Der dritte Tag war schon okay
Gestern war komisch. In der Nacht hatte ich noch einmal eine solche Panikattacke, aber tagsüber ging’s mir körperlich ganz gut. Ich habe entdeckt, dass die Wasserflasche an der Position, an der sonst die Kippen lagen, eine prima Kompensation ist. Da ist was zum Greifen und zum oralen Hantieren. So kamen erneut drei Liter Wasserohne der Marke Gerolsteiner in meinen Schlund. Ob diese Flüssigkeit eine Rolle spielt, weiß ich nicht, aber den ganzen Tag über hat ich verschiedene Phantomgeschmäcker im Mund. Das begann mit einem leichten Zitronenaroma, ging über Fleischbrühe bis zu etwas, das an exotisches Gemüse erinnerte. Auch das wird ein Teil des Entzugs sein.
Tja, und die Nerven, die Nerven… Ich war gereizt, dünnhäutig und ziemlich dicht an der Wasserkante. Meine Stimmung schwankte zwischen Wut, Zorn, Hilflosigkeit und Selbstmitleid. Und das alles immer ohne jeden Bezug zum Rauchen bzw. Nichtrauchen. Denn erneut hatte ich nicht einmal den Gedanken, wie schön es doch wäre, jetzt eine Zigarette zu rauchen. Das Kernthema dieses Experiments hält sich also irgendwo am Rande versteckt.
Mir wird klarer, dass es neben der eigentlichen Nikotinabhängigkeit im Wesentlichen um die Rituale geht (ja, ich weiß, das steht ja so auch in den entsprechenden Büchern). Waren die vorher nicht sehr ausgeprägt oder nicht sehr gleichmäßig getimt, fällt es nicht schwer, auf sie zu verzichten. Tatsächlich gab es in den letzten sechs, sieben Jahren nur eine wirklich termingerechte Kippe am Tag: die erste am Morgen zum Kaffee.
Bis dahin hatte ich nie vor dem Frühstück geraucht. Aber die damals an meiner Seite lebende Dame, eine wahre Hardcore-Raucherin, nahm die erste Zigarette ja bisweilen direkt nach dem Aufwachen, noch im Bett liegend ein. So weit habe ich es nicht getrieben, aber den Brauch, Nikotin und Koffein vor allem anderen zuzuführen, habe ich mir abgeguckt.
Vor gar nicht langer Zeit habe ich über Monate (eventuell war’s sogar mehr als ein Jahr, ich weiß es nicht mehr) mit extrem reduziertem Kippenkonsum gelebt. Das sah so aus, dass ich eine Schachtel im Schreibtisch hatte. Tagsüber habe ich gar nicht geraucht. Abends beim Gespräch, Spiel oder Fernsehen dann insgesamt zwei oder drei. Dazu stand ich jedes Mal auf, ging zum Schreibtisch, öffnete die Schubalde, nahm die Packung raus, entnahm ihr eine Kippe, holte das Zippo aus der Lade, zündete die Zigarette an, verstaute alles wieder und ging dann mit der brennenden Zichte an meinen Platz. In der Zeit genoss ich jeden Zug.
Einzige Ausnahme: Bei Heimspielen der Fortuna kaufte ich mir eine Packung extra fürs Stadion und rauchte während des Spiels. Vielleicht war das der für mich optimale Status eines Rauchers. Müsste mal überlegen, wann und warum ich wieder auf das “normale” Rauchen umgestiegen bin…