Wenn Hunde rennen wie der Wind

windhund_rennen.jpgHierzulande sind Windhundrennen normalerweise kein Thema. Da heute aber in London im legendären Walthamstow Dog Stadium das letzte Rennen stattfindet, befassen sich gleich zwei Beiträge (Stern.de und FOCUS online) mit dem Profisport der Greyhounds. Als Halter einer wunderbaren und schnellen Galgo-Inglés-Hündin (Das sind spanische Windhunde, die zwecks Verschnellerung mit Greyhounds gekreuzt wurden) kann ich das Vergnügen verstehen, eine Meute rasender Köter zu verfolgen, gut nachvollziehen. Aber darum geht es im Greyhound-Racing-Business überhaupt nicht.

Denn die Jagd der Tölen nach dem mechanischen Hasen ist nur ein Vorwand für ausgedehntes Zocken. Das Wetten auf Windhundrennen ist übrigens in Deutschland – unter anderem wegen tierschutzrechtlicher Bedenken – verboten. Die Zahl der Greyhound-Rennbahnen in USA, Irland und Großbritannien ist bekannt – wie viele solcher mehr oder weniger legalen Bahnen es dagegen im asiatischen Raum gibt, ist unbekannt. Auf dem europäischen Kontinent gibt es keine Profibahnen mit Wettbetrieb; die letzte Bahn in Barcelona wurde vor rund fünf Jahren geschlossen.
Entstanden sind Windhundrennen zum Zwecke des Wettens im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts in England. Seitdem gilt der Greyhound als das Rennpferd des kleinen Mannes. Tatsächlich ließen anfangs und bis etwa 1920 Malocher ihre selbst gezüchteten Windhunde nach festen Regeln gegeneinander antreten. Seit mehr als 80 Jahren ist aber auch die Herstellung und der Betrieb von Greyhounds ein eigenes Geschäft mit sehr harten Regeln. Im Alter von zwölf Monaten darf so ein Tier – zu mehr als 80 Prozent handelt es sich um Rüden – zum ersten Mal auf die Bahn. Bereits nach der Entwöhnung von der Mutter kennt so ein Renntier nichts anderes als Einzelhaft im Zwinger und Training. Da die hochgezüchteten Viecher zur Aggression gegen Artgenossen neigen, tragen sie außer bei der Fütterung durchgehend Maulkörbe. Erweist sich ein Köter als Loser, wird er nach maximal zwanzig Rennen ausgemustert und … in der Regel getötet. Die Karriere eines erfolgreichen Greyhounds dauert maximal zweieinhalb Jahre. Meist endet die Laufbahn mit abgeschlossenem zweiten Lebensjahr. Erreicht die Töle den vierten Geburtstag, darf sie nicht mehr starten, wird ausgemustert und … in der Regel getötet.

Professionelle Windhundkiller
Traurige Berühmtheit erlangte vor etwa zwei Jahren ein Mann namens David Smith, der zugab, innerhalb von 15 Jahren mehr als 10.000 Windhunde, die nicht oder nicht mehr für Rennen taugten, gekillt zu haben. Sein Bekenntnis löste einen ziemlichen Skandal in Großbritannien aus, obwohl sich nicht nur Tierschützer dort schon lange gefragt hatten, wo eigentlich die rund 12.000 Greyhounds pro Jahr abgeblieben waren, die in den Statistiken offiziell als vermisst galten. Der Skandal erwies sich als heuchlerisch. Die Windhundrennindustrie im Vereinigten Königreich setzt nämlich Jahr für Jahr über 2,5 Milliarden Pfund im Wettgeschäft um. Bei um die einhundert Bahnen, die in Betrieb sind, hängen zwischen 5.000 und 20.000 Arbeitsplätze von den Greyhounds ab; von den Beschäftigten im Zocker-Business mal ganz abgesehen.
Dass die wundervollen Hunde massenweise gekillt werden, ist die Folge der Industralisierung des Sports. Allein in England finden pro Jahr über alle Bahnen gerechnet etwa 2.000 Renntage statt. Ein solcher Renntag, der teilweise von morgens um acht bis nachts um zwölf dauert, umfasst zwischen zwanzig und einhundert Rennen mit je sechs oder acht Teilnehmern. Das lässt darauf schließen, dass ständig zwischen 100.000 und 200.000 Greyhounds allein in UK im Renneinsatz sind. Wenn jährlich auch nur ein Viertel davon in Zwangsrente geht, dann kann man sich das – euphemistisch ausgedrückt – Entsorgungsproblem ausmalen.

Nein, es ist schlechterdings unvorstellbar, allen Pensionären einen schönen Lebensabend zu bieten, ein Projekt, dass Greyhoundfreunde seit 1975 unter dem Namen “Retired Greyhounds” betreiben. Immerhin hat die Organisation in all den Jahren Adoptivhalter für mehr als 40.000 Windhunde gefunden. Einer von ihnen hält auf einem ehemaligen Bauernhof gleichzeitig bis zu 40 Tiere, die er sanft vom Dasein als Zwingerhund zum schmusigen Hausgenossen umerzieht und dann weitergibt.

Rennen tut gut
Naive und/oder hysterische Tierschützer regen sich in entsprechenden Foren gern darüber auf, dass die Greyhounds bis zur Erschöpfung rennen. Dabei ist dieses extensive Jagen für einen Windhund das größte Vergnügen und maßgeblicher Bestandteil artgerechten Lebens. Tatsächlich könnten Profi-Greyhounds sehr glückliche Tiere sein, die das Privileg haben, ihre Leidenschaft täglich auszuleben, wäre da nicht die schrecklichen Lebensbedngungen. Zwar werden die Anlagen der Züchter und Betreiber seit etlichen Jahren veterinärmedizinisch bestens überwacht, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass gerade für Windhunde die Isolation von Rassegenossen, also das Leben ohne Rudel, nackter Psychoterror ist. Denn die meisten Windhundrassen zeichnen sich durch ein intensives Sozialverhalten aus. Ja, der Windhund braucht die körperliche Nähe seiner Rudelkollegen. Das bekommt er als Rennhund nicht.

Insgesamt gesehen kann der Greyhound auch im Vergleich zum Rennpferd nur als armes Schwein betrachtet werden. Denn er wird noch nicht einmal mit Ruhm oder Ehre belohnt. Selbst die erfolgreichsten Rennhunde bleiben mehr oder weniger namenlos – die Popularität heimst bestenfalls der Greyhound-Fabrikant ein.

Wenn es wegen der Seuchengefahr und der Quarantäne nicht fast unmöglich wäre, einen Hund, der in Großbritannien lebt, nach Deutschland zu bekommen, dann könnte man jedem Hundefreund, der nach einem neuen oder weiteren Fellträger sucht, empfehlen, einen Rennpensionär zu adoptieren. Denn Windhunde sind die angenehmsten Haus- und Freizeitgenossen, die man sich vorstellen kann.


» Bericht von Rainer Bartel am 16.08.08 um 12:08 » in Kategorien: Ausland,Wirtschaft » 5,662 x gelesen » 1 x kommentiert
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  1. [...] Siehe auch: Wenn Hunde rennen wie der Wind [...]

     

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