Wie Israel wirklich vorgeht

Recht auf Selbstverteidigung

qassam_sderot.jpgDass sich in diesen Stunden die Lage für die Menschen in Gaza ständig aufs Schlimmste verschlechtert, ist nicht nur der großflächigen Geiselnahme der Bevölkerung durch die Hamas geschuldet, sondern den unangemessenen Militäraktionen des Staates Israel. Die Geschichte der aktuellen Krise ist schnell erzählt: Nachdem die durchgeknallten Islamisten der Hamas durch Mord und Totschlag die Fatah-Administration in Gaza im Sommer 2007 die Macht übernommen hatten, begann der Terror gegen den Süden Israels mit dem ständigen Abfeuern der berüchtigten Qassam-Raketen. Die israelische Armee beantworte diesen Terror mit ständigen militärischen Nadelstichen. Im Juni 2008 einigten sich beide Seiten auf einen mindestens sechs-monatigen Waffenstillstand. Bereits im Oktober nahm der Beschuss Israels mit Qassams wieder zu, was das israelische Militär mit dem Abriegeln des gesamten Gaza-Gebiets am 05.11.08 beantwortete. Diese Aktion wurde von der Hamas-Propaganda zur “Invasion” umgedeutet. Seitdem werfen sich beide Seiten den Bruch des Waffenstillstands vor und verfielen in wochenlange Drohgebärden.

Die israelische Propagandamaschinerie entwickelte seit dem Herbst eine Kampagne, die der Weltöffentlichkeit einbläuen sollte, militärische Aktionen gegen die Hamas seinen nichts anderes als ein Akt der Selbstverteidigung. Es lohnt sich, diesen Begriff und seinen Hintergrund zu beleuchten. Wenn ein Staat überhaupt eine wesentliche Aufgabe hat, dann die, Leib und Leben seiner Bürger zu schützen. Dazu haben fast alle Staaten der Erde Maßnahmen zur Verteidigung seiner Bürger gegen Angriffe von außen aufgebaut – meist in Form von Streitkräften. Israel besitzt eine der modernsten Armeen weltweit, deren Aktionen von einem der modernsten und fähigsten Geheimdiensten unterstützt wird. Die Tzahal (englisch: IDF = Israeli Defense Forces, eine Abkürzung, die u.a. CNN verwendet…) hatten im Jahr 2005 einen Gesamtetat von rund 9,4 Milliarden USD und damit das pro Kopf berechnet größte Militärbudget der Welt. Von den rund 7,5 Millionen Einwohnern sind etwa 170.000 aktiv in der Armee, die Zahl der Reservisten liegt bei um die 400.000. Bei vollständiger Mobilisierung sind also gut 8 Prozent der Bevölkerung unter Waffen. Angesichts dieser Dimensionen und der allgemeinen Mystifizierung der Tzahal neigt der Staat Israel seit den Tagen des Sechstagekriegs 1967 generell zur militärischen Konfliktlösung. Das bedeutet auch, dass der Staat Israel die Aufgabe, seine Bürger zu schützen, vor allem durch den Einsatz der Armee wahrnimmt. Nun zeichnen sich die IDF im Weltvergleich eher durch flache Hierarchien und eine hohe strategische Flexibilität aus, sind aber eben auch nur Streitkräfte. Deshalb hat die Armee immer schon Schwierigkeiten gegen guerillamäßig operierende Feinde.

Das aktuelle Muster, aus dem der Krieg gegen Gaza entstanden ist, gleicht der Situation im Südlibanon im Jahr 2006. Kleine, bewegliche Einheiten der radikalislamistischen Antisemiten beschießen Siedlungen in Israel mit den primitiven Qassam-Raketen. Diese Geschosse gibt es in unterschiedlicher Größe mit unterschiedlichen Mengen an Sprengstoff bestückt. Die kleinsten und leichtesten wiegen kaum 10 Kilo, die größten transportieren 10 Kilo TNT und wiegen insgesamt um die 40 Kilo. Diese Maße bedeuten, dass selbst ein einzelner Terrorist sich so ein Ding samt Abschussrohr schnappen und sich einen geschützten Abschutzort suchen kann, von wo aus er dann eine Ortschaft beschießt. Für die größeren Qassams, die mittlerweile Reichweiten von fast 50 Kilometern erreichen, braucht man schon mindestens einen Jeep und zwei Schützen. Diese Geschosse sind so primitiv, dass sie über keinerlei Ziel- und Lenkvorrichtung verfügen; der Schütze muss also das Ziel optisch oder per Karte und Kompass anvisieren. Zudem explodieren lange nicht alle Qassams, die irgendwo einschlagen. Beide Nachteile hat schon die Hisbollah dadurch kompensiert, dass sie ungeheure Mengen dieser Raketen gefeuert hat. Die Trefferquote war gering, die Zahl der Blindgänger groß. Das gilt auch für die Qassams, die Hamas aus Gaza auf Sderot, Ashkelon und sogar Beersheba feuert. Seit einigen Monaten setzt die Hamas aber auch Grad-Granaten ein; dabei handelt es sich um Mörsergeschosse sowjetischer Herstellung, die aus Batterien abgefeuert werden, die auf Fahrzeugen (Pickups reichen…) angebracht sind. Im Jahr 2008 sind nach Angaben der israelischen Regierung rund 3.200 Geschosse aus Gaza auf den Süden gefeuert worden. Bis einschließlich Mai 2008 wurden fünfzehn Israelis durch diese Raketen und Granaten getötet. Seitdem dürfte die Zahl der Todesopfer um weitere zehn bis fünfzehn gestiegen sein.

Um die Bewohner der gefährdeten Regionen vor diesem Terror durch Qassam-Raketen und Grad-Granaten zu schützen, hat Israel zu Weihnachten 2008 einen extremen Militärschlag auf die Hamas angesetzt. Eine Woche lang bombardierten Tzalah-Jets und -Hubschrauber das Gebiet flächendeckend, unterstützt durch schweres Geschützfeuer der vor der Gaza-Küste versammelten Flotte und Raketen, die von israelischem Gebiet aus abgefeuert wurden. Dabei kamen nach palästinensischen Angaben mehr als 400 Menschen zu Tode, darunter vermutlich rund 100 Kinder. Gleichzeitig legten die IDF systematisch die zivile Infrastruktur weitgehend in Schutt und Asche. Dies betrifft: das einzige Kraftwerk der Region, die Mehrzahl der Treibstofflager (auch die für das lebenswichtige Gas zum Kochen!), Durchgangsstraßen, Telekommunikationseinrichtungen (bis auf eine sind alle Mobilfunkstationen tot), aber auch Krankenhäuser, Schulen bzw. Hochschulen und Moscheen.
Dies ist umso tragischer als diese Infrastruktur bereits seit der Machtübernahme der Hamas schwer unter der völligen Unfähigkeit der Hamas-Administration gelitten hatte. So sind die schlimmen Mängel der Versorgung mit Mehl und damit auch Brot zum Teil auf dem Mist der Hamas gewachsen, die aus religiös-politischen Gründen zwei Mühlen im Süden des Gebiets vorübergehend hatten schließen lassen, weil deren Betreiber sich gegen sie gestellt hatte. Die völlige Abriegelung der Gaza-Region durch die Israelis seit November hat die Lage schon vor dem Anrgiff extrem verschlimmert. Inzwischen gibt es kein Kochgas mehr, und der Sack Mehl – wenn denn überhaupt einer zu haben ist – wird mit 50 USD (statt normalerweise um die 5 USD) gehandelt.

Das bedeutet: Der Staat Israel nimmt sein Recht auf Selbstverteidigung dadurch wahr, dass er die rund 1,5 Millionen Bewohner des Gaza-Streifens, von denen mindestens die Hälfte Flüchtlinge sind, verhungern lässt. Das Kalkül der Verantwortlichen ist so perfide wie menschenverachtend: Wenn es der Bevölkerung nur schlecht genug geht, werden sie gegen die Hamas revoltieren. So setzt der Staat Israel die Historie des Moral Bombing mit anderen Mitteln fort. Die große Dummheit dieser ekelhaften Strategie besteht darin, dass sie das genaue Gegenteil bewirkt – die Stärkung der radikal-islamistischen, antizionistischen, antisemitischen und antidemokratischen Kräfte in Palästina und dem Rest der Welt.

[Wichtiger Beitrag zum Thema in der taz vom israelischen Friedensaktivisten Uri Avnery]


» Bericht von Rainer Bartel am 05.01.09 um 11:58 » in Kategorien: Ausland » 1,100 x gelesen » noch kein Kommentar
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