Von Bengalos und Stehplätzen
Kürzlich sah ich mir auf Premiere irgendein Heimspiel der TS Hoffenheim an. Es war ein Flutlichtspiel, und das neue Stadion in Sinsheim war gut besucht. Mitte der ersten Halbzeit traute ich meinen Ohren nicht: Von den Zuschauerrängen kam kaum ein Ton, es war so gut wie totenstill. Da ging meine Erinnerung ganz weit zurück in die sechziger Jahre. Plötzlich sah ich mich vor dem Schwarzweiß-Fernseher bei Onkel Harald sitzen und ein Länderspiel ansehen. Die Geräuschkulisse hatte ich wieder in den Ohren: Ein durchgängiges Gemurmel gemischt mit krächzenden Tröten. Und dann im Vergleich der Jubel der mitgereisten Düsseldorfer bei den vier Toren der Fortuna im vergangenen Mai in Erfurt. Schreie, Gesänge, Trommeln. Dreimal Zuschauerkulisse, dreimal anders. Und ich fragte mich, was eigentlich den emotionalen Reiz von Fußballspielen ausmacht.
Bis vor ein paar Jahren gehörte ich auch zu den Tribünenhocker, die während einer Partie mit dem Sitznachbarn fachsimpeln und höchstens bei einem Tor der eigenen Mannschaft aufspringen und applaudieren. Seit 2004 aber bin ich Teil der Kurve. So nennen die aktiven Fans die Gemeinschaft derjenigen, die ihr Team durchgehend und lautstark anfeuern. Ja, ich singe und schreie mit. Und das macht jedes Spiel zu einem authentischen Erlebnis. Nein, ich bin kein Arenakunde, ich bin Fan. Und das ist ein Unterschied, der sehr genau die Grenzlinie zwischen dem beschreibt, was die Fußballfreunde wollen und dem, was DFB und DFL im Verein mit den Medien (und der werbetreibenden Wirtschaft) haben wollen. Für Letztere ist der Fußball nicht mehr als die Folie für Reklame, Entertainment und Business. Das kann der Fußball aber nur sein, wenn das Umfeld domestiziert wird, wenn Emotionen nicht nur kanalisiert, sondern künstlich erzeugt werden. In dem so angestrebten modernen Fußball wird der Zuschauer vor Ort, aber auch der am heimischen TV, als Konsument betrachtet, der sein Geld gibt, um eine Ware zu bekommen. Diese Ware ist Beteiligung ohne Engagement. Ganz ähnlich wie in der Werbung, die beim Kauf eines Produkts Jugend und Schönheit verspricht, soll der Fußball Eomotion ohne Anstrengung versprechen. Das geht nur, wenn sich der Inhalt einer Arena an die Regeln hält, also tut, was er soll.
Nach hiesigem Verständnis gehört wilder Support nicht dazu. Wenn die Fans von Galatasaray Istanbul im Spiel gegen den HSV Dutzende bengalischer Fackeln abbrennen lassen, dann wird das als südländisches Temperament bezeichnet. Der Reporter sagte dazu: “Schön anzusehen, aber nicht ganz ungefährlich.” Lassen es aber die Fans von Werder Bremen in St-Etienne rauchen und fackeln, dann nennt ein anderer Fernsehmann sie Idioten und bezeichnet das Ganze als Ausscheitungen. Jede Form von Pyrotechnik, die in deutschen Stadien leider vollständig verboten ist, wird flugs zur Gewalt erklärt. Übrigens: Von nennenswerten Verletzung unbeteiligter Zuschauer durch Bengalos, Böller oder Rauchpulver ist nichts bekannt – lediglich das Werfen solcher Dinger auf gegnerische Fans, Spieler und Schiedsrichter ist nicht nur gefährlich, sondern hat bereits öfter zu mehr oder weniger schweren Verletzungen geführt. Der ehemalige Fortuna-Torhüter Georg Koch musste kürzlich seine Karriere aufgeben, weil ein in seiner Nähe explodierender Kracher Ohr und Gleichgewichtsorgan verletzt hatte.
Das Verbot von Pyrotechnik zielt auf eine bestimmte Klientel: Eltern mit Kindern. Die sind in mancher Hinsicht eine optimale Kundengruppe, da sie im Umfeld der Arenen für reichlich Zusatzumsatz sorgen. Wo aber Familien zwischen Fantasie-Land oder Fußballstadion entscheiden, da muss beim Fußball für familiengerechte Atmosphäre gesorgt werden. Pyro gehört ebenso wenig dazu wie Schlägereien unter den Fans. Da muss die Unterhaltung (Cheerleader, Maskottchen etc.) in den Vordergrund gestellt werden. Da gehört was Lustiges dazu (“Schalke eins, Hoffenheim null. Danke – Bitte”), aber da muss Support kindgerecht sein. Stümmung gehört zwar dazu, aber gezügelte. Und wenn die authentische Stümmung ausbleibt, dann gibt es immer noch den Entertainer in der Stadionsprecherkabine, der für Animation sorgt. So gehört beim Spiel von Bayer Lerverkusen gegen den VfB Stuttgart, als die Fans der zurückliegenden Werkself in dumpfes Schweigen verfallen waren und vom Stadionsprecher miuntenlang zum Anfeuern aufgefordert werden mussten.
Der wilde und kreative Support durch Ultra-Gruppierungen zählt definitiv nicht zu dem, was sich die Funktionäre und die Unternehmen wünschen. Diesen ausdauernden und lauten Fans sollen enge Grenzen gesetzt werden. Die bauen DFB und DFL durch eine immer wiederkehrende Kriminalisierung auf. Wenn an einer Autobahnraststätte gegnerische Fans übereinander herfallen, dann hagelt es Stadionverbote gegen Ultras – ganz gleich, ob die als organisierte Gruppe beteiligt waren oder nicht. Neuester Trend in dieser Richtung ist es, den Begriff “Hooltras” einzuführen. Ziel der Verwendung dieses Kunstwortes ist es, erneut die Angst vor Hooligans zu entfachen, also vor jenen Leuten, die vor rund zehn Jahren immer wieder für Gewaltausbrüche im Umfeld der Stadien gesorgt haben. Unter Leitung des selbsternannten “Fan-Forschers” Gunter Pilz, der von dem, was Ultras so treiben, mangels Zugang soviel Ahnung hat wie die Kuh vom Klettern, sollten alle Ultra-Gruppierungen pauschal zu Gewalttätern erklärt und letztlich aus den Stadien ferngehalten werden.
Natürlich wissen die Verantwortlichen, dass sie ohne Anfeurung durch Fans das Enotions-Versprechen gegenüber den Arenakunden nicht einlösen können. Deshalb experimentieren sie seit Jahren mit organisertem und offiziellem Support herum. Dümmstes Beispiel ist der DFB-Fanclub. Da hat man ein paar Hände voll Deppen gefunden, die für kleine Mark Trommeln schlagen und Schwarzrotgold schwenken, auch wenn – wie beim Länderspiel gegen Norwegen in Düsseldorf erlebt – die Zuschauer keinen Grund sehen, die Nationalelf anzufeuern. Nach ähnlichem Muster unterstützt die Hopp’sche TSG übrigens Fanclubs, die sich offiziell registrieren lassen. Wie überhaupt der SAP-Milliardär Hopp einer der fleißigsten Protagonisten des modernen Fußballs ist und seine Geldmacht in diesem Sinne lobbymäßig einsetzt.
Und was hat das mit dem Thema “Stehplätze” zu tun? Der regulierte, gezähmte Fan braucht keine Stehplätze. Er sitzt da, lässt sich unterhalten und zeigt Emotion nur dann, wenn er sich selbst feiert. Gern mit ironischer Distanz oder als Mittel zum Zweck der After-Game-Party (siehe WM 2006). Das lässt sich im Sitzen gut bewerkstelligen. Wer den Fußball aber als Teil seines Lebens begreift, als ein Stück Heimat, das sich für kein Geld kaufen lässt, wer seine Mannschaft anfeuern will, wer authentische Emotionen sucht und braucht, der muss bei der Ausübung seiner Leidenschaft stehen. Da müssen Körper aneinander stoßen, da muss man beim Tor auch mal ein paar Reihen hinab schwappen, da muss man sich bewegen können. Das geht nur auf echten Stehplatztribünen.
Ob es daran liegt, dass der Schöpfer der Düsseldorfer Mehrzweckarena, der verstorbene OB Erwin, ein Vertreter des modernen Fußballs war, ist ungewiß. Fest steht, dass die Noch-LTU-Arena in der NRW-Landeshauptstadt das einzige neuere Stadion ohne Stehplätze ist. Die Bauten auf Schalke, in Mönchengladbach und in Köln – selbst die Kommerzarena in Sinsheim! – haben ganz selbstverständlich Stehplätze. Diese werden übrigens bei internationalen Begegnungen, die qua UEFA- oder FIFA-Gesetzgebung stehplatzfrei sein müssen, mit mobilen Sitzen umgerüstet. Nicht so in Düsseldorf. Zwar hat Joachim Erwin Fanvertretern seinerzeit öffentlich versprochen, es werde Stehplätze geben, sobald die Fortuna regelmäßig in der Arena spiele, aber dieses Versprechen hat er gebrochen. Plötzlich hieß es, die Statik der Südtribüne sei darauf nicht ausgerichtet, und der Umbau würde Millionen kosten. Damit geben sich die F95-Fans aber nicht zufrieden und haben die Initiative “Stonn op!” gegründet, die viel Zulauf auch von Sitzplatzbesuchern hat und von vielen befreundeten Fans (zum Beispiel denen von Wismut Aue) unterstützt wird. Die Argumentation pro Stehplätze lässt sich kaum besser zusammenfassen als in folgendem Beitrag von Peter Rueben in der Aktuellen Stunde des WDR3 vom 17.03.2009:


Paßt so schön zum Thema: http://www.arsenal.com/news/news-archive/arsenal-introduce-anti-social-text-service