Die BILD kriecht keine Drachme!

Griechen hassen BILD

athen_inflammen.jpgFür diesen Beitrag musste ich mir eine Woche Zeit nehmen, um keine strafrechtlichen Folgen zu riskieren. Denn am 05.03. stieß ich auf den Online-Seiten des Scheißblattes auf einen “Offenen Brief” an den griechischen Ministerpräsidenten, der unter der Überschrift “Ihr griecht nix von uns!” veröffentlicht wurde. Die feigen Säue haben den Wortlaut aber nicht in Textform, sondern als Grafik ausgegeben. Deshalb muss ich später ein bisschen was abtippen. Hintergrund: Papandreou war zu Besuch bei Merkel & Konsorten, um für Unterstützung zu werben. Zwar hatte er zuvor ausdrücklich versichert, er wolle kein Geld, aber das focht die Schreibfinken des Grauens nicht an. Das bewusste Pamphlet hebt darauf ab, dass “die Griechen” an ihrer Krise selbst Schuld sind, weil sie faul und korrupt sind. Wäre ich Grieche, würde ich ab sofort täglich einen BILD-Verkaufskasten abfackeln!

In dem “Offenen Brief” heißt es u.a.:

[...] Sie sind in Deutschland. Hier arbeiten die Menschen, bis sie 67 Jahre alt sind. [...] Bei uns haben die Tankstellen Registrierkassen, die Taxifahrer schreiben Quittungen und die Bauern erschummeln sich keine EU-Subventionen mit Millionen von Olivenbäumen, die es gar nicht gibt.
Deutschland hat zwar auch hohe Schulden – aber wir können sie auch begleichen. Weil wir morgens ziemlich früh aufstehen und den ganzen Tag arbeiten. Weil wir von unserem Gehalt immer auch einen Teil für schlechte Zeiten sparen, Weil wir fitte Firmen haben, deren Produkte rund um den Globus gefragt sind. [...]“

Die miese Type, die das getextet hat, will ja eigentlich folgendes sagen:
- In Griechenland arbeiten die Menschen nicht, bis sie 67 Jahre alt sind (= Faulheit).
- In Griechenland bescheißen Tankstellen den Staat, Taxibenutzer ihre Chefs und Bauern die EU (= Betrug).
- Die Griechen stehen spät auf und arbeiten tagsüber eher unregelmäßig (= Faulheit).
- Die Griechen sparen nicht für schlechte Zeiten (= Sorglosigkeit, Dummheit).

Das ist übelster Chauvinismus, ja, fast schon Rassismus. Einer meiner besten Freunde ist Grieche und ich habe seit zig Jahren mit Griechen gearbeitet, kommuniziert und gefeiert. Als Rheinländer mit vergleichbarer Mentalität sind mir die meisten Griechen, die ich kennen gelernt habe, sehr nahe. Ich verstehe ihr Handeln, Denken und Fühlen ziemlich gut. Keiner der Griechen, den ich begegnet bin, war fauler als ich selbst oder der Durchschnittsdeutsche (der ja auch keinen Bock hat zu malochen, schon gar nicht bis 67…). Alle diese Menschen aus Griechenland haben Geld für schlechte Zeiten beiseite gelegt und jeder hat die extreme Korruption in seinem Heimatland beklagt.

Jetzt demonstrieren Tausende Griechen und protestieren gegen die Sparpläne der Regierung. Und das zu Recht! Denn nicht der Giorgos von der Ecke hat diesen Staat in die Pleite getrieben, sondern die skrupellosen Oligarchie-Schweine, die das Land schon seit Jahrzehnten ausbeuten. Die Milliarden verdienen, aber keinen Euro Steuern zahlen. Die Mitglieder ihrer Clans zu Dutzenden in staatliche Versorgungsstellen stecken, wo sie Geld verdienen, ohne arbeiten zu müssen. Nicht “der Grieche” ist korrupt, sonder das System, dessen Strukturen sich in den vergangenen 60 Jahren nicht geändert haben und von denen eine dünne Oberschicht profitiert. Wer nicht qua Familie verbeamtet ist, findet praktisch keinen Job, von dem eine Familie zu ernähren wäre. Deshalb ist fast jeder griechische Normalbürger nebenbei selbstständig und betreibt das eine oder andere Geschäft. Da der Staat die eingenommenen Steuergeld durchweg nicht zum Wohle der Steuerzahler einsetzt, versucht jeder Grieche, sich selbst abzusichern und lieber zu sparen als Steuern zu zahlen. Das geht nicht als Einzelkämpfer, sondern nur im Familienverbund.
Im Gegensatz zu Deutschland, wo der entfesselte Kapitalismus schon fast alle Bindungen aufgelöst und so die Funktion der Familie zerstört hat, stehen die Generationen in Griechenland zusammen. Ganz selbstverständlich werden Großeltern und Urgroßeltern versorgt und gepflegt. Natürlich unterstützt derjenige, der etwas hat, den Bruder, Neffen, Cousin, die Tochter, Nichte oder Cousine, die wenig hat. Da wird nicht gegen gerechnet, sondern geholfen. Während hierzulande alte Menschen in schlimmen Heimen verklappt werden, gilt die Oma mit ihren 85 Jahren auch dann noch als Familienoberhaupt, wenn sie kaum noch hören, sehen oder sprechen kann.

Das oligarichische System der wenigen Familien ist es, dass den Staat Griechenland dahin gebracht hat, wo er jetzt ist. Weshalb müssen denn für jeden Mist “Fakelaki” (Briefumschläge mit Geldscheinen) verteilt werden? Weil die Herrschenden und Besitzenden alle staatlichen und Sozialeinrichtungen demontiert haben, sodass Ärzte in öffentlichen Krankenhäusern z.B. ohne die Bestechungsgelder nicht leben könnten. Das gilt auch für Kindergärtnerinnen und Lehrer, ja, für alle Menschen, die im medizinischen oder sozialen Bereich arbeiten.

Und da geht das Mistblatt hin und hält dem griechischen Volk die Tugenden der Deutschen vor. Und das zu einer Zeit, in der die FDP mal eben Hotelbesitzer subventioniert, der Außenminister seinen Bruder und seinen Lebensgefährten versorgt und jeden Tag einen neuer Pfusch-am-Bau- oder Korruptionsskandal herauskommt. In einer Zeit, in der die Herrschenden und Besitzenden über die von ihnen am Gängelband geführten Parteien den Abbau des Sozialstaats betreiben – vielleicht damit auch in Deutschland eine Hüftoperation nur noch Abgabe eines Umschlags möglich wird. Da beklagen die Arschgeigen, dass in Griechenland Generalstöchter ohne Qualifikation Beamtinnen werden, wo es doch bekannt ist, dass die Parteien – so lange sie an der Macht sind – Versorgungsposten für ihre Mitglieder schaffen. Es ist zum Kotzen!

Aber der Schluss des offenen Briefes ist von geradezu wahnwitziger Arroganz und soll hier unkommentiert stehen:

Lieber Herr Ministerpräsident, Sie sind heute in dem Land, das mit seinen Zigtausend Touristen jede Menge Geld nach Griechenland trägt. Das Ihnen mit Otto Rehhagel sogar den Trainer Ihrer Fußball-Europameister geschickt hat.

[Siehe bitte auch diesen Beitrag eines Betroffenen auf "Print würgt".]


» Wutkommentar von Rainer Bartel am 12.03.10 um 13:52 » in Kategorien: Ausland » 1.301 x gelesen » 6 x kommentiert
»   

  1. Danke.

    Ich will nicht versäumen auf diesen guten Blog und diesen noch besseren Beitrag hinzuweisen:

    http://print-wuergt.de/2010/03/07/griechen/

    Gerolsteiner Antwort vom 12.03.10 14:04:

    [Siehe bitte auch diesen Beitrag eines Betroffenen auf "Print würgt".]

    Ui, da hab ich grade nicht ganz zu Ende gelesen…

     
    Kommentar von Gerolsteiner am 12.03.10 um 13:58
  2. Griechen hassen BILD | Rainer’sche Post…

    Für diesen Beitrag musste ich mir eine Woche Zeit nehmen, um keine strafrechtlichen Folgen zu riskieren. Denn am 05.03. stieß ich auf den Online-Seiten … von BILD ……

     
    Trackback von lieblnk.de am 12.03.10 um 17:32
  3. Danke auch von mir für diesen Beitrag.
    Musste leider gerade feststellen/lernen, dass “Völker” anscheinend nicht beleidigungsfähig sind…
    Ansonsten würden mir zu diesem unsäglichen “offenen Brief” des Gossenblattes die §185, 186 resp, 187 StGB einfallen…

     
    Kommentar von Tomcat am 13.03.10 um 00:17
  4. Ausgezeichneter Kommentar. Man kann jedem nur empfehlen den Film “Z” zu gucken, um die historische Last dieses Landes zu begreifen. Als wäre Demokratie etwas selbstverständliches? Es ist widerlich, wie sehr die Bild ihre Leser mit tumbem Rassismus verdummt. Aber vielleicht vergeht so manchem arroganten Schreibfink irgendwann auch noch mal das Lachen…

    Rainer Bartel Antwort vom 14.03.10 13:45:

    Danke für die Blumen! Und vor allem Danke für den Verweis auf den Film “Z” von Costa Gavras, den ich mir dieser Tage auf jeden Fall mal wieder ansehen werde.

     
    Kommentar von Cymru am 14.03.10 um 01:59

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