Wie es kam, dass unser Vater einen Fernsehapparat kaufte
1962 – Sind wir jetzt im Fernsehn?
Wir stammen aus komplizierten Familienverhältnissen, ja, aus teilweise ungeklärten Verhältnissen. Mein Vater wurde 1923 in Stettin geboren und hatte zwei Brüder: Harald, der ältere, und Hans-Joachim, der jüngere. Der leibliche Vater war Maurer und aktiver Kommunist. Die Familienlegende sagt, dass er bereits im Mai 33 “verschwand”. Das erzählte Tante Käthchen in Wattenscheid; die war in den fünfziger Jahren KPD-Mitglied und nebenbei Kettenraucherin. Ich nehme an, die war die Schwester meines Großvaters. Die Mutter der Jungs war bereits gestorben, und so zog eine Stiefmutter die Jungs groß. Diese Stiefmutter nannten wir “Oma”. Sie war nach dem Krieg in Nordfriesland gelandet und lebte ab etwa 1956 mit Onkel Paul zusammen in einem Ort namens Oster Schnatebüll. Dieser Onkel Paul war ein Ostpreuße wie er im Buche steht und von Beruf Sattler. Auf dem Grundstück seines Häuschens stand auch die Werkstatt; ein Holzhaus, in dem es nach Leder roch.
Onkel Paul trug eine kreisrunde Nickelbrille und war sehr lieb zu uns Kindern. Wenn wir gar zu frech waren, schimpfte er uns sagte: “Ihr Tungusen!” In diesem Dorf mit seinen sechs oder sieben Bauern heißen gleich zwei Familien Johannsen. Da gab es den Bauer Johannsen und den Kaufmann Johannsen. Paul und Oma wohnten an einer Stichstraße, die von der Dorfstraße abzweigte. An der Ecke hatte der Kaufmann Johannsen seinen Laden und – das war damals üblich – zwei Zapfsäulen davor. Manchmal schickte uns Onkel Paul zum Kaufmann: “Hol mich ma Kandis.” Denn Kandiszucker war seine Liebelingsüßigkeit. Pauls Haus war das zweite nach dem Wohnhaus von Johannsens, das hinter dem Laden lag. Auf der linken Seite der Strichstraße gab es dann nur noch Felder und Weiden.
Gegenüber hatte der Großbauer Johannsen seinen Hof. Vor dem Haus wuchsen Birnbäume, die im Sommer ganz kleine, harte Früchte trugen, die wir aus dem Gras des Vorgartens klaubten. Johannsen war so reich, dass er einen eigene Mähdrescher besaß, den sich die anderen Bauern ausleihen konnten. Es gab außerdem jede Menge Milchvieh, und ich erinnere mich noch an den saueren Geruch im Melkstall und in der Milchküche. Zentraler Ort auf dem Hof war die riesige Küche. Manchmal saßen über 20 Leute mittags am Tisch. Wir Städterkindern spielten viel mit den Kindern vom Johannsen-Hof und gingen dort ein und aus.
In einem Sommer – wir verbrachten unsere Ferien in den Jahren 1958 bis 1964 alle bei Oma – hatte der Bauer einen Zuchtstier draußen angepflockt. Ein Riesenviech, aggressiv und nur mit einer Kette durch die Nase mit dem baumdicken Pflock verbunden. Meine Güte, was hatte ich Angst, die Bestie könne ausbrechen! Zumal ich ja ein lebensentscheidendes Erlebnis mit Pferden dort hatte. Der Bauer Johannsen hatte nämlich auch Springpferde. Alle voran die Fanny, von der es hieß, sie sei olympiareif. Eines Tages stromerten wir auf dem Hof herum, als es plötzlich Unruhe gab. Und dann kam dieser Gaul auf uns zugaloppiert! Fanny war durchgegangen und lief gerade mal einen halben Meter an mir vorbei, der ich mich an eine Mauer drückte – und vor Angst in die Hose machte. Später betrachten wir die Hufabdrücke in Omas Garten, wo das Vieh durchgerannt war – die waren gut 30 Zentimeter tief. Seit jenem Erlebnis habe ich – bis auf den heutigen Tag – Angst vor Pferden.
Hinter Johannsen hatte Gustafsson seinen Hof und ganz am Ende ein Bauer, der, so meine ich mich zu erinnern, Olafsson hieß. Jedenfalls was mit “-son” am Ende. Oster Schnatebüll, das heute zur Kleinstadt Leck zählt, lag damals im Landkreis Tondern. Tatsächlich wurde dieser nordwestlichste Zipfel Deutschlands vom dänischen Tønder aus verwaltet, das keine 20 Kilometer von Leck entfernt liegt. Dieser Teil Schleswig-Holsteins ist zudem derjenige, in dem die gesetztlich geschützte dänische Minderheit fast schon eine Mehrheit ist. Untereinander sprache die Leute Platt, in das aber jede Menge für uns unverständliche, vermutlich dänische Ausdrücke gemischt waren.
Selbst für damalige Verhältnisse war Oster Schnatebüll von einer rührenden Rückständigkeit. Die Stichstraße war nicht geteert. Der Strom kam aus dem Transformatorhäuschen hinter Onkel Pauls Werkstatt und wurde über Masten auf die Höfe geleitet. Außer dem gigantischen Mähdrescher von Bauer Johannsen gab es noch zwei Trecker in diesem Teil des Dorfs. Das Heu wurde ganz selbstverständlich mit dem Pferdefuhrwerk hereingeholt, und ich meine mich zu erinnern, dass einer der Bauern sogar ein Ochsengespann benutzte.
Kein Wunder also, dass “das Fernsehen” sich Oster Schnatebüll als Drehort für eine Dokumentation über Theodor Storm und seinen “Pole Poppenspäler” ausgewählt hatte. Zumal Storm ja aus Husum stammte… Die Novelle (Download des Volltextes als TXT) spielt etwa in den 1860er-Jahren und behandelt die Geschichte des Drechslers Paul Paulsen, der in seiner Jugend mit einem bayerischen Puppentheater ausbüxt, Puppen baut und so zu seinem Spitznamen kommt.
Nun hatte sich der Regisseur eine Szene ausgedacht, in der das Puppentheater in ein Dorf kommt und die Kinder voller Vorfreude hinter dem Wohnwagengespann herlaufen. Die Kinder waren wir, also wir drei Geschwister und die Kinder vom Johannsen-Hof. Auf dem Foto sieht man rechts, direkt neben der Trafostation, den Kameramann. Auf dem Weg erkennt man noch den Wohnwagen und uns Kinder. Gegenüber ist die Einfahrt zum Johannsen-Hof.
Mein Vater knipste wie wild und sprach mit den Fernsehleuten. So erfuhr er, wann der Film ausgestrahlt werden sollte. Und genau an jenem Tag fanden wir im Wohnzimmer den ersten Familienfernseher vor. Den hatte mein Vater an jenem Tag besorgt und aufgestellt, damit wir alle zusammen sehen konnten, wie wir Kinder im Fernsehen waren. Übrigens: Die Szene, in der wir mitspielten, war nur wenige Sekunden im Bild, und der Ausschnitt war so gewählt, dass niemand uns erkennen konnte. Ich würde diesen Film gern noch einmal sehen – hat wer Verbindungen zum NDR und dessen Archiv?
Schöne Erinnerung und schöne Geschichte… mit dem NDR-Film kann ich allerdings nicht dienen ^_^