Wenn Jungmänner Zettel an Pfähle kleben...
Spuckis: Meinung im öffentlichen Raum
Achtung! Dies ist eine Wiederholung: Wer sich glücklich ohne Auto und zu Fuß durch die Stadt bewegt und die Augen offen hält, wird vieles sehen, was sonst niemand sieht. Zum Beispiel die meist auf Augenhöhe an Laternenmasten, Schilderpfählen und Säulen geklatschten Aufkleber. Man nennt sie “Spuckis”, weil es sich früher tatsächlich um gummierte Zettel handelte, die man mit Spucke befeuchten musste, um sie irgendwo anzubappen. Heute handelt es sich meist um selbstklebende Dinger, denen man die Schutzfolie vom Leub ziehen muss, will man sie im öffentlichen Raum befestigen. Es sind vor allem die Jungmänner zwischen etwa 16 und 28, also die Grafitti-Jahrgänge, die Meinung durch Spuckis verbreiten. Sie tun das im Vorübergehen. Dazu wird der Spucki klebebereit mit dem Bild nach innen in die Handfläche gelegt und dann an seinen Platz geklatscht. Und sitzt er dann und wartet darauf, angeguckt zu werden…
Das tun hauptsächlich die Kumpels vom Kleber. “Ey, Alter”, heißt es dann, “hasse schon unsere Spuckis in Reisholz gesehen? Boah, die sind über-all!!!” Beliebt sind die Dinger in ultraharten Fußballkreisen. Dort entsprechen Sie dem, was Rüden tun, die ihr Bein an Pfählen heben: Sie markieren das Revier. So ein Aufkleber für den Verein sagt den Anhängern der anderen Clubs: Passt bloß auf! Hier regier’n wir.
Die zweite Sozioschicht, die klebt, besteht aus den Musikern, die sich in den Händen des grausamen Entertainment-Bussinesses befinden und deshalb selsbt Reklame für ihre CDs machen müssen. Bei diesen Männern scheint die Meinung zu herrschen, potenzielle Käufer irrten durch die Stadt und läsen jeden Laternenpfahl in der Hoffnung darauf, einen Hinweis auf DAS Album zu finden. Oder auf DEN Gig.
Tatsächlich nimmt kaum jemand die Dinger wahr. Wenn ich vor so einem Mast stehe und fotografiere, gucken die Leute immer ganz komisch und fragen sich insgeheim wohl: Was gibt’s denn da zu sehen. Deshalb nutzen gerade die obskursten der obskuren politischen Gruppen dieses Medium. Sie wollen anscheinend nicht bemerkt werden, sondern sich nur sich selbst versichern – oder wie das auf Schmierölpsychologisch heißt.
Tatsächlich sind Spuckis aber Nachrichten im öffentlichen Raum. Wer klebt, eignet sich ein Stück Straße an. Und das ist gefährlich. Deswegen gilt das Anbringen von Aufklebern auf öffentlichem Eigentum auch als Ordnungswidrigkeit, die aber in der Praxis nicht verfolgt wird. Denn der Vandalismus löscht sich schnell selbst wieder aus. Je nach der Qualität verblassen die Dingern nach Tagen oder werden vom Regen ausgewaschen. Die wenigsten halten dem Klima über längere Zeit stand. Und so finden sich Klebeplätze, an denen sich Schichten von Unlesbaren gesammelt haben. Wie die Spuckiklatscher ganz offensichtlich Plätze bevorzugen, wo schon jemand vor ihnen geklebt hat. Genau wie bei den Rüden…
Da Düsseldorf ja immer noch eine Kunstmetropole ist und wieder einen äußerst lebendigen Kulturuntergrund hat, fallen immer wieder Spuckis auf, die keine fußballerische, musikalische oder politische Botschaft transportieren, sondern einfach nur sind. So finden sich an vielen Stellen in der Stadt Aufkleber in grellen Farben in Form von Gegenständen, zum Beispiel Musikkassetten. Ein violetter Fön war auch dabei. Das ist genauso verstörend wie Spuckis mit unleserlichen Tags nach Art der Grafittisprayer, die dann auch noch entlang der Schriftkontur ausgeschnitten sind. Rätselhaft.
Dies ist eine erste Auswahl. Weitere Bilder werden folgen… Und bei dieser Gelegenheit rufe ich dazu auf, mir eigene Fotos von Spuckis, die euch in euren Orten auffallen, zu senden. So könnte ein virtuelles Spucki-Museum entstehen.
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