Zweite Liga aktuell

Irgendwas Ahlen vs F95 1:4

ahlen_f95Nun ja, was soll man von einem Fußballclub halten, der den Namen so oft wechselt wie andere Leute (nicht andere Schalker) die Unterhose? Und sich zudem in einer Ortschaft verstecken, die – man muss sich das mal vorstellen – hinter Hamm (Westf.) liegt. Beschaulichkeit pur herrscht da, und das berühmte Stadion mit dem berüchtigten Werse-Roar, den die für ihr lateinamerikanisches Temperament notorischen Südostwestfalen austoßen, soll wohl dem nächst zum Weltkulturerbe erklärt werden. Munkelt man. Für das, was sich in Ahlen Bahnhof nennt, würde sich jede Düsseldorfer S-Bahn-Station in Grund und Boden schämen, und die Stanz- und Emaillewerke Nahrath an der Industriestraße verschickt scheinbar keine gestanzten Emails mehr… Jedenfalls hatten sich die Eingeborenen versteckt, sodass der einlaufende Fortuna-Mob im Schutze der Polizei über menschenleere Boulevards und durch besinnliche Alleen zum legendären Werse-Stadion trottete. Woselbst die Ahlener eine Behelfstribüne aus Rohrzucker und Holzersatz geschnitzt hatten – was man als versuchten Mord an 2.000 Düsseldorfer werten könnte, würde man die Dortigen für heimtückisch halten.

In Wahrheit sind die harmlos. Und bisschen hilflos auch. Das Ketering besorgte der Hof Münsterland, der aber noch in Arbeit ist. Immerhin lässt deren Website erkennen, dass ein Partyzelt schon für 6 Euro pro qm zu haben ist. Ob das Personal inbegriffen ist, bleibt unklar. Die Damen, Herren, Mädels und Buben, die hinter dem Fortuna-Block Dienst taten, waren jedenfalls nett, ja, harm-, aber auch hilflos, weil in jeder Hinsicht überfordert. Dem ergebenen Berichterstatter taten sie leid, denn wer möchte mit Menschen tauschen, denen angesichts durstigster Massen die Bierbecher ausgehen?
Vielleich war dies aber Teil 2 der versuchten Auslöschung der Freunde des TSV Fortuna von 1895. Denn der Lorenz brannte erbarmungslos über dem schnarchenden Städtchen am sauberen Werse-Bach. Wer unter uns ohne Mütze war, der risikierte die Verdampfung des Resthirns. Versuche, die durch Aloholaufschüttungen zu ersetzen, blieben sichtbar erfolglos. Der Ahlener Plan war angesichts dieser Umstände scheinbar, die schwächsten Individuen des Düsseldorfer Rudels durch Dehydrierung auszuschalten. Aber wir wehrten uns tapfer und bis an die Grenze der Selbstauflösung.

Die Anreise
Immer wieder erstaunlich sind die Kommunikationswege rund um unsere geliebte Tuna. Dass ein großer Teil der dreieinhalb Tausend Tunen um 9:54 mit dem Regio-Express gen Ahlen reisen wollten, hatte sich anscheinend nicht bis zur Bahn rumgesprochen. So enterten gefühlte 80 Prozent davon ebenjenen RE, der aber darauf nicht vorbereitet war. Heroisch bahnte der sehr ergebene Berichterstatter daher einer Frau mit Kind und zugehörigem Wagen den Weg in den Waggon und schob in diesem Zusammenhang nach 20 Jahren mal wieder einen Buggy durch einen Zug. So viel Suff wie auf einer slchen Hinfahrt ist selten. Bis Bochum ging’s noch, aber dann ergriff das Bier von etlichen Mitreisenden Besitz, und rund um das Kleinkind wurden Zigaretten entzündet. Ein anderer Komiker hatte entdeckt, dass das Drücken des Gegensprechanlagenknopfes im ganzen Zug für ein lustiges Binganbang sorgte und nervte in der Folge die Passagiere.
Der polizeiliche Empfang an der ahlen’schen Restrampe war freundlich, wenn auch ein bisschen reserviert. Selbst das Abbrennen einer Seenotrettungsfackel im Tunnel unter den Bahnsteigen setzte die schwitzenden Kampfschildkröten nicht in Gang. Nein, später zeigte sich sogar, dass Polizeibeamte entgegen vieler Meinungen durchaus in der Lage sind, menschliche Laute von sich zu geben (anstatt zu bellen), ganze Sätze zu formulieren und echte Informationen in freundlichem Ton weiterzugeben. So geschehen nach dem Spiel, als der Ascheplatz, der ebenfalls Bahnsteig spielte, polizeilich gesperrt war, um die andrängenden Fans vor einem nahenden Güterzug zu schützen. Der Anführer des Cop-Rudels gratulierte artig zum Sieg und erklärte dann, dass es einen Entlastungszug geben würde. Den mit glasigen Augen nahenden Picos war das egal, die wollten nach eigenem Bekunden lieber “ein Bullenschwein klatschen”. Dass es nicht bierförmiger Alkohol war, der solches Verhalten auslöste, sondern – wie der Berichterstatter beobachten konnte – eher pillenförmige Selbstbeschleuniger, macht mittelfristig Angst.

Örtliche Umstände
Wir zogen also froh gestimmt unter Absingen bekannter Fortuna-Hits durch eine lauschige Allee entlang des Bachs in Richtung Werse-Stadion, und einige Sportler versuchten, Kastanien bis in die Gärten der Villen am anderen Ufer zu schleudern. Eine Fußgängerbrücke war mit zwei Polizegäulen und einem dazu passenden -hund (Ein schönes Tier! Der Berichterstatter schwatzte nach dem Spiel ein Weilchen mit dem polizeilichen Hundeführer) gesichert. Der Eingang in den Gästebereich dieser Bruchbude, die ein schöner Ground sein könnte, würde RW Ahlen in der fünften Liga kicken und die Monstertribüne für die Heim-”Fans” wieder niederreißen, besteht aus einem zweigeteilten Gang, in den schon ein handelsüblicher Ordner nur quer hineinpasst. Dort konnten Angereiste auch noch Tageskarten erwerben, was die Prozedur einigemaßen aufhielt. Zum Glück erwarteten einen zur Körperabtastung einige bekannte F95-Ordner.

Die Ultras hatten sich auf der besagten, menschengefährdenden Behelfstribüne eingerichtet und legten los. Wer unten im Block O oder P stand, konnte gar nicht anders, als den Gesängen von oben zu folgen. Später hieß es, es seien rund 6.600 Zuschauer anwesen, was ein paar Leute zu lustigen “Steuerbetrug”-Rufen animierte. War die Zahl nicht gelogen, muss die Sache als F95-Heimspiel gewertet werden. Akustisch war das ohnehin so. Was aber den Stadionsprecher, der sich offensichtlich im Stadion vertan hatte, nicht davon abhielt, Sprüche zum besten zu geben, die selbst in den Kommerarenen am Rande der Geschmacklosigkeit dümpeln. Wobei: Diese ganze Show mit Hymne und Cheerleaders hat ja angesichts von Ort, Verein und Stadion was Niedliches. Harmlos, hilflos, eben.

Ahlener Fußballgeschichte
Da wollten die für Geld kickenden Angestellten von Rot Weiss Ahlen nicht nachstehen und agierten schon in den ersten Sekunden mit einer solchen Harm- und Hilflosigkeit, dass der erste Tuna-Angriff mit einem Tunnelschuss unseres Lumpis zum ersten Auswärtstor der Saison für F95 führte. Man versetze sich aber auch mal in die Stutzen der Kicker des RW Ahlen. Da sind noch Herren dabei, die einst im Auftrage des Schönheitsgemischtwarenladen LR zu Werke gingen. Dessen Vorturner, ein gewisser Ahlener namens Spikker, hatte den Club, der einst TuS Ahlen hieß, zwecks Lizenzerlangung mit dem Blau-Weiß Ahlen zwangsfusioniert und in LR Ahlen umbenannt. Da der DFB trotz seiner rastlosen Kommerzbemühungen die Benennung eines Vereins nach dem hauptsponorenden Unternehmen noch verbietet, übersetzte man kurzerhand die beiden Buchstaben des Beauty-Schuppens mit “Leichtathletik Rasensport”. So kam man im Jahr 2000 per Relegation gegen die Berliner Unionisten in Liga Zwo. Aus der man 2006 wieder abstieg, was viele Fußballfreunde der Republik mit Erleichterung aufnahmen, denn es stand zu befürchten, dass neben Wacker Burghausen, LR Ahlen in der Folge noch mehr Retortenklubs provinzieller Sponsoren (man denke an Brita Wehen…) den Weg in die erste Liga für richtige Fußballvereine verstopfen würden.

Doch dann stieg man ab, fand eine knappe Mio Schulden und einen Sponsor ohne Bock, denn der Spikker hatte seinen Laden längst an irgendeinen Konzern verscheuert. Warum man sich danach ausgerechnet “Rot Weiss” nennen und sich damit in die Nähe von solch grauenhaften Vereinigungen wie Rot-Weiss Essen (nur echt mit dem Rechtschreibfehler) oder Rot-Weiß Erfurt (nur echt mit braunen Fans) bringen musste, wird wohl ewig im Verborgenen glühen. Zumal die Bekloppten auch noch den Orthografiefehler der Essener übernommen haben und mit einem Deppenleerzeichen arbeiten.

Das Spiel
Wie gesagt: Die überforderten Rot-Weiss-Balltreter ließen sich nach 19 Sekunden einen einschenken. Da hatte sich die Mehrheit der Düsseldorfer Schlachtenbummler (Was für ein wunderbar militärischer Begriff der Fußballsprache!) auch schon kräftig eingeschenkt. Wenn eine Gruppe von vier Reisenden sich auf der anderthalbstündigen Fahrt einen Kasten Frankenheim Alt reintut und mit einer Lidl-Tüte Kräuterschnaps aufstockt, dann ist die Merkfähigkeit während der Partie deutlich eingeschränkt. Dem sehr ergebenen Berichterstatter, der einem gepflegten Altbier (bevorzugt: Schumacher am Ort der Herstellung) überhaupt nicht abgeneigt ist, wird nie begreifen, was daran so schön sein soll, ein Fußballspiel im Zustande des Voll- oder Dreiviertelvollsuffs anzuschauen.
Wobei die Biertrinker ganz offensichtlich diejenigen sind, die durch das Trinken den Bezug zum Spiel verlieren. Was ein Typ, der sich (unter Zeugen) zwei Falschen Wodka Gorbatschow und zwei Anderthalbliterkaninster O-Saft in die Sprechöffnung warf – und zwar innerhalb einer Spieltzeit von knapp vier Stunden (inkl. Anreise) und vormittags zwischen zehn und zwei -, vom Fußballspiel mitbekommt, würde mich ernsthaft interessieren. Der Jungmann (15, 16, 17?), der nach dem Tor des begabten jungen Marcel Gaus die Umstehende fragte, wie es denn stünde, hatte – seinem Aussehen nach zu urteilen – die meisten zeit im Wachkoma verbracht.

Jeder wie er kann, und alle für Fortuna. Nur so lassen sich diese merkwürdigen Rituale mit Verständnis beobachten. Und für Fortuna war der versammelte Block, dem sich die Sitzplatzfreunde im Block A bisweilen lautstark anschlossen, durchgängig. Wobei sich ab etwa Minute 30 doch gesangliche Ermüdungserscheinungen zeigten. Da hatte der Mann Mitte Vierzig, der sich das Aufstiegs-T-Shirt schon vor Anpfif von der imposanten Wampe gezogen hatte, den ersten Sonnebrand schon weg. Und bei manchen war nicht zu unterscheiden, ob überbordene Euphorie, Folgen von Alkohol-Abusus oder Sonnenstich zu diagnostizieren waren. Immerhin hatte Rani Jovanovic in der 14. Minuten alle anwesenden Ahlener verwirrt und das 2:0 erzielt.
Bodenloser Leichtsinn brachte das Gegentor und eine furchteinflößende Drangperiode der gestreiften Gegner. Da wünschten sich fast alle Beteiligten aus ganz verschiedenen Gründen die Pause herbei, die auch prompt vom prima schiedsenden Christian Schößling aus Leipzig zurechtgepfiffen wurde.

Später fand sich der Berichterstatter in einer anderen Ecke wieder, wo der Anteil Vollbesoffener erfreulich gering war und sich die Sprüche auf dem früher durchgängig fortuna-typischen Spaß- und Ironieniveau bewegten. Allerdings untermalt von den fon-starken Rülpsern eines Herren, der mit wackeligen Beinen auf der Balustrade ausharrte. In der hintersten Reihe untergebracht und mit einem Über-Zwei-Meter-Typ als Vordermann gestraft, sah der ergebene Beobachter das 3:1 im wesentlichen als Ausschnitt, der durch den abgewinkelten Ellenbogen dieses Herren gebildet wurde. Tatsächlich konnte er so einen verdaddelten Schuss des Bullen Bulykin erkennen, der im zweiten Nachlangen doch noch netzte. Die Bulykin-Sprechchöre hören sich eindrucksvoll an und erfreuen die Zielperson sehr.
Dass dann Gaus nach einem feinen Spielzug, an dem Lumpi beteiligt war, ein pfeilgerades 4:1 verfertigte, rundete einen gelungenen Auswärtssamstag aufs Feinste ab.

Nachklapp
Freud und Leid liegen eng beieinander. Genie und Wahnsinn auch. Aber sich an einem Tag von zehn bis fünf im Fußballmillieu unter überwiegend Tätowierten sauwohl zu fühlen, um dann den Abend dann bei einem Jazz-Konzert (dazu demnächst mehr) im Kreise von alternden Studienräten und Sozialarbeitern zu verbringen, hat etwas Disparates. Aber, manche mögen ja auch Heringssalat mit Himbeersaft. Und wenn’s dazu dient, die Fortuna auf den fünften Platz der zweiten Liga zu bringen, dann ist alles richtig.

[Mehr Bilder aus Ahlen auf Flickr]


» Spielbericht von Rainer Bartel am 20.09.09 um 12:31 » in Kategorien: Fortuna » 1,212 x gelesen » 1 x kommentiert
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