Düsseldorf: Wie der Rest-Erwinista die Bürger am Heck vorbeigehen.
Kurzer Rückblick für Nicht-Düsseldorfer und Düsseldorfer, die nicht aufgepasst haben: Der vor anderthalb Jahren verstorbene Oberbürgermeister Joachim Erwin und seine “Erwinista” genannte Kamarilla hat im Jahr 2008 durchgeboxt, dass der bisherige Knotenpunkt des ÖPNV, der Jan-Wellem-Platz, bebaut wird. Das Projekt läuft unter dem Euphemismus “Kö-Bogen”. Sollte das Bauvorhaben zunächst der Trinkaus-Bank (siehe auch: HSBC) zugemauschelt werden, verabschiedete sich das Finanzinstitut nachdem klar war, dass laut EU-Richtlinien ordentlich ausgeschrieben werden musste. Den Zuschlag erhielt dabei ein Konsortium mit dem Bremer Bauunternehmen Zech-Group an der Spitze. Die will die benötigten rund 350 Millionen Euro herbeischaffen, damit die kühnen Pläne des Weltarchitekten Daniel Libeskind verwirklicht werden können. Das Ganze findet am süd-östlichen Rand des zentralen Parks der Stadt, des Hofgartens statt.
Elberfelder Straße
Ein Bürgerbegehren gegen die Planung war im Frühjahr 2008 nicht erfolgreich. Wohl auch, weil bei der Mehrheit der interessierten Bürger Konsens darüber besteht, dass der Jan-Wellem-Platz als Schandfleck der Gegend unbedingt umgewidmet und -gebaut werden muss. Nun muss man klar sagen, dass das Grundstück am Nordende der Königsallee das immobile Filetstück der Stadt schlechthin darstellt. Die stadtplanerischen Vorstellungen des verstorbenen OB gingen aber viel weiter. Im Zuge der Kö-Bogen-Aktionen sollten sowohl die Nord-Süd-, als auch die Ost-West-Straßen in Tunnels gelegt werden. So würde – dies als positiver Aspekt – die durch den fürchterlichen Stadtplaner Tamms erzeugte Spaltung des Hofgartens aufgehoben. Allerdings war das anfangs nicht wirklich so gedacht, denn in den ersten Entwürfen wäre der Süd-Nord-Tunnel genau da aus der Erde gekrochen, wo der Park eigentlich verbunden gehört.
Erwins Phantasien reichten weiter. Da der Tunnel sie überflüssig machen würde, sollte auch die weltberühmte Hochstraße – Spitzname “Tausendfüßler” – zwischen Hofgartenstraße und Berliner Allee fallen, die übrigens unter Denkmalschutz steht. Natürlich trieben weniger ästethische oder gar fußgängerfreundliche Motive den bisweilen größenwahnsinnigen OB, sondern vielmehr knallharte finanztechnische Motive. Die Abschaffung des Tausendfüßlers würde nämlich die Neuplanung eines weiteren Filetstücks rund um die so genannte “Tucht-Insel” ermöglichen. Denn Erwin wollte aus den Erlösen der Immobiliengeschäfte die Tunnelbauten finanzieren.
So weit, so typisch. Tatsächlich konnten aber in der Folge sowohl die Entwürfe von Daniel Libeskind für den eigentlichen Kö-Bogen, als auch die Vorstellungen des Architekten Juan Pablo Molestina und des Landschaftsarchitekten Thomas Fenner, die zu Recht den städtebaulichen Wettbewerb zum zweiten Bauabschnitt gewonnen haben, überzeugen. So wuchs die Akzeptanz des Gesamtprojekts in der Bevölkerung über die Monate kontinuierlich an.
Erwinista-Methode
Da der Baubeginn unmittelbar bevorsteht, startete in diesen Wochen auch die politische Kontrolle des Projekts durch den Rat der Stadt. Dazu war nach der Kommunalwahl die so genannte “kleine Kommission” eingerichtet worden. Die regulär dazu eingeladene SPD verzichtete aus fundamentaloppositionellen Erwägungen auf die Mitwirkung, die anderen Fraktionen hatte man gar nicht erst gefragt. So konnte Planungsdezernet Gregor Bonin, ein Relikt der Ära der Erwinista, alle Details hinter verschlossenen Türen mit seinen Freunden von CDU und FDP ausmauscheln. Nicht einmal OB Dirk Elbers wurde über die Beschlüsse regelmäßig informiert.
Und jetzt ist das Geschrei groß. Denn eher durch Zufall kam heraus, dass während der Bauarbeiten – immerhin über einen Zeitraum von mindestens vier Jahren hinweg – eine so genannte “Entlastungsstraße” den Autoverkehr aufnehmen soll, der von Norden her kommt und in Richtung Altstadt will. Zur Zeit biegen die Fahrzeuge vor der Auffahrt zum Tausendfüßler in die Elberfelder Straße ab, die den Nordrand des Kö-Bogens markiert und zwischen Kaufhof an der Kö und Parkhotel hindurch Richtung Heinrich-Heine-Allee führt. Diese Entlastungsstraße soll am Rand des Hofgartensweihers verkaufen, wo bisher der Fußweg zur Kö entlang führte. Dann wird sie durchs Gebüsch brechen, knapp vorbei am Marmordenkmal, und dann in die Ludwig-Zimmermann-Straße münden; das ist die schmale Stichstraße zwischen Parkhotel und Opernhaus (siehe Fotostrecke).
Der Verkehr, der also momentan drei-, ja vierspurig läuft, soll dann durch den Park und eine einspurige Straße geführt werden. Das mag man sich nicht vorstellen.
Feige Jongens
Neben dieser Information wurde dann in Nebensätzen vermeldet, dass dieser Tage 24 Bäume gefällt werden müsste, um Platz für die Entlastungsstraße zu schaffen. Tatsächlich ist der Fußweg entlang des Weihers mit dem schönen Namen “Landskrone” schon seit Monaten gesperrt. Als Erklärung müssen dubiose Kanalarbeiten im Zusammenhang mit dem U-Bahn-Bau herhalten. Tatsächlich wurde heute sichtbar, dass man schon vor Längerem mit den Vorarbeiten für die Entlastungsstraße begonnen haben muss und dass die Baugruben der notwendigen, straßenbegleitenden Kanalisation dienen.
Bonin und seine kleine Kommission haben also den Düsseldorfer Bürger hinters Licht geführt oder gar belogen.
Das sieht selbst OB Elbers so und forderte mehr Transparenz gegenüber den Bürgern. Nun versteht sich der hiesige Heimatverein mit dem schönen Namen “Düsseldorfer Jonges” als zentrale Bewahrstelle des Hofgartens. Die Jongens, eine durch und durch schwarz-gelbe Organisation mit hohem Klüngel- und Lobbyanteil hat sich nämlich seinerzeit erfolgreich gegen die Versuche des schrecklichen Stadtplaners Tamms gewehrt, den Hofgarten zu beschneiden und Teile des Weihers zuzuschütten. Also machte man Anfang der Woche Bedenken öffentlich, unternahm einen Ortstermin und suchte das Gespräch mit dem OB. Es schien, als würden die Jongens dafür sorgen, dass Alternativlösungen erarbeitet werden. Stattdessen konnte die tiefschwarze Rheinische Post heute eine einschleimende Ergebenheitsadresse der Jongens veröffentlichen. Man stehe in Treue fest zum Projekt “Kö-Bogen” und es sei den Sprecher des Vereins versichert worden, dass es keine Alternative gäbe.
Damit ist alles wieder im Lot; die erwinistischen Methoden haben gewirkt, und alle Beteiligten werden alles dafür tun, dass Gras über die Sache wächst und sich keiner mehr aufregt, wenn die Bäume weg sind und der Autoverkehr durch den Park tobt.


Eins muss man dem Projekt lassen: vernünftiger Weise wird hier der Straßenverkehr und nicht der ÖPNV unter die Erde gelegt. Meinetwegen hätten die die ganze Kaiserstraße inkl. Berliner und Max-Weyhe-Allee unter die Erde legen können (Im übrigen wäre das sowieso meine Vison der autogerechten Stadt: Hauptverkehrsströme unter die Erde…)
Die Begleiterscheinungen – neue Glaspaläste in Welteinheitsarchitektur – sind da nicht so schön…
Nur mal am Rande eine Frage: Was ist der Ursprung des Namens “Tucht-Insel” und was genau wird damit bezeichnet? Etwa der Platz zwischen P&C und dem Woyton?
Die Tuchtinsel ist der Gebäusekomplex in dem sich Woyton, Mexx und der unsägliche Schuhladen befinden. Bis auf die Mexx-Ecke ein Ausbund an 70er-Jahre Schäbigkeit.
Der Link macht klar, warum “Insel”:
Link
Grundsätzlich möchte ich auch gern KEINERLEI Autos mehr in meiner Stadt sehen. Und natürlich ist es aus dieser Sicht besser, die Stinker verschwinden unter Erde als – a la Tamms – die Fußgänger.
Das Problem bei den geplanten Kö-Bogen-Tunneln sind die Rampen, also die Ein- und Ausfahrten. Wie sowas aussieht, kann man ja unter der Oberkasseler Brücke am Rheinufertunnel sehen. Jetzt stell dir so eine Rampe mal zwischen Kaufhof und Parkhotel vor – Horror! Oder am Ende der Schadowstraße! Da blickt man in Schluchten, aus denen die Abgase quellen.
Die richtige Lösung entsprechend einer ökologischen und menschenfreundlichen Stadtplanung wäre es, den motorisierten Indvidualverkehr weitestgehend aus der Innenstadt zu verbannen und auf Ringstraßen zu beschränken. Dort müsste es Parkkeller geben, und wer dann ins Zentrum will, der kann laufen oder mit dem ÖPNV fahren.
Erzähl mir doch keiner, ohne Autos wäre in der Stadt nichts los! Alles bloß Gehirnwäsche…
Am einfachsten wäre letztlich eine City-Maut – meinetwegen für die jetzt bestehende sogenannte Umweltzone. Das würde den Verkehr reduzieren und auch die Feinstaubbelastung. Denn die drei Autos mit roter Plakette oder gar keiner machen den Kohl auch nicht fett…
Die Rampenbauwerke sehen sicherlich nicht schön aus, sind aber nun mal ein notwendiges Übel. Außerdem lassen die sich sicherlich ansprechender bzw. unauffälliger gestalten als das angesprochene Beispiel.
Jedenfalls müssen die Aktionen alle miteinander verzahnt werden. Solange im Grunde eine Konkurrenz zwischen Individualverkehr und ÖPNV besteht, wird sich nichts Grundlegendes ändern. Dann werden eben unterirdische Straßenbahnen gebuddelt und wichtiges Geld verbrannt, um oben frei Fahrt und Platz für geleaste SUVs von Kieferorthopädengattinen zu ermöglichen… ach ich verrenn’ mich grad wieder.
@Tunnelrampen: aber unter dem Tausendfüßler sieht´s aber auch nicht wirklich schön aus, oder? Denkmalschutz hin oder her: den weiss ich gerne als zum Abriß bestimmt. Wir selber würden auch öfter mit der Straßenbahn in die Stadt fahren (müssen noch nicht einmal umsteigen, aber das ist zu viert mit zwei 6-jährigen Kindern einfach zu teuer. Da müsste die Rheinbahn was familienfreundliches anbieten. Oder die PKW-Citymaut müsste das auf ein einheitlich Niveau hieven
)
Und zum Kö-Bogen: es wird danach wohl besser aussehen als jetzt. Der Worringer Platz ist doch grauenhaft. Ist eigentlich eine Neugestaltung des Gustav-Gründgens-Platz angedacht? Da gibt´s auch seit langem Handlungsbedarf.
Ich fürchte ja, dass der Tunnelmund in der Elberfelder ganz furchtbar wird und der an der Kaiserstraße auch… Tatsächlich kenne ich viele Düsseldorfer, die den Tausendfüßler geradezu lieben; ich nicht. Von mir aus kann die Tamms’sche Gewaltfantasie weg.
Weitere Projekte: Den Worringer Platz hat Erwin (RIP) ja auch schon für Mios von Euros “schön” machen lassen. Erfolglos. Jetzt tun sich da gerade die Anwohner und Ladenbesitzer zusammen, um selbst was auf die Beine zu stellen. Baulich wird sich da aber wohl nichts ändern.
Der GG-Platz wird sich mit dem Kö-Bogen II auch ändern, weil da zwei neue Gebäuderiegel entstehen werden; von ungefähr da, wo bisher die Skater waren, bis zum Rand des 3Scheibenhauses. Dadurch soll der Platz “eingefasst” und dann evtl. neu gestaltet werden.
Zitat von Rainer Bartel: “Ich fürchte ja, dass der Tunnelmund in der Elberfelder ganz furchtbar wird und der an der Kaiserstraße auch… Tatsächlich kenne ich viele Düsseldorfer, die den Tausendfüßler geradezu lieben; ich nicht. Von mir aus kann die Tamms’sche Gewaltfantasie weg.”
Dem kann ich mich nur anschliessen. Was die Gestaltung der Tunnelrampen angeht, kann man das eigentlich recht geschmackvoll machen. Beispiel Rheinufertunnel, Nordausgang (Oberkasseler Brücke). Mit ein wenig Kreativität kann man sowas optisch positiv umsetzen.
Ich gehe sogar noch weiter, aber das ist Dir, Rainer, ja auch bekannt: die Wehrhahnlinie ist viel zu kurz! Ein Tunnel von der Schlüterstr. bis zur Uni Klinik hätte in der Tat einen Vorteil für den ÖPNV und den Verkehrsfluss gebracht. Dennnoch hoffe ich, das nach all’ der Buddelei am Ende was sinnvolles bei rumkommt. Eine verkehrsberuhigte Schadowstr. zum Beispiel. Oder endlich die Einheit des Hofgartens (“…die Strasse muss weg!”, “…wir sind ein Park!”
). Es steckt viel Potenzial in dieser, teils zu Recht, umstrittenen Baumaßnahme. Ich hoffe, das man trotz der kommerz Paläste am Ende auch etwas mehr Raum für die Bürger schafft. Das Potenzial ist da.
…und der Grund, daß der Verkehr nicht über die Weyhe-Allee umgeleitet werden kann, war nochmal…?
Da gibt es viele Gründe..
Z.B.
- zu einfach
- da könnte ja der drauf kommen
- da haben die Baufirmen ja nix zu bauen
- da müsste man ja von der Jägerhofstrasse rechts
abbiegen
Mehr fällt mir gerade nicht ein