Verfolgungsjagd und Schießerei am Düsseldorfer Hauptbahnhof
Gestern hat ein Typ einer Frau mit einer – nach Polizeiangaben – selbstgebastelten Pistole in den Kopf geschossen. Hunderte Menschen haben die Schießerei am Düsseldorfer Hauptbahnhof mitgekriegt. Und natürlich hat wieder irgendein Handy- oder Smartphone-Idiot draufgehalten als der Täter eine unbeteiligte junge Frau überwältigte und anschoss. Und ebenso natürlich hat das kölsche Schmutzblatt diese Fotos gekauft und veröffentlicht. Man will ja dem anderen Scheißpapier in Sachen Sensation nicht nachstehen. Und natürlich habe ich mir die Bilder trotzdem angeschaut aus lauter Sensationslust. Es sind solche Dramen, die mich immer wieder aufschrecken. Einerseits weil ich wissen möchte, was ist genau geschehen, und andererseits weil ich erkennen möchte, weshalb es zu einem solchen Desaster gekommen ist. Mir ist bewusst, dass ich mich damit in der Grauzone zwischen Neugier und Voyeurismus bewege und schiebe das gern auf meinen Beruf als Schreiber. Der Wunsch nach der Wahrheit ist aber tatsächlich das größere Motiv, weil ich zunehmend weniger Lust habe, mich von den Instanzen verarschen zu lassen. Und nachdem ich mir die Bilder auf EXPRESS.de angesehen hatte, wurde mir mulmig.
Denn ich hatte den Täter morgens (kurz nach neun) im Bahnhof gesehen. Mir war ein Typ in Tarnhose aufgefallen, der einen schmierigen Sonnenschutz trug wie ihn eine Zeitlang die Tennisspieler benutzten. Dazu eine speckige Kunstlederjacke. Sein Gesicht war sonnengegerbt, und für mich war er der Prototyp eines Berbers, der draußen lebt und schläft. Warum, dachte ich bei mir, hat der so’n Ding auf dem Kopf? Soll dieser Schirm seine Indvidualität ausdrücken? Ja, genau solche Gedanken machte ich mir im Vorübergehen. Und als ich auf derselben Höhe mit ihm war – ungefähr auf Höhe des Aufgangs zum Gleis 12 – trafen sich unsere Blicke. In seinem meinte ich, maximal Verzweiflung zu erkennen. Er ging an mir vorbei Richtung Ausgang Konrad-Adenauer-Platz. Ich sah ihm nach. Einige Meter weiter blieb er stehen, ging in die Hocke und senkte den Kopf so tief, das der beinahe zwischen seinen Knie war. Dann richtete er sich wieder auf und bewegte sich zur Rolltreppe runter in den U-Bahnhof.
Nun las ich, dass er von Polizisten verfolgt aus dem Durchgang auf den Vorplatz flüchtete. Zunächst nahm er einen 13-Jährigen als Schutzschild. Dann griff er sich die Frau, warf sie zu Boden und schoss ihr in den Kopf. Und das mit einer angeblich selbstgebastelten, dreiläufigen Schusswaffe. Ich frage mich: Wie baut man sich selbst eine Schusswaffe? Weshalb dreiläufig? Welche Munition verwendet man und wie kommt man daran?
Ich frage mich: Warum wurde der Typ von der Polizei kontrolliert? War er den vielen Beamten, die zurzeit in Uniform (einige) oder in zivil (ziemlich viele) den Bahnhof bewachen, aus demselben Grund aufgefallen wie mir? Weil er über Stunden dort hin und her lief?
Dazu passt eine Beobachtung, die ich nachmittags gegen vier machte, nachdem ich wieder von meinem Termin in Essen zurückgekehrt war. Auch diese Szene spielte sich im Bereich der Straßenbahngleise ab. Ich wartete im Sprühregen auf die 707 oder 708 und ging auf und ab. Zufällig blickte ich in Richtung Graf-Adolf-Straße. Auf demselben Bahnsteig, auf dem ich mich befand, kam mit recht schnellem Schritt ein junger, ausgesprochen dandyhaft gekleideter Mann auf mich zu und an mir vorbei. Er kreuzte die Gleise und steuerte das Wartehäuschen an der Bushaltestelle an. Etwa zwanzig, dreißg Meter hinter ihm folgte ein untersetzter Kerl in Jeansjacke, der eine professionelle Digital-Spiegelreflexkamera in der Hand hielt. Der blieb kurz stehen und löst sieben, acht, zehn Mal aus, das Objektiv auf den jungen Mann gerichtet.
Ich hatte die Idee, dass hier Werbefotos gemacht würden, dass also der Dandy ein männliches Model wäre und der andere der Fotograf. Aber der Mann mit der Kamera bewegte sich möglichst unauffällig, suchte weitere Positionen auf, nie näher als fünf, sechs Meter von der Bushaltestelle entfernt, und machte mehr Aufnahmen. Der junge Mann im mittelblauen Jackett mit der hellblauen Hose bemerkte das nicht. Dann wechselte der Fotograf auf den Nachbarbahnsteig. Schaute sich ein paar Mal um. Ich fixierte ihn, er bemerkte das und begann wegzurennen. Die 709 fuhr ein und versperrte mir den Blick. Als die Bahn wieder weg war, war auch der Mann mit dem Fotoapparat verschwunden. Der junge Mann im Wartehäuschen rauchte eine Zigarette.
RSS-Feed für Kommentare zu diesem Artikel.
Dieser Artikel kann nicht kommentiert werden.