Vor Jahren hatte ich das Vergnügen, während der Frankfurter Buchmesse mit T.C. Boyle zu plaudern. Gegen Ende des Messtags stand der schmale Mann mit dem spitzen, irischen Gesicht und der merkwürdigen Rothaartolle einsam am Stand seines deutschen Verlags. Ich outete mich einerseits als Fan seiner Romane und andererseits als jemand, der auch schreibt. Das schreckte den amerikanischen Erfolgsautor komischerweise überhaupt nicht ab, und bei allen Niveauunterschieden entspann sich ein Gespräch über das Schreiben an und für sich. Themen, sagte Boyle, fielen ihn einfach so an: unvorhersehbar und ohne Grund. Mit seinem eigenen Leben hätten die meisten Themen wenig oder gar nichts zu tun. Aber wenn ihn solches Thema gepackt hätte, dann recherchiere er bis ins kleinste Detail. Vorher teste er so ein Sujet aber meist mit einer Kurzgeschichte an. Diese Methode kann man an seinem Shortstory-Band “Zähne und Klauen” ganz unverstellt nachvollziehen. [weiterlesen...]
Nach ein paar Tagen hatte sie sich mit der Rumfahrerei arrangiert und schlief unterwegs, um dann bei jedem Halt hellwach zu sein. Wir waren ein gutes Team. Wenn ich eine Pinkelpause einlegte, sprang Maya aus dem Mobil, schnüffelte ein bisschen und ließ sich dann meist ziemlich genau drei Schritte entfernt von mir nieder, um ebenfalls zu pinkeln. Wenn ich irgendwo auf dem Land an einer Gaststätte anhielt, hielt sie sich brav an meiner Seite und ging bei Fuß als ob sie in ihrem Leben nie etwas anderes getan hätte. Hatten wir einen Platz für die Nacht gefunden, machte sie sich selbstständig und brauchte in der Regel eine Viertelstunde um das Terrain zu sondieren. Der perfekte Wohnmobilhund. [weiterlesen...]
Frank Bascombe war Sportreporter und erlebte einen eigenartigen Unabhängigkeitstag, und nun steht im das Thanksgiving des Jahres 2000 bevor. Er hat sich endgültig als Makler in New Jersey eingerichtet und vermutet sich in der von ihm so genannten “Permanenzphase”, das Lebensalter also, indem sich nicht mehr viel ändert und ein Mann von Mitte Fuffzich langsam auf das schöne Alter hinleben kann. Aber dann gerät er in eine Schlägerei, seine Ex macht ihm eine unvermutete Liebeserklärung, ein Bombe explodiert in der Krankenhaus-Cafeteria und am Ende wird Frank von zwei Räubern vor seinem eigenen Haus angeschossen bei dem Versuch, seinen ungeliebten Nachbarn zur Hilfe zu kommen. Von wegen: Permanenz. [weiterlesen...]
Dann brachen wir auf. Ich wollte die Straße von Gibraltar sehen und darin baden. Kamen nach Tarifa und flüchteten nach einem Tag und einer Nacht vor den angespannt fröhlichen Surfern, machten einen Abstecher zum Affenfelsen, wo es nichts Interessantes zu sehen gab, fanden beide Marbella auch nicht besonders einladend und landeten schließlich irgendwo zwischen Almeria und Alicante an der Mündung des Almanzora in einem Ort namens Villaricos.
Es gab einen nicht ganz offiziellen Platz im Wald, einen kleinen Markt und einen noch kleineren Hafen mit einem winzigen Restaurant. Insgesamt eine mediterrane Idylle wie aus einem Reiseführer der fünfziger Jahre. Weiter südlich ging die Idylle dann in einen kurzen, aber heftig mit Hotelburgen beschatteten Strand über, nördlich war der Strand grau, leer und mit einer Bude bestückt, deren Besitzer sich gleich am ersten Abend als Paco vorstellte, wobei ich mir nicht sicher war, ob er diesen Namen nicht bloß angenommen hatte, um die Klischees deutscher und österreichischer Touristen zu bedienen. Ansonsten war Paco nicht besonders kommunikativ. Er fragte nie, was man zu bestellten gedachte, sondern hob nur das Kinn. [weiterlesen...]
Für mich auch. Letztlich bin ich kein Naturmensch. Stille geht mir auf die Nerven. Dauerhaft schönes Wetter finde ich öde. Wäre Klara nicht dabei gewesen, wäre ich sicher nach wenigen Tagen abgereist. Nicht erst der ermordete Hund hatte mich gelehrt, dass die südlichen Völker kollektiv einen an der Waffel haben. [weiterlesen...]
Am nächsten Tag fuhr sie ohne weitere Diskussion alleine los. Schiller hatte sich offensichtlich an mich gewöhnt und wich mir nicht von der Seite. Im Radio gab es italienische Opern. Ich fand in der Garage ein trockenes Stück Holz und begann mit meinem Saito-Messer ein wildes Tier daraus zu schnitzen. Irgendwann am Nachmittag winselte Schiller. Ich stand auf und dachte, vielleicht wäre es eine gute Idee, mit dem Hund ein bisschen durch den Wald zu streifen. Er folgte mir und blieb, obwohl nicht angeleint, zunächst bei Fuß. Wir kletterten den steilen Hang hoch, kamen an eine Lichtung, von der ein Pfad parallel zum Tal verlief. Ich blieb auf dem Weg, aber Schiller sprang hier und das ins Gebüsch, kam wieder hervor, vergewisserte sich, dass ich noch da war, und verschwand wieder. Ich genoss das Spiel von Licht und Schatten auf dem Waldboden und wanderte mit gleichmäßigem Schritt bis der Pfad sich einfach verlor und das Gebüsch so dicht wurde, dass es nicht mehr weiterging. [weiterlesen...]
Als es dämmerte, schwammen wir im Pool. Selbst Schiller war hinein gesprungen, hatte eine Runde gedreht und lag jetzt faul auf einem Badetuch, das sich eigentlich Klara zurecht gelegt hatte. Nebeneinander lagen wir im Wasser und hatten die Unterarme auf den Beckenrand gelegt, um ins Tal zu schauen. Unsere Beine berührten sich, wir kamen uns näher. Wir streiften ab, was wir anhatten, meine Badehose und ihr Bikini trieben durchs Becken, während wir im Wasser vögelten.
So ging es ein paar Tage lang. Wir verließen das Grundstück nicht. Standen irgendwann auf, tranken Kaffee auf der Terrasse und aßen aufgebackene Croissants. Dann lagen wir nackt in der Sonne, denn wir hatten es aufgegeben, in dieser Einöde Kleider zu tragen. Später hatten wir dann irgendwo im Haus, im Garten oder im Pool Sex. Klara und ich kochten abends abwechselnd umfangreiche Menüs und stießen mit den besten Weinen auf Wilhelm und Yvonne an. Wir sprachen nicht viel miteinander. Aber eines Tages, wir waren gerade aus dem Schwimmbecken gestiegen, sagte Klara: Jetzt ist es aber an der Zeit, dass du eine Geschichte erzählst. Später, sagte ich, und verbrachte die nächsten Stunden damit, mir eine Story auszudenken, die mit ihrer mithalten konnte. [weiterlesen...]
Man sollte ein wenig Suspekt entwickeln, wenn einem durchweg multikulturell und ökologisch gesonnene Zeitgenossen ein Buch empfehlen. Es könnte sich um einen reinen Gutmenschroman handeln. Bei Ilja Trojanows Weltensammler lag der Verdacht nah. Und bestätigte sich zum Teil, denn der Roman lässt sich auch als eine Art Karl May für politische Korrekte lesen. So viel Antiimperialismus war in der Abenteuerliteratur noch nie. Da begibt sich ein stinknormaler britischer Kolonialoffizier in die Faszination der indischen Geheimnisse, taucht ein, lernt die Sprachen, trägt die Gewänder und steht seinen Kollegen teilweise mit Ekel gegenüber. Das ist aus Sicht der ehemaligen Kolonialopfer erfreulich und liest sich gut. [weiterlesen...]