Wie der Spiegel mal Blödsinn über Düsseldorf erzählte
Düsseldorfer Altstadt anno 1976
Würd schon gern wissen, wer sich den Spruch von der längsten Theke der Welt ausgedacht hat. Nein, Hans Ludwig Lonsdorfer war’s nicht. Der nutzt die Phrase in seinem legendären Altbierlied von 1978, aber sie ist schon älter. Ja, liebe Kinder, es waren nich Die Toten Hosen, die diesen Song erdichtet haben, sondern der in Düsseldorf weltberühmte Komponist, der 1949 den dollen Karnevalsschlager mit folgendem Titel und Text geschrieben hat: “Du sollst mich lieben für drei tolle Tage, aber nach dem Namen frag mich bitte, bitte nicht”. Ja, so isser, der Rheinländer… Jedenfalls wird die Düsseldorfer Altstadt – nach allem, was ich herausfinden konnte – schon seit den sechziger Jahren als langer Schanktafel bezeichnet. Und zwar deshalb, weil sich hier auf engstem Raum zich Kneipen tummeln. Manche Gasse besteht fast nur aus solchen Gastwirtschaften unterschiedlichster Couleur. Das war, wenn wundert’s, nicht immer so. Und vor allem: In der Altstadt wird erst seit gut 170 Jahren Altbier gebraut und verzehrt! Denn bis weit ins neunzehnte Jahrhundert hinein war Wein das bevorzugte Getränk der Trinker.
Das ist im immer wieder empfehlenswerten Roman “Der Maulkorb” des Düsseldorfer Schriftstellers Heinrich Spoerl nachzulesen, der ja nur mühsam verdeckt, dass es sich bei der preussischen Garnisonsstadt mit dem Denkmal des Königs um das damals noch winzige Düsseldorf handelt. Dort wanken die Suffköppe von Weinstube zu Weinstube – das Restaurant “Weinhaus Tante Anna” ist das letzte seiner Art. Das Bier kam vor allem mit den Hausbrauereien in die Altstadt – und zwar der Uerige, Brauhaus Schumacher und Brauhaus zum Füchschen. Und so gab es Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in der Altstadt eine der Größe des Viertels angemessene Anzahl Gastwirtschaften. Okay, paar mehr als üblich waren es schon, aber die heute noch sichtbare Dichte an alkoholausschenkenden Etablissements entstand erst nach dem Krieg.
Mein Vater war zwischen 1956 und seinem Tod im Jahr 1967 angestellter Architekt der Hirschbrauerei Düsseldorf, aus deren Brauerei an der Tussmannstraße in Pempelfort das legendäre “Düssel Alt” stammte. In seiner Eigenschaft als Baumeister war es seine vordringlichste Aufgabe, die vielen zerstörten oder beschädigten Wirtschaften in der Stadt wieder funktionsfähig zu machen. Als Kind durfte ich ihn gelegentlich begleiten, und so weiß ich, dass es in jenen Jahren weniger Kneipen dort gab.
So richtig populär – auch und gerade bei Zugereisten vom Niederrhein, aus dem Bergischen und dem Ruhrgebiet – wurde die Altstadt erst Mitte der sechziger Jahre, was wohl auch damit zu tun hatte, dass sich die Kneipenkultur an sich änderte und immer mehr junge Leute die Läden okkupierten und dort ihre Musik zum Bier hörten. So gehörte es für uns Sechzehnjährige in den Jahren ab 1969 zum Normalalltag – na ja, zumindest an Freitagen und Samstagen, manchmal auch am Mittwoch -, sich abends mit Freunden in einer Altstadtpinte zu treffen Unser Stammlokal war damals die “Linse” auf der Kurze Straße, heute heißt der Laden “Engelchen”. Damals klebte in der Mitte der Schaufensterscheibe tatsächlich eine gewaltige Glaslinse…
Trotz der wachsenden Popularität fand seinerzeit noch keine Dauerkirmes in den Gassen des Viertels statt. Das lag vor allem daran, dass die Terrassengastronomie – also das Aufstellen von Tischen, Bänken und Stühlen vor den Kneipen – damals noch nicht erlaubt war. An einem trüben Novemberfreitag gegen sieben durch die Straßen dort zu schleichen, war ein einsames Vergnügen, das Leben tobte hinter geschlossenen Türen. Und wurde ab etwa 1970 vor allem von Studenten befeuert. Wer sich auskannte (Und wer kannte sich nicht aus?) wusste genau zu unterscheiden, wer welche Musik in welcher Kneipe hörte, welche Leute dort verkehrten und ob es gefährlich war. Das galt vor allem für die – heute würde man sagen: Kultlokale – folgenden Pinten: Auberge, Weißer Bär, Dä Spiegel, Julio, Pinte, Pille und auf der Ratinger Straße den Hof, die Uel und das Einhorn.
Verpflegung war auf wenige Läden beschränkt. Noch heute gibt es (und das ist ein großes Glück) den Joseph mit seinen jugoslawischen Spezialitäten, und die Auf-die-Hand-Pizzeria an der Ecke Kurze / Mertensgasse war auch schon erfunden. Nicht vergessen darf man aber den fast schon mystischen, von Marius Müller-Westernhagen besungenen Hühner-Hugo. Dabei handelte es sich um eine Hähnchebraterei, die immer bis mindestens Polizeistunde Flattermänner anbot. Pommesbuden kamen später, und die ersten Pizzereien hielten gerade erst Einzug. Übrigens: Büdchen (für Auswärtige: Verkaufskioske) waren bis weit in die achtziger Jahre in der Altstadt verboten.
Und so kommen wir ins Jahr 1976, also jenes Jahr, in dem der weltberühmte Ratinger Hof sich gerade von der kuscheligen Hippie-Bleibe mit Orientteppichen und Sperrmüllsofas in das schmuddelig-kalte Domizil der aufkommenden Punk-Musik-Szene wandelte. In dder merkwürdigen Zwischenzeit, besonders im Jahr 1976 war ich praktisch Stammgast dort. Ich lebte in einer WG mit Leuten, mit denen mich wenig verband, und wanderte jeden Abend von der Klever Straße in die Altstadt. Oberkellner war im Frühjahr/Sommer 1976 der Künstler Rüdiger Berndt, den ich von meiner Studienzeit an der Kunstakademie (1971 – 1976) her kannte. Er trug meist ein rosafarbenes Satinjäckchen auf dessen Rücken in roten Lettern “DKP” stand. In der Regel setzte ich mich auf die halbrunde Eckbank unter dem Fenster und trank genau 10 Alt. Mehr konnte ich mir nicht leisten. Auf diese Weise verfolgte ich übrigens die Olympischen Spiele des Jahres 1976 in Montreal. Unter der Decke über dem Gang zu den Klos hing ein Fernseher – nur der Ton wurde nie angestellt.
Nun fand ich dieser Tage eine Artikel im Spiegel-Archiv:
Fast täglich werden Passanten oder Thekensteher krankenhausreif geschlagen oder mit Schnappmessern angestochen. Mal prügeln sich, wie in der “Kreuzherrenecke”, zehn Polizisten mit Gästen und Personal, angefeuert von dem Kellnerruf: “Das ist die Manier der Altstadt-Bullen — zeigt ihnen, daß sie das nicht mit uns machen können!” Mal machen, wie im September letzten Jahres, Fußballfans aus der Altstadt ein Schlachtfeld — mit zahlreichen Verletzten, darunter Frauen und Kinder. Dann wieder zertrümmern Betrunkene das Mobiliar kleiner Stehkneipen, werden uniformierte Beamte mit Messern angefallen — die Polizei zieht Monat für Monat eine blutige Bilanz. [Der Spiegel 19/1976]
Oha, dachte ich, die spiegel-typische Panikmache gab es auch damals schon. Und plötzlich fiel mir ein, dass ich die beschriebene “Massenschlägerei” vorm “Bobbys” (so nennen wir das “Kreuzherreneck”…) zumindest am Rande mitgekriegt habe. Aber so dramatisch wie vom Verfasser beschrieben war’s gar nicht. Halt eine Klopperei. Da waren die Überfälle der britischen Soldaten um ein Vielfaches schlimmer – und die fanden schon seit den frühen Sechzigern regelmäßig statt. Ich erinnere mich – es muss eher 1977 oder 1978 gewesen sein – daran, dass an einem sehr heißen Sommerabend so um die zwanzig englische Typen, keiner viel größer als ein Hausschwein, mit kurzen Haaren und Bitpull-Fressen in die Ratinger Straße einfielen und sich einmal durch die drei legendären Kneipen prügelten. Ich war gerade in der Uel pinkeln. Als ich rauskam, traf ich auf eine Reihe Leute, die bös gezeichnet waren…
Nun fantasiert der Autor des zitierten Artikels ja Analogien zu St.Pauli herbei. Dabei haben aber die gelegentlichen Boxereien mit den semi-mafiösen tendenzen jener Zeit nichts zu tun. Und weshalb der olle Mattner – mit dem mein Vater sehr befreundet war – in diesem Zusammenhang auftaucht, ist mir schleierhaft.
Insgesamt war es in der Altstadt 1976 deutlich gemütlicher als heute. Die Spanier hatten noch nicht die Schneider-Wibbel-Gasse erobert, und man konnte dort noch entlanggehen, ohne an die Touri-Tische zu stoßen, die kaum noch einen halben Meter Gehweg freilassen. Der Junggesellenabschied war wohl noch nicht erfunden, jedenfalls marodierten noch keine Provinzknallihorden durch die Gassen. Überhaupt war der Anteil an Auswärtigen eher gering – und wenn, dann kamen die Nicht-Düsseldorfer meistens aus Ratingen, Velbert, Hilden, Erkrath, Neuss und Büderich, manchmal sogar aus Krefeld und Duisburg, den diese Städte waren per Straßenbahn angebunden. Auf der Straße wurde nicht gesoffen. Einerseits weil das verboten war und man schonmal Kloppe von einem Kellner risikierte, wenn man vor seiner Pinte mit ner Bierdose erwischt wurde, und andererseits weil es keine Büdchen in der Altstadt gab, in denen sich irgendwelche Testosteronbömbchen mit billigem Alk versorgen konnten. Apropos: Ein Alt (0,2 Liter) kostete damals maximal 1 Mark, was angesichts von Stundenlöhnen von um die 12 Mark für Studenten ziemlich billig war. Heute muss der willige Trinker in den Hausbrauereien mindestens 1,70 Euro pro 0,25-l-Glas rechnen. Damit ist das Bier heute inflationsbereinigt ungefähr um das Dreifache teurer geworden. Schmeckt aber immer noch gut – besonders im Füchschen auf der Ratinger Straße im Gastraum, auf der Bolker Straße vor dem Goldenen Kessel (Schumacher) und natürlich am Rondell gegenüber vom Uerigen unten am alten Hafen.
[Das Foto stammt von Ralf Zeigermann, dem legendären Cartoonist und Herausgeber dieses wunderbaren Buches in der Blechdose zur Geschichte des Ratinger Hofs zwischen 1976 und 1982 - Kaufbefehl!!!]
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War das nicht Hans Lötzsch? Der war doch auch aus Düsseldorf und immer mit lokalem Liedgut unterwegs.
Hier kann man sie auch probehören
http://www.weltbild.de/3/14034784-1/musik/karneval-total.html
[Antwort]
Rainer Bartel Antwort vom 23.12.10 15:19:
Der Lötzsch hat es (natürlich) auch performt – und zwar in einem extrem walzerigen Arrangement. Mir gefällt das Original am besten – das lief ab dem Winter seiner Ankunft immer im Eisstadion an der Brehmstraße, wenn die glorreiche DEG spielte. Dann sangen alle mit, und irgendwann begann der Tonmeister die Plattenmusik auszuschalten, damit man die singenden DEG-Fans besser hören konnte. Wird nun auch gelegentlich bei Spielen der nicht minder glorreichen Fortuna angestimmt – allerdings meint die Mehrheit dann immer, die Version der Toten Hosen imitieren zu müssen; okay, wer -sammerma- 40 oder jünger ist, der wird gar nicht wissen, dass das Altbierlied ursprünglich NICHT von den Hosen ist…
[Antwort]
Michael Antwort vom 23.12.10 16:12:
Die Version von Hans Lötzsch wurde aber anscheinend früher auf eine Platte gepresst, falls die Daten bei Musik-Sammler.de stimmen.
http://www.musik-sammler.de/media/303522
Komisch, ich dachte immer, das wäre deutlich älter.
[Antwort]
Rainer Bartel Antwort vom 23.12.10 16:23:
Ohne es beweisen zu können: Der heute als “Altbierlied” bekannte Schlager vom Lonsdorfer erschien zuerst als B-Seite einer anderen Platte unter dem Titel “…wo bleibt unser Altbier” – das könnte schon zu Karneval 1976 gewesen sein.
(Die Seite “Musiksammler” macht bei mir Zicken – kann da mal jemand nachsehen? Danke)
Musik-Sammler sagt, dass die Single von Lonsdorfer “Ich will in die Altstadt” geheißen hat.
Leider ist das Erscheinungsjahr unbekannt..
[Antwort]
[...] Altstadt um 1976. Vom Altbierlied, dem Bobbys,vom Engelchen, den Bierpreisen und vom Ratinger Hof. [...]