Heute bei Anne Will: DOSB-Generaldirektor Michael Vesper windet sich. Er muss die Duckmäuserei des IOC und seines Vorturners Rogge verteidigen. Dabei sollte man nicht vergessen, dass dieser Michael Vesper einst ein grüner Politiker war. In grünen Kreisen gilt er als der Archetyp des Funktionärs. Das ist durchaus nicht wohlwollend gemeint, sondern soll ausdrücken, dass ein Vesper in jeder Partei hätte Karriere machen können. Meine einzige Begegnung mit diesem Funktionär, der jetzt ein gut dotiertes Plätzchen erobert hat, reicht in das Jahr 1979 zurück. Kaum jemand weiß heute noch, dass die von Joseph Beuys initiierte Freie International Universität (FIU) eine der grünen Keimzellen war. So fanden im Vorfeld der Gründung der Grünen in Nordrhein-Westfalen einige Treffen in einem Raum der Düsseldorfer Kunstakademie statt. An einer dieser Sitzung nahm auch ich teil. Anwesend waren neben Joseph Beuys und Michael Vesper seinerzeit führende grüne Persönlichkeiten wie Jürgen Binder und Martin Schata. Es gab eine hitzige Debatte, vermutlich um das damals umstrittene Thema Doppelmitgliedschaft. Ich kann mich nicht erinnern, was den Zorn des Künstlers auslöste, aber mir klingt ein Satz Joseph Beuys’ noch in den Ohren: “Vesper, du bist ein Arschloch.” Vorher und nachher habe ich Beuys nie wieder irgendjemanden ein Arschloch nennen hören.
Dieser Michael Vesper, der sich mit den notorischen NRW-Sozialdemokraten aufs Engste verbunden hat, ist nun also Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), der vor knapp zwei Jahren per Zwangsverbindung aus Deutschem Sportbund (DSB) und dem Nationalen Olympischen Komitee (NOK) entstanden ist. Präsident des DOSB ist übrigens der ehemalige Fechter Thomas Bach – auch er ein Prototyp des Funktionärs. Nun hat Vesper auf eigene Faust oder auf Geheiß seiner Vorgesetzten oder aber in vorauseilendem Gehorsam dem Olympia-Boykott eine Ansage erteilt. Mehr noch: Nachdem der Ehrenpräsident des DOSB, Manfred von Richthofen, genau diese Boykottabsage kritisiert hatte, warf ihm Vesper “schlechten Stil” vor. An diesem Konflikt lässt sich ablesen, in welchem Maße das Thema aufgeladen ist.
Dazu muss man die weltweite olympische Hierarchie verstehen. An der Spitze steht das Internationale Olympische Komitee (IOC), das laut Satzung als Hüter des olympischen Gedankens fungiert, in Wahrheit aber hauptsächlich für die Vergabe der Olympischen Spiele zuständig ist. Gleichzeitig ist das IOC aber auch Inhaber aller mit Olympia verbundenen Rechte. So hat das IOC rund um die Olympischen Spiele 2004 in Athen rund 2,5 Milliarden Euro eingenommen – der größte Teil stammt aus dem Verkauf der Fernsehrechte, den zweitgrößten Posten machen die Sponsorengelder aus. Mit diesen Einnahmen fördert das IOC nicht nur die nationalen Olympischen Komitees, sondern auch die verschiedenen internationalen Fachverbände. Die Verteilung der Gelder findet nach einem äußerst komplexen Schlüssel statt, dessen Funktion möglicherweise auch ist, zu verschleiern, wie viel beim IOC selbst landet und von den Mitglieder in ihren extrem luxuriösen Funktionärsstil investiert wird. Das ist der wahre Zweck des IOC: Möglichst hohe Erlöse zu erzielen.
Ein Olympiaboykott wäre aus dieser Sicht natürlich eine Katastrophe. Man stelle sich vor, die USA und die meisten europäischen Staaten würden auf die Teilnahme verzichten. Das Interesse der Bevölkerung würde sinken, und die Unternehmen, die Geld für Rechte ausgegeben haben, würden Rückforderungen stellen oder Zahlungen zurückhalten. Für das IOC kommt ein Boykott allein schon aus diesem Grund nicht in Frage. Figuren wie Vesper aber schwafeln unausgesetzt von der olypmpischen Idee, von Jugend und friedlichen Begegnungen.
Das es darum nicht geht, ist ja nicht erst seit der Vergabe der Spiele an Peking bekannt. Im Gegenteil: Geht man die lange Geschichte der olympischen Spiele durch, dann gibt es kaum ein Sportfest darunter, dass tatsächlich frei von kommerziellen und politischen Zwängen verlaufen ist. Am ehesten noch kann man die Olympischen Spiele von Helsinki (1952), Melbourne (1956), Rom (1960) und Tokio (1964) als Veranstaltungen im olympischen Geist verstehen. Spätestens mit der Vergabe an die Coca-Cola-Metropole Atlanta (1996) hatte der Kapitalismus auch Olympia übernommen. Gegen einen Boykott sprechen also auch die Interessen der Sponsoren.
Aber auch die Unternehmen, die vom Handel mit Rotchina profitieren, fürchten die Nichtteilnahme ihrer Standortländer wie der Funktionär die ehrliche Arbeit. Diese Furcht führt zu seltsamen Formen der Selbstzensur. Das zeigt sich zum Beispiel im Düsseldorf unter dem OB Joachim Erwin. Bisher wurde am jeweils am 30. März die Flagge Tibets vor dem Rathaus aufgezogen, um an den vom chinesischen Militär blutig niedergeschlagenen Aufstand der Tibeter im Jahr 1959 zu erinnern. Oberbürgermeister Erwin ordnete an, dass diese Jahr – zum ersten Mal seit 1998 – auf dieses Ritual verzichtet wurde. Dazu muss man wissen, dass dieses Stadoberhaupt seit Jahren mit wechselndem Erfolg um die Ansiedlung chinesischer Unternehmen kämpft. Ein Bekenntnis zu den Rechten der Tibeter könnte da hinderlich sein.
Natürlich ist es eine berechtigte Frage, ob ein Olympiaboykott helfen würde, für mehr Menschenrechte in China zu sorgen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass kein Olympiaboykott substanzielle Veränderungen bewirkt haben. Gerade für die Spiele in Peking 2008 stünde das nicht zu erwarten, denn die chinesische Bevölkerung würde derlei Maßnahmen nicht ansatzweise verstehen. Nur eine verschwindend kleine Minderheit der Chinesen ist soweit informiert, dass sie Tibet nicht als legitime Provinz Chinas sehen könnte – 50 Jahre intensive Propaganda haben flächendeckend gewirkt.
Bleibt der Protest vor Ort. Der kann real nur von teilnehmenden Sportler ausgedrückt werden – durch Armbänder und T-Shirts, durch Gesten bei Siegerehrungen oder durch Aussagen bei Interviews. Jedoch, dies alles ist den Sportlern letztlich verboten. Dass die Athleten unpolitisch zu sein haben, ist Bestandteil der Richtlinien des IOC. Wer sich äußert, riskiert den Ausschluss. Wobei sich die Frage stellt, welche Aktion eines Sportlers derartige Zwangsmaßnahmen tatsächlich auslösen würde. Eines ist sicher: Die Kleidung ist als Fläche für Protestaussagen tabu. Dies allerdings nicht aus olympischen Gründen, sondern – wie Vesper eben bei Anne Will – sagte, weil es dann Ärger mit den Ausrüsterfirmen gäbe, die ja etliche Millionen für das Recht ausgegeben haben, die Aktiven zu bekleiden.
Und da schließt sich der Kreis: Die olympischen Spiele waren und sind politisch; schließlich war die Idee des Barons de Coubertin eine politische. Da aber Olympia heutzutage ein Produkt ist, dass global und in gigantischem Ausmaße vermarktet wird, sind die Spiele jetzt durch und durch kommerzialisiert. Entsprechend – und dafür steht ein Vesper – ist es die vornehmste Aufgabe der Funktionäre, das Investment der Sponsoren und Medienunternehmen zu schützen. Dass sie dies rundheraus leugnen, macht sie zu Heuchlern.
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Salve
Ob Du es willst oder nicht, gegen die Spiele 2008 in Peking werden wir nichts mehr machen können. Aber wenn wir zusammenstehen und die Sponsoren der olympischen Sommerspiele 2008 boykottieren, dann wird etwas geschehen. Nicht heute oder morgen. Aber vielleicht übermorgen.
Wenn dann noch die verlogenen Fernsehanstalten die eigene Linie durchziehen wie bei der Berichterstattung der TdF, dann wird im öffentlich rechtlichen auch kein Bericht über die Olympiade kommen. Bei allen anderen Sendern schauen wir weg und vermiesen die Einschaltqouten. Wer meint, mit der Olympiade in Peking Geld verdienen zu können sollte sich warm anziehen.
Christian
[Antwort]
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[...] der Aussagen des DOSB-Generalsekretärs und Olympia-Heuchlers Michael Vesper zum Thema “Internet-Zensur” fragt man sich: Ist der Mann eigentlich noch [...]