Der zweite Tag ist der schlimmste
Macht euch mal keine Hoffnung: ein heroischer Erfolgsbericht wird dies hier nicht. Ich weiß ja noch nicht mal, ob ich das Rauchen tatsächlich final aufgebe. Es spricht nämlich einiges dagegen. Dazu später mehr. Zunächst möchte ich aber darüber berichten, wie meine Körper und meine Geist auf den Entzug reagiert hat. Mit einem Wort: heftig. Gestern ging’s mir richtig schlecht. Dabei habe ich den ganzen Tag über gar nicht daran gedacht, zu rauchen. Nein, das berüchtigte “Verlangen” nach dem Glimmstengel kam nicht auf.
Der Horrortrip begann am Vorabend vor dem Fernseher. Ich war eingenickt. Und als ich aufwachte, hatte ich das starke Gefühl, gleich bewusstlos zu werden. Das geschah des nachts mehrmals und löste so etwas wie Angstattacken aus. Ich fürchtete mich davor, wieder einzuschlafen. Morgens war ich wie gerädert. Den Tag über hatte ich mit heftigen Konzentrations- und Sprachschwierigkeiten zu kämpfen. Nachmittags kamen Kopfschmerzen hinaus. Vom Aufstehen an quälte mich bis späteabends ein leichter Hunger, dem ich aber nicht nachgab. Ich vermute stark, dass ich die Gitanes unbewusst auch als Appetitzügler eingesetzt habe. Durst hatte ich auch. Das war aber gut, denn so schüttete ich neben der obligaten Kanne Kaffee über Tag drei Liter Mineralwasser in mich hinein. Könnte schon ein Teil der Entgiftung sein.
Heute Nacht passierte es wieder: Ich erwachte mit dem Eindruck, ohnmächtig zu werden. Das Gefühl lag nah an der Todesangst. Ich stand auf und trank Wasser. Danach ging’s mir besser.
Aufgeben
Wie gesagt: Gesundheitlich Argumente für den Zigarettenentzug sind mir relativ schnuppe. Es ist ja auch eine Altersfrage. Der Opa in “Little Miss Sunshine” meint zum Thema Heroinkonsum: “Wenn du’s in der Jugend tust, bist du ein Idiot. Wenn du’s im Alter nicht tust, bist du auch ein Idiot.” Das hat was. Mit Ende Fuffzich kriegt man die Folgen von mehr als 40 Jahren Rauchen nur noch schwer aus dem Körper. Fragt sich aber auch, ob das die gesamtgesundheitliche Situation nennenswert verbessert.
Ein schlauer Mensch hat mal gesagt, Gesundheitswahn sei kleinbürgerlich. Denn der gesundheitsbewusste Kleinbürger will mit seinem Tun nur erreichen, dass er seinen Nachbarn überlebt und ihm am Grab ne lange Nase dreht. Ja, Gesundheit im Alter ist immer mit dem Wunsch verbunden, länger zu leben – als eine rein quantitative Kiste.
Geht’s mit also besser ohne Qualm? Momentan nicht. Momentan geht’s mit in vieler Hinsicht schlechter. Und ich überlege auch, was ich alles aufgebe, wenn ich nie wieder zur Gitanes greife. Zum Beispiel das Einkaufen von Rauchzeug. Im Viertel habe ich drei Quellen für die schwarzen Franzosen. Am Fürstenwall hat der Perser sein Büdchen; da darf man den Hund mit reinnehmen – obwohl das eigentlich verboten ist. Auf der Oberbilker Allee kurz hinter der Unterführung gibt es das große Büdchen, das von einem irgendwie balkanesischen Clan geführt wird. Auch die haben meine Sorte und sind freundlich im Umgang. Schließlich frequentieren Hund und ich auch noch den Tabakladen Willebrand & Schmitz an der Ecke Cornelius- und Kirchfeldstraße. In jedem dieser Läden gibt es immer einen Grund für ein Schwätzchen; die Damen im Tabakladen lieben den Hund, und wir kommen ohne eine Streicheleinheit für den Köter nie raus. Das würde ich aufgeben.
Ich denke mal, die gesamtgesundheitliche Situation kannste schon noch verbessern, wenn Du jetzt aufhörst. Aber die Frage, obs das wert ist, kann man schon stellen. Denn es wird nicht unbedingt dazu führen, dass Du Dich auch dauerhaft erkennbar besser fühlst danach, wenn der Entzug ausgestanden ist (auch wenn alle Welt versucht, Dir das einzureden).
Ich habe vor viereinhalb Jahren kurz nach der Geburt meiner Tochter aufgehört aufgehört mit dem Rauchen (nach 25 Jahren). Ich habe jetzt 20 Kilo mehr auf den Rippen und einen Heuschnupfen, vor dem mich der Teerbelag in den ganzen Jahren vorher anscheinend wirksam geschützt hatte. Mein Gesamtbefinden hat nie den großen Boah-Schub bekommen, den alle Enthaltsamkeitsprediger prophezeit hatten. Gut, es geht mir auch nicht schlechter, und ich bin froh, dass mein Leben nicht mehr so von der Kippe strukturiert und konditioniert ist. Aber ich denke auch, so ganz werde ich es vielleicht nie los sein, denn ein guter Drehtabak oder eine würzige Kippensorte könnte mich immer noch gefährden. Oder vielleicht wird es auch erst dann wirklich gefährlich, wenn ich mich der Illusion hingebe, jetzt wär ich drüber weg und könnte ja mal wieder eine.
Wie auch immer: Ich weiß, dass das nicht passieren wird, schon allein, weil ich den Scheiß-Entzug nicht nochmal durchleiden möchte. Frau und Kind sind es mir auch wert, standhaft zu bleiben. Aber wenns nur um mich allein gegangen wäre, hätte ich nicht den Anreiz gehabt, das durchzuziehen.