Keine Knochen, Gräten, Sehnen, Knorpel, Schwarten, Fettecken...

Wie ich mal die Chicken-Nuggets erfand

chicken_nuggetsAls Kind war ich, was Essen angeht, ziemlich mäkelig. Das mag damit zusammenhängen, dass meine Mutter keine besonders gute Köchin war, aber hatte seine Ursache viel mehr darin, dass ich mich vor bestimmten Begleitumständen von Nahrungsmitteln ekelte. Besonders bei Innereien und Fleisch. Aus heutiger Sicht bin ich sicher, dass ich beim Biss ein ein Lebensmittel keine Überraschung erleben wollte. Also nicht beim Knabbern am Kotelett plötzlich den Knochen zwischen den Zähnen haben. Auf meiner Hitparade der ekligsten Gerichte stand auf Platz Eins ganz eindeutig gekochter Fisch. Bis heute esse ich keinen Fisch und habe über die Jahre wohl eine leichte Allergie dagegen entwickelt. Aber dieser Kochfisch, der war widerlich! Da schwammen fischige Brocken in einer mit Dill gewürzten Mehlschwitzpampe. Alles voller Gräten.

Stattdessen bevorzugte ich Würstchen und paniertes Fleisch. Meine Mutter panierte Bauchspeck, aber ohne die Schwarte zu entfernen. Uäääh! Die Königsberger Klopse gingen. Bratklopse (westdeutsch: Frikadellen) auch. Und da war dann noch meine Lieblingswurst. Ja, in der Familie hieß Cervelatwurst einfach nur “Lieblingswurst”, weil ich da so scharf drauf war. Plockwurst ging auch noch, aber Käse aß ich überhaupt nicht.

Meine Mutter stammte aus Ostpreußen, mein Vater aus Pommern. Wie alle Ostmenschen aßen die auch ekligste Dinge. Mein Vater mochte zum Beispiel Lungenhaschee. Ich möchte da nicht näher drauf eingehen, aber wer das nie gesehen oder gar gegessen hat, weiß nicht wirklich, wie eklig Mahlzeiten sein können. Und dann brachte er eines Tages Panhas mit. Das ist ein rheinische Spezialität, eine Art Blutgrütze, angedickt mit irgendeinem Getreidemansch. Panhas wird in Scheiben geschnitten und in der Pfanne gebraten. Wir MUSSTEN das essen! Ich zermatschte mein Stück mit Kartoffeln un kippte eine halbe Flasche Ketchup drauf.
Allerdings aßen wir überdurchschnittlich oft auswärts, weil mein Vater ja als Architekt einer Brauerei mit der Gastronomie viel zu tun hatte. Das war natürlich klasse, dass ich mir da aussuchen durfte, was ich wollte. Seit jenen Tagen in den frühen sechziger Jahre stehe ich deshalb total auf die balkanesische Küche, weil wir oft “beim Jugoslawen” essen waren.

Alles in allem war also meine persönliche Speisekarten recht begrenzt. Eines Tages, die Familie verbrachte die Ferien in Oberbayern, saßen wir in einem Gasthof beim Mittagessen. Wenn ich mich recht erinner, hattte ich Hühnerfrikassee und mein Bruder Schnitzel. Und wie ich so die Fleischbrocken aus der Sosse fischte, während mein Bruder die Panade des Schnitzels mit dem Messer zerteilte, sagte ich plötzlich: “Das wäre doch lecker. Wenn man Hühnchenfleich in mundgerechte Stücke schneidet, paniert und dann frittiert.” Denn das wäre meine absolute Lieblingsspeise geworden.
So kam es, dass ich etwa im Jahr 1954 die Chicken-Nuggets erfand…

[Hinweis: Das TK-Erbsenfoto stammt von der grandiosen Seite lebensmittelfotos.de, auf der alle möglichen Leute ihre Fotos von Produkten und Gerichten zur allgemeinen, freien Verwendung ablegen. Die Seite ist entstanden, um der Marion ihr sein Mann das Handwerk zu legen. Der hat nämlich viele Blogger, die Fotos von Marions Kochbuch benutzt haben, kostenpflichtig abmahnen lassen – mich auch. Damit sit jetzt Schluss und der Typ möge sich bitte final aus dem Web verpfeifen!]


» Erzählung von Rainer Bartel am 14.02.10 um 13:53 » in Kategorien: Essen » 971 x gelesen » 6 x kommentiert
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  1. :D Wir sind das perfekte Paar. Schick die Sachen, die Du nicht magst (mit Ausnahme des Kochfischs)einfach an mich. Meine Mutter (ebenfalls aus OP) brachte noch Kalbskopf süß-sauer und irgendwas mit Euter in die Familie. Die Rache der Vertriebenen, eben. Schön auch, das in heutigen Alles-ist-Salami-Zeiten noch jemand das Wort Plockwurst kennt.

    Rainer Bartel Antwort vom 14.02.10 18:43:

    Ich kenn auch noch “Cervelatwurst” ;–)))

     
    Kommentar von quietschbaer am 14.02.10 um 15:29
  2. Klingt ja wirklich eklig, was du da so beim Essen erleben musstest. Kenne ähnliche Geschichten aus meiner Kindheit. Doch es liegt einfach an der Unfähigkeit der Köche. Vieles, was ich als ungenießbar eingestuft hatte, habe ich später dann, als es richtig zubereitet war, als neue Köstlichkeit kennen gelernt, z.B. eben auch Innereien.
    Was aber auch heute noch gar nicht geht ist: Hering in Gelee. Hängt mit einem Erlebnis in einem Ferienkinderheim zusammen. Allein der Gedanke daran löst heute nach 50 Jahren noch Ekel hervor.
    Schade, dass Konditionierung über Ekelempfinden neue Erfahrungen verbauen kann.
    Paniertes totgebratenes Fleisch halte ich für eine der langweiligsten Speisen, kann man aber durch die dazu servierten fürchterlichen Satandard-Suppensoßen vom Jäger oder Zigeuner auch noch weiter steigern.

    Rainer Bartel Antwort vom 14.02.10 18:46:

    Die meisten Mäkeleien habe ich abgelegt. Allein bei Fisch & Meeresfrüchten muss ich passen; ich probier’s alle paar Jahre mal wieder, und mir wird jedes Mal schlecht :–(( So zu sagen eine anerzogene Allergie.

    Und zu meiner Schnitzelmitsosse-Sucht stehe ich!

     
    Kommentar von pablo am 14.02.10 um 18:11
  3. ich finds total seltsam, dass ich heute sachen esse, mit denen man mich früher zum brechen brachte (ist wirklich passiert wenn man mich gezwungen hat zu essen). da wären zum beispiel:
    panhas, gebratene blutwurst, wellwurst, klöße, gekochtes eisbein mit fett und schwarte, sülze, karbonade (auch schusterkottlett genannt).
    was heute noch nicht an meinen gaumen kommt sind jedwede innereien oder “möhren untereinander”.

    ach nochwas, ich will dir deine erfindung nicht streitig machen aber kann es sein das diese nuggets, jenseits des weisswurstäquators als backhendl bekannt ist?

    Rainer Bartel Antwort vom 15.02.10 12:26:

    Backhendl? Ne, ne, das sind ja ganze Stücke vom Huhn, die man in ihrer Funktion noch erkennen kann (Keule, Flügel etc.). Meine Nuggets bestehen aus gewürfeltem Brustfleisch ;–))

     
    Kommentar von yallamann am 15.02.10 um 07:22

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