Die Verwandlung der Corneliusstraße

Die janze Strooß voll Pänz

Folge 4 von 15 in Alte Dias

altedias_karneval_corneliusEs ist nicht so, dass mein Vater nur im Karneval fotografiert hätte. Aber das heutige Dia dokumentiert auch weniger das Brauchtum, als vielmehr ein Stück Düsseldorfer Stadtentwicklung [Klick aufs Bild macht's groß]. Es dürfte von 1959 stammen und zeigt einen kleinen Teil der reichhaltigen Kinderschar vom unteren Ende der Corneliusstraße in Friedrichstadt auf dem Bürgersteig vor dem Haus Nr. 126. Wir wohnten in der Nr. 118; das Gebäude gibt es nicht mehr, an seiner Stelle existiert seit auch schon über 30 Jahren das Hotel Rubin. Das lag daran, dass mein Vater seine berufliche Laufbahn nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft in seinem gelernten Beruf als Maurer begann. Und zwar in Kiel.

Mein Vater stammte aus Stettin und war vom Jahrgang 1923. Irgendwie kam er mit knapp 18 Jahren ins Afrikakorps der Wehrmacht. Nach seinen Erzählungen geriet er bei dem ersten Aufeinandertreffen mit den “Tommies” (so nannte der die Briten … durchaus liebevoll) – ohne einen einzigen Schuss abgefeuert zu haben – wie er immer betonte – in britische Gefangenschaft. Wie viele unter den in Nordafrika gefangen genommenen Deutschen landete er zunächst in Australien, wurde aber im Zuge eines Austausches in die USA verbracht, wo er vermutlich von 1942 bis 1945 im größten Lager für deutsche Kriegsgefangene in Oklahoma lebte. Jedenfalls gelangte er sofort nach Kriegsende nach England, wo er einer Bauernfamilie als Fremdarbeiter zugeteilt wurde. Mein Vater beschrieb die Zeit seiner Gefangenschaft als lehrreiche und angenehme Phase – allerdings hatte er in den USA eine Allergie gegen Corned Beef und Dosenananas entwickelt, weil, so seine Erzählung, es einmal wochenlang jeden Tag davon gegeben habe. Weihnachten 1947 wurde er entlassen, kam nach Deutschland und machte sich auf die Suche nach seiner Familie. Über das Rote Kreuz fand er seine Stiefmutter, die bei einem Bauern in Schleswig-Holstein untergekommen war. Auf demselben Hof lebten meine Mutter und deren Mutter zu jener Zeit; sie waren aus Istpreußendorthin geflüchtet.
So lernten sich meine Eltern kennen und lieben. Schnell fand mein Vater eine Anstellung auf dem Bau. Allerdings in Kiel, wo die Arbeiter in Baracken wohnten. Um zu seiner Liebsten zu kommen, die genau auf der anderen Seite Schleswig-Holsteins wohnte, war er fast fünf Stunden mit dem Zug unterwegs. Und das natürlich immer nur am Sonntag, denn samstags wurde natürlich auch malocht.

Eines Tages kamen Rekrutierer in das Camp und machten den qualifizierten Arbeiter ein Angebot. Kämen sie nach Düsseldorf, bekämen sie im ersten Haus, an dessen Wiederaufbau sie beteiligt seien, eine Wohnung für die Familie. Da war meine Mutter schon schwanger. Mein Vater schlug ein und wurde so Maurer bei der Baufirma Grünzig. So kam es, dass wir eine Dachgeschosswohnung im Haus Corneliusstr. 118 bewohnten. Es gab eine Wohnküche und zwei Zimmer. Die Eltern schließen auf der Ausziehcouch im Wohnzimmer. Im Haus gab es natürlich noch mehr Kinder. Die alleinerziehende Mutter eine Etage unter uns hatte zehn davon – “von zehn verschiedenen Vätern” wurde gemunkelt. Und am Kaffeetisch hieß es “Die wird schon schwanger, wenn sie nur eine Männerunterhose auf der Leine sieht”. Angeblich waren in zwei Fällen irgendwelche Hausierer die Väter…
Im Erdgeschoß lebte eine Familie, die fünf oder sechs Söhne hatten – die galten als böse und gefährlich. Tatsächlich taten sich diese Jungs mit kleinen Diebstählen hervor. Mit der Familie direkt unter uns (drei Kinder) waren unsere Eltern eng befreundet. Alles in allem dürften es in diesem Haus mit seinen zehn Wohnungen rund 25 Kinder gegeben haben; in den Nebenhäusern sah es ähnlich aus.

Die Straße gehörte uns Kindern. Natürlich spielten man draußen. Was zu der Zeit selbst auf der Corneliusstraße nicht besonders gefährlich war. Denn die war zu jener Zeit nicht einmal halb so breit wie heute. Auf dem Dia kann man im Hintergrund noch den alten Bahndamm sehen. Er gehört zu der Strecke, die vom Hauptbahnhof westwärts nach Neuss und weiter führt. Die alte Unterführung war einspurig. Auch für die Straßenbahn gab es nur ein Gleis. Hier fuhr die Linie 4, die an den Krankenanstalten (heute: Uni-Klinik) begann und quer durch die Innenstadt bis zum Schlachthof an der Rather Straße führte. Alle halbe Stunde kam mal ein Auto vorbei. So konnten wir problemlos auf der Fahrbahn spielen.
Spannender waren natürlich die Trümmerhäuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Die hatte man lediglich gesichert, weil der Stadtplaner des Grauens die Verbreiterung der Corneliusstraße vorgesehen hatte und die Ruinen ohnehin wegkämen. An der Kreuzung zur Oberbilker bzw. Bilker Allee hatte man schon neu gebaut: Aber eben um gut zehn, fünfzehn Meter nach Westen versetzt. Für größere Abenteuer in den Trümmerhäusern war ich zu jung (Jahrgang 1952), aber bis in die ersten Etagen kletterte ich auch. Einmal bewarf ich aus dieser Höhe ein vorbeifahrendes Auto aus lauter Spaß an der Freud’ mit Steinchen … und wurde prompt erwischt. Ob meine Eltern was zahlen mussten, weiß ich nicht mehr, nur dass ich den Arsch vollgekriegt habe, daran erinnere ich mich noch.
Die großen Jungs, die “Halbstarken” hatten andere Sachen drauf. Die sprengten ganze Wände, und zwar mit Karbid. Das muss damals ein regelrechter Volkssport gewesen sein, denn von solchen Sprengungen weiß fast jeder Zeitzeuge zu berichten.

Wie gesagt: Noch 1959 war die Corneliusstraße alles andere als eine Durchgangsstraße – zumal auch die Verbindung zum südlichen Zubringer aus schmalen Straßen bestand. Man kann aber auf dem Dia sehen, dass die Arbeiten schon vorbereitet wurden. Im Sommer 1958 – ich war noch kein Schulkind in diesem extrem heißen Sommer… – hatte man auf unserer Straßenseite von der Hausnummer 126 bis über den Fürstenwall hinaus die Bürgersteige aufgerissen und Rohre und Kabel verlegt. Ich hab den Geruch der heißen Teerbinden, mit denen man die Kabel isolierte, noch in der Nase: Es roch irgendwie nach verbranntem Fleisch.
Die eigentlichen Straßenarbeiten begannen dann wohl im Sommer 1959. Damit begann nicht nur die Veränderung der Corneliusstraße, sondern die geplante Stadtzerstörung zugunsten der Autofahrer unter der wir noch heute zu leiden haben.


» Erinnerung von Rainer Bartel am 06.01.10 um 13:38 » in Kategorien: Düsseldorf » 989 x gelesen » 2 x kommentiert
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  1. Das heisst, die gegenüberliegende Strassenseite befand sich damals in etwa dort, wo heute die Gleise der Linie 701 verlaufen? Interessant, das würde mir dann auch verdeutlichen, wie drastisch die Baumaßnahmen zur Corneliusstr. das Stadtbild verändert haben. Frage: war die Mecumstr. zu dieser Zeit denn schon so breit wie heute? Die Papierfabrik müsste damals ja schon dort gewesen sein, oder?

    Rainer Bartel Antwort vom 08.01.10 10:40:

    Die Westseite der Corneliusstraße befand sich etwa da, wo heute das zweite Bahngleis liegt.
    An das Aussehen von Erasmus- und Mecumstraße erinnere ich mich nicht genau, habe aber die Erasmusstraße als genauso breit in Erinnerung wie heute. Und, ja, die Papierfabrik gab es schon.
    Allerdings war das Südufer der Düssel, also die eine Seite der Gurlittstraße nicht bebaut. Da gab es Gärten und Brachland bis dahin, wo heute das BEK-Gebäude steht.

     
    Kommentar von VaterAbraham am 08.01.10 um 08:39

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