Auch wenn es nur ne Latschdemo mit jeder Menge Laberei war...

Occupy Königsallee

occupy_koenigsalleeJa, es war nur eine Latschdemo. Sicher, es wurden nur reden geschwungen. Natürlich waren auch alle Geschmacksrichtungen Verschwörungstheoretiker und Spinner dabei. Aber wir waren mit gut über 2.000 Leuten am Start und haben durch unseren Marsch skurrile Symbolbilder geschaffen. Ein extrem buntes Teilnehmerfeld hatte sich da gegen drei auf der Friedrich-Ebert-Straße vor dem DGB-Haus eingefunden; hier und da erkannte man in Ehren ergraute Demoaktivisten aus vierzig Jahren, auch ein paar linksbekannte Politnasen waren da, und die Splittergrüppchen verteilten wortschwere Traktate. Die Organisation war erfrischend amateurhaft. Wo die Antifa einen mit allem Nötigen bestückten Lautsprecherwagen aufbietet, da begnügten sich die Occupisten mit einem Bollerwagen und einem Winzverstärker. Nun hatte man sich zudem gewaltig verschätzt. Sammelzeit war wie gesagt drei, und der Abmarsch war mit den Cops für vier verabredet. Die drei Reden waren aber schon so gegen fünf vor halb vier zuende, und der Einsatzleiter beharrte darauf, dass nicht vor vier loszugehen sei. So gammelten wir im Schatten rum und suchten gelegentlich Sonnenflecken zum Aufwärmen auf. Auch der Sammelpunkt war am touristenträchtigen Japan-Tag schlecht gewählt: Auf den Bürgersteigen drängelten sich Angereiste auf dem Weg zur Rheinpromenade, darunter Dutzende Cosplayer in ihren lustigen Comic-Verkleidungen. Allerlei halbjunge Provinzknallis mit ihren Mädels kamen vorbei und machten sich über das Demonstrieren an sich lustig.

“Die ham Langeweile”, meinte ein besonders blöd glotzender. Ein andere versuchte bei seiner Freundin damit zu punkten, dass er äußerte, er sei auch gegen alles, aber für mehr Sex. Hunderte aufs Shopping fixierte Schlichtmenschen fragten sich, wofür oder -gegen hier wohl demonstriert würde, kamen aber nicht auf die Idee, mal nachzufragen. Ein älterer Weißkopf im schicken Wildlederjäckchen verfiel in pawlow’sches Schimpfen auf diese ganzen Faulpelze, die da Geld vom Staat wollten. Missverständnisse überall. Um fünf vor vier hatte die Polizei ein Erbarmen. Da waren schon viele willige Mitgänger an den Rändern wegdiffundiert. Unter den vielen selbstgemalten Parolenbändern und Pappschildern blieb es fast still. Eine rotschopfige Dame Ende fünfzig aber erzählte über ihr Megafon pausenlos, was in der Welt los sei und wir alle schon wussten. Hinter mir wisperte eine Mitgliedin einer Eso-Truppe ständig was von der Verschwörung der Bildberger, und irgendwie kamen keine Parolen zustande.
Wir kreuzten die Berliner Allee und blickten in hasserfüllte Autofahrergesichter. Dann die Kö. Schon auf der Steinstraße sah man irritierte Wohlstandsfratzen. Einer ließ in der Parkhausausfahrt an der Kö 60 seinen Porsche röhren. Bisweilen schienen sie Angst zu haben, die armen Menschen, die gezwungen sind, samstags auf der Königsallee einzukaufen. An der Kreuzung trauten sich wenige Fußgänger, unseren Weg zu kreuzen. Dann bogen wir in die Bankenseite der Kö ein. Vor dem Eingang der Deutschen Bank hatten vier oder fünf PolizistInnen in voller Montur Stellung bezogen. Der Zug stoppte, die vorderste Reihe mit dem offiziellen Banner baute sich auf, und es wurden allerlei Reden gehalten. Tatsächlich war dies das stärkste Bild des Tages: Tausende Menschen sind wütend auf die Banken und sagen das öffentlich vor einem der Finanzpaläste. Kurz machte das Gerücht die Runde, es solle hier und jetzt einen spontanen Sitzstreik geben, aber dazu kam es nicht.

Inzwischen waren weitere Teilnehmer abtrünnig geworden, und als man so gegen fünf am Graf-Adolf-Platz vor dem GAP eine Assembly abhielt, da waren es vielleicht noch drei-, vierhundert, die es bis dahin ausgehalten hatten. Nun kam die Psycho-Fraktion zum Zuge. Viele hatten sich ins Gras gesetzt, der Rest stand drumherum. Wer wollte, konnte reden. Zustimmung wurde nicht durch Applaus deutlich gemacht, sondern durch Wedeln mit den Händen über dem Kopf. Einige brachten ihren Zorn zum Ausdruck, und eine Frau sprach davon, dass man ihr erlauben solle, wütend zu sein. Immer wieder war von Manipulation der Meinungen durch die Medien die Rede. Alle bekannten Beschreibungen der globalen Situation (“Die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer”) fielen. Dieser Teil der Veranstaltung zog sich ziemlich hin, und so brach ich auch ab und ging nachhause.

Natürlich ist es ein gutes Gefühl, an einer Aktion teilgenommen zu haben, wie sie an diesem Tag in angeblich fast 1.000 Städten in 100 Ländern stattgefunden haben. Und wie viele andere fühlte ich mich in meinem Zorn bestätigt und nicht mehr allein. Nur – und das könnte es sein, was die ganze Occupy-Bewegung in die Bedeutungslosigkeit treiben könnte -, so wie es gestern hier und woanders gelaufen ist, bleibt die Sache unpolitisch und damit wirkungslos. Weitere Latschdemos werdden für das Ende des Kapitalismusses in etwa so wirkungsvoll sein wie Kerzen-Menschen-Ketten gegen Ausländerhass. Das einzige sinnvolle Vorbild kann nur die Friedensbewegung der achtziger Jahre sein, wo Hunderttausende für konkrete politische Forderungen vor die Tür gingen und Tausende durch Bloackaden zeigten, wie ernst ihnen das so. So wie jetzt ist die Occupy-Bewegung nur ein bürgerliches Befindlichkeitsdrama.


» Spielbericht von Rainer Bartel am 16.10.11 um 12:43 » in Kategorien: Deutschland,Düsseldorf,Wirtschaft » 742 x gelesen » 2 x kommentiert
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  1. wenn es so ist, das die diejenigen die sich am samstag haben blicken lassen nur akteure im befindlichkeitsdrama sind und den anderen, welche nicht erschienen sind, egal ist was gebacken wird, was geht denn da überhaupt noch?

    [Antwort]

    Rainer Bartel Antwort vom 18.10.11 14:12:

    Mit etwas Abstand betrachtet empfinde ich meinen Bericht zu negativ bzw. resignativ. Oder wie eine Freundin meinte: zu ungeduldig. Positiv ist auf jeden Fall, dass so viele verschiedene Menschen aktiv geworden sind und nach den richtigen Formen für den Protest und den Widerstand suchen.
    Ingesamt ist mir die Occupy-Bewegung einfach nicht antikapitalistisch genug… Trotzdem geh ich weit hin und mit.

    [Antwort]

     
    Kommentar von 4711 am 18.10.11 um 07:55

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