Wir sagen dazu "Grafenberger Wald"...
Ortsfremde werden es vielleicht nicht wissen, aber Düsseldorf hat eine Galopprennbahn. Und die liegt ganz idyllisch oben auf den Hügeln des Grafenberger Waldes. Wobei das mit den geografischen Bezeichnungen am Ostrand der schönsten Stadt am Rhein ja nicht ganz einfach ist. Wir Düsseldorfer sagen einfach “Grafenberger Wald”, wenn wir die Ausläufer des Bergischen Landes meinen. Streng genommen ist aber nur der südliche Teil so richtig benannt; die nördliche, Ratingen zugewandte Region heißt nämlich eigentlich “Aaper Wald”. Wobei die Grenze zwischen diesen Waldteilen kaum zu ziehen ist. Jedenfalls: Wer vom Stadtteil Grafenberg und dort dem Staufenplatz aus nach Norden fährt, kommt auf die steile Ludenberger Straße, die eine Passhöhe namens “Auf der Hardt” erreicht. Und da beginnt das hiesige Mittelgebirge, das zu verschiedenen Spaziergängen einlädt.
Rennbahnstraße
Ein Stückchen liegt rechts der Straße und bildet den Südrand des Staddteils Gerresheim. Links geht die Rennbahnstraße ab, die sich auf dem Hügelkamm durch den Wald schlängelt. Eine erste Sehenswürdigkeit auf diesem Weg bildet der Wildpark. Gerade Kindern kann man hier zu fast jeder Jahreszeit eine Freude bereiten, denn so nah werden sie der typischen Fauna dieser Region nur selten kommen. Die Wildschweine und Rehe leben in geräumigen Gehegen und verstecken sich manchmal auch vollkommen. Ein Teil des Damwilds bewegt sich aber frei im Park, und den Viechern kann man überall begegnen.
Der Wildpark grenzt übrigens an das Gelände der Landesklinik, einer psychatrischen Klinik. Als wir noch Kinder waren, stand das Wort “Grafenberg” synonym für “Irrenanstalt”, und man sagte: “Dä iss doch bekloppt, dä kütt doch uss Grafenberch”. Würde man heute so nicht mehr sagen. Dafür hat die Klinik mit ihren Gebäuden aus der Kaiserzeit inzwischen etwas Bedrohliches an sich…
Linker Hand der Rennbahnstraße erstreckt sich deieser Kulturwald den Hang hinab Richtung Stadt. Einen natürlichen Wald hat es übrigens an dieser Stelle mehrere Hundert Jahre lang nicht gegeben; in der heutigen Form existiert der Grafenberger Wald erst wieder seit etwa 250 Jahren. Er wird von sehr engagierten Förstern möglichst naturnah gehegt. So kommt es, dass im Wald wild lebende Rehe, Füchse, Marder und allerlei seltene Bögel leben. Weil er aber seit Langem schon als Erholungsplatz bestimmt ist, ist er von gepflegten, bequemen Wegen durchzogen. Ein Stück weiter beginnt dann das Gelände der Düsseldorfer Galopprennbahn.
Unser Spazierweg
Mit dem Hund gehen wir aber woanders. Über die Fahnenburgstraße aus Richtung Mörsenbroich kommend erreicht man die großen Parkplätze an der Nordwestseite der Rennbahn. Die befinden sich am Waldrand, und zwischen diesen Plätzen und der Rennbahn liegt ein großes Feld. Hier verkauft der Bauer zu Erntezeiten übrigens das angebaute Gemüse (aber auch Blumen) an Selbstpflücker. Geht man am Feldrand entlang Richtung Turf, landet man auf der wunderschönsten aller Kastanienalleen westlich der Wolga. Links und rechts der Straße wachsen jeweils rund 20 Bäume, die im Herbst Esskastanien tragen. In den Tagen, in denen die Früchte fallen, ist hier Kirmes, denn Hunderte Düsseldorfer strömen her, um die Kastanien zum Zwecke der Verzehrung aufzusammeln.
Am Ende der Kastanienallee windet sich die Straße hoch zum Backesberg, wo das Haus der Diergardt’schen befindet. Dabei handelt es sich um die private Forstverwaltung der Familie von Diergardt. Friedrich von Diergardt war Textilfabrikant und wurde 1860 in den Adelsstand erhoben. Der Stammsitz der Familie ist das Schloss Morsbroich in Leverkusen, aber die Diergardts haben überall im Rheinland Grundbesitz. Der dazu zählende Wald wird vom Backesberg aus verwaltet.
Wir biegen aber auf halber Höhe auf einen Feldweg ab, der zu den beiden Golfplätzen führt, die hier angebracht wurden. Der eine davon befindet sich zum größten Teil auf dem Gelände der Rennbahn. Jetzt geht es wieder linksrum auf einen Weg, der parallel zum anderen Golfplatz verläuft und im Tal auf das Brückchen über den Bach (von dem ich nicht weiß wie er heißt…) stößt. An dieser Stelle beginnt das der ehemalige Truppenübungsplatz. Denn bis 2003 wurde dieser Teil des Grafenberger Waldes von der Bundeswehr als Manöverplatz genutzt. Und zwar ausgehend von der Bergischen Kaserne. Die findet sich an der B7 an der höchsten Stelle des Düsseldorfer Stadtgebiets (ca. 112 Meter über Normalnull…). Stationiert war hier das Fernmeldebataillon 820 (FmBtl 820), das regelmäßig Gastgeber für Panzerbataillone und sowas war.
Wer als Düsseldorfer in den sechziger und siebziger Jahren am “Bund” nicht vorbeikam, der versuchte natürlich Fernmelder zu werden, um dann in der Bergischen Kaserne einrücken zu können. Denn so blieb die geliebte Altstadt in der Nähe. Jeder Taxifahrer jener Jahre kann sich an die Nachttransporte volltrunkener Soldaten zum Dienstbeginn in der Bergischen Kaserne erinnern, wo manchmal sieben, acht Droschken vor den Toren des Standorts aufliefen.
Highlight des ehemaligen Truppenübungsplatzes ist ein Schotterweg, der mit einer Steigung von über 90 Prozent den Hügel hinauf führt und als Teststrecke für alle möglichen Fahrzeuge diente. Heute gilt er abwärts als Mutprobe für Mountainbiker, aufwärts als Härtetest für Waden. Oben auf dem Hügel findet sich dann der Segelflugplatz, der auch heute noch gelegentlich in Betrieb ist. Eine gut anderthalb Kilometer lange und rund 500 Meter breite, sanft geschwungene Wiese bildet die Start- und Landebahn. Da immer nur bei Westwind (die vorherrschende Windrichtung in Düsseldorf) geflogen wird, bringen die Flieger den Laster mit der Winde ans Westende. Die Flugzeuge liegen dann an der Ostseite des Platzes. Dann hängt jemand das Seil ein, und die Winde zieht den Segelflieger steil in den Himmel. Der Geräuschmix aus Windenmotor und Windgeräusch von Seil und Flieger steckt mir schon seit der Kindheit in den Ohren. Denn natürlich sind wir auch oft mit den Eltern sonntags zum Segelflugplatz gepilgert.
Wenn kein Flugbetrieb herrscht, kann man die Wiese überqueren und in den Aaper Wald eindringen. Wer den ÖPNV nutzt, erreicht diese Gegend Düsseldorfs übrigens am besten mit der Linie 712 und steigt Am Bauenhaus aus. Von dort aus führen fast alle Wege hoch zum Segelflugplatz.
Ansonsten legt man am Spielplatz, der sich an der Südwestecke der Wiese befindet, ein Päuschen ein und wandert anschließens bergab. Entweder über die breite Asphaltstraße oder am Zaun des Feldes entlang über den Wanderweg, der unten am Feld endet, an dem wir unseren Spaziergang begonnen haben.
Das ist wirklich eine schöne Runde, die Du dort gegangen bist. Als Kinder sind wir dort oft mit unseren Mountainbikes gewesen. In dem Bereich zwischen Rennbahn und Staufenplatz verlief (verläuft?), teilweise parallel zum Spazierweg, eine Extrastrecke für Radler. Ich weiß nicht wie oft es uns da zerrissen hat, da wir bei jeder Witterung dort gefahren sind und die Strecke jedesmal anders beschaffen war. Es hat aber immer jede Menge Spass gemacht, wennn wir aus Bilk/Hamm rüber gefahren sind.
Bei einer Sache bin ich mir jedoch nicht ganz sicher:
Ich meine, dass der Hubbelrather Sandberg noch höher ist als der Segelflugplatz. Dieser ist m.E. etwas über 160m ü.NN hoch. Ich habe aber gerade keine Quelle parat.
Rainer Bartel Antwort vom 12.01.10 20:22:
Mönsch, Lolo, du hast ja sowas von Recht: Der Hubbelrather Sandberg ist seit der Eingemeindung von Hubbelrath tatsächliche Düsseldorfs höchste Erhebung!
Danke für die Info und die nette Kinderheitsgeschichte.
Da muss ich einschreiten: Jerafenbersch ist noch nie so offen gewesen, wie es heute ist. Viele Zäune existieren nicht mehr und jedermann kann (und sollte) sich einmal die Zeit nehmen, das weitläufige Gelände zu Fuss zu erkunden. Du wirst feststellen, dass da kaum noch von irgendetwas eine Bedrohung ausgeht.
Rainer Bartel Antwort vom 12.01.10 20:26:
Missverständnis! Ich hatte in den letzten 30 Jahren schon so oft da Leute zu besuchen, dass ich die Klinik nie als “Bedrohung” empfunden habe – ich finde nur ganz speziell die Architektur der alten Gebäude gruselig…
Könnte der Bach am Golfplatz der Pillebach sein?
Rainer Bartel Antwort vom 12.01.10 20:25:
Boah, ey, ihr seid so klug! Es ist der Pillebach!
lasher Antwort vom 12.01.10 23:41:
Bin ja auch oft genug als Kurzer mit dicken Gummistiefeln und ‘ner Menge Spaß darin ‘rumgestapft…
Vor allem in dem “Sumpfgebiet” zwischen der Bergischen und dem Dernbuschweg…
Sehr schöne Ecke, da oben – nicht nur zum Radeln, sondern auch zum Rodeln, wie ich vorigen Sonntag entdeckte.
Im Sommer haben wir und übrigens mal von Bekannten belabern lassen, zum Pferderennen auf die Galopprennbahn zu gehen. Ich hatte Schlimmes erwartet und war positiv überrascht, dass das doch eine realtiv bodenständige und gar nicht soo schnöselhafte Veranstaltung war.
Sehr schöne Ecke (in deren unmittelbarer Nähe ich inzwischen wohnen darf). Aber warum wird mit keinem Wort erwähnt, wie der Stadteil heißt ? Auch wenn wir immer von “Grafenberg” sprechen: die Rheinische Landesklinik und das Gebiet um Wildpark und Aaper Wald heißt Ludenberg
@WENZEL: Ich stimme dir zu! Der Stadtteil, in dem sich die Klinik befindet, nennt sich Ludenberg.
Allerdings ist der “Landes”-Teil schon sehr, sehr lange kein Bestandteil mehr des Klinik-Namens, sie nennt sich jetzt (seit Ende 2008 (????), weiss nur Keiner…) LVR-Klinikum Düsseldorf.
Akasha
herzlichen Dank für diesen schönen Bericht aus dem Naherholungsgebiet, der Kindheitserinnerungen weckt.
Dort gab (gibt ?) es in den Wintermonaten (also, wenn so RICHTIG Winter war, quasi der heutzutagige hypige Blizzard-Winter …) die sensationellste Rodelstrecke ever
In den Mitte-1950er-Jahren von den Eltern am Wochenende dick eingepackt, ging’s raus aus der Innenstadt in den Grafenberger Wald und den ganzen Tag mit dem Holzschlitten den Berg rauf und runter … es war sensationell – es gab nix besseres …
… Ich sollte mal wieder dort hinfahren und vor Ort in Erinnerungen schwelgen …
Gruß