Der Düsseldorfer U-Bahn-Blödsinn
Düsseldorf baut eine neue U-Bahn-Strecke, die so genannte “Wehrhahnlinie“. Sie beginnt am S-Bahnhof Bilk, führt zum U-Bahnhof Heinrich-Heine-Allee und endet am S-Bahnhof Wehrhahn. Die Sinnhaftigkeit des Baus, der uns Düsseldorfer mindestens 550 Millionen Euro (okay, das Land NRW gibt was dazu…) kosten wird, ist schwer umstritten. Etwa so wie der von der Muschi Stoiber ihr sein Mann herbeigesehnte Transrapid. Ähnlich wie bei diesem Milliardengrab zwischen dem Johann-Strauss-Airport draußen im Erdinger Moos und der Münchner Innenstadt kann man mit geschliffener Rhetorik den Nutzen nachweisen – etwa so:
Wenn Sie vom S-Bahnhof in Bilk … mit zehn Minuten, ohne, dass Sie am Wehrhahn noch einchecken müssen, dann starten Sie im Grunde genommen am S-Bahnhof … am … am U-Bahnhof an der Heinrich-Heine-Allee starten Sie Ihre Fahrt. Zehn Minuten.
Schauen Sie sich mal die großen S-Bahnhöfe an, wenn Sie an der Victoria-Station in London oder sonst wo, meine sehr … äh, Gare du Nord in Frankreich oder in … in … in Rom. Wenn Sie sich mal die Entfernungen anschauen, wenn Sie Frankfurt sich ansehen, dann werden Sie feststellen, dass zehn Minuten Sie jederzeit locker in Frankfurt brauchen, um ihr Gate zu finden. Wenn Sie vom Flug … vom … vom Hauptbahnhof starten – Sie steigen in den Hauptbahnhof ein, Sie fahren mit der Wehrhahnlinie in zehn Minuten an den S-Bahnhof Wehrhahn … an den U-Bahnhof Heinrich Heine. Dann starten Sie praktisch hier am S-Bahnhof in Bilk. Das bedeutet natürlich, dass der S-Bahnhof im Grunde genommen näher am Wehrhahn… an die Düsseldorfer Stadtteile heranwächst, weil das ja klar ist, weil auf dem S-Bahnhof Bilk viele Linien aus Düsseldorf zusammenlaufen.
[Quelle: nach dem Stoiber'schen Original - www.dumkesoft.de]
Übrigens: Wenn Sie am S-Bahnhof Bilk in die S11 oder in die S8 steigen, dann sind Sie in sieben Minuten am S-Bahnhof Wehrhahn. Sie können aber auch am S-Bahnhof in Bilk in die Straßebahnlinie 712 steigen; dann sind Sie in 13 Minuten am S-Bahnhof Wehrhahn. Das heißt, äh Sie sparen etwa 3 Minuten für 550 Millionen Euro, wenn Sie am S-Bahnhof Bilk in die S11, äh, 712 steigen…
Im Ernst: Der Bau der Wehrhahnlinie löst keines der Verkehrsprobleme der Düsseldorfer Innenstadt. Im Gegenteil: Während der seit Ende 2008 laufenden und bis 2014 andauernden Bauarbeiten gehört das Chaos im Autoverkehr zum Alltag. Dass diese halbe Milliarde in den U-Bahnbau investiert wird und nicht in die wesentlich sinnvollere Optimierung des ÖPNV, insbesondere der Straßenbahn, ist ein letztes Zucken der Lobbyisten der Autoindustrie. Denn die Wehrhahnlinie wird vordringlich dafür sorgen, dass der Straßenbahnverkehr auf Erdgeschossniveau wegfällt und so die stinkenden Kisten ohne störende Tram umherflitzen können.
[Bild: RB am 01.12.09 gegen Mittag; Baugrube an der Elisabethstraße direkt vor dem Restaurant Meckenstocks; in der Nacht vom 02. auf den 03.12.09 wurde die Bohrscheibe mit einem Monsterraupenkran in die Grube gehievt, wo sie an den Bohrer montiert wird]
Die interessierten Kreise dürften doch eher im Umfeld der Bauindustrie zu suchen sein, oder? Denn nicht vorwärts kommen im Auto kann man zwischen Heinrich-Heine-Allee und Bilk auch mit ohne Straßenbahn ganz prima (Stichwort: In noch nicht geräumte Kreuzungen einfahren).
Besonders bekloppt ist ja, dass die direkte Umsteigemöglichkeit Schadowstraße/Jacobistraße aufgegeben wird.
(BTW: Wie steht’s eigentlich um das Projekt Kö-Bogen?)
((Hier in Hamburg bauen sie für 300 Mio. sogar eine Tunnelröhre, bei der man die Entfernung zwischen den Endpunkten per pedes genauso schnell zurücklegen können wird wie mit der Bahn.))
Okay, Johann Strauss hat den “Fortuna-Galopp” komponiert, aber ob die Münchner ihm deswegen einen Flughafen gewidmet haben?
Rainer Bartel Antwort vom 07.12.09 13:23:
Ich sehe, du hast den dummen Scherz verstanden ;–))
Die Autoindustrie hat wahrscheinlich andere (lies: größere) Sorgen als die Düsseldorfer Straßenbahn.
Ich sehe in dem U-Bahn-Projekt mehr den bescheuerten Versuch einer Möchtegernmetropole, sich Weltstadt-Gepräge à la Paris, London, Tokio, New York oder Moskau zu geben.
Rainer Bartel Antwort vom 07.12.09 13:27:
Klar hat die Autoindustrie andere Sorgen, aber eine weitverzweigte Lobby, die bis in die Düsseldorfer U-Bahn-Bauerei hineinreicht. Und zwar in Gestalt des ehemaligen und des jetzigen NRW-Verkehrsministers, die ja diesen U-Bahn-Bau schon in der Ära vor Rüttgers politisch massiv befördert haben – wie den desaströsen im Kapellenstädtchen K*** auch…
Verkehrspolitik in dieser Republik funktioniert fern jeglicher Logik und jegliche Empirie ignorierend. Verkehrspolitiker kann in diesem Land nur werden, wer offen pro Auto agiert (CDU, FDP, SPD) oder der Autolobby nicht zu doll auf die Füße tritt. Für mich fällt das unter Korruption, wenn nicht unter “kriminelle Vereinigung”.
mark793 Antwort vom 07.12.09 14:00:
Gut, das ist natürlich richtig, dass es hierzulande sehr schwer ist, Verkehrspolitik entgegen den Interessen des goldenen Kalbs zu machen. Aber unmöglich ist es nicht; da kann ich als jemand, der lange in Heidelberg arbeitete, aber dort nicht wohnte, ein wenig schmeichelhaftes Lied singen über die Verkehrspolitik einer Oberbürgermeisterin, die sich relativ klar Anti-Auto positioniert hat, sich aber für eine bessere ÖPNV-Anbindung der Stadt an das Umland auch kein Bein ausriss. Inzwischen hat die S-Bahn die Entfernungen im Rhein-Neckar-Delta etwas schrumpfen lassen. Aber da waren auch eher Mannheim und Ludwigshafen die treibende Kraft. Als ich es in den späten 90ern ein paar Jährchen ohne Auto probierte, war mir das irgendwann doch zu blöd, fast jeden Tag 2-3 Stunden in der Bimmel zu hocken.
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von AntonReiser, eightdaysaweek erwähnt. eightdaysaweek sagte: "sie sparen etwa 3 minuten", ein kommentar zur wehrhahnlinie von rainer bartel: http://bit.ly/5hC2Vu #bilk #wehrhahn #duesseldorf [...]
Danke, dass das endlich mal einer anmerkt!
Aber:
1. Die Kosten belaufen sich auf (offizielle) 650,5 Millionen EUR (http://www.duesseldorf.de/wehrhahnlinie/projekt/daten/index.shtml), also mal eben schlappe 100 Milliönchen mehr, als hier von Dir vermutet…
2. Da muss ich dem 3. Schreiber recht geben: solche hirnrissigen Schwachsinnsprojekte wie der Düsseldorfer U-Bahn-Bau sind Produkt einer unerträglichen Großmannssucht gepaart mit dem Lobbyismus der Bauindustrie. Die Autoindustrie hat mit diesem Schwachsinn nun wirklich nichts am Hut.
3. Man müsste mal durchkalkulieren, wie viele Straßenbahnen, Busse und vor allem vernünftig bezahlte Fahrer dieses Sch***unternehmen Rheinbahn von diesem Geld bezahlen könnte! Und vielleicht wäre es dann ja mal möglich, so etwas wie eine echte Alternative zum Auto auf die Räder zu stellen und nicht diesen Kleinkleckersdorf-Betrieb. Mein Drecksbus, mit dem ich leider bis zur U-Bahn (haha, da wo ich einsteige, ist sie natürlich alles, nur keine U-Bahn) fahren muss, verkehrt in der Hauptverkehrszeit (gibt es so was bei der Rheinbahn?) alle 20 Minuten (!). Die Bahn – aber hallo! Großstadt! – immerhin schon alle zehn Minuten. Wenn sie nicht gerade mal wieder Verspätung hat… Ich bin seit rund sechs Wochen nachmittags lieber gehetzte 15 Minuten bei Wind und Wetter gelaufen, als auf den Bus zu warten, nachdem der in sechs Wochen dreimal komplett ausgefallen ist und ich für knappe sechs Kilometer von der Arbeit zu meiner Wohnung locker 65 Minuten unterwegs war. Angeblich waren’s Pannen – kann ich mir bei diesem Sch***unternehmen auch gut vorstellen.
4. Sorry, das hier schreiben zu müssen, aber dank der Rheinbahn würde ich lieber heute als morgen wieder mit dem Auto fahren – schnell, zuverlässig, bequem und insbesondere beim Transport von mehr als einem Louis-Vuitton-Täschchen schon wesentlich sinnvoller als so eine nachmittägliche Sardinenbüchse incl. mitmenschlicher Ausdünstungen. Lecker war z.B. letztens der Typ auf der Bank gegenüber – mit vollgepisster und offener Hose. Komisch – auf den Werbeplakaten sehen die Passagiere immer irgendwie anders aus.
Ich schreib’ mich noch in Wut über die Rheinbahn – daher jetzt genug!
Manes macht das Meckenstocks wegen des U-Bahnbaus und der damit verbundenen Behinderungen dicht…
Gut, gut. Das Geld hätte sicherlich sinnvoller angelegt werden können. Jetzt wird die Röhre gebaut. Da sollte man sich doch mal Gedanken machen, was mit dem oben entstehenden Platz passiert!
Traum: Paar Bäumchen bißchen Grün und eine innerstädtische Fahrradmagistrale. Dann könnte Dödeldorf mal völlig zurecht mit seinem Titel als “Fahrradfreundliche Stadt” protzen.
Gute Nacht.