Zum vierzigsten Jubiläum dessen, was einfach 68 genannt wird, scheint es, als würden sämtliche medialen Berichterstatter ihr persönliches Trauma an den Vorgängen damals abarbeiten. Da wird Geschichte gezimmert, dass es eine Lust ist, und jeder, der vor 1960 geboren ist, darf etwas dazu sagen. Das ist das Demokratieverständnis der entgrenzten Medienwelt: Jeder darf was meinen. Sogar der Jürgs, der seinerzeit wohl besonders wenig Spaß gehabt hat. Da es nur um Meinung, nicht aber um Fakten geht, ist das Ergebnis unentschieden, was sich am besten am Unterschied zwischen dem Verhalten der öffentlich-rechtlich Anstalten und den privaten TV-Versendern ablesen lässt. Das gebührenfinanzierte Fernsehen nimmt das Jubiläum zum Anlass, ohne Unterlass Bedeutsames zu 68 abzusondern, während das Unterschichtenfernsehen den Termin einfach ignoriert. Kein Wunder, den in die üblichen Schmutzformate lässt sich die Revolte nicht pressen. Sendungen wie “Die ultimativen 68er-Charts” oder “50 geile Revolutionsschlampen” rocken eher nicht, und mit einem Rudi Dutschke wollen die sieben TV-Klos nichts am Hut haben. Denn ein Hauptziel der Revolte war das Scheißblatt aus dem Springer-Konzern, und das Imperium schlägt nun immer noch zurück gegen die tapferen Jedi-Ritter der beinahe stattgefunden habenden Revolution.
Es wurde totgeschossen damals. Im Berliner Haus der Lüge richtete ein Bulle namens Kurras den unbewaffneten Demonstrant Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 hin. Der Schah, ein Nebenwiderspruch des Imperialismus, und seine scharfe Schnecke mussten an der Seite von Bunzpräsidentin Wilhelmine eine Oper über sich ergehen lassen, aber selbst diese Strafe erschien den Demonstranten zu gering. Pflichtschuldigst ordnete irgendein machtbesoffener Soze, ein Kantschädel in Noske’scher Tradition, Gewalt an gegen alles, was den Staatsakt im Stil der späten Fünfziger stören könnte. Die Beamten sollen den jungen Leute qua Knüppel Disziplin beibringen – ihr redet nur, wenn ihr gefragt werdet. Mit Kopfschüssen hatten deutsche Soldaten ja Übung, und Übung macht den Meister.
Dies alles löste keine Volksbewegung aus, sondern trieb die Studenten dazu, sich mit den unterdrückten Völkern der Erde zu solidarisieren und entsprechende Signale auszusenden. Außer in Berlin blieb’s ruhig im Land. Da aber der Axel Cäsar in seinem Wahn Berlin zu seiner persönlichen Hauptstadt der freien Welt erklärt hatte (und das nur, weil ihn die Soffjets mal hatten abblitzen lassen…) erklärte das Scheißblatt den Studenten zum Staatsfeind Nummer Eins, der erstmal arbeiten gehen sollte oder wahlweise nach drüben.
Da kam er aber her, der brandenburgische Zwangsprotestant mit der sportlichen Konstitution. Wie das erklären, dass jemand, der vor den Repressionen des blassroten Spießerstaats in die freie Hauptstadt der freien Welt geflohen war, nun sich zum Sozialismus bekannte? Wo doch Kommunisten, Sozialisten, alles ein Pack! Da nahm sich ein Rudi Dutschke die Freiheit, Sozialist zu sein, und dann war das auch nicht richtig. Da der Volkszorn den Dutschke, dem man seine Ehrenrechte im Blatt nahm, indem man ihn nur mit seinem Nachnamen beschrieb, nicht über die Mauer nach Pankow warf, musste er erschossen werden. Ein Name wie ein Pistolenschuss konnte nur durch einen solchen ausgelöscht werden.
Natürlich war Springer irgendwann zum Katholizismus konvertiert, weil er das protestantische schlechte Gewissen nicht mehr ertragen konnte. Und das personifizierte schlechte Gewissen schon gleich gar nicht. Es gab keine katholischen Revolutionäre damals in Deutschland, nur spaßfeindliche Calvinisten, die sich im SDS formierten, um dem katholischen Hippietum etwas entgegenzusetzen. Die Revolution macht Schluss mit lustig! Darunter leiden heute noch zynische Komiker a la Harald Schmidt, der Erzkathole mit Orgelhänden, der seinerzeit – wie wir alle – gern mehr gevögelt, gesoffen und gekifft hätte. Ja, Rudi war nicht locker, das zeigt ein Filmchen, in dem er beim ungelenken Tanzen zu sehen ist. Wir hören seine schnarrende Stimme, die uns klammheimlich an Göbbels erinnert, wie er den totalen Krieg kommentiert. Wir lesen seine Spießerbiografie – und Rudi nahm Gretchen zur Frau und zeugte mir ihr zwei Söhne, Hosea Che und Marke, und er sah kein anderes Weib an außer ihr – und denken uns: Gut, dass es nicht geklappt hat mit der Weltrevolution. Der neue Mensch wäre nämlich ein linientreuer, bisschen unfroher, aber sozialistischer Protestant geworden, zur lebenslänglichen Einehe, maßvollem Alkohol- und Drogenkonsum sowie Kreativität zum Wohle des Volkes verdammt.
Der Hippie an sich wollte ja frei sein. Also das US-amerikanische Mittelschicht-Kid, das massenweise in Vorstädten eingesperrt gehalten wurde, ausgestattet bloß mit einem Auto, um zum nächsten Diner zu cruisen. Rundumversorgung erzeugt Überdruss und macht Menschen meinen, Materielles müsse man nicht haben. Stattdessen Love & Peace. Also, vor allem Love, was im weiß-protestantischen Amerika immer schon und immer noch SEX bedeutet. Hormonverzerrte und beschnittene Whities wollten wild vögeln wie die Neger und erschufen daraus eine Religion, sie traten zu einem irgendwie asiatisch-spirituellen Katholizismus über, und jeder Frau musste für jeden Hippie die Beine breit machen und sich dabei frei fühlen. Verklemmt sein wurde mit sozialer Ächtung bestraft. Da saßen wir Pubertierenden im Summer of Love in einem Deutschland, das von einem Kiesinger regiert wurde, der aussah, als sei er schon tot und seine Büste träte im Fernsehn auf, und hatten Trieb. Da hörten wir, dass in San Fransisco, das wir gleich neben Los Angeles verorteten, gebummst wurde wie blöde. Und waren neidisch. Wir glaubten spüren zu müssen, dass wir deshalb nicht zum Schuss kämen, weil die Eltern, der Staat, die Schule, die Kirche und so weiter unsere individuellen Rechte zu Unrecht beschnitten. Wir wollten so frei sein, zu kiffen und zu ficken. Wobei die Drogenschluckung Teil des Vorspiels war, genau wie die diversen kreativen Ausflüsse. Wer Gitarre spielte, kam an die Weiber ran. War das Mädel bekifft, wehrte sie sich nicht. Flower-Power als Vehikel für freie Triebentfaltung der männlichen Jugend.
Dem stand der Dutschke entgegen. Was der rote Dany im Mai in Paris trieb, davon erfuhren wir nicht viel. Erst später in den unlustigen Filmen von Herrn Godard. Dabei war man in der Welthauptstadt der Revolution für ein paar Wochen auf dem richtigen Weg. Unter dem Pflaster liegt der Strand, nehmt euch, was euch zusteht, fresst, sauft, vögelt wie die Reichen, denn auch euch steht das zu. In den Tagen der Pariser Revolution spielte Politik keine Rolle, nur das Leben. Das es zu befreien galt von den Fesseln. In einem Land ohne Genusstradition konnte man damit nicht richtig landen. Cohn-Bendit kam nach Frankfurt und versank knöcheltief im Theoriesumpf der Universität.
Wie gesagt: Ein Dutschke musste erschossen werden. Dass ein grenzdebiler Hilfsarbeiter mit selbstgebauter Pistole zum Täter ernannt wurde, ist nur ein Treppenwitz. Eigentlich hätte es ein gedungener Mörder sein müssen. Oder ein Polizist, aus dessen waffe sich versehentlich ein Schuss gelöst hatte. Der Christ Rudi vergab dem Bachmann, weil er wusste, dass der nur Werkzeug war und man dem Springer und seinen Schergen nichts vergeben konnte. Zu den schönsten Bildern des Jahres 68 zählen immer noch die mit brennenden BILD-Autos. Wie ja überhaupt Brennendes die besten Bilder macht. So jagen heute noch Hunderte Kameraaugen durch die Nächte rund um den 1. Mai auf der Suche nach flammenden Autos und/oder Barrikaden, wahlweise auch Supermärkte, am liebsten aber Polizeiwagen. Macht kaputt, was euch kaputt macht, ist immer noch die einfachste Formel, mit der man Revolten brauen kann.
Nachdem aber die Revolte nicht zur Revolution werden wollte, mussten größere Feuer her. Der zu kurz gekommene Macho Baader überredete die Protestantin(sic!) Ensslin, ein paar Warenhäuser anzukokeln. Die Flammen schlugen aber nicht hoch genug für spektakuläre Bilder, und für ihr Versagen wurden sie angeklagt. Ende Oktober 1968 kam der Scheideweg der Revolte, und Daniel Cohn-Bendit hat Schuld auf sich geladen, als er dem Andreas und der Gudrun im Frankfurter Gerichtssaal zurief: “Ihr gehört zu uns!” Damit gründete er eine Denkrichtung, die bis weit in die Achtziger reichte, als ein Ex-Frankfurter in einer Versammlung der Grünen verkündete, er könne am Parteitag nicht mitmachen, er sei Beobachter bei den Prozessen gegen die Gefangenen der Bewegung.
Nein, sie gehörten nicht zu uns. Auch wenn wir ihre Arbeit klammheimlich bewunderten, dass sie tatsächlich und sehr ernsthaft Gewalt gegen den Staat anwendeten. Die waren uns fremd, die Mitglieder der Roten Armee Fraktion, deren Pamphlete wir nicht die Bohne verstanden. Aber ein Bankraub galt uns als cool, wenn die Verbrecher das Geld nicht für ihren Luxus verschwendeten, sondern in den bewaffneten Kampf investierten. Und Rudi machte sich mit Dany gemein als er am Grab von Meins mit gereckter Faust rief: “Holger, der Kampf geht weiter!” Da hatte der Rudi noch die Kugel im Kopf und glaubte wohl, die RAF kämpfe einen Kampf gegen den Imperialismus, wo die doch längst sich zur Gewaltmaschine gemacht hatten, deren Zweck war, zu funktionieren und die fehlenden Teile aus dem Knast zu holen.
Das protestantische Korn, das Rudi Dutschke in die linke Szene gestreut hatte, ging nun als große K auf. Plötzlich galt der Kommunismus als das Ziel, also, der Weg über die Diktatur des Proletariats zur Welt, in der alle Menschen ihre Kräfte frei entfalten könnten oder so. Nun wollte das Proletariat aber nichts vom K hören und kam nicht zu den Propheten. Also gingen die Propheten zum Arbeitsberg in die Betriebe. Das erzeugte eine Menge Theorie in der Praxis, die sich immer kleinteiliger präsentierte. Es sollte getstreikt werden, aber der Arbeiter wollte lieber arbeiten. Man saß in Zirkeln und hieß MG, KPD, KPD/AO, KB und KBW. Die Männer machten sich das Leben unnötig schwer da und bauten ihre Frustration aus, die sie dann an den nächstgelegenen Frauen abarbeiten mussten – bis auf den heutigen Tag. Die K-Gruppen produzierten Arschlöcher am Fließband, waren lustfeindlich und gegen die Jugend, denn jung waren sie da schon nicht mehr.
Und die RAF schoss serienweise Leute tot: Polizisten, Chauffeure, Industriekapitäne, Richter, Soldaten. Und mit jedem Menschen, den sie umbrachten, erntfernten sie sich von unserer Realität der siebziger Jahre bis sie in einer anderen Galaxie kreisten und wir sie nicht mehr sehen konnte. Da musste streng protestantisch gehungert werden gegen die Haftbedingungen, nach denen sich jeder normale Knacki die Finger geleckt hätte. Da musste man protestantische Unterstützergruppen bilden, die Legenden bauten, man wäre dabei, die Gefangenen stückweise umzubringen. Und am Ende glaubte der Schmidt’sche Staatsapparat selbst an diese Verschwörungstheorie und verhielt sich entsprechend.
Und die Hippies? Als im vergangenen Jahr kollektiv an 1967 erinnert wurde, an den Liebessommer und Liebe und Frieden und mach Liebe, nicht Krieg, dann fand der deutsche Medienschaffende nur noch die Obermaier Uschi, die Schnalle, die für den Unterhalt der Kommune von ihrem Körper hergestellte Wichsvorlagen erzeugen und vertreiben ließ. Eine schöne Frau, die bloß das Maul nicht aufmachen sollte. Die bildete, wenn nicht die Spalte, dann das Scharnier zwischen katholischem Hippiewesen und protestantischem Revolutionsernst. Marxengelslenin verstand sie nicht, und das war ehrlich, denn wir verstanden den Kram in den Blauen Bänden auch nicht. Sie hatte es mehr mit den Rauschmitteln und dem Geschlechtsverkehr. So wurde sie zur Trostmaschine für die Kerle und zur Matratze für Rockstars, von denen wir glaubten, sie seien Teil der Revolution.
Die Obermaier war es aber auch, die den Verrat an den Idealen der Hippies durch die Vermarktung ihres ansehnlichen Körperchens mit den süßen Tittchen begann. Es hätte anders kommen können. Hätte es anders kommen können? Die Vorstellungen der Hippies kamen dem anschwellenden Konsumismus, den der Kapitalismus zum Überleben bitter nötig hatte, zupass. Denn der Kapitalismus löst alle Bindungen auf, damit das Individuum auf seine Arbeitskraft und Konsumlust reduziert werden kann. Wer sich aber als Zentrum eines Universums erlebt, das mit anderen Universen auf freiwilliger Basis vernetzt ist, der wird seine individuellen, triebgesteuerten Bedürfnisse frei und unbegrenzt ausleben wollen. Da glaubt man gern denen, die Triebbefriedigung verprechen. Und weil die Hippies das Denken durch Rituale ersetzten, glaubte man gern den Symbolen, die Emotionen auslösten. Fühlen galt als kreativ, nichts richtig können galt als kreativ, Improvisieren stand über dem Planen. Dessen bediente sich der Kapitalismus in Gestalt der Werbeschergen.
Ein Charles Wilp, der an nichts glaubte außer der Schwerkraft (und die wollte er noch überwinden), waidete den Hippie zum Zwecke der Colaverkaufung aus. Super-Flower-Power mit nackten Brüstchen und lüsternen Mäulchen. Jede war geil, die katholische Nonne auch. Und wozu hat uns der liebe Gott Schwanz und Möse geschenkt? Unsere Sehnsucht, dazu zu gehören zu den freien Hippies ohne Zwänge, machte uns zu willenlosen Käufern von Schallplatten, Jeanshosen, Kaltgetränken und Zigaretten. Später dann auch Autos. In einem grandiosen Euphemismusfeldzug wurde Reklame für kreativ und der Kunst ebenbürtig erklärt; selbst ein Joseph Beuys ließ sich darauf ein und partnerte mit Wilp. Währenddessen schenkte sich die Uschi einem Zuhälter und ging auf Weltreise. Während dessen fraßen sich die K-Grüppler durch dicke Bücherberge und lernten nichts dazu. Inzwischen war Rudi zum Vertriebenen geworden und auf der Suche nach dem nächsten großen Ding. Hier und da wurde noch jemand ermordet. Und am Heiligabend des Jahres 1979 war der Rudi dann endgültig totgeschossen.
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