Eine Tanzdemo unter dem Motto "Reclaim the City"
Hach, dachte ich, wär ich nochmal jung, ich wäre mitgelaufen den ganzen Tag. So aber saß ich mit guten Freunden beim Kartenspiel. Im Hintergrund lief ein bisschen unauffälliger Acid-Jazz von früher. Plötzlich mischt sich ein unangenehmer Ton in die sanfte Mucke. Dann wird’s laut, noch lauter, noch viel lauter! Und durch den Häuserblock weht vom Fürstenplatz eine wilde, mir unbekannte Musik. Sie übertönt unsere Untermalung, und die Konzentration ist weg. Ich will schon sauer werden, weil ich denke, dass wieder irgendwelche Kids irgendwelche Privatpartys auf dem öffentlichen Areal feiern (die oft in Feuerwerk und Freudenschüssen enden…) feiern. Aber dann denk ich: Guck mal nach. Also runter, die Digitalfotokamera in der Tasche und ums Eck. Zwichendurch hat es eine leicht hysterische Ansprache gegeben, und die Lautstärke wurde auf sozialverträgliches Maß reduziert. Rund um den Fürstenplatz ist die halbe Nachbarschaft unterwegs. Man steht, man staunt, man redet und sieht zu: Auf dem Platz, im Bereich zwischen Sandlandschaft und Klettergerüsten haben sich um die 300 junge Menschen versammelt. Links steht ein ehemaliger Feuerwehrwagen, und auf oder in dem sitzt jemand, der das Soundsystem bedient. Ich sprech einen der beiden Polizisten im kurzen Sommerhemd an. Ja, das wäre Teil der heutigen Demo zum Thema “Reclaim your city“.
Die beiden Ordnungshüter sind ganz entspannt und beobachten das bunte Treiben. Bengalische Lichter werden entzündet und tauchen die Szene in dramatisches Licht. Teilnehmer tragen Schilder, manche sind mit Einkaufswagen unterwegs, gefüllt mit Getränken nund Musik. So weit wäre alles einfach nett, hätten sich nicht sechs, sieben oder acht Mannschaftswagen am Platz versammelt, alle gefüllt mir Cops in Ninja-Turtle-Outfit. Einige stehen schon in Gruppen am Rand der Demo. Ich belausche ein Gespräch zwischen einem Vorturner im Kampfanzug und seinem Fähneleinführer: Wenn die in zwanzig Minuten nicht abhauen, wird geräumt. Mit der Info geh ich zu den netten Polizisten. Ob das so geplant wäre: Nö, sagt der eine, noch sind wir hier diejenigen, die entscheiden. Kommunikationsprobleme á la Ordnungsmacht.
Ums Eck traf ich am Winzrestaurant ein paar Freunde, die noch ganz euphorisiert waren von dem Tag, der seinen ersten Höhepunkt am Hermannplatz in Flingern hatte. Wie diese Tanzdemo zog, kann man schon auf den Bildern sehen, die von der Metzgereischnitzel auf Facebook eingestellt wurden. Dann ging ich nochmal nachsehen, aber da hatte schon die Auflösung begonnen, ein großer Teil der Mittänzer machte sich in Richtung Linkes Zentrum auf, wo weiter gefeiert werden sollte.
Gegen die Gentrifizierung
Für politisch weniger Interessierte ist “Gentrifizierung” nur ein Modewort. Zumal auch etwas mehr Interessierte oft nicht genau wissen, was damit gemeint ist. Im Begriff steckt das englische Wort “Gentry“, mit dem früher Menschen “besserer Herkunft” bzw. von “niederem Adel” bezeichnet wurden – wobei Land- oder Grundbesitz ein wesentliches Merkmal dieser sozialen Schicht bzw. Klasse ist. Tatsächlich wurde der Begriff gerade im neunzehnten Jahrhundert im Sinne der Definition von Klassen gebraucht. Gentry waren Leute, die nicht mehr zum Adel, aber auch noch nicht zum Bürgertum gehörten. Klassischer Vertreter der Gentry ist der englische Snob des 19. Jahrhunderts, der den ererbten Besitz nach und nach mit mehr oder weniger sinnlosen Dingen verfrühstückt und sich keinerlei sozialer Verantwortung stellt.
Heutzutage steht Gentrifizierung allgemein für (feindliche) Übernahme urbaner Quartiere, die zuvor von Normal- und Geringverdienern bewohnt wurden, durch Wohlhabende, vor allem neureiche Menschen, die ihr Geld gern in selbstgenutzten Immobilien anlegen. Diese Umwandlung findet in deutschen Städten vorwiegend in Vierteln statt, die früher industriell oder durchgehend gewerblich genutzt wurden. Die erste Welle der Besiedlung bilden vor allem Leute, die sich selbst als “kreativ” verstehen oder tatsächlich künstlerisch arbeiten und in prekären Verhältnissen leben. Aber auch Besetzungen bestehender Wohn- oder Gewerbesubstanz durch junge, besitz- und einkommenslose Menschen kann am Beginn einer Gentrifizierung stehen. Dann entstehen “Szenetreffs”, oft am Rande der Legalität wirkende Clubs und Kultureinrichtungen, denen später die einschlägige Gastronomie folgt.
Erste Reiche siedeln sich an und ziehen die ihnen genehme Infrastruktur nach – heutzutage vor allem Bio-Shops, Wochenmärkte und Kunstgewerbeläden. Ja, inzwischen kann die Dichte an Bioläden schon als Indikator für den Fortschritt der Gentrifizierung betrachtet werden. An dieser Stelle tritt meist die institutionalisierte Stadtplanung an und verändert mit Hilfe der Lokalpolitik die Bedingungen so, dass Kauf, Sanierung, Abriss und Neubau hochwertigen Wohnraums erleichtert werden. Dann steigen die Mieten im Quartier, die Armen ziehen weg und die Reichen sind unter sich. Der öffentliche Raum in solchen Vierteln wird weitestgehend unzugänglich gemacht, und die Gentry ist unter sich.
Tatsächlich sind sich die Gegner der in deutschen Großstädten überall massenhaft voranschreitenden Gentrifizierung sicher, dass die Rückeroberung des öffentlichen Raums eine wirksame Strategie gegen diese Entwicklung sein kann. Das bedeutet: Das Leben wieder in die Straßen und auf die Plätze zu tragen – besonders dorthin, woe sich die Bessergestellten schon breitgemacht haben. Leben heißt in diesem Sinne vor allem gestalten und genießen. So ist jede Wandmalerei – ob legal oder illegal angebracht – ein Teil der Rückeroberung. Und was gestern in Düsseldorf geschah, nämlich eine so genannte “Tanzdemo”, ist (nicht zuletzt wegen der Lärm”belästigung”, die wir erfahren haben ;–)) ebenfalls eine Methode, der Gentry – den “Schnöseln” wie ich gerne sage…) zu zeigen, dass ihnen nicht alles gehört.
Gerade unter dem im Mai 2008 verstorbenen OB Erwin hat die Stadt fast alles dafür getan, immer mehr Viertel zu gentrifizieren; dies auch, um Bollwerke gegen die unliebsamen Leute zu errichten, die nicht damit einverstanden waren und sind, dass Düsseldorf wie eine Marke, wie ein Produkt behandelt wird, dass möglichts teuer zu verticken es gilt, sondern dass auch diese schönste Stadt am Rhein in erster Linie Lebensraum für seine Bewohner ist. Der Kampf hat gerade erst begonnen.
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Tanzen für Veränderung…
Zuerst ein dickes „Dankeschön“ an alle Organisierenden und Teilnehmenden. Mit euch war die Demo ein Riesenerfolg – und ein Riesenspaß! Am Samstag, dem 20. August, fand in Düsseldorf von ca. 18.30 bis 22.00 unsere erste Tanzdemo statt. Die Aktion war öf…
war ne schöne demo, mit für düssseldorf recht vielen leuten. danke für den bericht, hier ein paar fotos.
http://kopfballduesseldorf.de/?p=166
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Ich war beim Sammeln am Hermannplatz dabei und hatte manchmal das Gefühl, den Anfängen der Love Parade beizuwohnen:-))Aus Zeitgründen konnte ich (leider) nicht mitlaufen. Wird hoffentlich wiederholt!
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Da sieht man wieder einmal, wie groß der Unterschied zwischen Deutschland und den meisten anderen Staaten der Welt ist. Bei uns ist so eine Bürgerversammlung möglich und die “Turtles” haben dem Kampfanzug umsonst angezogen. Das ist das schöne an einer Demokratie.
Es grenzt allerdings fast an ein Wunder, daß nicht ein deutscher Rentner die Polizei gerufen hat, weil ihn die Bürgerversammlung bei seiner Nachtruhe stört und die Turtles diese Möglichkeit dann dankbar aufnahmen um ein bißchen Spaß zu haben.
Hier sehe ich übrigens auch die Chance, einer Gentrifizierung entgegenzuwirken. Die Bürger müssen wieder lernen, für Ihre Rechte, hier das Recht auf Versammlungsfreiheit, auf die Strasse zu gehen, und sei es als sommerliche Gartenparty. Menschenleere Vorstädte, in denen um 18.00 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt werden, gibt es doch zur Genüge.
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Rainer Bartel Antwort vom 24.08.11 11:59:
Hier bei uns am Fürstenplatz ist es normal, dass die Bürger im Viertel den Platz nach Belieben erobern: Da gibt es große gemeinsame Abendessen, Trödelmärkte und gelegentlich auch Konzerte. Natürlich ist aber auch das wieder möglicher Treibstoff für die Gentrifizierung, weil solch buntes (und übrigens massiv multikulturelles!) Leben die entsprechende Klientel anzieht, die dann mit den Apple-Geräten in den Cafés hocken – gibt’s bei uns leider auch schon in größerer Menge…
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“Es grenzt allerdings fast an ein Wunder, daß nicht ein deutscher Rentner die Polizei gerufen hat, weil ihn die Bürgerversammlung bei seiner Nachtruhe stört und die Turtles diese Möglichkeit dann dankbar aufnahmen um ein bißchen Spaß zu haben.” – Nunja, andernorts ist man da weniger entspannt: -> http://acampadaberlin.blogspot.com/
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[...] Rainersche Post – Eine Tanzdemo unter dem Motto “Reclaim the City” Noch gehört die Stadt uns… [...]
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