Die Menschen sind sinnlos
Ach, Frau Berg, Schwester im Geiste, Lieferantin der permanenten Depression, sie weiblicher Sysiphos, was haben Sie denn da wieder geschrieben? Zwei Hände voll Figuren turnen sinnlos durch die Welt, suchen, aber finden nicht, erkennen das Glück nicht, wenn es da ist, und machen sich gegenseitig fertig. Ob auf Ceylon oder in Kirgistan, in Los Angeles oder Hongkong – die Menschen irren durch die Gegend und machen sich falsche Gedanken. Da ist kein Trost, da ist nichts Heiteres, sondern nur die Gewissheit, dass sie alle sterben werden. [weiterlesen...]
Für Ami-Freunde
Der Verlag behauptet, Richard Ford sei der amerikanischste aller Autoren. Was seine wirklich großen Romane “Unabhängigkeitstag”, “Sportreporter” und “Die Lage des Landes” angeht, kann man dem sicher zustimmen. Aber leider hat der gute Richard nicht nur große Romane geschrieben, sondern auch kleine. Einer der kleinsten ist sein Frühwerk mit dem Titel “Verdammtes Glück”. Der Vietnam-Veteran Harry Quinn ist im mexikanischen Oaxaca gelandet, um dort den Bruder seiner Ex aus dem Knast zu holen. In der Stadt kommt es zu einem Attentat, undurchsichtige Mafiosi und Anwälte spielen mit, und die Bedrohung ist allgegenwärtig. [weiterlesen...]
Frisch von der Prostata weg
Es ist das Zeitalter der Prostata. Nicht nur, dass dieses unscheinbare Organ in aller Mund (na ja…) ist, es bestimmt auch weite Teile der aktuellen Weltliteratur. Ob in Fords Lage des Landes oder Köhlmeiers Abendland: Die Helden haben’s an der Vorsteherdrüse, mussten sich die operativ entfernen lassen und sind anschließend nicht ganz dicht. So auch Nathan Zuckermann, der Protagonist in Philip Roths neuestem Altmännerroman. Dass der kastaniengroße Spender von Schmiermittel weg ist, hat aber auch den Vorteil der abhanden gekommenen Potenz. Die Herren können also vom Sex absehen und sich den großen Fragen des Lebens widmen. [weiterlesen...]
In Bremen beim Bund
Ich finde ja, dass die Romane von Sven Regener überschätzt werden. Und das ist nicht einmal böse gemeint. Tatsächlich sind die Bücher rund um Herrn Lehmann so tief in die jeweilige Epoche verstrickt, dass nur Menschen einer bestimmten Generation sie nachvollziehen können. Es handelt sich um Leute, die zwischen 1980 und 1990 jung und hoffnungsvoll waren. Nun neigen die betreffenden Jahrgänge 1950 bis 1965 ohnehin zur Selbstbespiegelung und zur Verklärung ihrer Jugend, da kommen die Regener’schen Texte gerade recht. Wo “Herr Lehmann” allerdings zwanghaft das Groteske suchte, da ist “Neue Vahr Süd” auf lakonische Art wahrhaftig. Das ist die wahre Stärke des Romans, dass Szenen und Dialoge realistisch bis zur Unerträglichkeit sind. [weiterlesen...]
Türkische Literatur
Bisher habe ich von diesem Schriftsteller immer die Finger gelassen – wer mit einem Buch namens “Kanak Sprach” in den Litetaturbetrieb hüpft, dem konnte ich nicht viel Vertrauen entgegen bringen. Die teils überschwänglichen Besprechungen des vorliegenden Romans haben es mich wagen lassen. Und die Hoffnung wurde nicht enttäuscht. Mit “Leyla” hat der gute Feridun ein wahrhaft großes, breites und tiefes Buch vorgelegt. Aus diesem Roman habe ich mehr über das Denken und Fühlen der Türken gelernt als aus allen Dokumentationen und selbst persönlichen Gesprächen. [weiterlesen...]
Taxifahren in Hamburg
Nach der Lektüre dieses “Romans” kenne ich mich in Hamburg besser aus als je zuvor, denn die Duve lässt ihre Heldin deren Touren detailliert und mit korrekter Nennung der Straßennamen schildern. Aber das ist leider auch schon das größte Plus dieses Buches. Was die Autorin geritten haben mag, die mehr oder weniger spannenden Erlebnisse einer frustrierten jungen Frau in ihrer Existenz als Taxifahrerin zum Roman machen zu wollen, ist mir schleierhaft. Mensch, Karen, du kannst doch schreiben wie eine gesengte Sau! Du hast doch mit dem Regenroman einen fabelhaften Psychokrimi hingelegt. Und Das ist kein Liebeslied war doch auch ein wunderbares Werk. [weiterlesen...]
Aus den Fünfzigern
Dieter Forte ist fraglos einer der größten Schriftsteller deutscher Sprache, nur zu vergleichen mit Günter Grass und Siegfried Lenz. Sprachmächtig ist er, malt schwere Bilder und reflektiert in seinen Romanen die Welt wie sie ist. Das beweist besonders seine Trilogie “Das Haus auf meinen Schultern”, das die Geschichte einer italienischen und einer polnischen Familie auf ihrem Weg nach Düsseldorf und ihr gemeinsames Schicksal bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg beschreibt. [weiterlesen...]
Möglicherweise ist Ingo Schulze der derzeit beste Erzähler deutscher Sprache. Sein Wenderoman (…wie sich das anhört!) “Adam und Evelyn” spricht jedenfalls dafür. Es geht um ein Paar, dass in den Wirren des Spätsommers 1989 eher versehentlich Republikflucht begeht. Adam heißt Lutz und ist der Schneider, dem die Damen vertrauen. Evelyn kellnert, weil sie nicht studieren darf. Anhand der Dialoge, die den größten Teil des Textes ausmachen, lernt der Wessi mehr über das wahre Leben in der DDR als aus Hundert TV-Dokumentationen. Vielleicht wird der im harten Kapitalismus gelebt haben Müssende sogar ein bisschen neidisch, denn gerade Adam beweist, dass man sich ganz bequem im Sozialismus einrichten konnte, ohne gleich Mitläufer sein zu müssen. [weiterlesen...]