F95: Willkommen im Kommerz-Merchandscheißing-Familyentertainment-Kosmos!

Fortuna in den falschen Händen

f95_saisoneroeffnungJa, nee, iss klar: Bei einem Zweitligisten kann es gar nicht mehr so familiär sein. Es führt kein Weg zurück zu den gemütlichen Saisoneröffnungsfesten auf dem Parkplatz des Paul-Janes-Stadion am Flinger Broich im Schatten der Müllverbrennungsanlage. Das wollen uns die fanfernen Kräften, die im Verein TSV Fortuna Düsseldorf 1895 das Sagen haben und/oder operative Aufgaben zu erledigen haben, anscheinend weismachen. Ihre Arroganz drückt sich in so kleinen Dingen aus wie dem Design des Auswärtstrikots der kommenden Saison. Das ist rot und blau gestreift und wird zur blauen Hose getragen. Jedem langjährige Anhänger fällt da nur eins ein: WSV. Und natürlich die tiefe Abscheu, die wir gegen den Wuppertaler SV und sein Gesocks pflegen, die vor nicht einmal drei Jahren harmlose Familienväter an der Arena überfallen und ins Krankenhaus geprügelt haben. Und nun sollen unsere Spieler in den Farben eines der ekligsten Clubs überhaupt auflaufen? Da fällt dem Verantwortlichen, dem Marketing-Chef Carsten Franck nur ein: “Es wird Fragen aufwerfen, aber da gehen wir mutig mit um” Und will uns einreden, die Farbgebung sei eine Reminiszenz an das Trikot des FC Barcelona – gegen den die Fortuna bekanntlich am 16.05.1979 in Basel im Endspiel um den Pokal der Pokalsieger verlor.

Größte Hüpfburgmesse der Welt

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Sind Marketingfuzzis eigentlich so blöds, dass sie denken, Kindern wären total jeck auf Hüpfburgen?

Eine blödere Ausrede ist kaum denkbar. Und wenn der Geschäftsführer Sport, Wolf Werner, angibt, er habe keine Assoziation mit dem WSV gehabt, dann beweist das nur die beschränkte Sicht eines Mannes, der immer eher in den Ligen 1 und 2 zuhause war. Und damit die weniger informierten Anwesenden am heutigen Nachmittag denken, das mit dem rot-blauen Trikot, das wär schon okay, musste Stadionsprecher André Scheidt als Ansager mit genau diesem Hemd rumlaufen. Und tatsächlich fielen einige darauf rein und stolzierten im frisch erworbenen WSV-Leibchen umher.
War aber auch egal, denn mit der Saisoneröffnung eines Fußballvereins hatte die Veranstaltung am nördlichen Ende des Rheinstadions (das zurzeit “Espritz-Arena” heißen muss..) nur wenig zu tun. Auf den ersten Blick sah es eher aus wie die Weltmesse der Hüpfburgenindustrie. Die gab es in verschiedenen geschmacklosen Designs und für verschiedene Autoanbieter. Dazu konnte man an mehreren Stellen sein sauer verdientes Geld in Merchandscheißing anlegen und dann in der F95-Plastiktüte nach Hause tragen. Das führte dazu, dass die Frankenheim-Bierstände im Vergleich zu früheren Festen am PJS relativ wenig frequentiert wurden. Immerhin wurden die Spieler der ersten und zweiten Mannschaft auf der Bühne vorgestellt.
Erstaunlich schwach besucht, die umgedrehte Hüpfburg des Computerzockherstellers EA Sports, wo die Jungs an Bildschirmen zocken sollten. Und Fußball gab’s auch: Versteckt im äußersten Winkel bot das F95-Fanprojekt ein Kleinfeld an, auf dem sich ein paar Kids verloren.

Im Vorfeld gab es schon Ärger angesichts der Auswahl des Musikprogramms. Der legendäre “Musikbeauftragte” Markus “Opa” Haefs hatte schon in der Pause seinen Rückzug erklärt, weil er zunehmend mit indiskutablen Musikwünschen aus dem Kreise der Spieler, aber vor allem der diversen Sponsorenvertreter und Funktionäre konfrontiert wurde. Würden diese Typen sich mal im Kreise von Fußballfans, nicht nur der von Fortuna, umhören, wüssten sie, dass die Musikkulisse, die im Rheinstadion geboten wird, bundesweit geradezu legendär ist. Dann würden sie erahnen, in welch extremen Maße die Düsseldorfer Musikszene mit der Fortuna verbunden ist – nicht erst seit den verschiedenen Sponsoraktionen der Toten Hosen. Vielleicht bekämen sie dann auch heraus, dass Düsseldorf mal das Zentrum der deutschen Punkmusik war und es eine intensive Verbindung zwischen dieser Szene und der Fortuna gab. Wären sie so erleuchtet, dann würde wohl niemand von ihnen sich die Partymusikscheiße der Atzen oder anderen, verblödenden Mainstreammist wünschen.

Keine Club Identity
Aber so viel Weit- und Rücksicht herrscht weder in den Kreisen von Vorstand und Aufsichtsrat, noch bei den diversen Sponsoren. Für die ist Fortuna nur eine weitere Plattform, auf der sie ihre Wichtigkeit ausstellen und ihre teilweise kranken Vorstellungen von dem, was den Fußball ausmacht, verwirklichen können. Dabei ist Fortuna Düsseldorf, verdammt nochmal!, nicht wie andere Fußballvereine. Und dieser Satz ist nicht das Ergebnis einer eingeschränkten Sicht, sondern lässt sich mit handfesten Argumenten versehen.
F95 war zehn Jahre in der Versenkung. Und das ist ein Segen. Denn so haben wir die anschwellende Kommerzialisierung und Kanalisierung des Fußballsports nicht am eigenen Vereinsleib miterlebt. Als in jedem bepissten Zweitligastadion schon VIP-Logen mit Fußbodenheizung und Plüschsesseln standen, tranken unsere Wichtigen ihr Alt noch in einem zugigen Zelt am Rande der Tribüne des PJS. Als Vereine wie der (zu Unrecht von vielen für irgendwie anti-kommerziell gehaltene) FC St.Pauli die Rechte am heiligen Totenkopflogo an eine Marketingklitsche vertickte, da gab es niemanden, der das F95-Emblem haben wollte.

Jetzt sind wir wieder in der zweiten Liga, und es hat sich in der Saison 2009/10 sehr, sehr gut angefühlt. An jeder Ecke war zu spüren, dass es die unbeugsamen Fans waren, die den Funken der Begeisterung aus den Betonstufen des Stadions am Flinger Broich geschlagen und mit in die ungemütliche Arena genommen hatten. Dass es die aktiven Fans – von den vielen Fanclubs, die all die Jahre durchgehalten haben, über die Fanorganisationen AK und SCD bis hin zu den unermüdlichen Ultras und der Alten Garde – waren, die für diese spezielle Stimmung gesorgt haben. Befeuert eben auch von der Musik, die Opa auflegte.

Es waren die Fans
Wie es ja letztlich auch die Fans waren, die den Verein gerettet haben. Das vergessen momentan viele Großkopferte und Silberrücken, die ein Jahrzehnt lang keinen Blick mehr für die Fortuna übrig hatten. Wer hat das Abrissspiel im Jahr 2002 organisiert? Als der RW aus Essen im alten Rheinstadion antrat und die Fans beider Vereine ALLES gaben, der geliebten-gehassten Schüssel den Rest zu geben? Es waren Fans. Wer hat dem Verein eine neue Satzung gegeben? Es waren Fans. Wer hat am Vatertag 2003 das Mythos-Spiel organisiert, bei dem die damalige Mannschaft gegen die Durchmarschhelden von 1993 vor fast 10.000 Fans antrat? Es waren Fans. Wer hat mit der Aktion 25.000+ im Jahr 2009 dafür gesorgt, dass zum ersten mal deutlich mehr als 25.000 Zuschauer zu einem normalen Heimspiel in der Arena kamen? Es waren Fans. Wer hat mit unerschütterlicher Hartnäckigkeit und Stück für Stück aus eigener Initiative angeeignetem Fachwissen dafür gesorgt, dass nur Stehplätze in der Arena entstehen? Es waren Fans.

Das unterscheidet die Fortuna von vielen anderen Clubs in den Ligen 1 und 2. Und dass es bei der Fortuna immer in erster Linie um Fußball gegangen ist (Die Ära Erwin mal ausgenommen, als der OB versuchte, den Verein für seine politischen Zwecke einzuspannen). Dass es seit den Zeiten von Schauspielhaus-Intendant Karl-Heinz Stroux in den sechziger Jahren eine innige Verbindung zwischen der Fortuna und der hiesigen Kunst-, Künstler- und Musikszene gibt.
Und jetzt kommen irgendwelche Leute daher, die sich irgendwas mit “Marketing” schimpfen, davon offensichtlich kaum Ahnung haben und in ihrem Bereich – das zeigte die heutige Saisoneröffnung – Sachen nachahmen, die man so auch in Osnabrück, Sandhausen oder Erfurt erleben könnte. So nett unser aller Robert “Pali” Palikuca auch ist: Was befähigt ihn eigentlich, einen Marketingsjob im Verein auszuüben? Oder sind die Verantwortlichen der Ansicht, fürs Marketingsmachen brauche man keine Qualifikation? Sieht fast so aus.

Schnauze voll
Sprach man heute mit Fans, die man zu den aktiven zählen darf, dann sieht es so aus, als hätten viele die Schnauze voll davon, sich von Marketingsfuzzis die Art und Weise von Festen und Partys vorschreiben zu lassen. Viele haben auch die Schnauze voll davon, ein beschissenes Trikot vorgesetzt zu bekommen (Warum lässt man nicht, wie früher, die Fans abstimmen?), oder bei so einem Fest irgendeine Coverband hören zu müssen anstelle der vielen, Fortuna-bezogenen Projekte der Stadt. Und einige sind der Meinung, dass die kommende Saison 2010/11 entscheidend sein wird für die kulturellen Fragen, die sich um die Identität des Vereins drehen.

Es könnte gut sein, dass sich schon bald Widerstand gegen die Arroganz einiger Macher rührt. Es könnte gut sein, dass es zu Aktionen der Fans kommt mit dem Ziel, sich ihre/unsere Identität nicht nehmen zu lassen auf Kosten von irgendwelchem 08/15-Kommerzscheiß.


» Bericht von Rainer Bartel am 31.07.10 um 17:35 » in Kategorien: Fortuna,Wirtschaft » 8,791 x gelesen » 2 x kommentiert
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  1. Danke Rainer, du sprichst mir aus der Seele!

    [Antwort]

     
    Kommentar von Henry Chinaski am 02.08.10 um 11:51
  2. [...] zwar offiziell Saisoneröffnung, wie die Rainersche Post aber so schön schrieb glich es eher der „Weltmesse der Hüpfburgenindustrie“. Hinter dem Gästeblock der Scheißarena bekam jeder Sponsor die Möglichkeit, dem Volk, oder sagen [...]

     
    Pingback von Das geht ja gut los « DER SCHLOSSTURM am 19.08.10 um 10:39

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