Das Wort zum 17. Juni...

Wunderbare DDR

paulundpaulaUm es gleich klarzustellen: Ich war nie in der DDR. Keinen einzigen Fuß habe ich je auf das Staatsgebiet der Deutschen Demokratischen Republik gesetzt. Keine Klassenfahrt nach Ostberlin. Keine Verwandten in der Zone. Nichts. Die sowjetisch besetzten Ländereien habe ich erst betreten als sie schon nicht mehr besetzt waren: Ost-Berlin im März 1990, Leipzig im Sommer 1990. Ich kannte auch keine DDR-Bürger, nicht einmal einen Flüchtling. Alles was ich über den ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden weiß, weiß ich aus den Medien und den kulturellen Erzeugnissen der Republik. Tatsächlich habe ich jahrelang (etwa von 1965 bis 1990) viel DDR-Literatur gelesen – von Kant und Strittmatter bis Christa Wolf. Die leider in Vergessenheit geratenen wunderbaren Romane der Imrtraud Morgener liebe ich heiß und innig. Und die Filme erst! Nicht nur die mild-dissidentischen Streifen wie “Spur der Steine” oder “Die Legende von Paul und Paula“, sondern auch die Werke mit staatstragender Funktion. Mir kam es in den 25 Jahren DDR-Betrachtung immer so vor, als sei dies der bessere deutsche Staat. Und das trotz Niederschlagung der Aufstände am 17. Juni 1953 (da war ich grad mal 7 Monate alt…) und Todesschüsse an Mauer und Stacheldraht.

Die Ostzone – so sagte man in den Fünfzigern und Sechzigern meist – war bei uns zuhause kein Thema. Der Kommunismus aber sehr wohl; denn da gab es die Tante in Wattenscheid, deren Namen ich vergessen habe, die Kettenraucherin war und wegen ihrer KPD-Mitgliedschaft in den fünfziger Jahren im Gefängnis saß. Wird ja gern vergessen, dass auch die Bundesrepublik Deutschland einige Probleme mit der Demokratie hatte und einem nicht kleinen Teil der Bevölkerung systematisch die Rechte nahm. Es sei auch erinnert an den Arbeiter Philipp Müller, der am 11. Mai 1952 im Umfeld einer Friedensdemonstration in Essen von der Polizei erschossen wurde.
Wie sagt die linke Kandidatin für den Bunzpräs-Job, Luc Jochimsen? “Die DDR war ein Staat, der unverzeihliches Unrecht an seinen Bürgern begangen hat. Nach juristischer Definition war sie allerdings kein Unrechtsstaat!” Passt das nicht auch auf die Bundesrepublik unter Adenauer, Erhard und Kiesinger? Wann ist ein Staat ein Unrechtsstaat? Was bedeutet er überhaupt? Wikipedia sagt, es handele sich um einen politischen Begriff, der erstmals in einer Proklamation des Deutschen Bundestages verwendet wurde, aus Anlass der Erklärung des 17. Juni zum “Tag der Deutschen Einheit”. Man könnte auch sagen: Das Wort “Unrechtsstaat” ist ein Propagandabegriff, den die kapitalistische Bundesrepublik geprägt hat, um die sozialistische DDR zu denunzieren.

Dass nun ausgerechnet dieses Kunstwort, das außerhalb der deutschen Sprache kein Pendant hat, zum Benchmark für demokratische Gesinnung benutzt wird, ist mindestens zynisch. So hat die Sozen-Kraft im Verein mit der Grünen-Tusse versucht, die Linkspartei in NRW anhand dieses Begriffs zu nageln. Die Linke sollte einfach zugeben, dass die DDR ein “Unrechtsstaat” war. Und jetzt hetzt das Scheißblatt gegen die Bunzpräs-Kandidatin, weil auch die den Wert des Wortes anzweifelt.

Wer die DDR retrospektiv bewerten will, kommt um den Systemvergleich einfach nicht herum. Wie gesagt: Auch in der BDR wurden Menschen wegen ihrer politischen Überzeugung eingeknastet. Auch im westlichen Deutschland konnte, wer in den Zeiten der Berufsverbote dem Sozialismus nicht abschwor, nicht mehr werden, was er wollte. Auch im goldenen Westen gab es (und gibt es) Machthaber, die mehr haben und mehr dürfen als das gemeine Volk.
Gerade Ex-DDRler (die ja posthum alle im Widerstand waren…) ereifern sich an dieser Stelle immer und plärren “Aber ihr hattet die Freiheit!” Mit der Rückfrage “Freiheit zu was?” können sie nichts anfangen, weil sie unter Freiheit meist nur Konsum- und Reisefreiheit meinen. Dann auch noch von Konsumzwang in der BRD zu reden, macht diese Sorte Deutsche dann oft sehr, sehr wütend.

Meine (erste) Schwiegermutter war eine glühende Russenhasserin, vermutlich wegen dem, was ihr persönlich Soldaten der Roten Armee angetan hatten, das weiß ich nicht… Jedenfalls war “der Iwan” ihr das Böse an sich. Und für sie galt: Russe = Kommunist und umgekehrt. Deshalb gehörte sie zu den Deutschen, die linke Meinungen gern mit einem “Geh doch nach drüben!” kommentierten. Wie oft bekam ich das zu hören! Nicht nur von der Schwiegermutter. Bis ich an den Punkt gelang, mich zu fragen, ob es nicht wirklich eine Überlegung wert wäre, von Deutschland-West nach Deutschland-Ost zu wechseln.
Meine Vorstellung von der DDR war – wie gesagt – geprägt durch Literatur und Film. Ich bewunderte den Versuch, einen gerechten, antifaschistischen und sozialistischen Staat auf deutschem Boden zu errichten. Und zwar nicht mit viel Staubzucker der Ex-Feinde im Hintern, sondern so zu sagen auf sich selbst gestellt. Mir imponierte der Mut, nicht den einfachen, kapitalistischen Weg zu gehen. Ich empfand es als nützlich und sinnvoll, eine eigene Industrie aufzubauen, die Landwirtschaft zu rationalisieren und den Wohnungsbau auf mglichst effektiv zu organisieren.
Ganz offensichtlich arbeiteten die Deutschen in den ersten fünfzehn, zwanzig Jahren nach der Staatsgründung gern am Aufbau. Wenn auch aus verschiedenen Motiven. Während es hier immer nur um den persönlichen Vorteil und die Kohle ging, schaffte man drüben für den gesellschaftlichen Fortschritt. Das erschien mir besser, weil idealistischer. Es gibt Tausende authentischer Stimmen von DDR-Bürgern jener frühen Jahre, die enthusiastisch über ihren Staat und den Fortschritt berichten.

“Aber der Mangel an Bananen!” höre ich die geistig Armen rufen. Natürlich gab es in der DDR immer erhebliche Versorgungsprobleme. Die waren einerseits den schlechteren Startbedingungen geschuldet, andererseits den diversen Embargos der kapitalistischen gegen die sozialistische Welt und schließlich den mangelhaften Fähigkeiten ausgerechnet der Personen, die angetreten waren, jenen Staat zu lenken. Vielleicht ist das überhaupt die große Tragik der DDR, dass nach Wilhelm Pieck nur noch realitätferne Typen wie Ulbricht oder bösartige Machtmenschen wie Honecker am Ruder waren. Ja, vielleicht werden es die Historiker irgendwann auch so beurteilen, dass es die Honecker-Clique war, die den Staat zunächst qua Stasi zum Überwachungsstaat machte und dann aufgrund absurder Vorstellungen wirtschaftlich ruinierte.

Wie auch immer, wer die DDR einen Unrechtsstaat nennt, stellt die auf eine Stufe mit dem Deutschen Reich der Faschisten. Und das ist Verrat an den vielen Deutschen, die am Aufbau der DDR mitgewirkt haben mit der Überzeugung, das bessere Deutschland zu gestalten. Es wird Zeit, dass sich diese Ex-DDR-Bürger mal zu Wort melden.


» Kommentar von Rainer Bartel am 17.06.10 um 14:22 » in Kategorien: Deutschland » 7.535 x gelesen » 6 x kommentiert
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  1. Ohne jetzt auf alle angesprochenen Punkte eingehen zu wollen – manchen kann ich zustimmen, vielen nicht – möchte ich nur kurz anmerken, dass allein das idealistische Arbeiten für eine für gut gehaltene Sache, diese Sache noch lange nicht zur guten Sache macht. Diesen Schluß ziehst du aber in deinem letzten Absatz.

    Unter einem Unrechtsstaat würde ich einen Staat verstehen, der systematisch Grund- und Menschenrechte seiner Bürger missachtet. Und nachdem man mal so definiert hat, mag man das subsumieren beginnen.

    Beste Grüße

     
    Kommentar von ckd am 17.06.10 um 17:26
  2. Dummerweise wurde die Aufbruchstimmung zum Aufbau einer besseren Gesellschaft mit der Etablierung der bekannten Nomenklatura – sprich der Partei und den angeschlossenen Organisationen – spätestens 1953 erstickt. Verraten worden sind die Deutschen also nur von ihrer eigenen Führung.
    Zudem muss man beachten, unter welchen Bedingungen der gesellschaftliche Umbruch, auch in den Frühphase, durchgeführt wurde. Der Umgang mit kleinen Landwirten z.b.(nicht etwa nur mit Großgrundbesitzern) bei Bodenreform und der späteren Einführung der LPG´s, oder die Behandlung von selbstständigen Handwerkern im weiteren Verlauf der 1950er Jahre, werfen ziemliche Schatten auf die Aufbruchstimmung. Klar, wo gehobelt wird, da fallen Späne. Aber wer möchte schon gerne Holzspan sein?

    Rainer Bartel Antwort vom 17.06.10 20:25:

    Ne, das mit dem Hobel und den Spänen gefällt mir so nicht.
    Etliche Romane drehen sich ja um die Zwangs-LPGisierung in den 50ern und 60ern; da kann man verschiedene Sichtweisen beobachten. Durchgehend ist aber die Erkenntnis, dass ohne Rationalisierung der Landwirtschaft die Versorgung der Bevölkerung damals nicht funktioniert hätte – dafür waren die meisten Klein- und Normalbauern einfach technisch und fachlich zu rückständig.
    Selbstständige Handwerker zu kollektivieren war definitiv ein schlimmer Fehler.

     
    Kommentar von fillbill am 17.06.10 um 20:08
  3. Das mit den Romanen ist so eine Sache. Ich würde mich da eher an wissenschaftliche Texte halten. Es gibt auch die umgekehrte Sichtweise: Bauernfamilien, die seit Generationen ihr Land bestellt haben, wurden städtische Parteimenschen vorgesetzt, die ihnen erklärten, wie Landwirtschaft funktioniert. Manche trieb die erzwungene Kollektivierung entweder in den Selbstmord oder sie flüchtete in den Westen (wo sie übrigens mangels Verfügbarkeit auch kein eigenes Land erhielten). Es handelte sich ja nicht um Genossenschaftsbetriebe, die sich sinnvollerweise landwirtschaftliche Geräte teilten; vielmehr sah man sich übelsten Repressionen ausgesetzt, wenn man nicht mitspielte.

     
    Kommentar von fillbill am 17.06.10 um 22:42
  4. Dem Artikel ist zuzustimmen. Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, mir die DDR zu Lebzeiten oft anzugucken.

    Die im DDR-KZ Höhenschönhausen von der Stasi gemeuchelten Menschen oder die von den DDR-Grenzern wie Tontauben abgeschlachteten Mauertoten hatten ihren Systemvergleich gezogen.

    Heute gehen solche von GEZ-Gebühren gemästeten Personen wie die Kandidatin der Linke hin und relativieren dieses Verbrechersystem. Den Opfern ist es doch egal, welche Uniform ihre Henker tragen.
    (Wobei man anmerken müßte, daß die DDR die Wehrmachtsuniformen 1:1 übernommen hat, insofern waren selbst die Uniformen die selben!)

    Warum ist Frau J. im Westen geblieben, wenn der Arbeiter und Bauernstaat so toll war? Die Menschen der DDR haben 1989 entschieden, in welchem Land sie leben wollen. Ich empfehle das Buch “Die wunderbaren Jahre” von Rainer Kunze, um mal ein “Feeling” für die DDR zu kriegen.

    Und was den Aufbau eines gerechten Systems betrifft, der Glaube an ein “besseres Deutschland” ist wohl am 17.Juni 1953 im Feuer der Sowjetpanzer gestorben. Die Menschen können und müssen einem in der Tat leid tun. Ihr Schicksal sollte uns dazu anhalten, die Versuche all jener geschniegelten Lackaffen zu unterbinden, die unser Leben heutzutage unter dem Deckmäntelchen der Sicherheit
    überwachen und kontrollieren wollen.

    Nur bitte keine neuen Versuche, die DDR widerauferstehen zu lassen. Die ist tot. Schon lange.

     
    Kommentar von Montesquieu am 22.06.10 um 11:48
  5. [...] [...]

     
    Pingback von Anonymous am 08.02.11 um 00:49

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