Hybris der Werber: Ideen statt Einfälle

grey_ideen.jpgHaben Werbefuzzis wirklich Ideen? Wohl eher nicht, denn wenn überhaupt, dann entspringen den dressierten und gedopten Hirnen dieser Typen Einfälle. Inwieweit die penetrierende Wirkung der Selbst-bespiegelung der Werber als “Kreative” dazu geführt hat, dass selbst Wikipedia inzwischen angibt, heute verstehe man unter einer Idee einen Einfall oder einen neuen Gedanken, müsste mal analysiert werden. Jedenfalls haben die Reklameheinis es geschafft, diesen wichtigen Begriff der Geistesgeschichte für sich zu pachten (wie man marketingisch auch sagt). Das ist so pervers wie das ganze Geschäft dieser sinnlosen Bande. Und sie beharren darauf, damit ihnen die Nichtsnutzigkeit ihres Tuns nicht ständig um die Ohren fliegt.

Das jüngstes Beispiel lässt sich Umfeld der riesengroßen Werbeagentur Grey in Düsseldorf finden. Hatte man über Jahre in diversen Gebäuden an der Cornelius- (aka “Giftmeile”) und Hüttenstraße gehaust, ist der Verein nun in den Düsseldorfer Norden in ein neues Domizil an der guten, alten Roßstraße umgezogen.

Nun klingt “Roßstraße” nicht nur für Düsseldorfer Ohren eher nach Pferdefuhrwerk, Altbauten und Ausfallstraße – nicht besonders nett für ein Propagandaunternehmen. Also hat man es sich herausgenommen, den neuen Ort des Handelns einfach umzubenennen. “Platz der Ideen” soll die Landmarke des Werbewahnsinns zukünftig heißen. Damit soll signalisiert werden, dass genau hier, auf dem Gelände der alten Ulanen-Kaserne, einem neuen In-Viertel der Stadt, die Ideen geboren werden, mit denen man dem wehrlosen Bürger Zeuch aufschwatzt, das er weder braucht noch will und sich eventuell gar nicht leisten kann. Die Stadt Düsseldorf mit ihren vorwiegend wirtschaftshörigen Lokalpolitikern hat sich dagegen selbstredend nicht gewehrt, hoffen die dumpfen Bankdrücker im Rathaus doch, es möge ein wenig kreativer Glanz vom Werbe-Clan auf sie abfärben. Und so kann in dieser Stadt eine Firma bestimmen, wie eine Straße heißen soll.

Das ist nicht das erste Mal, denn schon die Victoria-Versicherung hat es sich herausgenommen, den öden Platz vor ihrem Hauptquartier mit dem eigenen Firmennamen zu versehen, auf dass es auch eine U-Bahn-Station namens “Victoriaplatz” gebe. Und auch das fragwürdige Energieunternehmen E.on hat es geschafft, dass ein Teil der Stadt nun den Namen “E.ON-Platz” (ja, genau in dieser Schreibweise…) tragen muss. Aber das alles ist eine andere Geschichte…

Werbehauptstadt Düsseldorf
Ganz früher, als Werbeleute noch reimten und pastellige Bilder malten, war Düsseldorf die Werbehauptstadt der Republik. Bis weit in die sechziger Jahre hinein betrieben fast alle wichtigen Agenturen der Welt zumindest eine Filiale in der schönsten Stadt am Rhein. Das hatte viel damit zu tun, dass sich Düsseldorf nach dem Krieg und auch als Folge der Landeshaupstadtwerdung als “Schreibtisch des Ruhrgebiets” darstellte. Gemeint war, dass der Dreck im Pott gemacht und in Düsseldorf verwaltet wurde. Damit sollte auch die Schwerindustrie in der eigenen Stadt kaschiert werden, denn bis etwa 1970 gab es auch hierorts Walz- und Röhrenwerke bis weit in den Stadtkern hinein. Eine Malocherschneiste reichte aus dem Südosten von Reisholz bis direkt hinter den Hauptbahnhof. Und linksrheinisch bestand der Stadtteil Lörick weitgehend aus einem Stahlwerk, das bis Büderich vorstieß.
Aber man wollte dann doch lieber als was Feines gelten. Mit frischgebackenen Hochhäusern von Mannesmann (am Rheinufer) und Thyssen-Rheinrohr (im Zentrum) und allerlei Banken, Versicherungen und eben Werbeagenturen. Anfangs bestand ein gewisser Austausch mit der Düsseldorfer Kunstakademie, der aber erst mit Charles Wilp, dem legendären Allzweckkünstler, wieder auflebte. Apropos Wilp: Der hatte sein ebenso legendäres Dachatelier an der besagten Corneliusstraße und war wohl der Grund dafür, dass sich einige Werber in dieses Viertel verirrten.

Werbepäpste
Eine der schillerndsten Figuren der hiesigen Werbeszene war (und ist aus verschiedenen Gründen nicht mehr) ein gewisser Michael Schirner, dessen ihm im Jahr 2002 verliehene Ehrenmitgliedschaft im ADC (Art Directors Club) den ganzen der Branche zugrunde liegenden Neid hochkochen ließ. Genau dieser Schirner, den kennen zu lernen der Verfasser vor Jahren das ausgesprochene Vergnügen hatte, war derjenige, der den Satz prägte “Werbung ist Kunst” und damit die anschwellende Hybris der Werber befeuerte.
Zudem fungierte ebenjener Schirner eine paar Jahre lang als Geschäftsführer der Werbeagentur Grey. Um diese Tätigkeit ranken sich einige Legenden, die in der Stadt zum Sagenschatz zählen. Zum Beispiel dass er bei Strafe das Tragen roter Krawatten verbot. Und dass er eine großgewachsene Dame dunkler Haut als Chauffeuse seines Jaguars beschäftigte. So entstand zunehmend das Bild vom leicht verrückten Kreativen, das andere prominente Werber wie Villim Vasata, Walter Lürzer, Paul Gredinger, Werner Butter oder Rolf Eggert nicht unbedingt auf sich projiziert wissen wollten.

Heute ist die Schirner’sche Sicht Allgemeinplatz, und wird den Kreativlehrlingen von ihrer Stunde Null im Ausbildungsbetrieb an aufs werbende Butterbrot geschmiert. Da bleibt es nicht aus, dass jedes Flachhirn, das Photoshop bedienen kann, einen virtuellen Pinselstrich für eine Idee hält. Bei den Textern ist es noch schlimmer, denn die Mehrheit dieser sich selbst gehirnwaschenden Spezies denkt in vollem Autismus, dass die Aneinanderreihung von Wörtern zum Zwecke der Produktverscherbelung nur auf der Basis einer Idee gelänge. Von den so genannten Konzeptionern ganz zu schweigen…

Und so wird also der Ort, an dem Grey-Köppe für Lenor, Meister Propper und Deichmann-Schuhe Kampagnen häkleln in Zukunft Platz der Ideen heißen – ein Euphemismus, der nur noch vom Begriff “Entsorgungspark” für ein Atomklo zu toppen ist.

Anmerkung: Natürlich gibt es Tausende ehrbarer und seriöser Werbekauf- und Fachleute, Grafik-Designer, Texter und was sonst noch gebraucht wird, die ihren Kunden dabei helfen, das Angebot bekannt zu machen. Wie in anderen Branchen auch sind es meist diejenigen, die ihr Metier als Handwerk verstehen, die auf geschlagenen Schaum verzichten und die sowohl ihre Kunden als auch deren Kunden respektieren.


» Bericht von Rainer Bartel am 04.09.08 um 15:53 » in Kategorien: Düsseldorf,Wirtschaft » 673 x gelesen » 2 x kommentiert
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  1. Hast Du was gegen Werber?

    [Antwort]

     
    Kommentar von Rex am 05.09.08 um 10:26
  2. Ich? Nö, überhaupt nicht. Nur was gegen Schaumschläger, Berufslügner, Leuteverarscher, Kulturschmarotzer, Scheinkreative, Ideenhaber, Achtzehneintelverkleber, TV-Spot-Versender, Marketingguerilleros, Kapitalismusbeschleuniger, Zyniker, Menschenverachter und ähnliches sinnloses Gesocks.

    [Antwort]

     
    Kommentar von Rainer Bartel am 05.09.08 um 11:31

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