Die Wahrheit über den herrschenden Kapitalismus

Arbeiten Kaufen Sterben

Im Frühjahr 2009 tauchten hier im Süden Düsseldorfs an Laternenpfählen, auf Stromkästen und an Haltestellen so genannte “Spuckis” der abgebildeten Art auf. Peter Bürger hat auf Telepolis im März diesen Jahres geschrieben und dazu auch mit dem dahinter stehenden Aktivisten “Jonathan” gesprochen. Er weiß zu berichten, dass diese subversiven Aufkleber mittlerweile kopiert wurden und sich bis nach Belgien verbreitet haben. Seitdem ich im Frühsommer 2009 die ersten Dinger sah, bin ich fasziniert von der Klarheit der Botschaft, die viel weniger banal ist als man denken mag. Denn eigentlich beschreibt Jonathan mit dieser Polemik den Zustand des Kapitalismus der Gegenwart und vor allem der Zukunft. Meine Sichtweise ist inzwischen, dass es der entfesselte Konsumismus ist, der den Kapitalismus überhaupt noch am Leben hält, und dass diese Entfesselung fast zwangsläufig in die komplette Zerstörung der Lebensbedingungen der Menschen mündet. Also auf ökologischer UND sozialer Ebene. Das Prinzip des Kapitalismus ist ja das Erwirtschaften von Mehrwert als Profit für die Kapitaleigner.

Das Prinzip basiert auf fortwährendem Wachstum. Fortwährendes Wachstum verbraucht aber die natürlichen Ressourcen. Diese sind begrenzt. Insbesondere natürlich die fossilen Energieträger und die Rohstoffe, die für die industrielle Produktion gebraucht werden. Das hat der Club of Rome schon 1972 in seiner Studie “Die Grenzen des Wachstums” hinreichend bewiesen. Was wir seit etwa zwei Jahrzehnten – also seit dem Ende der sozialistischen Staaten – erleben ist der Versuch des kapitalistischen Systems, Wachstum ohne Ressourcenverbrauch zu realisieren. Nicht Produktionszahlen wachsen, sondern nur noch virtuelle Kapitalströme. Und das geht nur dadurch, dass immer mehr Menschen (und Organisationen) immer mehr und immer größere Verbindlichkeiten aufnehmen. Die Kehrseite davon ist das Entstehen von Spekulationsblasen. Zigtausende US-Bürger mit geringem Einkommen kauften in den Nullerjahren Häuser, ohne über Eigenkapital zu verfügen und ohne wirklich ausreichende Einnahmen zum Bezahlen von Zinsen und Tilgung. Man hatte ihnen eingeredet, dass die Immobilienpreise immer weiter steigern würden, sodass ihr Haus nach eine paar Jahren viel mehr wert wäre als beim Kauf und sie die Hypotheken notfalls durch den Ertrag beim Verkauf ablösen könnten und dann noch Gewinn machen würden. Wie wir wissen kam es (natürlich!) anders. Das Gesetz von Angebot und Nachfrage schlug gnadenlos zu: Die Käufer litten infolge der lahmenden Wirtschaft unter sinkenden Einnahmen, viele wollten verkaufen, und je mehr verkaufen wollten, desto niederiger sanken die Preise. Mit den Erlösen konnten die Hypotheken nicht mehr restlos abgelöst werden, die geldgebenden Banken saßen bald auf einem Haufen notleidender Kredite. Da Finanzjongleure die Hypotheken paketweise als Spekulationsobjekte missbraucht hatten, platze die Blase – die Folgen sind bekannt.

Auch wenn es sich beim Platzen von Blasen, die durch Wertpapier-, Rohstoff- und Immobilienspekulationen entstanden sind, um spektakuläre Ereignisse mit weltweiter Wirkung handelt: Das Grundprinzip bestimmt inzwischen die Konsumgüterbranchen durchgehend. Die Mitarbeiter einer großen Kette im Bereich Unterhaltungsindustrie werden kaum noch für die Produktberatung geschult, dafür aber massiv für das Verkaufen von Finanzierungen an die Käufer ausgebildet. Die Bonuszahlungen für diese Mitarbeiter werden nicht in Relation zu den erzielten Verkaufsumsätzen berechnet, sondern nur noch anhand der erzielten Finanzierungsabschlüsse. Die Provisionen, die solche Ketten von den kreditgebenden Banken für vermittelte Anschaffungsdarlehen kassieren, bringen mittlerweile fast ebensoviel Umsatz wie der eigentlich Vetrieb der Produkte. Gerade in diesem Bereich (U-Elektronik, Elektronik, Möbel, Auto) geht es zunehmend darum, den Menschen Sachen zu verkaufen, die diese nicht brauchen und sich vor allem nicht leisten können. Es sind oft gar nicht die Folgen von unverschuldeter Arbeitslosigkeit, die Leute in die Privatinsolvenz treiben, sondern das schiere Volumen der aufgenommenen Kredite. Wenn eine Familie mit zwei schulpflichtigen Kindern, in der der Mann eine ordentlich bezahlte Vollzeitbeschäftigung hat und die Frau auf 400-Euro-Basis arbeitet, die aufgenommenen Anschaffungsdarlehen monatlich mit rund 500 Euro (dies ein Beispiel aus der RTL-Serie “Raus aus den Schulden“) bedienen muss, dann ist klar: Die haben mehr gekauft als sie sich leisten können.
Das mag man als Versagen der Betroffenen sehen. Oder als Folge der langfristig angelegten, penetranten Gehirnwäsche durch die Reklame, die Medien und – wie eben beschrieben – die Beratung am “Point of Sale”. Dies muss man als immer mehr in den Mittelpunkt rückende Prinzip des Kapitalismus sehen.

Es geht um die Funktion der Menschen für das nötige Wachstum. Im “alten” Kapitalismus ging es um die Ausbeutung der Arbeitskraft der Lohnabhängigen. Jetzt geht es um die Ausbeutung der Kaufkraft der Konsumenten. Mit “Kaufkraft” ist dabei nicht das tatsächlich verfügbare Einkommen oder die vorhandenen monetären Rücklagen gemeint, sondern eine abstrakte Größe, die man vielleicht als Widerstand messen könnte. Menschen, die sich nicht jeden Scheiß aufschwatzen lassen, nicht jeden gerade angesagten Gegenstand, jedes gehypte Produkt kaufen (müssen), haben einen hohen Konsumwiderstand (abgekürzt ?? – die logarithmische Skala reicht von 0 bis 1000) und so einen proportional niedrige Kaufkraft. Menschen, die den “Verlockungen” der verschiedenen Marketingmethoden schlecht widerstehen können, verfügen über einen niedrigen ??-Wert, also über große Kaufkraft.
Der Wert des Menschen für den Kapitalismus könnte in ?? gemessen werden. Nur werden es die kapiatlistischen Gesellschaften nicht hinnehmen, dass ihre Insassen einfach mit einem hohen ?? existieren. Je wichtiger dieses Prinzip für das Überleben des Kapitalismus wird, desto eher und stärker wird Konsumwiderstand sanktioniert werden. Noch spricht man eher mit ironischem Ton von der “Konsumpflicht”; bald wird man es völlig ernst meinen, wenn man Indviduen oder Gruppen vorwirft, ihre Konsumpflicht nicht zu erfüllen. Man wird unterscheiden zwischen idealen Konsumenten (?? <= 10), Normalkonsumenten (?? zwischen 11 und 100), kritischen Konsumenten (?? zwischen 101 und 500) sowie Konsumverweigerern (?? > 500).

Da das entfesselte Konsumieren aber an ein durchgehendes Glücksversprechen gekoppelt ist, werden Menschen mit Konsumwerten unterhalb von ??<200 alles daran setzen, ihre Konsumpflicht zu erfüllen. Sie werden sich einerseits mit großer Rücksichtslosigkeit in der Berufswelt bewegen, um möglichst große Einkommen zu erzielen, die sie beim Konsum einsetzen, und sich andererseits mit maximalem Egoismus in den sozialen Systemen bewegen. Die Auflösung aller Bindungen (Familie, Freundeskreis, Nachbarschaft etc) wird durch diese Personen weiter beschleunigt. Diese Konsumenten werden bemüht sein, so viel zu verdienen, dass sie hohe Schuldenlasten tragen können. Menschen, die es nicht schaffen und in die Insolvenz gehen, werden sie als asoziale Loser betrachten. Können Sie im Konsumkarneval mithalten, werden sie lange glauben, glücklich zu sein. Irgendwann werden die diversen aus dem entfesselten Konsum und/oder der selbstausbeuterischen Arbeit entstandenen Krankheiten auftreten. Sie werden sich vom Schicksal betrogen fühlen, um dann zu sterben.

Arbeiten = Einkommen erzielen, um konsumieren zu können
Kaufen = der Konsumpflicht nachkommen
Sterben = an den Folgen von Arbeit und Konsum krepieren


» Gedanken von Rainer Bartel am 15.07.10 um 14:26 » in Kategorien: Deutschland,Düsseldorf,Wirtschaft » 828 x gelesen » noch kein Kommentar
»   

Noch kein Kommentar

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Artikel.  |  Trackback-URL







Diese Tags sind möglich: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>



blogoscoop