Einmal Schimanski in Klischee, bitte
Eigentlich freut sich ja jeder, der alle 43 Schimanski-Fälle mit mehr oder weniger Vergnügen, aber immer mit Symapthie gesehen hat, wenn es heißt: Es kommt ein neuer Schimmi. So auch bei der Folge “Schicht im Schacht“, der möglicherweisen letzten Zuckung der Schimanski-Filmreihe. Was aber Autor Jürgen Werner und Regisseur Thomas Jauch da anboten, war so vollkommen misslungen, dass es einem die Tränen in die Augen treiben konnte. Nun ist dieser Jürgen Werner bisher eher mit Schmonzettenserien à la “Kreuzfahrt ins Glück” und “Ferienarzt auf…” verhaltensauffällig geworden – das macht ihn zum Klischeeexperten. Und im Prinzip ist ja auch Schimanski an und für sich ein Klischee. Aber gerade in seinen Tatort-Folgen wird dieses Klischee meist auf die eine oder andere Art ironisch gebrochen. Jeder Form von Ironie ist den Tätern dieses Films aber fremd.
Es wird aber auch alles in Klischee eingelegt wie die Sülze ins Aspik. Da wird der Ort der Handlung, Rheinhausen, ein Ortsteil Duisburgs auf der linken Rheinseite, zum Teil des (wörtlich) Ruhrpotts umfirmiert, obwohl jeder Reisende durch einfaches Dorthinfahren feststellen könnte, dass der Ort deutlich niederrheinisch ist. Da wird permanent von Stahlkocherehre gefaselt, nur weil Rheinhausen vor rund zwanzig Jahren durch die Umstände der Krupp-Schließung berühmt wurde. Da leisteten nämlich Tausende Arbeiter Widerstand gegen die perfiden Pläne des “Sanierers” Gerhard Cromme. Aus diesem historischen Umstand weiß der Autor auch nur ein Klischee zu machen. Dass nämlich einer der Protagonisten, der sich übrigens eher anhört wie einer aus Castrop-Rauxel, damals zu den Anführern zählte. Wer historische Wahrheit für eine gute Folie hält, wird schlimmstens enttäuscht – man höre sich allein einmal die alten Reden des wirklichen Vorturners Helumt Laakmann vom 10.12.1987 an – keine Spur von Revierdialekt.
Aber das Klischee wird noch breiter. Rheinhausen according to Werner und Jauch ist seitdem tot. Die Leute vegetieren dahin, Frauen verdienen ein paar Euros mit Blumen, einer betreibt ein ausbeuterisches Callcenter und andere haben sich der Droge hingegeben. Da sollten sich die Rheinhauser Bewohner aber mal gegen wehren. Denn es ist viel passiert im Ort, und der Strukturwandel hat wirklich stattgefunden. So entsteht hier der größte Neu-Pkw-Umschlagplatz Europas (Logport) an einem Fluss. Und die Arbeitslosenquote liegt nur wenig über dem NRW-Durchschnitt.
Zeitreise?
Vielleicht haben die Macher ja auch eine Zeitreise im Sinn gehabt. Ein depressives Loch ist Rheinhausen heutzutage jedenfalls nicht. Das entzieht der Handlung aber auch die Grundlage. Wenn eine der Protagonistinnen darüber jammert, keine ordentliche Lehrstelle bekommen zu haben und deshalb beim mädchenverschlingenden Frisör gelandet ist, dann passt das etwa ins Jahr 1993, aber nicht in die Jetztzeit. Dass der ehemalige Arbeiterführer ehrenamtlich die Geländer des aufgelassenen Hochofens lackiert, ist dagegen schon fast komisch.
Die Ausstattung des gesamten Films ist übrigens very Seventies. Alles ist braun, bisweilen von orangenen Tupfern unterbrochen. Dann gibt es noch Grau. Zum Beispiel in den Gesichtern der ehemaligen Freunde. Der eine soll angeblich noch Stahl gekocht haben, ist optisch aber eher ein Dreißigjähriger. Angenommen, er wäre zur Zeit der Handlung 32, dann wäre er zur Zeit der endgültigen Krupp-Schließung im Jahr 1993 ja erst achtzehn gewesen. Das geschätzte Alter kommt hin, denn der andere Freund aus alten Tagen betreibt seit sechs Jahren einen Coffee-Shop in Amsterdam und sieht ebenfalls aus wie Anfang Dreißig. Nebenbei: Deutsche Staatsbürger bekommen in den Niederlanden keine Lizenz zum Betrieb einer Marihuana-Quelle… Schließlich gibt’s den fröhlichen Junkie, der – so erfahren wir – seit ebenfalls sechs Jahren drauf ist, aber schon am Methadon-Programm teilnehmen darf. Der sieht trotz seiner angeblich radikalen Drogenkarriere eher aus wie 25. Das passt hinten und vorne nicht.
Das Blumemädchen fährt zudem mit einem Transporter (evtl. ein Ford…) aus den frühen sechziger Jahren umher. Das soll Armut ausdrücken. Tatsächlich werden solche alten Schätzchen von Liebhabern zu Preisen auf dem Niveau eines neuen VW-Transporters gehandelt.
Handlungsschwächen
Reden wir von der Handlung. Natürlich ist die Tatsache, dass die Ermordeten ihr eigenes Höschen im Munde trägt, ein prima Aufhänger, aber eben auch nur ein Klischee – es steht für das Perverse im Mörder. Wie oft die Beteiligten den Fakt des Slips im Mund explizit erwähnen, ließ sich kaum zählen. Der Titel des Films, “Schicht im Schacht” wurde dagegen so oft ausgesprochen, dass sich der Zuschauer schnell für blöd erklärt vorkam.
Wie gesagt, die Handlung… Die ist verworren und klärt sich auch nie auf. Jedenfalls spielen Drogen eine Rolle, Verrat unter Schwestern, ein bisschen Inzestverdacht, Vergewaltigung, Abtreibung und dadurch bewirkt Gebärunfähigkeit, und am Ende ist man ganz wuschig vor lauter Perversion. Das volle Paket, eben. Man sieht es geradezu vor sich, wie der Autor mit feuchten Händen ein Tabu nach dem anderen bricht, immer im Bewusstsein, dass Cromme und Krupp schuld daran sind, dass die Rheinhauser so geworden sind.
Viel schlimmer ist – trotz aller Vorab-Lobeshymnen – das, was die Macher dem Schimanski antun. Wie gesagt: Schimanski war immer ein Klischee, eine Stereotype, eine Phantasiefigur, das Traumbild des kämpfenden, scheiternden, warmherzigen, hartschaligen Mannes. Zu Beginn seiner Existenz inmitten der zweiten Feminismuswelle, als der Mann leiber Softie sein sollte, bot der Schimmi den Gegenentwurf und gab uns Kerlen Hoffnung, dass es schon okay wäre, sich wenig zu waschen, Bier aus Dosen zu saufen, auch mal draufzuhauen, wenn wir nur lieb und nett zu Frauen wären. Die Legende, dass der Horst Schimanski einst selbst zu den Problemkids seiner Zeit gehört hätte und vom Polizeivorturner Königsberger aus dem Sumpf in den Polizeidienst gezogen worden wäre, konnte man ja auch nie für ernst nehmen. Aber sie funktionierte, wenn sich der Schimmi nicht an die Regeln hielt, wenn er aufs Maul kriegte, wenn er gerügt wurde und man ihm die Lizenz zum Aufklären temporär entzog. Und diese Legende funktionierte perfekt im Zusammenspiel mit Christian Tanner, dem exakten Gegenteil. Auch Hänschen, der merkwürdigerweise im deutschen Staatsdienst tätige Holländer fügte dem Ganzen eine neue Seite hinzu.
Dialogschwächen
Und nun ist ausgerechnet Hänschen, der bekanntlich älter ist als Schimanski, noch im Polizeidienst, während Schimmi in Rente ist. Das erklär mal jemand anderen Beamten. Wie auch immer. Schimanski geht’s nicht gut. Vermutlich mangels genug Rente. Er muss immer noch seinen Citroen CX fahren, der kaum noch tut. Auch hier wieder: Ein CX ist heutzutage entweder fein restauriert oder tot – die Vorstellung, dass dieser Youngtimer für Armut stehen soll, kann nur im lebensfernen Hirn eines sesselfurzenden Drehbuchdrechslers entstehen.
Ja, dann wollen Schimmi und Hänschen zusammen Urlaub in Amsterdam machen. Doch dann sieht man sie beim Angeln. Also, Hänschen angelt, weil Schimmi ihm eingeredet hat, das wäre klasse. Der sitzt da, trinkt Dosenbier (Man fragt sich, wo die Produzenten in Zeiten des Dosenpfandes diese Mengen an Bierkonserven her bekommen haben) und telefoniert mit Hänschens Handy. Dann haut er ab und vernimmt jemanden in Amsterdam, während Hänschen eine längere Zeit der Handlung am Flüsschen stehen muss.
Natürlich mischt sich der Schimmi ein, denn die Nichtauflösung eines Parallelfalls macht ihm zu schaffen und wird ihm von seinem alerten Nachfolger unter die Nase gerieben. Schimanski aber geht im Polizeipräsidium ein und aus, kriegt vom Leichenbeschauer mehr Infos als der eigentliche Kommissar, darf Verdächtige im Knast vernehmen und überhaupt völlig rechtsfrei agieren. Hänschen hat derweil vor Wut die Angel weggeschmissen und beschimpft die übrige Zeit den Schimmi aus unerfindlichen Gründen als Arschloch.
Klar dass der Jungkommissar sich vom alten Sack nicht reinpfuschen lassen will. Aber so richtig wehrt er sich nicht dagegen. Würde auch nichts bringen, denn einen Einblick in den grausamen Dschungel der Rheinhauser Ruhrgebietsseelen hat eh nur der Schimmi. Der weiß die Leute zu nehmen. Zum Beispiel die Frisörin südeuropäischer Herkunft, der er beim Bier am Kiosk die Würmer aus der gepiercten Nase zieht. Hier erlebt man dann die Dialogschwäche des Autors in voller Wucht. Es geht um die ermordete Tanja. Und das Mädchen beginnt sage-und-schreibe drei Sätze mit folgender Konstruktion: “Die Tanja, sie…” Also nicht einfach “Die Tanja hat dies und das gesagt und getan”, nein, da muss das Subjekt nach vorne. So sprechen die Menschen im Ruhrgebiet halt eben.
Götzimausi
Und der Götz, der George? Der sieht inzwischen aus wie einer von den Stones. Also wie siebzig, aber leicht geliftet und gebügelt. Er nuschelt immer noch und beginnt jeden zweiten Satz mit “Du”. Er gibt sich dem Klischee hin und zerstört dabei mit leichter Hand den Mythos vom Horst Schimanski, dem Rächer der Enterbten, dem Tröster der Witwen und Waisen. Ob er in dieser Hinsicht wie immer Einfluss auf Buch und Regie genommen hat, ist nicht bekannt. Dass er sich aber als Spieler der Figur ganz wohlfühlt darin, zu tun, als sei etwa 1988, sieht man.
Das wäre alles nicht nötig gewesen. Nein, wer in den vergangenen Wochen sehr viele Schimanski-Folgen, die der WDR dankenswerterweise wiederholt hat, gesehen hat, weiß, welche Möglichkeiten im Klischee vom Ruhrpottjungen im Polizeidienst liegen und mit welcher Virtuosität viele Autoren und Regisseure damit umgegangen sind. Das Team Werner / Jauch hat nun aber den absoluten Tiefpunkt der Möglichkeiten markiert.
Für Götzimaus George gibt es jetzt nur noch zwei Möglichkeiten: Nie wieder den Schimanski zu geben oder den in der allerletzten Folge sterben zu lassen.
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mich haben nur am ende die photos von hänschen und horst zum lächeln gebracht.
die mit dem karpfen.
alles davor: schlimm, das.
fühlte mich sehr ungefesselt.
Und gestern Abend lief auf WDR die Tatort-Folge “Das Mädchen auf der Treppe” von 1982. Da konnte man den Unterschied in der Qualität (Buch: Martin Gies) genaustens erkennen. Natürlich war die Story auch an allen Haaren herbeigezogen, aber trotzdem in sich glaubwürdig. Und das Stahlwerk, das steht da ganz beiläufig hinterm Fundort der Toten herum…