Der literarische Suizid des John Irving
Verehrtes Publikum, wohnen sei bei dem literarischen Suizid des ehemals wunderbaren Schriftstellers John Irving, des Mannes, der uns mit “Das Hotel New Hampshire”, “Garp und wie er die Welt sah”, “Owen Meany” und “Gottes Werk und Teufels Beitrag” zu Herzen gehende Romane geschenkt hat, die geeignet waren, die eigene Weltsicht zu beeinflussen. Auch die frühen Werke sind bezaubernd, teils wild, teils romantisch. Und wenn man – wie ich – jede Zeile gelesen hat, die John Irving je veröffentlicht hat, dann kennt man natürlich die wesentliche Motive des Schreibers: der Bär, das Ringen, Neuengland, der verschwundene Vater, die fehlende Hand. Seit über 40 Jahren variiert er die Themen und hat es immer wieder geschafft, Zeitbezüge herzustellen. Und ein großer Erzähler war er obendrein. [weiterlesen...]
Die Provinz kommt langsam aber gewaltig
Im Prinzip ist dieser Roman das genaue Gegenteil des Mädchenbuches der Hegemann. Das fängt schon beim Titel an. Während “Axolotl Roadkill” gleich ganz auf billige Provokation setzt, bietet das schöne deutsche Wort “Grenzgang” gleich eine Fülle an Interpretationsmöglichkeiten. Und dann handelt es sich bei dem überhypten Werk des Krawallkindes natürlich auch um einen Hauptstadtroman par excellence, also um einen Text darüber wie sich Buben und Mädels in der Provinz dieses große, wilde Berlin vorstellen. Das ist von Hause aus so öde, dass es nicht die Bohne lebenswert ist. Auch weil die erhoffte Darstellung eines Lebensgefühls bestenfalls die Schilderung von Taten und Gedanken fiktionaler Individuen in einem fiktionalen Umfeld sein kann. Das wird zwangsläufig alle ernüchtern, die nicht dazugehören. Thomes Roman spielt in der Provinz, in einer fiktiven (aber erkennbaren) Kleinstadt an der Lahn. Im Zentrum des Textes stehen zwei Personen, deren Denken, Fühlen und Handeln. Das ist für einen Großteil der Leser nachvollziehbar und hat wenig Fiktionales. Das wird viele erschrecken, die dazugehören. [weiterlesen...]
Mit Beine auch nicht besser
Selten oder gar nie hat die Frau Berg wegen eines neuen Romans so viel mediale Aufmerksamkeit über sich ergehen lassen müssen. Der Promotion-Feldzug (ein Begriff, den sie lieben wird…) führte sie gar an den Schreibtisch des Harald Schmidt, wo sie sich aufs Spiel einließ und mit einem gerechten Unentschieden vom Platz ging. Nun eilt den Werken der Sibylle Berg nicht der Ruf voraus, Quell großen Spaßes und Anlass bester Laune zu sein. Eher nicht, denn die Frau Berg ist eine der letzten verbliebenen Realistinnen. Oha, sagt mancher, die sieht doch bloß alles schwarz. Ja, antworte ich, wenn Optimismus Dummheit ist, dann bleibt dem denkenden Menschen doch bloß noch der Realismus. Jedenfalls leben die Menschen in ihren Büchern Leben, die niemand leben möchte und doch jeder lebt. Komischerweise verfiel das Feuilleton bei “Der Mann schläft” auf die Idee, der Roman transportiere Tröstliches. [weiterlesen...]
Klischeehafter Triebtäter
Dieses Buch habe ich ohne den Hintergrund eines Menschen gelesen, der mit der Musik des Nick Cave groß geworden ist. Im Gegenteil: Diese merkwürdige Phase der popukären Musik, deren Stilrichtung meist ein “Prä-” oder ein “Post-” oder ein “No-” als Präfix zierte, ist fast vollständig an mir vorbeigerauscht. Ich war in jenen Jahren junger Vater, und die Rockmusik der 60er und 70er war mein Trost in Nächten voller vollgeschissener Windeln. Da war kein Platz für düstere Gesänge. Vermutlich ist es auch gut so, dass ich von Nick Cave so gut wie nichts weiß. So konnte ich seinen Roman beurteilen, ohne das Urteil ständig an meinem Grad an Fansein messen zu müssen – leider sind die meisten Besprechungen dieses Buches von genau solchen Leuten geschrieben worden. Die Geschichte soll hier nicht zum x-ten Mal skizziert werden; sie ist auch nicht wirklich wichtig. Wichtig ist am ehesten noch diese dreckige, aussichtslose Atmosphäre des Seebads Brighton der Jetztzeit. [weiterlesen...]
Stuttgart ist auch nicht besser
Als älterer Mensch mit immer noch nicht ganz stillgelegten belletristischen Ambitionen schaut man eher misstrauisch auf die jungen Erfolgsautor/innen. Denn es ist natürlich nur eine weitere Ausprägung des weltzerfetzenden Jugendwahns, Werke von Schreiber unter 30 hochzujubeln – so im Fall des fürchterlichen Daniel Kehlmanns. Ein Hochstapler und Schwätzer, der sich gerade gestern wieder in der neuesten Folge von “Durch die Nacht mit…” an der Seite des großen Haders in Wien blamierte. Leider gehen einem angesichts dieser Abneigung bisweilen auch Perlen durch. Und eine Perle ist sicher diese Anna Katharina Hahn. “Kürzere Tage” ist ihr dritter Roman. [weiterlesen...]
Vom Äffischen und Wölfischen im Menschen
Auf dieses Buch hatte ich mich schon gefreut, nachdem ich zum ersten Mal davon hörte. Ohne allzuviel über den Inhalt zu wissen, hatte ich die vage Hoffnung, es könne sich um einen philosophischen Versuch auf der Basis des Mensch-Tier-Verhältnisses handeln. Ich wurde nicht enttäuscht, obwohl der Autor einen ganze anderen Weg geht als vermutet und zu ganz unerwarteten Ergebnissen kommt. Worum geht’s? Der junge Philosophieprofessor Mark Rowlands, der an einer unbedeutenden Hochschule in Alabama, USA, lehrt, schafft sich aus einer Laune heraus eine Wolfswelpe an. Brenin, so tauft er den Rüden, wächst zu einem mächtigen Wolf heran und zwingt seinen Halter so dazu, seinen lockeren Lebenswandel zu ändern und sich fit zu halten, um dem Tier Herr zu werden. [weiterlesen...]
Frank Lloyd Wright, Architekt und Weiberheld
Es ist ein Kreuz mit diesem Thomas Coraghessan Boyle. Ich bin ihm schon seit seinen Debutromanen verfallen. Und nachdem ich ihn während der Frankfurter Buchmesse 1997 kennenlernte, sogar noch mehr, weil er einfach ein netter Kerl ist. Schreiben kann er wie die gesengte Sau, keine Frage, aber dieser Roman über den amerikanischen Architekturgott Frank Lloyd Wright ist ihm heftig danebengegangen. Und das gleich auf mehrfache Weise. Eigentlich gesellt sich “Die Frauen” zu den beiden anderen biografischen Büchern “Dr. Sex” über Alfred Kinsey und “Willkommen in Wellville” über John H. Kellog; letzteres ein Werk voll skurriler Komik, ersteres dagegen schon fast von tragischer Größe. Nun versucht er die Lebensgeschichte des überlebensgroßen Baugenies anhand dreier seiner vier Lebenspartnerinnen nachzuerzählen. Wieder schaltet er einen fiktiven Erzähler ein und wieder jongliert er mit der Chronologie. Nur dass es dieses Mal einfach nur stinklangweilig ist. [weiterlesen...]
Onkel Konrads Hundegeschichten
Es gibt Bücher, die prägen einen Menschen. Dieser schmale Band des österreichischen Verhaltensforschers Konrad Lorenz hat mein Denken geprägt. Entgegen aller Vorgaben der Lehrpläne hatte unser Mathe- und Biologielehrer Dr. Reinhold Feuerstein dafür gesorgt, dass wir im zarten Alter von um die zwölf Jahre mit diesem spannenden Thema konfrontiert wurden. Der nämliche Dr. Feuerstein hat übrigens auch die Basis dafür gelegt, dass ich von vornherein ökologisch gedacht habe – aber das ist ein anderes Thema. Konrad Lorenz war mit diesem und dem Buch “Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen” der Held meiner frühen Jugend. [weiterlesen...]