Das Foto zum Vatertag
Seit über 40 Jahre wünsche ich mir, ich hätte einen Vater, dem ich zum Vatertag gratulieren könnte. Oder: Mit dem wir, seine Söhne, die inzwischen auch Väter sind, diesen Tag feiern könnten. Natürlich vermisse ich meinen Vater auch an anderen Tagen im Jahr. Zum Beispiel ganz oft, wenn ich im Stadion stehe und die Fortuna anfeuere. Er hat mir ja schließlich diesen Virus eingepflanzt und uns zum Fußball mitgenommen als wir noch ganz klein waren. Er wäre im vergangenen Oktober 86 Jahre alt geworden. Wenn er noch leben würde und noch halbwegs fit, dann würde ich ihm zuliebe sogar auf die Sitzplatztribüne gehen – und das will was heißen. So lange ich halbwegs erwachsen bin, habe ich ihn immer dann vermisst, wenn ich vor einer schweren Entscheidung stand. Ich hätte gern gehört, wie er die Sache gesehen und was er mir geraten hätte. Besonders schlimm war es an meinem 44. Geburtstag, weil ich an dem Tag älter erstmals älter war als mein Vater es je wurde. Die Bilder dieser Serie sind ein wichtiger Teil seines Vermächtnisses. Viel mehr hat er uns nicht hinterlassen – ein paar Liebesbriefe an unsere Mutter aus den frühen Jahren, viele Schwarzweißfotos und natürlich viele Erinnerungen an Spaziergänge, Familenfeste, Urlaubsreisen und so weiter. Das heutige Dia ist eines der letzten Fotos [Klick aufs Bild macht's groß], das von ihm aufgenommen wurde.
Vermutlich stammt es aus dem Winter 1966/67. Im Juni ist mein Vater nach einer Serie erfolgloser Operationen gestorben. Wahrscheinlich hat mein Bruder dieses Dia geknipst, denn der nahm in diesem Kegelclub bereits ein bisschen die Rolle des Nachfolgers ein. Dabei handelte es sich um eine Runde von Kegelbrüdern, die gleichzeitig Kollegen bei der Hirschbrauerei Düsseldorf waren. Gekegelt wurde auf einer der Bahnen im “Düsselbräu”, dem Brauereiausschank an der Ecke Tussmanstr./Lennéstr., direkt gegenüber des Brauereigeländes. Das Eckhaus hat mein Vater entworfen und gebaut, und wir wohnten in der obersten Etage. Eigentlich hat mein Vater, der als Architekt angestellt war, fast ausschließlich Gaststätten geplant und realisiert. Viele davon trugen in den fünfziger Jahren noch die Spuren des Krieges und wurden dann modernisiert. Mein Vater pflegte einen besonderen Stil, den man in mancher Kneipe in Düsseldorf und Krefeld heute noch sehen kann. So hatte er einen Faible für Terrazzo-Fußböden, ein Material, das man jeute kaum noch kennt. Dann war er ein totaler Fan der indirekten Beleuchtung. Meistens brachte er überm Tresen unter einer Kragung versteckte Neonröhren an oder solch organische Ausschnitte in der Decke mit indirektem Licht. Schließlich war er auch noch ganz verrückt nach Rauputzfresken. Das muss ihm der Malermeister Lechleitner, mit dem er viel zusammenarbeitet und befreundet war, eingeredet haben. Dabei werden mehrere, verschiedenfarbige Putzschichten aufgetragen und Teile so ausgespart, dass sich aus den unterschiedlichen Farben das Bildmotiv ergibt. In reinster Form hat er seinen Stil in ebenjenem “Düsselbräu” und in der Gaststätte der Jägers in Krefeld verwirklicht – beide Objekte entstanden zwischen 1959 und 1961.
Leider zählt dieses Dia zu den technisch schlechteren, sodass einiges nicht gut zu erkennen ist. Am Tisch sitzen die Kollegen. Ganz hinten steht natürlich das Altbierfass, in dem sich das beliebte “Düssel” befand, die Altbiermarke der Hirschbrauerei. Die Idee, die der alte Päffgen schon in den ersten Nachkriegsjahren hatte, eine eigene Marke zu kreieren, die genauso bekannt und wichtig würde wie der Begriff “Altbier” selbst. Und das klappte sogar ganz gut, denn in einer Düssel-Alt-Kneipe rief der Gast nicht “Tu misch ma n Alt”, sondern “Donn misch noch n Düssel”. Vorgebeugt am Fass sitzt einer der beiden Chef, Richard Paefgen, der “Assessor“. Der war mehr für das Betriebswirtschaftliche zuständig. Sein deutlich lebensfroherer Bruder Erich, Prinz Karneval von 1951, der “Braumeister”, verantwortete das eigentliche Biergeschäft und das, was man heute Marketing nennen würde. Bei den anderen hemdsärmeligen Herren am Tisch handelt es sich sozusagen um die Manager der Hirschbrauerei.
Mein Vater war ein klassischer sozialer Aufsteiger. Er entstammte einer Arbeiterfamilie aus Stettin und hatte Maurer gelernt. Nach dem Krieg arbeitete er zunächst als Bauarbeiter, bildete sich aber in Abendkursen zum Maurerpolier weiter. Dann spezialisierte er sich auf Betonbau und wurde schließlich – ebenfalls durch ein Heimstadium – Architekt der Richtung Bauingenieur. Dass er bei der Brauerei landete, war ein Zufall wie er in den Nachkriegsjahren oft passierte.
Mein Vater war Ende 1947 aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt und hatte seine Stiefmutter gefunden, die aus Stettin nach Schleswig-Holstein geflüchtet war; genauer: nach Sande in Nordfriesland, nicht weit entfernt von Niebüll und Husum. Die war auf demselben Bauernhof einquartiert wie meine Mutter und deren Mutter. So lernten sich Erna und Martin kennen. Mein Vater bekam einen Job auf dem Bau in Kiel. Dann kam der Bauunternehmer Grünzig aus Düsseldorf und warb Leute an mit dem Versprechen, sie bekämen alle Wohnungen für ihre Familien im ersten Wohnhaus, das sie wieder bewohnbar machen würden. So landeten meine Eltern und mein im Oktober 1948 geborener Bruder im Jahr 1951 in Düsseldorf. Unsere Wohnung lag im fünften Stock, die Räume hatten halbe Schrägen. Neben uns wohnte die Familie Schönerstedt. Die Toilette war auf halber Treppe. Und dann gab es noch ein winziges Zimmer unter der Schräge zum Hof hin. Da passte gerade mal ein Bett hinein und winziger Tisch. Das Zimmer war vermietet an Resi, eine nach damaligen Maßstäben sehr schöne Frau, die eigentlich Therese hieß. Resi – in etwa der Typ Sophia Loren – arbeitet als Schönheitstänzerin in der Nachtbar mit dem schönen Namen “Bocksbeutel”. Dort lernte sie den Braumeister kennen. Sie verliebten sich ineinander, und Resi machte Erich Paefgen mit meinem Vater bekannt, der gerade seine Fortbildung abgeschlossen hatte. So kam er als Architekt zur Brauerei.
Natürlich war allein schon diese Anstellung Ausdruck eines ungeheuren sozialen Aufstiegs. Tatsächlich übernahm mein Vater mit den Jahren mehr und mehr Aufgaben im Marketing, stellte Kontakte zu Partnerbrauereien her und zu Bierverlagen weit außerhalb des eigentlichen Vertriebsgebiets. Je weniger Gaststätten es zu renovieren gab, desto mehr wurde mein Vater mit anderen Tätigkeiten betraut. Wer weiß, was er in der Hirschbrauerei oder bei anderer Brauerei noch geworden wäre – er war ja erst 43 als er starb. Und so zählte er damals schon zum engsten Führungskreis der Firma.
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