Natürlich ist die Hauptstadt vielerorts fürchterlich aufgeblasen und großspurig. Besonders die Architekturunfälle am Potsdamer Platz und vor allem im Regierungsviertel – allen voran das monströse Kanzleramt. Dafür lebt woanders in der Stadt das einfache Leben. Repräsentiert durch nette, freundliche Menschen mit einem Hang zur Lakonie und durch die frechen Berliner Spatzen. Eigentlich müsste der Haussperling auf das Berlin-Fähnchen und nicht der dümmliche Teddybär. Denn die kleinen Vögel sind überall und spielen immer mit. Im Cafe Egal an der Mierendorfstraße ernähren sie sich zum Beispiel von den Kekskrümeln, die Milchkaffeetrinker verstreuen. Sie sind mobil und furchtlos. Auf dem Spreedampfer scheuen sie sich nicht, auf Stuhllehnen und der Reling zu warten, bis etwas abfällt. Gern fliegen nur wenige Zentimeter an den Köpfen der Touristen vorbei.
Dabei schimpfen sie. So betrachtet kann jeder Spatz sagen: “Ich bin ein Berliner.” Wie beim eingeborenen Menschen ist auch beim Haussperling das Schilpen und Schimpfen nicht böse gemeint – es ist einfach die naturgegebene Lautäußerung. Und irgendwas ist ja immer, worüber man Krach schlagen kann. Denn die anderen sind ja in der Regel doof. Diese Haltung in Verbindung mit maximaler Improvisationsfreude beim Lebensunterhalt ist berlinerisch und dabei auch einigermaßen erfolgreich. Allerdings nur bei echten Berliner Spatzen. Wie der zugewanderte Schwabe im Hauptstadtsumpf niemals zurecht kommen wird, so würde auch – nur als Beispiel – ein Kölner Spatz in Berlin elend zugrunde gehen.
Berliner Spatzen sind da, wo was los ist, aber nur da, wo es nicht aufgeblasen und großmäulig zugeht. Spatzen in Massen findet man an den lebendigen Plätzen überall in der Stadt – von Friedenau bis Charlottenburg. Aber nicht in den Ecken der Stadt, in denen die Macht und der Reichtum den Armen seine hässliche Fratze zeigt und meint, es sei Ästhetik. Der Bereich vom Gewaltbahnhof bis zum Potsdamer Platz, die Linden runter, rechts und links davon, ist spatzenfreie Zone. Wenn ich Spatz wär, würd ich da auch nicht leben wollen.
[...] Platz und lässt es sich schmecken. Dabei bleibt man selten allein. Denn die fetten und frechen Spatzen von Berlin warten schon in Scharen auf die Reste. Die Mätze sind so dreist, dass sie auf dem [...]