2000 - 2009: Was war, was geschah

Die Nuller-Jahre – ein Schulterblick (Teil 1)

touristguyDieses berühmte Fake-Foto ist für mich in vieler Hinsicht das Bild, das die Nuller-Jahre des 21. Jahrhunderts repräsentiert. Einerseits, weil es zum einschneidendsten Ereignis dieses Jahrzehnts gehört und andererseits, weil es viele Aspekte der Entwicklung des Internets in dieser Dekade vorwegnimmt. Bekannt ist der Mann auf dem Bild als “Tourist Guy“. Vorgeblich steht er auf der Aussichtsplattform des WTC-Südturms. Ein Flugzeug ist “zufällig” ins Bild geraten, es fliegt unterhalb der Höhe der Plattform auf den Turm zu. Das alles soll suggerieren, jemand habe per Zufall kurz vor dem Moment auf den Auslöser gedrückt, in dem eines der entführten Flugzeuge einschlug. Dabei handelt es sich bloß um eine – nicht mal besonders gut gemachte Fälschung. Vermutlich hat jemand lediglich zwei Bilder mit MS Paint oder einem anderen Malprogramm zusammengeklebt. Und doch warf dieses Bild in der Folge die andauernde Frage nach Fälschungen per Photoshop auf.

Am 11. September 2001 saß ich in meinem Büro im Gebäude einer Düsseldorfer PR-Agentur. Damals war es noch nicht üblich, dass man von morgens bis abends den Internetbrowser geöffnet hatte, um ständig mit Nachrichten versorgt zu sein. Es muss gegen 15:00 Uhr gewesen sein, als ein Kollege per Rundmail verbreitete, die BILD-Zeitung habe vermeldet, einer der Türme des WTC in New York würde brennen. Ich rief die Website der Zeitung auf und sah das Bild. Dann kam die erste Eilmeldung auf Spiegel-Online: Ein Flugzeug habe das Gebäude gerammt. Jemand rief uns in den Konferenzraum. Dort hatte man CNN eingeschaltet. Und bald saß die halbe Belegschaft vor dem Fernseher und verfolgte das Geschehen bis zu dem Zeitpunkt, an dem beide Türme eingestürzt waren.

Das Lügengeschäft
Noch im alten Jahrtausend, Jahrhundert, Jahrzehnt war ich nach langen Jahren als Freelancer als Berater in diese PR-Agentur eingestiegen. Mitten hinein in den beginnenden Boom des E-Commerce und zugehöriger Internet-Dinge, die sich bald zu Blase aufblähen würden. Nur waren wir 1999 noch naiv. Und vor allem: technik-gläubig. Wir dachten, die technischen Möglichkeiten des Internets würden die Wirtschaftswelt revolutionieren. Wir debattierten über Breitbandnetze, über Rooter und Modems … während haltlose Firmen mit Betrügern an der Spitze weiche Produkte, meist “Lösungen” genannt, für Einsatzzwecke erdachten (aber nie realisierten), die es nicht gab. Probleme wurden erfunden, um Lösungen verkaufen zu können. Jeder beschiss jeden, und wir PR-Hanseln mittendrin. Im Jahr 1999 kam mir das noch vor wie eine lustige Achterbahn, die Arbeit war gut dotierter Selbstzweck.

Wir belogen die Journalisten (damals war PR hauptsächlich Pressearbeit) nach Strich und Faden. Die wussten Bescheid, unsere Auftraggeber wussten Bescheid und wir wussten natürlich Bescheid.

Das kommende Jahrtausend erschien uns – vielleicht in weiser Prophetie – als Drohung. Jeder sprach von Y2K, vom Milleniums-Bug, und nicht bloß irgendwelchen Eso-Schnatzen und Spirituell-Horsts sahen den Weltuntergang kommen. Noch in der Nacht vom 31.12.1999 auf den 01.01.2000 würden weltweit die Computer zusammenbrechen und sämtliche Infrastruktur mit sich reißen.

Geordneter Übergang
Den Start des neuen Jahrtausends, Jahrhunderts, Jahrzehnts verbrachten wir bei bitterster Kälte an einem Strand auf der niederländischen Nordseeinsel Texel. Zu sehen war nur das bisschen mitgebrachte Feuerwerk. Wer einen Laptop dabei hatte, schaltete den später ein um zu prüfen, ob das Betriebssystem noch lebte. Natürlich gab es kein Internet auf der Insel – WLan war noch nicht erfunden, und an UMTS war noch nicht zu denken. Ob es auf Texel ein Internetcafé gab, weiß ich nicht.

Derweil gingen Hunderte inhaltsarmer Unternehmen an die Börsen. Ich lernte die Abkürzung IPO (“Initial Public Offer” = Börsengang) und dass man bei den Anlegern eine Phantasie wecken müsste. Zig Gründer kamen und gingen. Wir wurden engagiert, aber nicht bezahlt. Oder beschimpft. So viel gute Nachrichten wie die Scharlatane mit den Dollarzeichen in den Augen produziert sehen wollten, konnten wir den Journalisten gar nicht einimpfen. Jede neue Firma hatte ein .com oder auch nur .de, aber selten ein Geschäftsmodell.
Und so begann das Platzen der Blase mit dem März 2000. Es blieb nicht das einzige Platzen. Nach und nach entwich aus immer mehr Ballons die heiße Luft, die hineinzumpumpen wir Lügenexperten mitgeholfen hatten. Das zog sich bis weit in das Jahr 2001 hinein.

Anschwellende Angst
Die abgebrühten Zyniker nutzten das Jahr 2000 zum Eintrocknen ihrer Schäfchen. Die Naiven versuchten, die EXPO 2000 in Hannover, die als Weltausstellung herhalten sollte, als optimistisches Zeichen zu deuten. Schließlich war Rot-Grün auf der Höhe der Macht, was ohnehin nur mit Optimismus zu ertragen war. Und trotzdem bekamen es viele langsam mit der Angst zu tun. Wir sollte das nur weitergehen?
PR wurde nun zur Krisen-PR, denn die meisten Aufträge drehten sich darum, die drohende (oder de facto schon eingetretene) Pleite zu vertuschen, positive Meldungen zu produzieren und zu verteilen. Auch die Journalisten waren für jede gute Nachricht dankbar, ahnten sie doch, dass eine Krise auch ihnen ans Leder gehen würde.

Aber an Nachwuchs für die noch nicht ganz geplatzte Blase mangelte es nicht. Typen, die heute den Guru geben, gründeten Webagenturen. Überhaupt: Der Satz “Ihr Unternehmen muss im Internet präsent sein” wurde zur Gebetsmühle. Da aber nur wenige wussten, wie sowas geht, schossen selbsternannte Experten aus dem Boden wie Schimmelpilz. Ein Website-Projekt für ein Unternehmen mit beispielsweise 10 Mio Deutschmark Umsatz konnte sich leicht auf zwei-, dreihunderttausend DM summieren. Heute kriegt man ausgefuchsteste Webauftritte mit allen Glocken und Pfeifen auch schon mal für 20.000 Ocken…
Immer noch sah es so aus, als ginge es um Technik. Da die Nerds der Welt ihr Know-how nicht teilen wollten und/oder konnten, war das Geheimwissen um HTML und Konsorten auf wenige Eierköpfe verteilt. Fiel ein solcher Freak einem faulen Geldgeier in die Hände, wurd flugs eine Firma gegründet, in der der Entwickler für Stundenlohn 24×7 arbeitet, um dem Gründer Hundertausende zu erwirtschaften.

Entdeckung des Fußballs
Mir persönlich wurde vor lauter Globalisierung ganz heimatlieb zumute, und ich entdeckte den Fußballverein meiner Heimatstadt wieder. Dem TSV Fortuna Düsseldorf von 1895 e.V. ging es grad nicht gut. Das hatte auch damit zu tun, dass ein Unternehmer im Stile der modernen Gier Geld investiert hatte, das inkompetente Leute zum Fenster hinauswarfen, sodass der Club fürderhin dick Schulden hatte. Das gepaart mit anhaltendem spochtlichen Misserfolg.

Je mehr ich zu den Spielen von F95 taperte und mir das Elend besah, desto mehr wurde mir klar, wie der entfesselte und globalisierte Turbokapitalismus funktioniert. Alle menschlichen Äußerungen sollten nun als Erlebnis für Geld vertrieben werden. Der Mensch sollte im Wesentlich nur noch als Konsument existieren. So erhoffte man, das große Rad aus Investitionen und Rendite am Drehen zu halten. Am Ende der Nuller-Jahre wurden wir mit der Nase drauf gestoßen, dass dies nicht ewgig so weitergehen konnte.
Je mehr ich aber auch über den methodischen Wahnsinn des Globalkapitalismusses nachdachte, desto mehr schämte ich mich, selbst ein Rädchen im Getriebe zu sein. Also mit meiner Synapsen Arbeit dabei mitzuhelfen, dass Menschen und Organisationen fortwährend Dinge und Leistungen erwerben, die sich entweder nicht brauchen, oder sich nicht leisten können … oder beides.

Die anschwellende Depression
Aber man kann sich selbst prima in die Tasche Lügen. Oder Feinde suchen. Mir fiel das leicht, denn mein Chef erwies sich mehr und mehr als psychopathisches Arschloch mit rassistischen, frauenfeindlichen und gewalttätigen Phantasien. Da war es leicht, dagegen zu sein. So schleppte sich das Jahr 2001 dahin, und es war klar, dass wir nicht den Umsatz des Vorjahres erreichen würden.
Im Sommer während eines Urlaubs auf der griechischen Insel Karpathos zogen schwere private Wolken auf. Und wäre ich nicht so voller Schiss gewesen, hätte ich die Lebensbedingungen schon in diesem Jahr verändert. Stattdessen geschah 9/11…

Eher versehentlich gerieten wir Silvester 2001 mit Leuten, die wir eher als Bekannte, denn als Freunde sahen, auf eine Party von jungen Leuten aus wohlhabendern Kreisen. Man hatte die Werkstatt eines provinziellen Autohauses leergeräumt und mit Theken vollgestellt. Überall standen und hingen Fernseher, auf denen “Pulp Fiction” ohne Ton lief. Das Anstoßen um Mitternacht zählt zu den schwärzesten Momenten in meinem Leben. Mir wurde schlagartig klar, dass in den kapitalistischen Gesellschaften Krieg herrschte – Reich gegen Arm. Und dass die Reichen sich jegliches Scham- und Mitgefühl abtrainiert hatten.

Wildes Wehren
Im Job hatte ich mit Jahresbeginn eine Leck-mich-am-Arsch eingeführt. Den Kollegen in meinem Team erklärte ich nun regelmäßig, dass der Chef ein Arschloch ist und dass wir ein gallisches Dorf in einem psychotisch besetzten Land wären. Vor echter Arbeit drückte ich mich nach Kräften, für meinen Lieblingskunden allein tat ich alles. In diesem Zustand war es leicht, sich die Spiele der Fortuna anzuschauen: Schön, dass da lebende Puppen auf echtem Rasen hinter einem runden Ball herrannten. Das hatte etwas Beruhigendes.
Eine Dienstreise nach Paris nutzte ich dazu, geschlagene 16 Stunden zu Fuß (nur unterbrochen durch ein paar Fahrten mit der Metro…) durch die schönste Stadt des Universums zu streifen, zu schauen und zu denken. Abends kurz vor der Abfahrt des Thalys vom Gare du Nord hatte ich Blut im Schuh – genau wie im März 1990, als ich durch das befreite Berlin gewandert war.

Wir zogen in eine Traumwohnung mit freiem Blick über die S-Bahn-Gleise hinweg auf den Volksgarten. Ganz oben, nur noch Himmel darüber. Es schien alles besser zu werden. Ich ließ mir die Haare wachsen und trug einen Lagerfeld-Zopf. Ich entdeckte die Rockmusik wieder. Und das wilde Denken, die geistige Autonomie.
In dieser Stimmung feierte ich meinen 50. Geburtstag. In einem Jugendheim. Mit Live-Musik, gespielt von einer Düsseldorfer Hardrock-Band im 26. Jahr ihrer Existenz. Und wir heirateten wenig später.

…demnächst mehr…


» Subjektiver Rückblick von Rainer Bartel am 30.12.09 um 15:58 » in Kategorien: Ausland,Deutschland,Düsseldorf,Fortuna,Sport,Wirtschaft » 1.226 x gelesen » 1 x kommentiert
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  1. “…demnächst mehr…”

    Mach schnell!

    Alle Daumen hoch!

     
    Kommentar von lasher am 30.12.09 um 18:11

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