Als Familien noch zusammenhielten
Dieses Foto [Klick aufs Bild macht's groß] stammt vermutlich aus dem Frühsommer 1960 und zeigt die Familie samt Freunden bei einem Sonntagsausflug, der ein Sportfest zum Ziel hatte. Der freundliche Junge unterhalb des Mannes im schwarzen Anzug, das bin ich. Meine Schwester, damals wohl knapp vier Jahre alt, steht in ihrem geliebten Pflaumenkleid vor der Gruppe. Links von ihr sitzt Tante Thea, rechts im Hintergrund Onkel Walter. Und mein Bruder ist links hinter ihr zu sehen. Und dann sind noch Tante Minka und ihre Tochter (Roswitha?) zu sehen. Das waren alte Bekannte von Tante Thea und Onkel Walter aus Ostpreußen. Ich war immer fasziniert von Minkas ostpreußischer Sprechweise, diesem speziellen Tonfall, der besonderen Melodie und diesen typischen Wörtern wie “Marjellchen”, die man aus der Folklore der Heimatvertriebenen kennt.
Dass Minka und Tochter dabei sind, spricht dafür, dass das Sportfest irgendwo in der Nähe von Waldniel stattfand, also zwischen Mönchengladbach und Schwalmtal, weil die dort wohnten und wir diese Familie recht oft besuchten (dazu demnächst mehr). Allerdings sieht diese Ecke auf dem Foto auch aus wie das Rather Waldstadion… Vermutlich hat Roswitha – so will ich sie jetzt mal nennen – am Sportfest teilgenommen, denn sie trägt einen Turnrock. Bei solchen Sportfesten wurde ja in Gruppen choreografisch geturnt, dabei trugen die Kerle weiße Keilhosen mit Hosenträgern und die Mädchen eben diese weißen Röcke. So weit weg von den Sportinszenierungen der Nazizeit war das damals noch nicht. Kein Wunder, war doch das Funktionärswesen im deutschen Spocht bis weit in die sechziger Jahre hinein massiv mit Altnazis durchsetzt. Noch in meinen ersten Jahren am Gymnasium (also etwa 1962 bis 1965) galten immer die Sportlehrer als die schlimmsten Nazis…
Tapiau
Wie schon erwähnt: Tante Thea und Onkel Walter waren fast immer dabei, wenn es auf Ausflug ging. Thea war die älteste Schwester meiner Mutter; die Familie stammte aus Tapiau, einer ostpreußischen Kleinstadt an der Stelle, wo die Deime in den Pregel mündet. Heute heißt der Ort, an dem übrigens auch der große deutsche Maler Lovis Corinth geboren wurde, Gwardeisk und gehört zum Oblast Kaliningrad, also Russland.
Tatsächlich war Thea nicht nur sechzehn oder siebzehn Jahre älter als meine Mutter; ihre uneheliche Tochter Eva war kaum jünger und lebte wie eine Schwester bei den Eltern. Insgesamt hatte meine Mutter sieben Geschwister, sie selbst wurde als Nachzüglerin geboren, da war ihre Mutter schon 44 Jahre alt.
Geizige Tante
Von den Geschwistern meiner Mutter waren nach dem Krieg nur noch drei am Leben: Thea, Lisbeth und Walter. Mit Letzterem hatten wir keinerlei Kontakt. Lisbeth war verheiratete mit Fietje und lebte in Hamburg – dazu demnächst mehr. Tante Thea und ihr Mann Walter wohnten dagegen auch in Düsseldorf. Als Kinder fuhren mein Bruder und ich oft selbstständig dahin. Wir stiegen an der Morsestraße in die Linie 4 und durchquerten dann die Innenstadt. Die Stationen gibt es noch heute, und ich kann sie seit Kindertagen auswendig: Fürstenplatz, Helmholtzstraße, Mintropplatz, Haupbahnhof, Worringer Platz, Kölner Straße, Adlerstraße, Rochusmarkt, Derendorfer Straße, Lennéstraße, Vinzenzkrankenhaus. Thea und Walter wohnten auf der Jordanstraße mit Blick auf die Klinik, in der sie später beide sterben würden. Meine Eltern verbrachten auch beide ihre jeweils letzten Stunden in diesem Krankenhaus, das mir so auf ewig verhasst ist.
Walter stand schlimm unter dem Pantoffel. Er arbeitet als Lagerist bei Volkswagen Nordrhein. Die beiden hatten keine Kinder, aber Thea hatte nie einen Job. Beide galten als extrem geizig. Onkel Walter meinte einmal bei einer Familienfeier: “Klar könnte ich mir vom Ersparten einen Mercedes kaufen. Will ich aber nicht.” Tatsächlich hatte er nicht einmal einen Führerschein, und die beiden sparten viel Geld, weil sie immer für lau bei uns mitfuhren.
Als Vorschulkind war ich trotzdem recht gern bei Tante Thea. Sie nahm mich immer mit zum Einkaufen. In jenen Jahren (so zwischen 1955 und 1958) eröffneten die ersten Supermärkte – z.B. Kaiser’s Kaffeegeschäft an der Ecke Derendorfer Straße / Liebigstraße. Meine Tante war ganz heiß auf solche Eröffnungen, weil es da Werbegeschenke abzugreifen gab. In einem Fall – das muss am Münsterplkatz gewesen sein – gingen wir innerhalb von etwa zwei Stunden etliche Male in den Supermarkt, um so möglichst viel Gratiszeug abzuräumen. Am schönsten fand ich das Milchgeschäft auf der Ecke Rather Straße / Becherstraße; das war hochmodern und chromglänzend, ganz anders als das Milchgeschäft Nassenstein bei uns auf der Corneliusstraße.
Die Sparsamkeit der Tante zeigte sich auch beim Essen. Uns Kinder verwöhnte sie mit Schokoladensuppe – das war nichts anderes als Schokopuddingpulver, das mit Wasser statt Milch angerührt und stark gesüßt wurde. Anstelle von Schlagsahne benutzte sie Eischnee um dekorative Häufchen auf die Suppe zu setzen.
Tante Thea und Onkel Walter sind auf sehr, sehr vielen Familienfotos zu sehen, viel öfter als z.B. Onkel Harald, der Bruder meines Vaters, und dessen Frau Gerda. Die fuhren auch nur mit, wenn wir die Stiefmutter von Harald und meinem Vater in Schlewswig-Holstein besuchten…