten zu wollen, ist eine naive Vorstellung. Denn der Fußball ist nach wie vor die optimale Folie für derlei Tun. Man(n) kann sich wunderbar mit seinem Verein identifizieren, man kann diesen Verein lieben und – ganz im Sinne südosteuropäischer Wertvorstellungen – bemüht sein, dessen Ehre zu verteidigen. Und man hat einen optimalen Rechtfertigungsapparat für Gewalt gegen andere.

Auch wenn es immer wieder Legenden über erfolgreiche Anwälte und Manager gibt, die sich in der Freizeit als Hooligans betätigten, so waren es doch immer die frustrierten Männer ohne Aussichten, die den Kern der gewalttätigen Gruppen bildeten. Wer einen Sinn im Leben erkennt, wer Chancen hat und Möglichkeiten, der wird weniger zur Gewalt neigen – auch im Bereich des Fußballs.


» Kommentar von Rainer Bartel am 10.06.10 um 18:31 » in Kategorien: Ausland,Deutschland,Sport,Wirtschaft » 1,298 x gelesen » 1 x kommentiert
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  1. Sehr guter Artikel, Rainer. Max Weber hat es mit seinem “Lebenschancen”-Konzept als erster zu Papier gebracht, dass sozio-ökonomische Verhältnisse des Individuums entscheidend für das Verhalten sind. Es waren eben die Perspektiven in der Nachkriegszeit, die zum Wohl der Gesamtheit geführt haben.

    Auf der anderen Seite muss man aber mit den marxistisch inspirierten Konzepten auch sehr vorsichtig sein. Sie bieten immer die Gelegenheit das Versagen des Einzelnen auf die Allgemeinheit abzulenken. Die Entscheidung jemand anderes zu verletzen oder nicht, trifft immer noch das Individuum selbst. Und Gewalt ist nie und nimmer eine Antwort auf eigene Probleme.

    Max Weber war ja selbst kein Marxist. Im Gegenteil, er war ein Liberaler erster Güte. Aber die Partei, die sich den Liberalismus im Jahre 2010 auf die Fahnen schreibt, ist keine liberale Partei mehr. Sie trifft gerade sehr verhängnisvolle Fehlentscheidungen im Bereich der Sozialpolitik. Heizen nur für Reiche…

    [Antwort]

     
    Kommentar von Cymru am 10.06.10 um 22:13

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