Am Mittwoch, den 10.11.2010, starb Manfred J. Heinze
Sach mal selbst, Majo, willst du überhaupt, dass man dir nachruft? Oder soll ich’s halten wie bei Christoph Schlingensief, wo ich doch nichts zu dessen Tod geschrieben habe, und du auch nicht. Mülheim verbindet, auch wenn du ja – das hat man dir ja immer angehört – schon seit Langem ein assimilierter Rheinländer warst. Passend dazu haben wir uns ja in Köln kennengelernt. 1994 war’s. Aus dem Güterbahnhof hatten die Leute aus dem Kapellenstädtchen einen Mediapark gemacht und ins hinterste Eck das Gründerzenrum “Leonardo” gepflanzt. Da bezog ich ein Büro, weil’s mir in Düsseldorf zu langweilig war. Wir wurden Nachbarn. Und waren uns als Altersgenossen auch gleich sympathisch. Man wollte uns fördern, aber wie förderten uns lieber selbst und landeten gemeinsam in einem skurrilen Projekt zur Entwicklung einer Online-Lernumgebung. Online! 1994! Was waren wir unsere Zeit voraus damals, oder? Du erfandest das Lernei, und dann beauftragten wir eine Agentur in Amsterdam mit dem Screendesign. Ich muss noch oft an unsere Fahrt dorthin denken in deinem kleinen, flinken Honda. Später hast du dir ja deinen Porsche-Traum erfüllt. Natürlich wurde aus der Sache nix Greifbares, und das Garantiehonorar kam auch erst Monate nach dem Projekttod. Da war die Sache mit Europort schon realistischer. Die Sache, bei der wir mit der GMD im Schloss Birlinghoven bei St.Augustin kooperierten, hast du über deine Kontakte zur EU eingefädelt.
So hast du mich in die Situation gebracht, frei von jeder Vorkenntnis HTML-Seiten zu programmieren; ja, zu programmieren, denn irgendwelche WYSIWYG-Editoren gab’s 1996 noch nicht. Da war ich dem kölschklüngeligen Mediapark aber auch schon wieder entkommen, und unser Kontakt wurde vorwiegend virtuell und recht dünn. Ein oder zweimal habe ich euch noch in Much besucht und dabei gedacht: Ui, Landleben, hier möcht ich aber auch nicht tot übern Zaun hängen. Aber du hattest dich da im Fachwerk mit Weib, Katzen und Macs prima eingerichtet.
Im Jahr 2002 hatte ich die große Freude, dich bei der monströsen Party zu meinem Fuffzichsten begrüßen zu dürfen. Leider warst du an dem Abend nicht fit, der verqualmte Saal bekam dir nicht, und du verschwandest recht früh. Mönsch, dachte ich, der olle Reval-Raucher kann aber auch nix mehr ab. Denn das war in meiner Erinnerung fest verankert: Majo raucht Reval, und das hört man ihm auch an. Das war dermaßen oldschool, aber das passte auch. Denn du warst im allerbesten Sinn ein Repräsentant unserer Generation: Hochkreativ, extremst kommunikativ, genußorientiert, neugierig, keinem Spaß abgeneigt und mit einer enormen Menschen-(und Katzen-)Liebe ausgestattet. Ja, Majo, du hast uns, die wir in “born in the fifties” sind, alle Ehre gemacht und bestens repräsentiert.
Aber vielleicht war es auch dein Schicksal, aus den 50ern zu stammen. Denn wir werden vermutlich alle am vermaldeiten Krebs sterben. Als wir Kinder waren, haben die Arschgeigen überall oberirdische Atomwaffenversuche veranstaltet. Und die dabei entstehenden, strahlenden Wolken sind um den Erdball gezogen. Kamen auch in Mülheim vorbei und in die Düsseldorf. Und so haben wir vermutlich genug Bequerels geschluckt, um uns langfristig zu vergiften. Na ja, mit dem Lebenswandel in den späten Sechzigern und so weiter haben wir uns natürlich auch bisschen geschadet. Im Februar 2008 hast du das Rauchen aufgegeben. Manche werden nun hinter vorgehaltener Hand sagen: Zu spät… Ich hab’s dir Mitte 09 nachgemacht, und jetzt wo es dich erwischt hat, krieg ich’s mit der Angst.
Aber wenn ich dich dann in diesem Video einer Computerclub2-Sendung aus dem Januar 2008 sehe, hab ich gar keine Angst mehr. Denn wer die Dinge der Welt so locker sehen und erklären kann, der wird auch keine Angst gehabt haben. Außerdem: Wer sich freiwillig auf ein Trike setzt, der hatse eh nicht alle – da hab ich ja in deinem Blog IT&W fein gegen polemisiert. Apropos IT&W: Du bist ja auch schuld, dass ich 2002 mit dem Bloggen angefangen habe. Da hatte ich dein Weblog mit diesem majo-typischen Name “Industrial Witchcraft & Technology” entdeckt und gedacht: Hey, was der kann, kann ich schon lange. Und dass der letzte Beitrag, den du selbst dort gepostet hast, was Lustiges ist, muss auch als majo-typisch betrachtet werden. Und deshalb war es mir auch eine Ehre, seit einiger Zeit zur “Old Fart Competition” beitragen zu dürfen – genau wie der Schockwellenreiter, der alte Sack.
Warum du so ein extremer Mac-Freund gewesen bist? Ich kann’s mir vorstellen, und du hast es ja auch oft und gern und öffentlich gesagt: Weil bei den Macs alles so schön, elegant und einfach geht. Ich denke, das mit der Eleganz war dir auch wichtig. Vielleicht weil es dem ganzen Technikkram eine kulturell wichtige Dimension hinzufügt. Wer in Second Life das Bayern vom Kini Ludwig nachbauen möchte, wer sich als Steampunk sieht und Doug Adams verehrt, kann kein Technokrat sein, sondern muss an das Schöpferische im Menschen glauben.
In deiner letzten Mail an mich schreibst du, es täte dir zu viel Ehre an, dich mit den Ko-Mülheimern Christoph Schlingensief und Helge Schneider in einem Atemzug zu nennen. Weißte was? Ich bin sicher, dass es absolut notwendig ist, den Manfred J. Heinze, den sie alle “Majo” nannten, mit diesen Herren in eine Tüte zu tun. Mach’s gut, woimmer du jetzt bist.
Nachtrag: Hier erzählt der Märchenonkel Majo eine feine Geschichte [via BlogRead].
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