An dieser Stelle gab es ja kürzlich eine Ferndebatte über die Bedeutung der Stadt Düsseldorf für die populäre Musik. Danach wird niemand mehr bezweifeln, dass in der schönsten Stadt am Rhein eine Reihe wichtiger neuer Stile entstanden sind. Und das gilt nicht nur für Kraftwerk, die Gruppe, die als erste weltweit eine Popmusik gemacht hat, die nicht auf Blues, Jazz oder Folk basiert. Weniger bekannt ist, dass Kraftwerk kein Monlith der Düsseldorfer Szene war, sondern in der Zeit von etwa 1968 an viele hiesige Musiker eigene Musiken erdacht, aufgenommen und erfolgreich veröffentlicht haben – und das nicht nur bis der deutsche Punk um 1976 herum in Düsseldorf seinen Anfang nahm. Und kaum einer wird wissen, dass die Düsseldorfer Gruppe Rheingold mit dem Song “Dreiklangsdimensionen” den ersten Hit (Platz 17) landete, den man der Neuen Deutschen Welle zuordnen kann.
Legendärer Betreiber des Projekts Rheingold war und ist Bodo Staiger – der Mann mit den zwei Nachnamen. Denn obwohl “Staiger” die korrekte Schreibweise ist, wird er in diversen Lexika und auf verschiedenen Portalen gern als Herr Steiger geführt. Das wird vermutlich an seiner legendären Filmrolle liegen: In dem ebenso legendären deutschen Horrorfilm “Der Fan” von 1982 spielt er den Popstar R, der von einem Groupie (dargestellt von der jungen Desirée Nosbusch, die – welch Skandal! – für einige Sekunden nackt zu sehen ist) ermordet, zerlegt und verspeist wird.
Und ebenjener Bodo Staiger ist noch da und macht (immer noch?) wieder Musik. Wieder unter dem Namen Rheingold und ganz im Stil der Düsseldorfer Schule à la Neu!, La Düsseldorf und Michael Rother. Apropos Düsseldorfer Schule: Diesen Untertitel trägt das Album “Electric City” – und das zu Recht. Denn Staiger wagt den Versuch, die Evergreens (Sorry für den Ausdruck) der Düsseldorfer Elektropop-Szene der späten siebziger und frühen achtziger Jahre neu zu interpretieren. Da trifft “Geld regiert die Welt” (La Düsseldorf) auf “Autobahn” von Kraftwerk, “Es geht voran” (Fehlfarben) und “Dr. Mabuse” von Propaganda. Ergänzt wird das Ganze durch eine neue Version des Rheingold-Hits “3Klangsdimensionen”.
Natürlich ist das in erster Linie ein nostalgischer Spaß. Aber auch eine Hommage an jene Zeit und diesen Ort. In Düsseldorf ist alles das erfunden worden, was heute noch als Elektropop weltweit bekannt ist. Genauer: Die Studios, in denen diese Inkunabeln der elektrischen Popmusik erarbeitet und aufgenommen wurden, lagen in einem Umkreis von kaum zwei Kilometer im Herzen der Stadt. So wundert es nicht, dass “Electric City” in den 3Klang-Studios im Haus Corneliusstraße 78 aufgenommen wurde, an gleicher Stelle, an der damals auch schon die Alben von Michael Rother und Klaus Dinger entstanden sind. Das berühmte Studio der Kraftwerker lag (liegt?) an der Mintropstraße – kaum zehn Minuten Fußweg entfernt.
Die frühen Jahre
Aber die Geschichte geht weiter zurück. Bis in die Jahre 1965, 1966. Damals gab es in der Stadt drei angesagte Beatbands: Die Beathovens, die Spirits of Sound und – etwas später – Harakiri Whoom! Letztere Gruppe wurde berühmt wegen des exzentrischen Sängers Marius Müller-Westernhagen, der bei einem Schulfest im Kaiserswerther Theodor-Fliedner-Gymnasium zehn Minuten nach seiner Band, die inzwischen zappaesken und atonalen Krach gemacht hatten, auftrat, indem er im Wolfspelzmantel von hinten durch die Aula zur Bühne schritt. Gitarrist dieser komischen Truppe war übrigens Bodo Staiger (während der durchgeknallte Allen Warren am Schlagzeug saß und Patty(?), der Sohn des belgischen Konsuls den Bass schlug). Später gab es einen Spielfilm, in dem Marius einen chaotischen Kriegsdienstverweigerer auf der Flucht gibt. Musikalisch waren die Harakiris sicher die weniger gute Band. Gegen die Beathovens, eine wirklich gute Coverband, die alles spielten, was angesagt war (Beatles, Stones, Manfred Mann etc pp), konnten sie kaum anstinken. Schlagzeuger der Beathovens war übrigens eine Zeitlang Wolfgang Flür, der spätere Kraftwerk-Drummer. Dieser wurde später oder gar gleichzeitig Schlagzeiger der Spirits of Sound, einer Düsseldorfer Supergroup jener Zeit, in der Michael Rother Leadgitarrist war. Ebenfalls dabei war der sagenumwobene Houschäng Nejadepour, Sohn eines Teppichhändlers von der Stresemannstraße und Schwarm aller Düsseldorfer Mädchenherzen. Ende der siebziger Jahre entstand mit den Lilac Angels eine weitere Düsseldorfer Allstar-Band, die allerdings eher dem schnörkellosen Rock’n'Roll zugewandt war. Dort war Bodo Leadgitarrist, während Joe Stick (dessen echten Namen ich mal kannte) sang, während Nappes Napiersky schlagzeugte und Peter Wollek (ein Klassenkamerad von mir) den Bass bediente.
Ob und bei welcher Band der im März diesen Jahres verstorbene Klaus Dinger – auch er von Hause aus Drummer – dabei war, weiß ich nicht. Die Gründerväter von Kraftwerk, Ralf Hütter und Florian Schneider-Esleben, hatten mit der geschilderten Szene jedenfalls gar nichts zu tun. Tatsächlich spielten die genannten Bands aber auch im weitesten Sinne Rockmusik. Erst der Einfluss der Kraftwerker brachte die Jungs aber zu diesem typisch Düsseldorfer Stil, der Tausende ander Musiker in aller Welt inspirierte.
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Rainer’sche Post » Neues Rheingold…
Düsseldorf und die Musik: Rainer Bartel in der Rhainer’schen Post über Rheingold und die Düsseldorfer Schule….
Dieser Artikel weckt mal wieder Erinnerungen an aufregende Zeiten. Da der Bruder des Organisten von Spirits of Sound ein Klassenkamerad und bis heute ein (nicht nur) Fortuna-Kumpel von mir ist, waren wir beide so was wie die Roadies der Spirits und bei vielen Gigs dabei. Viele der hier genannten Protagonisten, wie Michael Rother, Wolfgang Flür, aber auch Houschäng und Bodo Staiger usw., habe ich daher kennen gelernt. Die meisten Konzerte liefen damals auf Schulfesten, die eine wirklich geile Institution waren. Gibt’s sowas eigentlich heute noch? Irgendwo in einer Schule in Düsseldorf habe ich mal ein Konzert der Band About Five mit Marius-Müller Westernhagen (mit Krückstock) und Bodo Staiger gesehen, bevor sie sich in Harakiri Whoom umbenannt haben. Der Drummer hieß damals anders, aber der Name fällt mir gerade nicht ein. WQar’n Engländer. Eines der besten Konzerte mit den Spirits hatte ich, als sie irendwo in Golzheim bei einem Schulfest als Vorband für die niederländischen Bands Living Blues und Cuby & The Blizzzards gespielt haben. Ich erinner mich an einen total besoffenen aber genialen Harry Muskee!
Peter Wollek ist (wenn ich ihn nicht verwechsle) später Pilot geworden und hatte danach noch eine eigene Geschichte.
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Krischu Antwort vom 27.10.11 12:24:
Raf, hier ist der Organist der Spirits, Christoph Kukulies. Weiß im Moment nicht, wer Du bist, werde aber Uli mal fragen.
Ich muß einiges korrigieren:
Der Bassist der Spirits, der später eine Flugtechnikerausbildung gemacht hat, war Ralf Ermisch.
Ich stieß damals zu den Spirits – ich glaube, es war ’68 oder ’69 – nachdem bzw. auch noch während ich mit Klaus Czechmanek (†), Allan Warren und Jörg Frass in der Free Group spielte; auch Bodo Staiger war zeitweise mit von der Partie. Wir hatten damals eine Garage im Gurkenland als Übungsraum gemietet, nicht weit von dort, wo Dorothea Rauke und Bernd Schreiber wohnten. Die Free Group wiederum, blickt auf eine wiederum längere Geschichte zurück. Hervorgegangen ist sie aus den “King Bees”, die erstmalig auf einem Schulfest des Theodor-Fliedner Gymnasiums in Kaiserswerth auftraten. Das muß 1964 gewesen ein. Ich spielte Piano, Guitarre spielten Michael Lohmann (†) und später Houschäng Nejadepour, der hier schon erwähnt wurde. Heiner Gleisberg war am Baß und zuerst Dieter Nowack am Schlagzeug. Später Rainer “Hase” Verhoeven. Die Free Group gewann 1966 das NRW Beatfestival. Mitglieder waren noch Jochen Petersen (gt, ts), Klaus Handstein (tr) und Georgi Nedeltchev (bariton sax).
1970 Stieß ich zu Ali Claudis Soul Four. Ich glaube, die Spirits-Zeit
war auch zu der Zeit zu Ende.
Das soweit für heute.
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Nachtrag: Jau, und viele Konzertnächte endeten damals im Hühner-Hugo!
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Nein, nein, Peter Wollek sitzt in Neuss, unterrichtet an der Musikschule und ist u.a. Mitglied der Allzweckband Maxmusic. Er hatte nach den L.A. noch eine Zeit bei der völlig unterschätzten Jazzrock-Gruppe Noxnox.
Der Drummer von Harakiri hieß Allen Warren; er tauchte später bei der ebenfalls ziemlich unterschätzten Krautrock-Combo Abacus auf.
Ja, und den Gig als Vorgruppe von Livin Blues und Cuby habe ich auch gesehen. Das war im Humboldt-Gymnasium, glaube ich; aber das war kein Schulfest, sondern ein waschechtes Konzert.
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