Wenn Wolfgang Neuss noch lebte

Von Führern, Messiassen und Pragmatikern

Folge 9 von 26 in Wahljahre

adenauer_1966Nun hat sich ja dieser Tage der Tod des wichtigen Menschen Wolfgang Neuss zum zwanzigsten Mal gejährt. Da lohnt sich ein Schulterblick in die frühen sechziger Jahre des seit Längerem abgelaufenen Jahrhunderts. Denn: “If you would know your history, then you would know where you coming from.” (Buffalo Soldier von Bob Marley). Dieser Neuss war einer der wenigen seiner Zeit, die es mit dem Alten, diesem Kölner mit der klaren Vorstellung und dem großen Propagandatalent, aufgenommen hat. Ansonsten herrschte um 1965 herum Schweigen im Deutschen Wald. Adenauer hat (in dieser Reihenfolge): Altnazis für seine Politik reaktiviert, sich selbst mit seiner eigenen Stimme zum Bunzkanzler gemacht, die Wähler mit 10.000 Russlandheimkehrern bestochen, die Wiedervereinigung verhindert, die Wiederbewaffnung durchgepaukt und Deutschland zur Amikolonie geformt. Punkt. So betrachtet war Konrad Adenauer der neue Führer nach dem vorzeitigen Ende des 1000-jährigen Reiches.

Und die Sozen? Die hatten einen Kurt Schumacher in bester Tradition spezialdemokratischen Antikommunismusses. Es waren ja nicht nur die Faschisten, die eine Endlösung der Kommunistenfrage anstrebten, sondern die Mehrheitssozen der Weimarer Republik, die in Gestalt des Gustav Noske massenhaft Arbeiter niederschießen ließen. Immerhin war die SPD der ersten Jahre noch einen Hauch sozialistisch, was sie aber mit vollen Hosen angesicht der Stimmenanteile der CDU/CSU mit dem Godesberger Programm pflichtschuldigst revidierten. Sie wollten nur eins: Bürgerlich wirken und als vernunftbegabte Pragmatiker gesehen werden. So pendelt das deutsche Volk seit der mit vereinten Kräften von Bürgern und Sozen niedergeschlagenen Revolution von 1919 zwischen Führern und Pragmatikern hin und her.
Wie gesagt: Würdest du deine Geschichte kennen, müsstest du nicht fragen, woher du kommst. Wolfgang Neuss hat in seiner Eigenschaft als Mann mit der Pauke erklärt, wo der Wirtschaftswundermensch herkam. Klar, deutlich, drastisch. Nehmen wir mal die Folgen der Adenauer’schen Mastdarmakrobatik bei Eisenhower & Konsorten. Die trugen uns Deutschen folgendes ein: Eine fortgesetzte Besatzung des Landes durch hochgerüstete US-Truppen und die Existenz als bevorzugtes Ziel soffjetischer Atomraketen. Daran hatte ja sogar noch der Riesenstaatsmann Helmut “Oberleutnant” Schmidt zu knacken. Der, obwohl den Pragmaten mimend, wird inzwischen von den meinungsbildenden Instanzen als ehemaliger Messias gehandelt. Dabei war er auch bloß ein Führer im Sozenkittel.

Die goldenen Sechziger
Glücklich waren die Westdeutschen in den Sechzigern. Die Teller immer noch voll, und jeder Depp konnte sich ein Auto leisten, was zur fortgesetzten Dezimierung der Bevölkerung durch rasant anschwellende Totfahrerei beitrug. Wir waren wieder wer. Jedenfalls aus Sicht der Besatzungsmächte von links des Rheins. Weil wir brav waren. Drüben (auch “drieben” ausgesprochen) waren die bösen Kommunisten deutscher Nationalität dabei, die armen Deutschen, die es 45 nicht mehr über die Elbe geschafft haben, zu knuten. Nix da mit Freiheit. Wobei sich denkfähige Deutsche (auch wieder dieser Neuss!) schon damals fragten, worin genau denn die Freiheit im Westen bestünde. Denn Denk- und Meinungsfreiheit gab’s ja nicht so richtig. Die denk- und meinungsbestimmenden Massenmedien waren ja fein säuberlich nach Schwarz und Rot proporzioniert. Selbst die kleine FDP hatte da wenig zu kamellen. Was gemeint werden durfte, entschieden Gremien, in den auch die Kirchen immer schwer das Wort führen durften.

Adenauer war Erzkathole, also der tiefen Überzeujung, datt der Mensch ansisch nicht in der Lage sei, sein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Im Gegenteil: Man müsse den Menschen an die Hand nehmen und zu seinem Glück zwingen – zum himmlischen wie zum irdischen. Das irdische Glück der frühen Jahre hieß: Eisbein, Volkswagen und Rimini. Freiheit war also im katholisch-kapitalistischen Sinn, die Freiheit sich alles kaufen zu dürfen, was man sich leisten konnte. Ja, da kannten der Kapitalismus und sein schmieriger Freund, der Konsumismus, noch Grenzen: Schulden macht man nicht. Das sah der Soze auch so und strebte im Verein mit den Gewerkschaften an, dass der abhängig Beschäftigte zwar nicht seinen gerechten Lohn, aber genug zur Teilnahme am Konsumzirkus verdienen sollte.
Man war sich einig und schloss folgerichtig eine Große Koalition unter dem nicht ganz überzeugten Dreiviertelnazi Kiesinger zwecks gemeinsamer Bekämpfung der Aufmüpfigen aller Klassen. Ui, da war der Soze plötzlich stolz, auch mal mitregieren zu dürfen und verriet sozialistische Ideale in Nullkommanichts. Flugs ging der Neuss zur APO und freundete sich mit Rudi Dutschke an. Der fand den Neuss klasse, weil der Humor hatte und locker drauf war – also das genaue Gegenteil vom Rudi. Das ergänzte sich ziemlich. Dutschke war der Messias der kleinen, radikalen Minderheit; in der Rolle darf man nicht locker sein, sonst klappt das mit dem Laufen übers Wasser nicht.

Willy, Willy, Willy!
So, so, dachte man im spezialdemokratischen Lager, die haben einen Messias, das können wir auch. Willy Brandt erfand mit Hilfe sozenfreundlicher Werbetexter den opportunistischen Slogan “Mehr Demokratie wagen”. Das klingt gut und verpflichtet zu nichts. Die Bundesbürgerbande, die ein bisschen Aufruhr geschnuppert hatte und freie Liebe erstrebenswert fand (so lange die Ehegattin nicht mitmachte), klebte orange-braune Tapeten und kam sich total frei vor. Deshalb wurde der Willy am Ende einer Willy-wählen-Kampagne gewählt. Da war der Ortsverseinsoze glücklich und entsorgte rasch alle Wahlhelfer, die nicht sein und enden wollten wir er. Brandt stabilisierte die Besatzung der Ostgaue durch die Sowjetunion und nannte das Friedenspolitik.

Lassen wir das so stehen. Und was tat der Neuss derweil? Der suchte sich und fand heraus, dass wer sich sucht, süchtig ist – oder sücht-ich. Das war in jenen Tagen eher unpolitisch, also unsichtbar und führte 1979 zu seiner Verurteilung und acht Jahren auf Bewährung. Der hatte seine außerparlamentarische Opposition durchgezogen und wurde Mönch in einer Zweizimmerwohnung. Von wo aus er bekanntgab, wie der Stand der Dinge wirklich war. Das wollten aber nur verspätete Blumenkinder (die ja immer Spirituelles wittern, wenn sie nix kapieren), anarchistische Bürgersöhnchen und -töchterleins (denen es bekanntlich vordringlich um die Legitmation für Drogenkonsum und Durcheinanderpoppen geht) sowie die wenigen hören, die dem Neuss Klarsicht zutrauten.

Der Oberleutnant
Da war Adenauer schon tot, Brandt abgetreten und das Land in die Hände des Oberleutnants gefallen, der es ja nie so mit der Demokratie hatten, aber ganz doll mit der Staatsräsong. Bekanntlich killt Staatsräsong, und als die Gefangenen von Stammheim verschieden waren, widmete sich der Schmidt mit voller Kraft der Nachrüstung. Trotzdem wählte das Stimmvieh den Kohl. Warum, das weiß bis heute keiner so genau. War aber auch egal, weil nach all der Friedensbewegerei und der versuchten Ökokratur der Alt-K-Grüppler war dem Deutschen eh viel egal. Es begann die Ära des Sich-Lustig-Machens, und Langnese brachte Ich-und-mein-Magnum auf den Markt. Das Denken richtete sich auf Abseitiges, und Vernunft war sowieso Scheiße. Die Leute wurden ganz krumm vor Auf-den-eigenen-Nabel-Gucken und taub vor lauter Auf-den-Bauch-Hören. Da musste nicht mehr viel Gehirn gewaschen werden, denn die Privatversender sorgten für sanfte Narkose.

Nachdem die Aufrichtigen bei den Grünen rausgeekelt worden waren (quasi eine verspätete Kulturrevolution, die Aussteiger zu Bewährung aufs Land schickte), konnten die Bürgerkinder endlich was Eigenes wählen. Konservierung war angesagt: Der Natur und des Status-quoes. Da klumpten sich die Ökos und die Sozen um ein neues Fernziel, das garantiert sozialismusfrei war. Man beschmuste sich, während der dicke Oger diverse Stühle vollfurzte. Im Hintergrund werkelten die Finanzmechaniker an der Entfesselung des Kapitalismusses, und die Genossen drüben dachten teilweise: Bisschen davon könnte nicht schaden. Ja, das DDR-Volk hatte inzwischen seinen Adenauer gelernt und wollte nun auch Eisbein, Volkswagen und Rimini.
Mit gnädiger Hilfe der Allzweckprotestanten, die abzuschaffen Ulbricht und Honecker vergessen hatten, und auf Basis der evangelischen Theorie, nach der Mensch im Hier und Jetzt gut zu sein habe, um das Himmelreich zu erringen, forderten die Bürgerrechtler das bürgerliche Recht auf persönlichen Besitz und Reisefreiheit. Das gab Märtyrer galore, und jeder, der nicht hatte studieren dürfen, war ein Opfer. Studieren durfte im Westen mittlerweile jeder, der sich durchs Abitur gemoggelt hatte. In der Hoffnung qua Studienabschluss einen Beruf ergreifen zu können, der viel Magnum-Eise vertilgbar machen würde, stürzte man sich in die Arbeitslosigkeit. Das war die Freiheit der achtziger, neunziger und dem Besten von heute.

Bulle von Hannover
Kohl fiel plötzlich Gechichte zu. Das hat er ganz richtig erkannt und mit der Beweglichkeit eines Kampfpanzers in Verträge umgesetzt. Da blieb kein Baum stehen, da waren die Rabatten platt, und das Blühen der Landschaften im Osten war für Jahrzehnte unterbunden. Machte nichts, Hauptsache frei. Nun war der Mann, den sie Birne nannten, ja der Pragmatismus in Menschenform. Das wollten die Sozen aber nicht so stehen lassen und mobbten intern alles weg, was nicht bei Drei pragamtisch war. Nach einem Intrigenstadel wie im Boulevardtheater setzte sich der Bulle von Hannover durch – mit freundlicher Unterstützung der grünen Realos, bei denen nur Joschka das Mobbing spezialdemokratischer Prägung überstanden hatte.
Da war der Neuss schon im Sitzen gestorben. Nicht mal das Deutschlandlied-Karaoke der Feistköppe vor dem Reichstag hat er miterleben dürfen. Vielleicht auch besser so, sonst hätte er sich vielleicht angesichts der Schmierenkomödie rund um den Anschluss Mitteldeutschlands totgelacht. Kohl kam weg, weil die Eroberung des Territoriums jenseits der Elbe ganz schön teuer kam. Über das folgende Aufknüpfen des sozialen Netzes zu Gunsten der Haischrecken durch die Schröder-Fischer-Bande sei mal der Mantel des Kopfschüttelns gebreitet. Über das Merkel-Regime schon gar. Da hätte auch der Neuss zu geschwiegen; es hätte seine durch den Genuss von freundlichen Substanzen heftig geweiteten Horizont vermutlich deutlich überschritten.

Da stehen wir nun, und sollen wieder mehrfach wählen. Und zwar Parteien und von Parteien zum Wählen abgestellte Personen. Das wird schwer und kann von Stimmviechern mit Verstand eigentlich nur im Neuss’schen Sinne absolviert werden. Wolfgang, der Kampf geht weiter!


» Pamphlet von Rainer Bartel am 08.05.09 um 14:43 » in Kategorien: Deutschland » 824 x gelesen » 1 x kommentiert
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  1. Ja, zu dem “Arbeiter niederschiessen” kann folgendes nicht unerwähnt bleiben:
    Vor genau 90 Jahren und einem Monat(13.04.1919) sind in Düsseldorf die rebellierenden Spartakisten vom Freikorps Lichtschlag mit Artillerie und Minenwerfern bekämpft worden.
    Es gab 50 Tote in Oberbilk.
    In der offiziellen Düsseldorfer Stadtchronik ist von Regierungstruppen die Rede, die Oberbilk erstürmt hätten.
    Darüberhinaus kommt dieses Geschehnis in vielen Geschichtsbüchern und -darstellungen gar nicht vor.
    Am Oberbilker Markt gilt das einzige offizielle Gedenken Moritz Sommer.
    (Quelle: Wikipedia: “Oberbilker Markt”)

     
    Kommentar von AntonR. am 12.05.09 um 14:56

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