Grüne Hölle Ölganginsel
Zwischen Neuss und dem Vater Rhein
Als ich noch ein Schüler war in den frühen sechziger Jahren, da gab es die Institution des Wandertags – vermutlich ein Relikt aus der deutschen Ära, als das Wandern noch kriegswichtig war. Mehrmals im Schuljahr brachen die Klassen auf, um einen Tag draußen zu verbringen. Für meine Klasse galt das nicht. Wir gingen auf Expedition. Angeführt von Dr. Reinhold Feuerstein (auch “der dicke Feuerstein” genannt, weil es einen zweiten Lehrer gleichen Namens gab, der vergleichsweise klein und dünn war…) fuhren wir mit öffentlichen Verkehrsmitteln in ein erreichbares Biotop, um dort die Natur zu studieren. Ja, wir sammelten unter Feuerstein’scher Leitung Pflanzen, trockneten sie zwischen Löschblättern und klebten sie in Hefte ein, die “Herbarium” genannt wurden. Diesem engagierten Biologielehrer verdanke ich mein zoologisches, botanisches und vor allem ökologisches Basiswissen und werde ihm dafür ewig dankbar sein. Allerdings verdanke ich ihm auch eine Reihe saftigster Ohrfeigen, denn in den Jahren vor 1967 wurde an deutschen Schulen noch geschlagen. Eines unserer Expeditionsziele war die Ölganginsel auf der linken Rheinseite.
Dabei handelt es sich um eine Landzunge zwischen dem Rheinstrom und der Einfahrt zum Neusser Hafen, etwa zwischen Stromkilometer 739 und 740. Bis vor kurzem war dies ein Naturschutzgebiet, da die Stadt Neuss aber Erweiterungen am Hafen plant und dabei auch die Westseite der Ölganginsel betroffen sein wird, ist der Status aufgehoben. Trotzdem kann man hier in Steinwurfweite des Düsseldorfer Rheinturms eine entfesselte Flora durchstreifen.
Anreise
Ausgangpunkt ist jeweils das architektonische und stadtplanerische Desaster, das sich Rheinpark-Center nennt. Das besteht aus den hässlichsten Kaufstätten, die sich denken lassen, einem hässlichen, wenn auch luxuriösen Hotel, einem Haufen übelster Sozialbauwohnungen und was sonst noch an ästhetischem Grauen existiert. Zurzeit wird dort heftig gebaut, sodass die Anreise mit dem Auto ein bisschen kompliziert ist. Es geht darum, von der Südbrücke kommende, rechts einzubiegen und um das Center herum an den Rheindeich zu gelangen. Dort finden sich immer ausreichend Parkplatze.
Der ÖPNV in Gestalt von S-Bahnen hat eine eigene Haltestelle namens “NE Rheinparkc-Center”; dort halten die S8, die S11 und die berühmte Privatbahn S28. Diese komischen Bimmelbahnen überqueren den Rhein über die noch recht neue Hammer Eisenbahnbrücke. Du steigst aus und bewegst dich parallel zur Strecke in die Richtung, aus der Mann gekommen ist. So erreichst du den Punkt, an dem sich auf dem Rheindeich eine Unterführung zeigt. Autofahrer tapern auf ebenjenem Rheindeich Richtung Norden und kommen auch dahin.
Der Weg
Linkerhand erhebt sich das imposante Lagerhaus voller Charmin-Klopapier, rechts vielfältiges Grün. Du nimmst den Weg unterhalb und parallel zum Damm. Der ist geschottert, und dort spielen hundert kleine Kaninchen Fangen. Nach etwa dreihundert Metern knickt ein Asphaltweg nach rechts ab. Dem folgst du bis zum seinem Ende. Dort siehst du ein Schild, das deutlich macht, dass Pferd und Reiter nicht reindürfen. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Eigentlich darf niemand rein. Denn auf dem eckige Schild wird verkündet, dass es sich um “Betriebsgelände” handelt und das Betreten und Benutzen strompolizeilich verboten ist.
Jetzt hast du die Wahl: Ignorieren und reingehen oder den Spaziergang vorzeitig beenden. Wer die legale Variante wählt, wendet sich nach rechts, unterquert die Eisenbahnbrücke und marschiert einfach Richtung Südbrücke – auch ganz nett, aber langweilig.
Bist du mutig, gehst du weiter. Von hier an windet sich ein Pfad von etwa anderthalb Kilometern Länge durch die Grüne Hölle der Ölganginsel. Der Rhein ist immer in Wurfweite, und dort findest du verträumte Strände. Unter der Woche wirst du kaum einem Menschen begegnen. Höchstens einem einsamen Angler, der den Fisch aus dem inzwischen recht sauberen Strom zieht. Oder ein Paar, das in einer der abgeschiedenen Buchten dieser oder jener Liebe frönt.
Theoretisch kannst du dem Förster begegnen. Dann solltest du eine der folgenden Ausreden parat haben: “Ich dachte, nur Pferde dürften nicht hier rein.” Oder: “Das war früher anders”. Es wird dir wenig nützen. Bestenfalls kommst du mit einer mündlichen Verwarnung davon, wenn du das Gebiet sofort verlässt.
Hundeabenteuer
Wenier lustig wird’s, wenn dich der Grünrock mit deinem nicht angeleinten Hund erwischt. Der Tatbestand lautet: Wilderei. Und der gibt dem Hüter das Rechte, deine Töle einfach abzuknallen. Der ökologische Grund liegt in der großen Fasanpopulation auf der Ölganginsel. Im Frühjahr und Frühsommer hört man hier dauernd die Stimmen der Hähne. Die Damen brüten am Boden und bleiben bis zum letzten Augenblick sitzen. Stöbert der Köter eine Henne auf, kann es passieren, dass er sie dabei verletzt oder tötet. Um die Tausenden Kaninchen wär’s dagegen nicht schade.
Trotzdem ist das Gebiet ein wahrer Hundeabenteuerspielplatz. Und wenn dein Hasso nicht vom Jagdtrieb gebeutelt und tatsächlich jederzeit abrufbar ist, dann solltest du ihm das Vergnügen, nach Herzenslust zu schnüffeln und zu stöbern, einfach mal gönnen.
Rückweg
Lieder führt nur ein Weg zur Spitze der Ölganginsel. Dort kannst du in den Neusser Hafen gucken. Manchmal üben Kanuten dort ihr putziges Handwerk, und bisweilen kann man einen dieser besoffenen Rheinschiffer dabei beobachten, wie er versucht, seinen Kahn in die Einfahrt zu bugsieren. Über allem wacht der Turm der Heerdter Kirche, denn das Dort liegt direkt gegenüber der Spitze. In der anderer Richtung hast du ständig das Kraftwerk Lausward im Blick
Es ist ziemlich still im Gebiet. Natürlich flöten die Vögel, andere schnattern, zwitschern und pfeifen. Im Sommer spielen die Grille dazu Geige. Im Hintergrund rauscht ab und zu die S-Bahn über die Brücke, und bei Ostwind wehen Fabrikgeräusche aus dem Kraftwerk herüber. Im Gebüsch raschelt es ständig. Man wüsste gern, welch Getier sich das verbirgt. Aber meistens sieht man die Vertreter der Fauna nicht.
Dafür aber die versammelte Flora. Auf den ersten Blick wirkt das langweilig, aber wenn du ein Pflanzenbestimmunsbuch mitnimmst, wie es Dr. Feuerstein natürlich immer dabei hatte, dann wirst du allerlei Wildkräuter entdecken – ab dem Spätsommer gibt’s hier natürlich verschiedene Beeren und auch ein paar Pilze.
Wenn man sich mal aus irgendeinem Grund in die Büsche schlägt, verliert sich auch die Vorstellung, man befände sich zwischen der größten und schönsten Kleinstadt Deutschlands und dem Ort, den Römer einst gründeten, um einen Platz für ihre Geschlechtskranken zu haben. Die Zivilisation scheint ziemlich weit weg zu sein.
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Ist Dir eigentlich schonmal aufgefallen, dass auf dem Hinweisschild des Wasser- und Schifffahrtsamt am Weg zur Insel das Wort Köln fehlt?
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Rainer Bartel Antwort vom 20.05.09 14:46:
[Großes Grinsen]: Leider nicht mehr; die haben ein neues Schild angebracht, weil’s ja nicht mehr Naturschutzgebiet ist. Jetzt ist irgendeine andere K**ner Beörde zuständig – und ich hatte gestern keinen Kratzgegenstand dabei. Aber, gut dass du mich erinnert hast ;–))))
[Antwort]