USA kaputt, Europa krank - der Westen hat abgewirtschaftet und wird zugrunde gehen
Samuel Huntington nannte sein bahnbrechendes Werk aus dem Jahr 1996 “The Clash of Civilizations” (auf deutsch irreführend “Kampf der Kulturen“) und postulierte darin ein extrem pessimistisches Zukunftsbild. Nicht ideologische oder wirtschaftliche Gegensätze würden die Weltpolitik bestimmten, sondern das Aufeinanderprallen gegensätzlicher Zivilisationen. Aufgenommen wurden Teilthesen vor allem von den so genannten “Neuen Atheisten”, die jegliche Religion zur Ursache gewalttätiger Konflikte erklären und deshalb für einen noch drastischeren “War on Terror” plädieren. Insgesamt aber soll Huntingtons Buch den Politiker des Westens als Basis für die Entwicklung neuer Strategien dienen – vor allem den USA, deren weltpolitische Bedeutung er schwinden sah. Sein eigentlicher Gegenspieler ist der amerikanische Politiologe Francis Fukuyama, der den Begriff vom “Ende der Geschichte” geprägt hat und die einzige Überlebenschance von Gesellschaften im Informationszeitalter darin sieht, neue Normen und Werte zu setzen und durchzusetzen. Gemeinsam ist aber beiden die starke Fixierung auf das Wohl und Wehe der Vereinigten Staaten. In diesen Wochen und Monaten stellen wir nun fest, dass die USA eine durch und durch kaputte und kranke Zivilisation sind, die dabei ist sich selbst zu zerstören. Und weil das Gros der westlichen Staaten immer noch am Gängelband des US-Kulturimperialismusses hängt, werden die USA die gesamte westliche Welt in den Abgrund reißen.
Na und? sagt dazu die indische Schriftstellerin Arundhati Roy (“Der Gott der kleinen Dinge“) in einem sensationellen Interview mit der ZEIT. Zwar erkennt sie gewisse westliche Werte an, erwartet aber in nächster Zukunft den Krieg der Eliten gegen die Armen. Um ihren Wohlstand zu halten und ihre Macht zu stärken, werden die Reichen rund um den Globus sämtliche noch verbliebenen humanitären Werte über Bord werfen und noch mehr Menschen noch schlimmere Lebensumstände zu bereiten.
Kapitalismus macht krank
Auf dem Hintergrund dieser drei Positionen lohnt sich, den Zustand der westlichen Zivilisation im Zeitalter des entgrenzten Konsumismusses und entfesselten Kapitalismusses zu betrachten. Die Diagnose lautet: Krank! Eine Zivilisationskrankheit ist zunächst nur eine Krankheit, die in den reichen Industrieländern signifikant häufiger auftritt als in den armen Ländern. Nicht die Zugehörigkeit zu einem “entwickelten” Kulturkreis ist aber die jeweilige Ursache für eine solche Zivilisationskrankheit, sondern in diesen Kulturen weit verbreitete Lebensstile, Verhaltensweisen und Umweltfaktoren.
In den westlichen Ländern herrscht ein Lebensstil vor, der von irrationalem Konsum, Verschwendung und Fatalismus geprägt ist. Individuelle Verhaltensweisen sind gekennzeichnet durch Übermaß, Disziplinlosigkeit und Egoismus. Durch den völlig entgrenzten Konsum auf Basis fossiler Energieträger ist die Einflussnahme negativer Umweltfaktoren auf die Menschen drastisch angewachsen.
Wie konnte das geschehen? Nein, nicht irgendwelche herbeigefaselten “menschlichen Grundeigenschaften” sind dafür verantwortlich, sondern ein Wirtschaftssystem, dass nur mit ständigem Wachstum funktioniert. Der Kapitalismus erzwingt galoppierenden Verbrauch von Ressourcen, denn das eingesetzte Kapital will verzinst sein, und das globale Zinsvolumen kann nur durch wachsende Renditen erhalten und gesteigert werden. Da die alten Industrien durch Naturgesetze in ihrem Wachstum begrenzt sind, hat der Kapitalismus nach dem Ende des zweiten Weltkriegs auf den Konsumismus gesetzt. Das bedeutet, dass der individuelle Konsum der Insassen des Systems der einzige Wachstumsmotor geworden ist. Die Alternative wären regelmäßige Zerstörungskriege in den industrialisierten Ländern gewesen…
Der Mensch als Konsument war aber bis weit in die Sechziger geleitet von eher vernünftigen Werten: Maßhalten, Bescheidenheit, keine Schulden machen etc. Das erste Ziel der Konsumismuspropaganda jener Zeit war es daher, den Individuen ein Recht auf unbeschränkten Konsum einzureden. Diese sich durch alle Länder der westlichen Welt hinziehende und in den ehemals sozialistischen Osten hinüberlappende Gehirnwäsche war ein voller Erfolg – auch weil er von einem Zeitgeist aus Elementen wie Freiheit und Genuss beflügelt wurde.
Aber auch das so ermöglichte Wachstum stieß an Grenzen, denn die Menschen konnten kaum mehr konsumieren. Einerseits war die Kürze der Verbrauchszyklen begrenzt, andererseits das Kreditvolumen für Konsumenten. Beides musste entgrenzt werden, und die Spirale drehte sich mit wachsender Propagandahärte (hierzulande vor allem vorangetrieben vom Privatfernsehen). Es wurde für die Menschen immer leicht, Geld zu borgen. Die Menge an aufgenommenen Krediten war nicht mehr durch die Arbeitskraft und Lebenszeit begrenzt: jedermann konnte sich heillos verschulden.
Und seit rund zehn, fünfzehn Jahren reicht es dem kapitalistischen System nicht mehr, den Menschen ständig Zeug zu verkaufen, dass sie weder brauchen, noch sich leisten können, sondern sie bewusst mit Dingen zu füttern, die diese gehirngewaschenen Konsumenten vergiften, krank machen.
Alles ist vergiftet
Bei einem großen Gesundheitscheck ergab sich bei mir ein ziemlich erhöhter Blutzuckerspiegel, also Verdacht auf Diabetes mellitus Typ 2. Dabei handelt es sich um eine der am weitesten verbreiteten Zivilisationskrankheiten überhaupt, die fast zu 100 Prozent durch einen ungesunden Lebensstil und unvernünftige Verhaltensweisen ausgelöst wird. Zum Glück stellte sich einige Wochen später bei einer Gegenprobe heraus, dass der stark erhöhte Wert wohl eher durch Mahlzeiten unmittelbar am Vortag der Blutentnahme ausgelöst wurde. Gleichwohl klärte mich mein Arzt darüber auf, dass mein schon seit Jahrzehnten bestehendes Übergewicht der Risikofaktor schlechthin sei und machte mich auf die Insulintrennkost nach Dr. Pape aufmerksam. Dass daraus eine Diät namens “Schlank im Schlaf” erzeugt und zig Bücher drumherum auf den Markt geworfen wurden, ist der unangenehme Nebeneffekt. Was mich aber nach der Lektüre verschiedener Texte faszinierte war die Herleitung dieser Ernährungsempfehlung.
Dr. Pape geht davon aus, dass die grundsätzlichen Stoffwechselprozesse des Menschen sich seit dem Neolithikum kaum verändert haben, dass also die Körper der Individuen der Jetztzeit fast genauso auf die Nahrungszufuhr reagieren wie die unserer Urahnen. Nun lebten die bekanntlich nicht in Saus und Braus, sondern vorwiegend im Mangel. Der Stoffwechsel war und ist deshalb darauf geeicht, überschüssige Energie aus dem Essen für schlechte Zeiten zu lagern, Fettreserven anzulegen. Ob die Energie aus der Nahrung nun als Brennstoff in die Körperzellen gepumpt oder aber in Fettzellen gespeichert wird, steuert das Insulin. Es handelt sich dabei um einen komplexen Regelkreis, an dem diverse Drüsen und Hormone beteiligt sind. Für das Individuum spürbar sind lediglich Hunger und Sättigungsgefühl. Wenn als jemand sagt: “Ich hab Hunger”, dann bedeutet das nur, dass der Stoffwechsel das Hirn zur Nahrunsgaufnahme auffordert. Bei einer ausgewogenen, nicht zu energiereichen Nahrung führt dieser Kreisel zu einem gut versorgten Körper ohne unnötige Fettdepots.
Es ist leicht, den Kreislauf völlig aus dem Tritt zu bringen. Durch ständige Nahrungsaufnahme, vor allem in Form von Kohlehydraten, stellt sich das Sättigungsgefühl nur jeweils sehr kurz ein. Kaum hat der Körper seine KH-Portion erhalten, verlangt er die nächste. Die überschüssige Energie wird in Fett angelegt.
Dieses künstliche hochfrequente Hungergefühl (“Wenn der kleine Hunger kommt”) war für die Nahrungsmittelindustrie der Schlüssel zum Mehrkonsum. Je mehr Kohlehydrate – meist in Form verschiedener Zuckersorten – man den Menschen füttert, desto mehr essen sie. Als desto mehr Nahrungsmittel kaufen sie. So kam es seit Ende der siebziger Jahre, dass praktisch jeder Form von Fast und Convenience Food, selbst Mahlzeiten, die kein Mensch je süßen würde, mit großen Mengen an Zucker bestückt wurden. Das gilt zum Beispiel für den typisch amerikanischen Hamburger, der ja traditionell in einem süßen Brötchen serviert wird. Aber auch in Industriefrass aus der Dose oder dem TK-Pack, in das nie und nimmer Zucker gehört, pumpte man Kohlehydrate. Ja, die US-Regierung begann, den Anbau von Mais hoch zu subventionieren, was dazu führte, dass Millarden Tonnen an High Fructose Corn Syrup produziert und für kleines Geld an die Fressindustrie verkauft wurde.
Man kann HFCS durchaus als Suchtgift bezeichnen, denn durch den geschilderten Insulinkreislauf wirkt sich dieser (nicht wirklich süße) Sirup bzw. die aus ihm hergestellten Zusatzstoffe aus wie beispielsweise Alkohol, Kokain oder Heroin. Denn eine hohe Kohlehydratgabe, das ist nun erwiesen, lösen tatsächlich ein kurzzeitiges Glücksgefühl aus, einen Flash.
Dieses kriminelle Treiben der Nahrungskonzerne hat in den letzten rund 20 Jahren eine Pandemie biblischen Ausmaßes ausgelöst. Nach UN-Studien sind derzeit mehr als 1,5 Milliarden Menschen weltweit übergewichtig.
Hinzu kommt eine halbe Milliarde Fettleibige und gut 150 Millionen stark übergewichtiger Kinder. Adipositas ist aber eine Krankheit, die zwangsläufig schwere Folgekrankheiten nach sich zieht – nicht nur die erwähnte Diabetes, sondern allerlei Herz-/Kreislaufkrankheiten, Gicht, Arthritis und letztlich auch diverse psychatrische Krankheiten.
Tod durch Konsum
Zur Zeit erkranken jährlich rund 13 Millionen Menschen weltweit an Krebs. In Kürze werden es 20, 30 Millionen sein. Die häufigste Krebsart ist der Lungenkrebs, und der wird fast immer durch Umwelteinflüsse (Luftverschmutzung) und Rauchen ausgelöst. Die Tabakindustrie zählte bis zu den Werbebeschränkungen seit den frühen Neunzigern zu den Branchen mit den höchsten Ausgaben für Reklame. Obwohl die Zusammenhänge zwischen dem Zigarettenrauchen und dem Lungenkrebs bereist seit rund 30 Jahren bekannt waren, weigerte sich diese Industrie lange Zeit, auf aggressive Propaganda zu verzichten. Die Regierungen der tabakproduzierenden und -verarbeitenden Ländern betrieben ihre Beschränkungen allerdings auch sehr zögerlich, zählten doch in vielen Staaten die Einnahmen aus der Tabaksteuer zu den wichtigsten Geldquellen.
Viel häufiger ist aber noch die großflächige Vergiftung der Atmosphäre mit Abgasen und Feinstäuben Ursache oder Auslöser für Krebserkrankungen. Man schätzt, dass allein die Emmissionen aus der Verbrennung fossiler Stoffe (Kohle, Öl, Gas) für die Hälfte der Krebstoten verantwortlich sind. Dass also weltweit nach wie vor benzinbetrieben Fahrzeuge nach Herzenslust gebaut, verkauft und betrieben werden können, kostet jährlich als etwa drei bis vier Millionen Menschen das Leben.
Und je mehr die Menschen der westlichen Welt lernen, wie der Zustand der Erde so kommen konnte, desto ängstlicher und verstörter werden sie. Fast 40 Prozent aller Europäer leiden an psychischen Störungen. Dazu zählen periodische oder dauerhafte Depressionen, Angststörungen und Schlaflosigkeit. Um nämlich den Menschen auf maximalen Konsum zuzurichten, mussten seine sozialen Bindungen zerstört werden, denn nur das sich unabhängig empfindende Indviduum (“Ich und mein Magnum”) ist fähig, Shopping als etwas Erfüllendes zu betrachten. Je weniger funktionierende, stabile Bindungen eine Person aber erfährt, desto mehr Angst wird er haben, denn der Mensch ist ein Rudeltier, das Sicherheit nur im Kreise seiner Lieben spürt.
Die Zukunft liegt in Afrika
Der Zustand der westlichen Welt widerlegt Huntignton und Fukuyama und gibt Roy Recht. Die US und ihre kulturellen Satelliten befinden sich im Zustand nach der Dekadenz, also da, wo Rom etwa im dritten Jahrhundert n.Chr. war. Das Reich wurde zunehmend instabil, verschiedene wirtschaftliche, gewaltpolitische und quasi-religiöse Tricks verfingen nicht mehr. Es kam zu Teilungen nach Kriegen, Absprung von Kolonien und extremsten kulturellen Veränderungen. Eine Rettung war nicht möglich.
Eine Rettung der westlichen Welt kapitalistischer Prägung erscheint ausgeschlossen, eine geschichtliche Phase schwerer innerer Konflikte, Armenaufstände, Gewaltherrschaften, religiöse Diktaturen, Pandemien und Massenselbstmorde scheint unausweichlich.
Und es wird sich zeigen, dass die Kulturen, die der Kapitalismus immer nur missbraucht und ausgebeutet hat, am Ende die humansten sein werden. Wenn der Kapitalismus zusammenbricht, wird Afrika vielleicht in die Lage geraten, seine Menschen ernähren zu können. Und wenn die Afrikaner die Werte ihrer Zivilisationen werden erhalten oder wiederbeleben können, dann könnte es sein, dass dieser Kontinent der Kontinent der glücklichen Menschen wird.
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