Wenn Trash-TV der US-Folter nahe kommt
Nachdem ich auf SpON eine wirklich harte Besprechung der neuen Pro7-Show “Solitary” las, dachte ich mir: “Och, die Zeit opferst du und guckst dir den Scheiß mal an”. Natürlich nur aus rein wissenschaftlicher Neugier. Was dann aber aus der Plasmascheibe gekrochen kam, war so übel, dass ich mich fragte, weshalb die GSG9 während der Dreharbeiten nicht eingegriffen und die Geiseln des ekligen Privatversenders befreit hat. Diese “Show” ist nichts weiter als ein US-Folterlager in bunter Kulisse mit C- und D-Promis. Der Claim zur Sendung lautet “Besieg dich selbst!” und ist angesichts des Konzepts an perfidem Zynismus kaum noch zu übertreffen. Ja, ja, sagen die Scheißliberalen jetzt, die Leute haben sich doch freiwillig gemeldet und machen doch ohne jeden Zwang mit. Schon richtig. Wenn aber eine “Sängerin” namens Liza Li (die leider aus Düsseldorf ist) da ihre eigene Doofheit ausstellt, dann tut sie das nur scheinbar als Ausdruck freien Willens. In Wahrheit ist sie ein Opfer der menschenfressenden Medienmaschine.
Die fungiert schon seit Chaka-du-schaffste-es-Tagen als Gehirnwaschmaschine. Gerade jungen Menschen soll vorgegaukelt werden, dass man reich werden kann, ohne fett zu erben oder kriminell zu werden. Dass man ein glückliches Leben als erfolgreicher SängerTänzerSchauspielerModel führen kann, WENN MAN SICH NUR DOLL GENUG ANSTRENGT! Das ist inzwischen eine so kleine Münze, dass nicht mehr nur die Insassen der bildungsfernen Unterschicht daran glauben, sondern auch der Spießer im Vorort. Also hat Liza Li sich ganz doll angestrengt, sich vielleicht sogar am immer noch tollen Song “Chartbreaker” der Massiven Töne orientiert, aber zu mehr als drei Singles und einem extrem erfolglosen Album hat es nicht gereicht. Was tun? Man biedert sich beim Raab an und macht irgendeiner seiner Idiotenshows mit. Oder landet bei Viva. Und schließlich im Dschungel oder bei Solitary – bevor man dann doch zurück muss in den Frisiersalon oder das Nagelstudio.
Die Insassen
Von ähnlichem Zuschnitt sind auch die anderen Loser in den Einzelzellen. Mich traf der Schlag, dort Martin Kesici zu sehen, den ich für einen wirklich grandiosen Rocksänger halte, bei dem aber seit fünf Jahren irgendwie nichts mehr geht. Wie verzeifelt muss der sein, sich auf diesen Müll einzulassen? Und er reflektiert das sogar vor laufender Kamera! Komm raus, möchte man ihm zurufen, such dir ne Band und geh tingeln! Die Menschen, die den Rock mögen, werden dir zujubeln, wenn du in Rockerkneipen und bei Bikertreffs auftrittst.
Dann ist da noch ein Playmate namens Doreen Seidel, wobei “Playmate” angegeben wird wie eine Berufsbezeichnung. Und ein ehemaliger Mister Germany, der Jura studiert. Kay Böger gäbe prima den jungen Mick Jagger, hat seine Karriere als Schauspieler aber durch eine Rolle als schwuler Arzt in “Verbotene Liebe” beschädigt. Funda ist Außenreporterin von Galileo. Murat Bosporus (Ja, ernsthaft, das ist sein “Künstlername”), ein quadratischer Türke, der ständig grunzt, er würde gewinnen, wirkt als Profi-Wrestler. Traurig macht auch die Anwesenheit von Magdalena Brzeska, die einst mit Hilfe der rhythmischen Spochtgümnastik die Männer wild machte, dann irgendwie eine Medienkarriere einschlagen wollte, über einen sehr merkwürdigen TV-Spot und ständiges Rumlungern bei TV-Shows nicht hinauskommt. Völlig aberwitzig war aber, dass die Solitary-ArschgeigenMacher keine Skrupel hatten, eine arme Socke namens Benny Kieckhäben einzuladen. Der ist “bekannt” als Kandidat bei “Deutschland sucht den Superstar”, wo er sich mit einer schwulen Frisur und schwerstem Mannheimer Dialekt der Lächerlichkeit preisgab. Den jungen Mann in die Folter zu schicken kann nur als Versuch verstanden werden, die homophoben Vorurteile der Pro/-Zielgruppe zu bedienen.
Die Folter
Reden wir nicht über das Spielprinzip. Tatsache ist, dass die Kandidaten in bunten, unmöblierten Einzelzellen (ca. 8 qm) eingesperrt sind. Ihr Kontakt zur Außenwelt ist eine Computerstimme, die ihnen Anweisungen erteilt. Diese Aufgaben fallen meiner Meinung nach unter den Begriff “Pschofolter”. Lustig ist das alles nicht und selbst das bekannte Fremdschämen – wie beim Promidinner oder anderen Formaten mit verzweifelten C- und D-Promis – will sich nicht einstellen. Nehmen wir ein Beispiel. Nachdem alle Kandidaten sich über ihre Müdigkeit geäußert hatten, wurden Nachtruhe versprochen. Man schon sogar Betten in die Zellen. Aber dann. Es hieß, man solle sich einen Zahlencode merken. Weil nämlich irgendwann ein Wecker schrillen würde, den man nur durch eingeben des Codes stoppen könnte. Als Wecker fungierte eine Endlosschleife aus dem David-Hasselhoff-Song “I’ve been looking for freedom”. Bei jedem Durchgang wurde der Code länger oder komplizierter. So wurden die Insassen über mehr als drei Stunde(!) am Schlaf gehindert. Schlafentzug gilt als Foltermethode und wurde in DDR genauso angewandt wie in Guantanamo. Beschallung mit Musik wurde im US-Lager ebenfalls zum Foltern der Gefangenen benutzt.
Das Schlimme ist, dass – zumindeste die erste Folge – quotentechnisch ziemlich erfolgreich war. 1,6 Millionen Bekloppte (mich eingeschlossen) sahen den Scheiß, was einem Marktanteil von 6,7% entsprach; der Anteil der werberelevaten Zielgruppe (also bei den Konsumidioten) lag sogar bei 14,3%. Weil nebenbei auch die völlig beschissene Show “Elton vs Simon” noch mehr Zuschauer brachte und auch das noch viel trashigere “League of Balls” Bescheuerte fand, die das toll fanden, schrieb das TV-konforme Portal Quotenmeter abschließend:
Die Freude wird dies jedoch kaum getrübt haben, denn die beiden heftog umworbenen Shows konnten beide absolut überzeugen.
Das Prinzip
Man kann das alles natürlich aus bürgerlicher Sicht als Verfall der TV-Sitten kritisieren oder als geistlosen Müll. In Wirklichkeit geht es um ein Problem des aktuellen Kapitalismusses. Denn warum versenden solche Institute wie Pro7 diesen Kack? Nein, nein, nicht weil sie dem Publikum bloß liefern, was es fordert. So argumentiert ja nur der Dealer, der dem Junkie Stoff liefert – nachdem er ihn angefixt hat. Pro7 hat als Teil der ProSiebenSat.1Media AG keinen Unterhaltungsauftrag und schon gar keinen Bildungsauftrag. Das Geschäftsmodell dieser Vereinigungen lautet: Möglichst viele Idioten vor die Glotze holen, Quote machen und so mehr Geld für Reklame erlösen. Geschmacksgrenzen gibt es da nicht, moralische Bedenken auch nicht – nur die Gesetze werden noch als Leitlinien gesehen, die man nolens-volens beachtet. Denn würde das Versenden von öffentlichen Hinrichtungen Quote bringen, sie würden es tun. Keine Frage.
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