Gastronomie in Friedrichstadt

Bermuda-Vieleck im Viertel

oberbilker_ecke.jpgGerade gestern hatte ich an einem der Rauchertische vor dem Brauereiausschank Schumacher an der Oststraße ein bezeichnendes Gespräch mit zwei mit völlig fremden Mitbürgern. Wir waren uns einig: Kein Düsseldorfer braucht die Altstadt. Zumal diese an den Wochenenden dank der widerlichen Junggesellenabschiedsidioten zu einem Ballermann ohne Strand verkommen ist. Nicht nur deshalb bleibt der Düsseldorfer gastronomisch im Viertel. Nehmen wir als Beispiel den Abschnitt der Oberbilker Allee zwischen Kepler- und Remscheider Straße. Hier existiert, lebt und verwandelt sich eine Szene aus unterschiedlichsten Gaststätten, Cafés und Kneipen. Man sitzt bis weit in den Herbst draußen und freut sich an einer Art mediterranem Flair.

Der Veteran unter den griechischen Imbissbuden ist die “Grillstube Pfeffermühle” an der Ecke zur Phillip-Reis-Straße. Als das Gros der Esser Gyros noch für eine Automarke hielt, drehte sich hier schon Fleisch am Spieß. Die Wirtsfamilie ist tatsächlich schon seit fast 30 Jahren hier am Start und hat alle Wechselfälle der Schnellgastronomie überlebt. Nun kann man das Angebot der Pfeffermühle nicht gerade als kulinarisches Highlight anpreisen – es ist eher typisch für das, was die griechische Küche ein bisschen in Verruf gebracht hat. Dafür sind die Portionen groß, der Service schnell und auf eine sture Art freundlich. Und auch das klassische halbe Hähnchen aus dem Grillschrank, das in der Polstertüte serviert wird, ist zu haben. Wem es nach Gyros mit Pommes gelüstet, der kann das im Sommer auch auf griechischblau gestrichenen Bierbänken vor der Tür tun. Und wer Stammgast ist, der kennt den Standardspruch der Wirtin: “Bisschen Zweibel drauf?”

Kaum ein Jahr gibt es das “Café Konvex” gegenüber. Tatsächlich bewohnt es aber eine der wahren Traditionskneipen des Viertels. Diese wurde in den mittleren fünfziger Jahren renoviert und wurde kaum verändert. Tatsächlich war es mein Vater, der zwischen 1954 und seinem Tod 1967 als angestellter Architekt der Hirschbrauerei Hunderten von Kneipen in der Stadt und im Umland gestaltete, der hier seine Liebelingsidee von der indirekten Beleuchtung über dem Tresen installieren ließ. Bis Mitte der neunziger Jahre war der Laden eine No-Go-Area, weil dumpf und von Tagestrinkern okkupiert. Dann hieß er “Lokal” und pflegte den Stil der frühen Studentenkneipen. Man verstand sich auch als Künstlertreff und bot einen Billardtisch. Leider segnete der Wirt dieses angenehmen Etablissements im vergangenen Jahr das Zeitliche. So wurde das Konvex geboren, das sich eines ausgesprochen jungen Publikums erfreut. Leider steht draußen an der Südsonnenwand keine Bierbank mehr – der ehemals schönste Platz im Lokal.

Drei Häuser weiter in Richtung Corneliusstraße sitzt seit Urzeiten das “Café Knülle”, das übrigens so heißt, weil der Inhaber den Nachnamen Knülle trägt. Das Café Knülle ist ein Institution, und ich habe keine Ahnung, seit wann es im allerschönsten Haus der Oberbilker Allee beheimatet ist – es war vielleicht schon immer da. Drinnen ist es holzbraun und irgendwie altmodisch, was besonders Leute anzieht, die von sich glauben, sie seien kreativ. Draußen sitzt man auf französischen Flechtstühlchen und auf der Fensterbank, trinkt was und liest. Legendär das Imbissortiment: Der warme Paul und der Kalte Heinz sind üppig belegte Baguettehälfte, und die Salate haben Familienformat. Wem das Publikum auf den Sack geht, der kann sich in das äußerst gemütliche Hinterstübchen zurückziehen.

Bis vor rund drei Jahren war das “Keplereck”, das – wie der Name sagt – an der Ecke der Keplerstraße angebracht ist, ein üble, abstoßende Spelunke. Ich weiß nicht, ob es neue Wirtsleute waren, die daraus eine feine Mischung aus Eckkneipe und Kiezcafé gemacht haben. Zur Oberbilker Allee hin schließt die Terrasse des Keplereck gleich an die des Café Knülle an, um die Ecke finden sich zwei schnuckelige Plätze unterm Sonnenschirm. Das Sortiment ist unprätenziös und preiswert. Das Stammpublikum besteht aus den ganzen normalen Leuten, die hier so umherschwirren – morgens trifft man allerdings auch auf die Frühtrinker, die sich den Kneipenbesuch noch leisten können. Drinnen war ich noch nie, werde das aber in diesem Herbst ganz sicher nachholen und mal testen, ob das Keplerck das Zeug zur Stammkneipe hat.

Gleich gegenüber auf der anderen Seite der Oberbilker Allee hat man zur Zeit den traurigen Ausblick auf das Etablissement, das unter dem Namen “Alleeschänke” jahrzehntelang heimlicher Mittelpunkt des Häuserblocks war. Dann wechselten die Besitzer im Jahresrhythmus, und ab etwa 1999 stand der kleine Laden leer. Plötzlich hieß es “Apopsis” und sollte eine Art griechische Bar darstellen. In dieser Zeit waren aber selbst die Öffnungszeiten sehr variabel, sodass ein Besuch nur spontan möglich war. Man munkelte, die Bar sei das Hauptquartier der illegalen, griechischen Sportwettszene, die ohnehin im Viertel (keine Namen, bitte!) ihre Hauptanahmestelle hat. Vor zwei Jahren übernahmen neue Leute das Ding, nannten es “Chez” und versuchten ebenfalls, als Bar zu reüssieren. Aber selbst regelmäßige Live-Auftritte von irgendwelchen unbekannten Singer-Songwritern brachten den Laden nicht nach vorne. Seit ein paar Monaten ist die ehemalige Alleeschänke verriegelt, verrammelt und mit Plakaten verklebt.

An diesen Italiener im Eckhaus zur Hildebrandtstraße knüpfen sich persönliche Erinnerungen, die bis zurück in die 50er reichen, denn da, wo heute das “Vulcano” ist, gab es den zweitwichtigsten Tante-Emma-Laden der Gegend, wo man Süßigkeiten für’n Groschen aus dem Glas ins Tütchen gefüllt bekam und es saure Gurken aus dem Fass gab. Aber auch das Vulcano versorgt das Viertel schon sehr lange mit Pizze(n) und Nudeln. Ursprünglich – also Mitte, Ende der achtziger Jahre – bestand der Laden nur aus einem kleinen Raum mit ein paar Stehtischen, wo man sich mittags die Pizza reinpfiff oder abholte. Seit einigen Jahren hat der Inhaber, ein italienischer Patron wie es nur in der Karikatur gibt, den angrenzenden Laden hinzugenommen, alles miteinander verbunden und die Küche auf höheres Niveau geliftet. Ja, man kann dort ganz gut italienisch essen, aber leider zu Preisen, die der Lage nicht angemessen sind. Dafür erlebt man aber im Sommer ein original Roma-Feeling, wenn man kleinen Tischen auf dem Bürgersteig hockt, etwas isst und später Espresso und Averna schlürft, während der Verkehr vorbeirauscht. Insider-Witz: “Isse nisse ßu ßarf?”

In jeder Hinsicht speziell ist der/die/das “Pitcher” in den Räumen des ehemaligen Domizils. Der unsympathische Wirt und seine unsympathische Mischpoke haben eine sehr eigenartige Szene hergelockt, deren Insassen zum Teil von weit her anreisen, denn man bemüht sich hier um eine Musik, die mit Horror-Metal-Spaßpunk vielleicht ganz gut beschrieben ist. Die Fans dieser Lärmbelästigung hocken bei gutem Wetter auf Bierbänken vor der Tür und führen merkwürdige Gespräche. Bei Fußballmeisterschaften werden die Fenster wechselnd beflaggt und alles live übertragen, aber kein Mensch aus dem Viertel würde einen Fuß in diese Kneipe setzen. Schade, eigentlich, denn das “Domizil” war einst eine Institution, so zu sagen der Prototyp der Hardrock-Kneipe, in der und um die herum sich nicht nur Hardrock-Hörer versammelten, sondern gern auch die politisch Radikalsten ihrer jeweiligen Ära. Dann wurde das Domizil zum Café, das vor sich hindümpelte. 2002 übernahm ein Typ das Ding, nannte es “Café Barcelona” und wunderte sich anhaltend darüber, dass keiner kam. Als “Febster” erlebte die Kneipe ein kurze, wildes, nettes Intermezzo unter dem “Dicken”, der aber gastronomisch nicht so richtig professionell unterwegs war.

Über das “Nudelhaus” wurde hier ja schon berichtet. Eigentlich heißt das Restaurant immer noch “Istakoz” und erfreut sich nach wie vor beim fischessenden Teil der Menschheit sowie ortsansässigen Menschen türkischen Migrationshintergrunds großer Beliebtheit. Das Istakoz ist dabei, in einen Hof an der Emmastraße umzusiedeln, um dort als Fischhalle im Stile des legendären “Caruso” weiterzumachen, und as Nudelhaus will dann da wieder anknüpfen, wo es vor seinem Umzug aus dem niedlichen Laden nebenan einmal war. Dieses Restaurant, indem man die Pasta täglich frisch bastelt und die Sossen à la minute dazu produziert, war – und diesen Ausdruck verwende ich ungern – absoluter Kult. Das lag nicht nur am leckeren Essen (sensationell die Schokoladen-Mousse als Dessert!) oder an der loftigen Atmosphäre, sondern vor allem am Koch und seinem exzellenten Musikgeschmack, den er zur Freude der Esser dort auslebte.

Kommen wir zu einer Lokalität, an der die letzten vierzig jahre spurlos vorbeigegangen sind. “En de Kull” ist eine derart typischen Düsseldorfer Eckkneipe, das man schon beim Betreten grinsen muss. Ja, man hat gebliche Butzenscheiben in den Fensterrahmen. Ja, man muss durch einen Filzvorhang, um zum Tresen vorzudringen. Ja, man spielt hier die Schlager der Sechziger, Siebziger und garantiert nichts von heute. Ja, man serviert hier auch noch Persiko und vermutlich auch Bommi mit Pflaume. Natürlich gibt es Spielautomaten und eine Kegelbahn. En de Kull ist wie auf dem Land: Kommt ein Fremder rein, erstirbt jedes Gespräch. Alle Augen sind auf den neuen Gast gerichtet, und das Servicepersonal fragt wortlos mit einer Kopfbewegung nach dem gewünschten Getränk. Als die Wirtschaft vor etwa anderthalb Jahren renoviert wurde, wunderte man sich im Viertel, was wohl dabei herauskommen würde. Es sei hier verraten: En de Kull sieht noch genauso aus wie vor der Renovierung, nur bisschen sauberer.


» Bericht von Rainer Bartel am 26.09.08 um 14:50 » in Kategorien: Düsseldorf » 1.707 x gelesen » 1 x kommentiert
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  1. vor dem konvex steht aber natürlich noch die bank, selbst auf deinem bild in blau versteckt hinter den tönnchen. ich weiß nicht, ob das jetzt die süd-seite ist, aber ich saß letzte woche sonntags noch zur besten aperitiv-zeit mitten drauf und sehr in der sonne :)
    (und im knülle ess ich den heinz immer warm, den paul aber nie.)

    ach ja. man sollte das viertel noch so lange beleben, wie man drin wohnt.

     
    Kommentar von Lu am 30.09.08 um 11:25

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