Nur von wenigen Menschen kann man sagen, sie hätten die Musik zwei-, dreimal neu erfunden (was Miles Davis in seiner völlig gerechtfertigten Arroganz so äußerte), nicht einmal olle Frank Zappa war so innovativ. Ähnliches gilt für Orte: Nur in wenigen Städten haben jemals die Geburtsstunden neuer Musikformen, speziell im Bereich der populären Musik, geschlagen. New Orleans wäre zu nennen, New York, Chicago, San Francisco und vielleicht Detroit; London natürlich und… Tja, der alte Kontinent hatte in den letzten fünfzig Jahren wenig mehr zu bieten als den französischen Chanson der Fünfziger, den Munich Sound (“Fly, Robin, Fly”) und Sven Väth. Wäre da nicht diese verträumte Residenzstadt auf der rechten Rheinseite, in der eine hochexplosive Kunstakademie wohnt und eine Musikinnovation nach der anderen hervorbringt.
Wie ich da jetzt draufkomme? Mit dem geschätzten Kollegen und zukünftigen Gastautor Dirk Pilat entbrannte dieser Tage eine Debatte auf Basis seiner steilen These, Düsseldorf habe in Sachen moderner Musik lediglich die Band Propaganda vorzuweisen. Nun ist Dirk Kölner oder hat da lange gelebt; jetzt wohnt er am Ende der schottischen Welt. Das kölsche Element neigt ja dazu, den Bauchnabel der Menschheit auf der Domplatte zu verorten und kann sich in seiner Scheuklappigkeit nicht vorstellen, dass woanders was abgeht, was der Stadt Köln abgeht. Schon gar nicht in Düsseldorf. Das soll nicht unwidersprochen bleiben.
Dirk hat auf seinem feinen Blog gestern darüber filosofiert, ob es die deutsche Sprache sei, die den internationalen Erfolg deutscher Popmusiker verhindert hätte. Ja, klar, sagt man da leichthin; deutsche Sprache ist nicht singbar (weswegen die kölschen Hauruckrocker vom Schlage BAP sich ja ein eigenes Idiom ausgedacht haben, das dann niemand mehr versteht außer Niedecken mit seinen kurzen Beinchen…). Es gilt da aber auch zu differenzieren. Natürlich dominiert das Englische die Popmusik schon seit Chuck Berry. Und natürlich spricht kaum ein Schwein da draußen an den iPods Deutsch. Ich meine aber, dass es vor allem die britische und US-amerikanische Borniertheit ist, die andere Sprachen diffamiert. Deutsch geht nur, wenn es raunt, so bisschen national-romantisch, so bisschen gothic, so bisschen sado-maso. Dann hört das manchestrische Vorstadtkid auch mal heimlich Rammstein, auch weil es nix versteht.
Frank Zappa hat das ja in Joe’s Garage wunderbar persifliert, indem er den Central Scutinizer zur deutschssprachigen Domina macht. Und wenn dann eine hierzulande kaum bekannte Band namens Propaganda (die Dirk als einziges Beispiel eines Poperfolgs aus Düsseldorfer herbeiruft) zum Geheimtipp wird, dann auch wegen des deutschen Gemurmels.
Entscheidende Impulse liefert die deutsche Populärmusik, zumal die aus Düsseldorf, immer dann, wenn sie sich entweder instrumental verhält. Das glänzendste Beispiel ist sicher Kraftwerk, Vater und Mutter aller elektrischer Musik, Gebärmutter des Techno und des Industrial. Da hockten sich zwei Buben 1968 an der Düsseldorfer Mintropstraße zusammen und eröffneten eine Organisation zur Erneuerung der Musik. Als “Organisation” traten sie zügig auf und lieferten dem verstörten Publikum Musik, die Stockhausen in die reale Welt transponierte. Aus Organisation wurde Kraftwerk und die erfand eine völlig neue Popmusik. Übrigens: Während Kraftwerk dies aus der Tradition der Romantik und der modernen E-Musik tat, produzierten in Köln die Herren von Can zeitgleich Ähnliches vom Jazz ausgehend. Halten wir fest: Ohne Kraftwerk (ja, und ohne die kölsche Can…) wären Techno und Industrial, ja, auch Hiphop kaum möglich.
Ebenfalls aus romantischem Lehm geformt überzogen Tangerine Dream die Welt mit deutschem Klang. Amon Düül ließ dazu Gitarren krachen und Hippie-Bongos klappern. Und über die Helden des daraus resultierenden Krautrocks, der für ein paar Minuten Musikgeschichte die Welt beherrschte, und deren Einfluss gerade in den USA muss man nicht reden. Und dann ist da noch Japan, das Land mit der Sehnsucht nach Deutschland. Dort erlebten die Kraftwerker und ihre Mit- und Nachstreiter von Neu! Triumphe und erhebliche Charts-Erfolge. Vergessen wir nicht die Düsseldorfer Ausnahmemusiker Klaus Dinger und Michael Rother. Sprechen wir über La Düsseldorf, ein Projekt, das für ein Jahr die Discos auf dem Kontinent beherrschte. Und das alles vorwiegend sprach-, also deutschlos.
Die Düsseldorfer Kunstakademie war und ist immer noch eine Brutstätte für andere Popmusik. Als 1976 in Berlin, Hamburg, München, Frankfurt und Köln noch die Schnauzbärte in engen Hosen auf Bonnie-M-Hits hopsten, nahm in Düsseldorf der Punk seinen Lauf. Und zwar nicht in epigonenhafter Imitation der Londoner Ereignisse, sondern in eigenständiger Umformung. In dieser Zeit entstand das legendäre Label Atatak. Der Pyrolator (Kurt Dahlke) und seine Konsorten (z.B. Frank Fenstermacher) bildeten Der Plan und ließen eine Musik los, die unerhört war, nicht Pop, nicht Punk. Es kamen S.Y.P.H. und Mittagspause, Xao Seffcheque trat auf die eiserne Bühne des Ratinger Hofs. Und dann kam Peter Hein, der einzige deutsche Rocksänger von internationalem Format. Fehlfarben brachten eine Tanzmusik, die so neu war, dass nur wenige wussten, wie dazu tanzen. Alles Düsseldorf. Und als nie endenwollender Wurmfortsatz wuchs aus diesem Humus eine Kindertruppe namens Die Toten Hosen (Mehrfach Nummer Eins in Argentinien), die noch heute zu den wertvollsten Exportartikeln dieser Stadt zählt.
Kurzum: Düsseldorf hat einen gewaltigen Beitrag zur modernen Musik geleistet – Kraftwerk. Und in Düsseldorf entsteht permanent neue Musik. So bildet sich am Rande der Kunstakademie zurzeit eine Szene, die eine Art Heavy-Metal-Country-Folk probiert. Da sich das Zeug der Jungs und Mädels Mitte Zwanzig so neu anhört, ist dieses Etikett nur eine Krücke. Was es wird, werden wir hören. Stay tuned to Düsseldorf.
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glaboo. kleck-kleck. waahh!
[Antwort]
Mann merkt dass der Kollege Bartel seine musikalischen Hoerner in einer besseren, raineren Zeit abstossen durfte, in der musikalische Weltstars unerkannt am rechten Rheinufer herumhuepften, waehrend sie vom linken Niederrhein und dem Rest von Deutschland ignoriert wurden.
Das dreiviertel D-Dorf Quartett Kraftwerk (immerhin ist der Herr Huetter Krefelder und wenn ich mich nicht taeusche auf meine Waldorfschule gegangen) ist ohne Zweifel nicht nur eine der wichtigsten Impulsgeber in der zeitgenoessischen elektronischen Musik und sozusagen die Grossvaeter von ZangTumbTumb’s ‘Propaganda’, aber auch von New Order, Depeche Mode, und so ziemlich allen Edelelektronikern die es noch gibt, sei es ‘Air’, ‘Daft Punk’ oder die ‘Chemical Brothers’, und gebuehrt Kudos ohne Ende. Aber das sollte dann auch reichen.
Mal abgesehen von den oben erwaehnten rheinischen Protovaetern des fruehen Deutschrock (Du hast uebrigens ‘Nichts’ vergessen, die zugegebenermassen wirlich klasse waren) und den Alkopoppern von Camino moechte ich doch eher Hamburg und West-Berlin als wahre Geburtstaette der NDW sehen.
Und was Kraftwerk angeht, so haben die ja eher den Koelner Elektroniker Stockhausen massentauglich gemacht.
Aber elegant.
[Antwort]
[...] dieser Stelle gab es ja kürzlich eine Ferndebatte über die Bedeutung der Stadt Düsseldorf für [...]