Rosenmontag 1960 in Düsseldorf
Das Foto (Anklicken zum Vergrößern) zeigt Ihren sehr ergebenen Berichterstatter mit Geschwistern bei Tante und Onkel. Es wird am Rosenmontag oder Karnevalssonntag 1960 aufgenommen worden sein, denn wir liefen damals nur an diesen Tagen und am Samstag verkleidet herum. Ein Besuch im Kostüm bei Tante und Onkel gehörte zwingend zum Karnevalsfest. Den Rosenmontagszug sah man sich ebenfalls gemeinsam an. Unser Platz in all den Jahren ab etwa 1954 war gegenüber vom Hotel Eden an der Hüttenstraße. Denn das war nur ein paar Schritte entfernt von dem Haus, in dem die Familie wohnte.
Mein Vater arbeitete in den Fünfzigern bei der Hirschbrauerei Düsseldorf als Architekt. Seine Hauptaufgabe bestand darin, die vielen Gaststätten nach den Kriegszerstörungen wieder aufzubauen und zu modernisieren. Inhaber der Hirschbrauerei war die Familie Paefgen, deren Söhne die Firma in jenen Jahren übernommen hatten. Einer der beiden hatte eine Ausbildung als Braumeister und war für die Produktion verantwortlich, der andere war Jurist, wurde von allen nur “Assessor” genannt und leitete die Geschäfte. Braumeister Erich Paefgen war ein lebenslustiger Kerl. Kein Wunder, dass er 1951 zum Prinz Karneval gewählt wurde. Erich I. war für jeden Spaß zu haben und nahm sogar eine Schallplatte mit einem selbstverfassten Karnevalsschlager auf. “Meine Omma bläst die Tuba” hieß das Lied, wir besaßen eine Schelllackplatte davon, die wir Kinder auch gern mal anhörten.
So kamen meine Eltern zum Karneval. Als Heimatvertriebene aus dem ostpreussischen Tapiau bzw. aus Stettin war ihnen bis dahin der rheinische Karneval ausgesprochen fremd. Zumal der Düsseldorfer Karneval in den Vorkriegsjahren – zumindest als Straßenkarneval – im Vergleich zu den Hochburgen eher unbedeutend war. Im Gegensatz zu Köln hat Düsseldorf keine große Karnevalstradition; erst die feierwilligen Kunststudenten der Schadow-Akademie brachten um die Jahrhundertwende Schwung in die Sache und entwickelten den Saalkarneval. Dabei bezogen sie sich eher auf den venezianischen als den rheinischen Karneval. Das ist der Grund dafür, dass die Frau an der Seite des Karnevalsprinzen in Düsseldorf nicht die “Prinzessin” ist, sondern den Titel “Venetia” trägt.
Düsseldorfer Brauchtumsklüngel
Aber, die Ostflüchtlinge waren ja immens anpassungswillig, und es schien eine gute Gelegenheit, sich mit der neuen Heimat anzufreunden, indem man sich am Karneval beteiligte. Wobei sich die Aktivitäten dabei in engen Grenzen hielten. Über die Brauerei kamen meine Eltern ein ums andere Mal an Karten für das gesellschaftliche Großereignis der Stadt: die Prinzenkürung. Die darf man sich nicht als Spaßveranstaltung vorstellen, sondern eher als eine Art Ball, bei dem die Damen Roben tragen und die Herren teilweise Smoking. Karnevalistisch sind dann nur die winzige Narrenkappe, die in die Hochfrisur betoniert wird, und das größere Pendant auf den Kopf des Herren. Überhaupt spielt der Volkskarneval in dieser Stadt nur eine untergeordnete Rolle, am ehesten noch in den Vierteln, die eigene Umzüge veranstalten. Allen voran natürlich Niederkassel mit dem Tonnenrennen, bei dem das bäuerliche Erbe der Linksrheinischen gepflegt wird. Gerresheim, der Stadtteil im Osten auf den Ausläufern des Bergischen Landes, der sich nach seiner Zwangseingemeindung 1906 nie so ganz zu Düsseldorf gehörig fühlte, hat einen richtigen Zoch am Karnevalssonntag. Genau wie das proletarische Eller.
Aber im Grunde ist der hiesige Karneval nur ein weiteres Element des allgemeinen Klüngels, der nicht nur für Handwerker und kleine Firmen Geschäfstgrundlage ist. Man nennt den Karneval wohl auch deshalb “Winterbrauchtum”. Damit grenzt er sich ab vom “Sommerbrauchtum”, das von den Schützenvereinen zelebriert wird und seinen Höhepunkt in der Großen Kirmes auf den Oberkasseler Rheinwiesen findet. Die Akteure sind jeweils nahezu identisch, und es gehört zur Tradition der größeren Handwerksbetriebe, dass jeweils ein Sohn im Karneval, der andere bei den Schützen aktiv ist. Diese Doppelgleisigkeit des so genannten “Brauchtums” ist eine Düsseldorfer Spezialität. In Köln spielen die Schützen keine so große Rolle im Klüngel, und in der Nachbarstadt Neuss, einer der Hochburgen des deutschen Schützenwesens, findet der Karneval praktisch nicht statt.
Welche Rolle als Lobbyisten-Bühne der Düsseldorfer Karneval spielt, lässt sich auch daran ablesen, dass der ehemalige OB Joachim Erwin seinen Einfluss im Winterbrauchtum durch seine hochaktive Gattin Hille und die ebenfalls karnevalistische Tochter Angela wahrnehmen ließ. Das war umso wichtiger, als ihm als Protestanten das katholisch dominierte Schützenwesen weitestgehend verschlossen blieb.
Fernsehereignis Rosenmontagszug
Wie gesagt: Der Düsseldorfer Karneval findet im Saal statt. Dass der hiesige Rosenmontagszug überhaupt die Bedeutung hat, die man heute annimmt, liegt am Fernsehen. Nachdem Düsseldorf 1946 Landeshauptstadt des merkwürdigen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen geworden war und Köln gegen den Willen Adenauers nicht Bundeshauptstadt, sorgte der Proporz dafür, dass in Köln der Westdeutsche Rundfunk angesiedelt wurde. Denn das Köln der Vorkriegszeit hatte so gar nichts Kulturell-Kreatives; nichts sprach dafür, den WDR dort aufzubauen. Nicht zuletzt durch Adenauers spezifischen, kölschen Klüngel war der WDR bis weit in die sechziger Jahre hinein auch mit Leuten besetzt, die Köln für den Nabel der Welt hielten. So erklärt sich zum Beispiel auch die grandiose Karriere des Millowitsch-Theaters. Um den Nordlichtern vom Ohnesorg-Theater etwas Rheinisches entgegenzusetzen, hievte der Klüngel das bis dahin eher unbedeutende Volkstheater der Familie Millowitsch ins Programm.
Aus ähnlichem Lokalstolz heraus wurde von den WDR-Machern der ersten Jahre auch der Kölner Rosenmontagszug zum TV-Großereignis hochstilisiert.
Es bedurfte massive Einflussnahme von Landespolitikern Düsseldorfer Provenienz, auch den hiesigen Zoch auf die Mattscheibe zu bringen. Erst die TV-Präsenz ließ aus dem eher bescheidenen Umzug der Vorkriegszeit ein Event werden, das scheinbar mit den Kölnern (und den Mainzern) mithalten konnte.
Der andere Karneval
Auch wenn das hiesige Winterbrauchtum nie wirklich Volkskarneval war, haben ihn doch feierfreudige Gruppe ab und an gekapert. So war der Rosenmontag in den sechzigern Jahren der Tag der Altstadt. Ob man nun zum Zoch ging oder nicht: Den Tag in einer Altstadtkneipe zu verbringen, gehörte zum Programm. Das kann man wörtlich nehmen: Gegen elf lief man in der gewählten Kneipe ein, nahm Platz und soff Altbier im Kreise anderer Partypeople bis in den späten Abend. Ich erinnere mich an einen Rosenmontag in der legendäre “Pinte” am Platz zwischen Liefergasse und Mühlenplatz; da war es so voll, dass ich zwischendurch für drei Meter zur Toilette gut eine halbe Stunde brauchte.
Eine Spezialität des Düsseldorfer Karnevals ist der Kö-Karneval, wenn am Sonntag Tausende verkleidet auf die Prachtmeile kommen, um einen leicht chaotischen Umzug zu zelebrieren, bei dem die größten Gefährte Handkarren sind, auf denen Altbierfass und Musikanlage transportiert werden. Die Nacht vom Sonntag auf den Rosenmontag war in den sechziger Jahren die Nacht der Paarung. Bei Einbruch der Dunkelheit zogen die Jugendlichen, zunächst nach Geschlechtern getrennt, durch die Straßen zwischen Berliner Allee und Altstadt mit dem einzigen Ziel, jemanden aufzureißen, mit dem man den Rosenmontag verbringen könnte.
Aber auch die Kunstakademie entdeckte Anfang der siebziger Jahre den Karneval wieder. Und zwar in Gestalt des legendären “Eiskellerballs”. Der war nach der kleinen Straße benannt, die um die Akademie herum zum Rhein führt. Unter der Ägide des legendären Rüdiger Berndt (aka Tschibbi Wich) fanden in den Jahren 1969 bis 1971 unglaubliche Orgien in allen Räumen statt. Da gab es im Keller Planschbecken, in denen eher Ent- als Verkleidete sich tummelten, Räume, in denen zu merkwürdiger Musik merkwürdig getanzt wurde und der Ball im großen Saal, wo von Außenstehenden kaum bemerkt weltbekannte Bands auftraten. Die Legende sagt, dass einer dieser Eiskellerbälle sich – ungeplant! – über zwei Tage und drei Nächte hinzog. Und schließlich ging diese kruze Tradition daran zu Bruch, dass der letzte Ball zu einem Desaster wurde, weil ähnlich wie in Woodstock irgendwann keine Eintrittskarten mehr nötig waren, um hinein zu kommen.
Dieses Jahr hat Düsseldorf einen Karnevalsprinzen, der offen schwul ist. Und das ist auch endlich gut so. Denn mit der Gründung der KG Regenbogen im Jahr 2000 hörte für viele schwule Düsseldorfer, die den Karneval hiesiger Prägung immer schon liebten, das Versteckspiel auf. In welchem Maße der Düsseldorfer Karneval, der sich eigentlich nur aus einem leicht schwermütigen Klüngel speist, die Integration der Schwulen vollzogen hat, ist so erstaunlich wie erfreulich. Wobei dies auch eigentlich nur beweist, dass Homosexuelle auch klüngeln, wenn’s denn dem Geschäft nützt.