Ein weites Feld

Folge 4 von 5 in Berlin, Berlin

holocaust_mahnmal.jpgWer auch immer an diesem Tag das Wetter gemacht hat, der muss ein paar Schalter falsch umgelegt haben. Berlin brütet bei über 34 Grad. Die Sonne sticht wüstenmäßig, der Schatten bringt kaum Abkühlung. Ich steige am Potsdamer Platz aus dem U-Bahnhof und stehe in einer kollektiven Bausünde. Mehr Größenwahnarchitektur hätte Hitlers Speer auch kaum hingekriegt. Alles ist überdimensioniert, arrogant und mit falscher Bedeutung aufgeladen – am übelsten präsentiert sich die Deutsche Bahn, die Nachfolgeorganisation des Unternehmens, das einst die Opfer des Faschismus in die KZs transportierte. Der geschmacklose DB-Turm blickt aus toten Fenstern rüber auf den baulich völlig außer Kontrolle geratenen Hauptstadtbahnhof. Dazwischen liegt ein weites Feld.

An der Ecke Ebertstraße / Voßstraße wird monströs weitergebaut. Die Baustelle ist mit einer Plane verhängt, auf der die zukünftigen Edel-Shops fotorealistisch gemalt dargestellt werden. Mensch, du sollst shoppen! Dann passiere ich die Landesvertretung Niedersachsen, die aus unerfindlichen Gründen für den Nord-Ostsee-Kanal Reklame macht. Und dann die graue Landschaft. Im Sonnenglast. Fast verlassen. Ich betrete einen Gang. Sobald die Stelen mehr als menschenhoch sind, stellt sich Paranoia ein. Wer kommt da um die Ecke? Wo lauern die Häscher? Statt dessen spielen verfettete Knaben Nachlaufen. Besinnung findet nicht statt. Die Betonkästen neigen sich unterschiedlich. Als sei der eine im Fall begriffen, der andere noch nicht. Die Elemente von unter einem Meter Höhe sind Särge. Ich wandere durch die 95 Zentimeter schmalen, auf- und abschwingenden Gänge. Im Tal herrscht Schatten. Sie sind alle da, die Menschen, die wir Deutschen getötet haben zwischen 1938 und 1945 – nicht nur die Juden, auch die Kriegsopfer, die Sinti und Roma, die Schwulen, die Sozialisten und Kommunisten (denen dieser Staat kein Mahnmal bauen will…). Du kannst an diesem Ort versuchen, Frieden mit ihnen zu schließen.

Das Mahnmal ist ein ästhetisches Erlebnis, gerade im Sonnenschein. Eisenmann wollte es so. Die Besucher sollten es beleben, es sollte frei von jeder Symbolik sein. Er war der Meinung, dass jeder dort machen dürfe, was er für richtig hält. Spreche mit einem der Wachmänner. “Na ja, wir ham praktisch jeden Tach wenichstens een Unfall. Een Tach ohne Unfall is een juter Tach.” Hauptsächlich handele es sich um Stürze, erzählt her. “Die klettern uff die Steene und denn fall’nse runter. Meistens weil se ihr’n Kumpels watt beweisen wolln. Oder der Mann seine Jattin.” Neulich sei ein Zwölfjähriger abgestürzt, der sei Bluter gewesen, da wäre es zu einer dramatischen Rettung gekommen. “Der Eisenmann hat datt so jewollt, datt die Leute hier auch klettern, wa. Aber der hat ja nich dranjedacht, dattet keen Versicherung jibt.”
Am schlimmsten benähmen sich die Holländer, meint der Mann von der Firma Kötter Security. “Ick weeß nich, watt die wissen, aba wie die sich hier uffführ’n. Nee, wissense, dett vasteh ick nich. Die machen nur Rambazamba. Vielleicht liecht datt an deren liberale Erziehung…” Unterschiede in der Reaktion hat er bei den Asiaten beobachtet. “Wissense, die Koreaner, die sind immer janz scheen betroffen. Die sind ja och von den Japanern in KZs gesperrt und umjebracht worden. Och die Chinesen, die ham ja auch unter die Japaner jelitten. Aba viele Japaner, die woll’n ja nich wissen, wofür datt hier is. Die sind am Vadrängen, sachich ihnen. Die ham sich ja nie entschuldicht bei die Koreaner und die Chinesen.” Wir Deutschen, meint er, wir hätten uns unserer historischen Verantwortung schon gestellt – nicht nur mit dem Holocaust-Mahnmal. Wir dürften nur nicht damit aufhören. “Wissense, dett is für mich datt Wichtichste an diesen Mahnmal, datt ett nich einfach wieder wegzumachen is. Datt man auch nich einfach verjessen kann, datt ett für die sechs Milljon Juden steht, die umjebracht worden sind.”
Zwischen den Stelen am Rande knutscht ein mittelaltes Päärchen. Ein Niederländer macht Fotos im Liegen. Drei alte russische Herren stehen zwischen den Steinen und reden leise und ernsthaft miteinander. Ein paar Pubertätsjungs in Tarnfarben-Cargohosen und Motto-T-Shirts albern rum. Jemand sonnt sich. Eine dicke Frau hockt erschöpft auf einem der Särge. Das Fernseh-Team baut auf. Ein Kind weint. Der Verkehr rauscht vorbei.

Ich gehe Richtung Reichstag, den Ort, an dem fast alles beschlossen wurde, was den Juden in Europa millionenfach den Tod brachte. Schulkassen, die das Schlimmste befürchten, wandern an mir vorbei zum Holocaust-Mahnmal. Im Grünstück gegenüber vom Brandenburger Tor wird ein winziges Mahnmal für die ermordeten Sinti und Roma gebaut. Die Bauarbeiter präsentieren verbrannte Rücken und schwitzen. Überall lungern die Chauffeure der Fahrrad-Rikschas herum. Am Reichstag werden dreißig Minuten Wartezeit für die Aufzugfahrt zur Kuppel signalisiert. Ich verzichte und gehe langsam durch die glühende Politikerwüste zu den Angeordnetenhäusern. Runter an die Spree, vorbei an einem brutalen Stück Kunst von Richard Serra, über den schmalen Steg zum Hauptbahnhof. Berlin hat nichts verstanden, gar nichts.


» Reisebericht von Rainer Bartel am 05.06.08 um 11:50 » in Kategorien: Deutschland » 653 x gelesen » 2 x kommentiert
» Schlagworte: , , , , , ,   

  1. “Berlin hat nichts verstanden, gar nichts.”

    Tja, nur Hochhäuser am Potsdamer Platz mitten in Berlin, wie grausam. Da hätte es doch ein schickes Einfamilienhaus auch getan, oder eventuell noch ein Deichmann. Aber nee, da protzen die Bauherren in Berlin mal so richtig los und bauen in das Zentrum einer Millionenstadt Hochhäuser, unglaublich, das kann man ja nicht verstehen.
    Und nebenan wird auch schon wieder gebaut, nur Edel-Shops, nicht ein Penny, Lidl oder Rossmann, tsts. Die spinnen die Berliner!

    “Mehr Größenwahnarchitektur hätte Hitlers Speer auch kaum hingekriegt. Alles ist überdimensioniert, arrogant und mit falscher Bedeutung aufgeladen – am übelsten präsentiert sich die Deutsche Bahn, die Nachfolgeorganisation des Unternehmens, das einst die Opfer des Faschismus in die KZs transportierte. Der geschmacklose DB-Turm blickt aus toten Fenstern rüber auf den baulich völlig außer Kontrolle geratenen Hauptstadtbahnhof.”

    Nach dem lesen dieser Passage habe ich mir nochmal folgenden Satz durchgelesen:”Berlin brütet bei über 34 Grad. Die Sonne sticht wüstenmäßig…” und sofort war alles klar.
    Mein Tipp: Bei solchem Wetter mehr trinken.

     
    Kommentar von revolvermann am 05.06.08 um 19:53
  2. Nee, mein Lieba, ich hab nix gegen Hochhäuser im Zentrum einer Metropole. Aber was am Potsdamer Platz gebaut wurde, ist einfach nur geschmacksarme Gewaltarchitektur. Auch dass die nebenan Edel-Shops bauen, lässt mich kalt. Den zukünftigen Konsumisten aber schon mal mit gemalten Schaufenstern das Maul wässrig zu machen, finde ich persönlich perfide.
    Und dass du nicht weißt, dass die DB eine Wanderausstellung zur Rolle der Reichsbahn bei den Judendeportationen in die dunkelste Ecke ihres Reichshauptstadtbahnhofs verbannt hat, um so ihre Vergangenheit zu bewältigen, muss daran liegen, dass du insgesamt zu wenig trinkst. Oder zuviel.

     
    Kommentar von Rainer Bartel am 05.06.08 um 21:42

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Artikel.  |  Trackback-URL

Sie müssen eingelogged sein um kommentieren zu können.

blogoscoop