Stuttgart ist auch nicht besser
Als älterer Mensch mit immer noch nicht ganz stillgelegten belletristischen Ambitionen schaut man eher misstrauisch auf die jungen Erfolgsautor/innen. Denn es ist natürlich nur eine weitere Ausprägung des weltzerfetzenden Jugendwahns, Werke von Schreiber unter 30 hochzujubeln – so im Fall des fürchterlichen Daniel Kehlmanns. Ein Hochstapler und Schwätzer, der sich gerade gestern wieder in der neuesten Folge von “Durch die Nacht mit…” an der Seite des großen Haders in Wien blamierte. Leider gehen einem angesichts dieser Abneigung bisweilen auch Perlen durch. Und eine Perle ist sicher diese Anna Katharina Hahn. “Kürzere Tage” ist ihr dritter Roman. [weiterlesen...]
Vom Äffischen und Wölfischen im Menschen
Auf dieses Buch hatte ich mich schon gefreut, nachdem ich zum ersten Mal davon hörte. Ohne allzuviel über den Inhalt zu wissen, hatte ich die vage Hoffnung, es könne sich um einen philosophischen Versuch auf der Basis des Mensch-Tier-Verhältnisses handeln. Ich wurde nicht enttäuscht, obwohl der Autor einen ganze anderen Weg geht als vermutet und zu ganz unerwarteten Ergebnissen kommt. Worum geht’s? Der junge Philosophieprofessor Mark Rowlands, der an einer unbedeutenden Hochschule in Alabama, USA, lehrt, schafft sich aus einer Laune heraus eine Wolfswelpe an. Brenin, so tauft er den Rüden, wächst zu einem mächtigen Wolf heran und zwingt seinen Halter so dazu, seinen lockeren Lebenswandel zu ändern und sich fit zu halten, um dem Tier Herr zu werden. [weiterlesen...]
Frank Lloyd Wright, Architekt und Weiberheld
Es ist ein Kreuz mit diesem Thomas Coraghessan Boyle. Ich bin ihm schon seit seinen Debutromanen verfallen. Und nachdem ich ihn während der Frankfurter Buchmesse 1997 kennenlernte, sogar noch mehr, weil er einfach ein netter Kerl ist. Schreiben kann er wie die gesengte Sau, keine Frage, aber dieser Roman über den amerikanischen Architekturgott Frank Lloyd Wright ist ihm heftig danebengegangen. Und das gleich auf mehrfache Weise. Eigentlich gesellt sich “Die Frauen” zu den beiden anderen biografischen Büchern “Dr. Sex” über Alfred Kinsey und “Willkommen in Wellville” über John H. Kellog; letzteres ein Werk voll skurriler Komik, ersteres dagegen schon fast von tragischer Größe. Nun versucht er die Lebensgeschichte des überlebensgroßen Baugenies anhand dreier seiner vier Lebenspartnerinnen nachzuerzählen. Wieder schaltet er einen fiktiven Erzähler ein und wieder jongliert er mit der Chronologie. Nur dass es dieses Mal einfach nur stinklangweilig ist. [weiterlesen...]
Onkel Konrads Hundegeschichten
Es gibt Bücher, die prägen einen Menschen. Dieser schmale Band des österreichischen Verhaltensforschers Konrad Lorenz hat mein Denken geprägt. Entgegen aller Vorgaben der Lehrpläne hatte unser Mathe- und Biologielehrer Dr. Reinhold Feuerstein dafür gesorgt, dass wir im zarten Alter von um die zwölf Jahre mit diesem spannenden Thema konfrontiert wurden. Der nämliche Dr. Feuerstein hat übrigens auch die Basis dafür gelegt, dass ich von vornherein ökologisch gedacht habe – aber das ist ein anderes Thema. Konrad Lorenz war mit diesem und dem Buch “Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen” der Held meiner frühen Jugend. [weiterlesen...]
Mythen und Realitäten
Es passiert an dieser Stelle selten, dass ich ein Buch ganz uneingeschränkt empfehle. Aber bei “Der verbotene Ort” der französischen Schriuftstellerin mit dem Pseudonym Fred Vargas muss ich das tun, obwohl es sich bloß um einen Krimi handelt. Denn dieser Roman ist, gemessen in Krimi-Kategorien, von ungeheurer Qualität – ich würde sagen, wie ein Krimi von van de Wetering plus 10 Prozent. Zudem bewegt sich der Text auch als “normaler” Roman auf höchstem schreiberischem Niveau. Das wundert nicht weiter, denn Fred Vargas ist vielleicht die größte Krimi-Autorin der Jetztzeit. [weiterlesen...]
Kinder kriegen
Sam ist vierzehn, seine alleinerziehende Mutter knapp über dreißig. Wer so früh Kinder in die Welt setzt, braucht lange, um ein eigenes Leben bauen zu können – das weiß der Verfasser aus eigener Anschauung. Also hat Sam die diffuse Angst, zu früh Nachwuchs zu zeugen. Dann lernt er Alicia kennen, sie schlafen miteinander, und durch ein Versehen wird sie schwanger. Sam ist eigentlich ein kleiner Junge, dem das Skaten über alles geht und dem das Skateboard-Idol Tony Hawks den fehlenden Vater ersetzt. Soweit die Problematik, die sich in einem Beinahe-Happy-End auflöst. Hornby wagt es, die Geschichte aus der Perspektive Sams zu schildern und dessen Jugendsprache zu übernehmen. [weiterlesen...]
Was vor Hamlet geschah
Schon oft wurde John Updike als kommender Literatur-Nobel-Preisträger gehandelt. Und er hätte es verdient. Natürlich stehen die Romane der Rabbit-Reihe im Mittelpunkt seines Schaffens. Dazu die vielen Büchern, die sich um die amerikanische Mittelschicht drehen. Aber der Meister hat auch ganz andere Themen behandelt. Neben “Brasilien” eben auch “Gertrud und Claudius“. Es handelt sich um einen historischen Roman, der schildert, was im Staate Dänemark geschah, bevor die Handlung des Shakespeare-Dramas “Hamlet” einsetzt. [weiterlesen...]
Zähe Masse aus London
Auf dieses Buch hatte ich mich gefreut, denn die anderen Romane des Hanif Kureishi – den ich mag, seitdem sein Buch Grundlage des wunderbaren Films “Mein wunderbarer Waschsalon” war – habe ich allesamt mit Vergnügen gelesen. Nun hat er eine 500-Seiten-Schwarte abgeliefert, die in weiten Teilen zäh und uninspiriert dahinfließt. Hauptfigur ist ein Londoner Psychoanalytiker pakistanischer Herkunft, der mit allem, was sich hip und prominent nennt, vernetzt ist. Das führt zu erheblichem Name-Dropping und einer Atmosphäre wie in einer Promi-Show. [weiterlesen...]