Scheiße, kein einziger Wettertoter in Deutschland!
Journalist zu sein, ist in diesen Zeiten kein leichtes Schicksal. Wenn der Qualitätsjournalimus den Bach runtergeht, spült es die sensations- und katastrophengeilen Schreibfinken nach oben. Und die sind noch lange nicht alle bei EXPRESS, BILD oder den nichtswürdigen Privatversendern tätig. Dort aber können sie ihren niederen Instinkten freien Lauf lassen. Das Tief namens “Daisy” kam den bildungsfernen Berufszyniker gerade zupass. Denn wenn ein Wetter mit einem Weibernamen kommt, das wenig Gutes im Schilde führt, können die Schwanzträger an Tastaturen ihren hormonverseuchten Hirnen freien Lauf lassen. So hofften die Kretins mit Schreiberlaubnis in den vergangenen Tagen auf die Katastrophe, auf das Desaster, auf Verhungerte und Erfrorene. Leider tat ihnen das Wetter den Gefallen nicht in ausreichendem Maße.
Wo das Schleimblatt noch am Samstag mit einem Daisy-Liveticker aufmachte, der mangels Horrormeldungen dann stinknormale Autounfälle vermeldete, ist heute nichts mehr. Lediglich der Ostseelinsel droht endlich Tod und Verderben. Da mag man dann doch noch paar Bildchen bringen.
Die Methode der diversen Boulevardmedien, die längst den Common Sense bestimmten, besteht grundsätzlich darin, Angst und Schrecken zu verbreiten. Otto und Lieschen Normalzeitunsggucker sollen das Gefühl bekommen, überall drohten Natur und Mord. Dagegen solle sich das Musterpaar durch angepasstes Konsumverhalten schützen und ansonsten auf die starken Kräfte der Medien hoffen, die sich ja schützend für Leser und -in einsetzen (BLÖD kämpft für Sie). Überhaupt ist es ja eines der Grundmuster der kapitalistischen Konsumideologie, die Menschen im Status der Angst zu halten. Bekanntlich löst Angst die Solidarität untereinander auf. Mensch wird zum Einzelbär, der nur noch an die Sicherheit und Ausstattung seiner Höhle denkt. Und da will ihn die unsichtbare Hand des Marktes ja hin haben.
Und während also die Arschlöcher die Naturkatastrophe herbeibeschwören wollen, erfrieren richtige, lebende, echte Obdachlose in den reichen Städten. Mancherorts öffnet man des Nachts die U-Bahn-Schächte, mancherorts nicht…
> Bekanntlich löst Angst die Solidarität
> untereinander auf. Mensch wird zum Einzelbär (…)
Einzelbär? Sehr schöner Ausdruck.
Ich hatte diese Strategie des Kapitalismus bisher “Vereinzelungs-Strategie” getauft – jeder betreibt und beschafft unter hohem Geld- und Zeitaufwand alles allein. Jeder kann sich mit Waschmaschine, Kühlschrank, Fernseher, Auto usw. ausstatten, damit er unabhängig von allen anderen wirtschaften – und vereinsamen kann. Die dauerhaft Glotze-Abhängigen sind nur die Spitze dieses Eisberges von einsamen Gestalten, die Solidarität gerne hätten, aber kaum noch kennen.
Sehr gut sichtbar wurde das Freitagabend hier im NDR-Regionalfernsehen. Das Tief Daisy wurde mal wieder als Anlass genommen, die Schneekatastrophe von 1978/79 in Form von kurzen Interviews mit damals Betroffenen herauszuzerren. Stark übereinstimmend wurde von den Interviewpartnern die damalige schnelle und gute Solidarität der Menschen untereinander hervor gehoben.
Vermutlich deshalb, weil sie einen so starken Kontrast zum bisher (und seitdem) Erlebten darstellt. Warum brauchen die Menschen hier eigentlich erst erst heftige Erlebnisse/Katastrophen, um mal wieder unverkrampft aufeinander zugehen zu können?
Es gehört zwar hier nicht direkt hin, aber trotzdem: wann kommem denn “die Nuller-Jahre, ein Schulterblick, Teil 3″? Habe Teil 1 und 2 mit Vergnügen gelesen. Teil 2 war ja mit dem Hinweis versehen “demnächst mehr”. Und bei dem Katastrophen-Wetter kann man doch gut mal was hinter´m warmen Ofen schreiben…