VfB Marzipancity vs Fortuna 95 3:1
Um diesen Bericht einigermaßen nachvollziehbar schreiben zu können, mussten ein Tag und zwei Nächte verstreichen. Fakt ist, dass Fortuna bei einem VfB Lübeck verloren hat, der pleite ist, dem schon im Winter die sieben wichtigsten Spieler abhanden gekommen sind und der eine neue Mannschaft aus Amateuren und A-Jugendlichen formen musste, die in diesem Jahr mehrfach bös unter die Räder gekommen ist. Die Fortuna, von vielen als spielstärkste Mannschaft der Liga bezeichnet, hat vor anderthalb Wochen den Spitzenreiter aus Oberhausen bravourös mit 3:0 geschlagen und hätte mit einem Sieg den zweiten Platz und damit eine prima Ausgangsposition für den Aufstiegskampf erobern können. Statt dessen blamierten sich die Spieler von Trainer Norbert Meyer bis aufs Knochenmark. Augenzeugen geben an, dass nicht eine Spur Widerstand gegen die Niederlage zu erkennen gewesen sei. Der Reporter von Antenne wurde live mehrfach ausfällig und nannte die Spielweise der Düsseldorfer wiederholt blamabel. So weit die Fakten.
Viele Fans waren unter Zurhilfenahme eines Urlaubstags am Dienstag nach Lübeck gereist, viele davon zum zweiten Mal, denn die erste Begegnung wurde nur wenigen Stunden vor dem Anpfiff abgesagt. Daheim hockte der Rest der Gemeinde vor dem Internet-Ticker oder dem Radio. Nach dem Ende der Partei lag nur noch Wut in der Luft. Die Spieler wurden virtuell als Püppchen und Söldner beschimpft. Immer wieder kam der – bereits im vergangenen Jahr geäußerte – Vorwurf auf, einige Spieler wollten gar nicht aufsteigen, weil sie dann ihren Job verlieren würden. Nun war die Niederlage gegen den Insolvenzclub von der Ostsee nicht die erste Blamage der rot-weißen Truppe. Der erbärmliche Auftritt im Finale des Niederrheinpokals gegen RWE liegt erst zwei Wochen zurück, und beim 0:3 gegen Babelsberg sah man ebenfalls eine fast wehrlose Fortuna.
Eigentlich sind langjährige Fortuna-Freunde dieses Auf und Ab gewohnt. Nicht umsonst haftet dem Verein das Etikett “launische Diva” schon seit Jahrzehnten an. Nur erklären kann sich diesen Effekt kaum jemand sachlich. Wie kann es sein, dass sich eine Fortuna-Mannschaft in drei aufeinanderfolgenden Spielen mal grandios, mal erbärmlich präsentiert? Vor allem: Woher kommt es, dass dies alle Jahre wieder passiert, auch wenn völlig andere Spieler im Kader sind? Da liegt die Erklärung nah, dass es mit einer spezifischen Fortuna-Kultur zu tun haben könnte, die unabhängig vom Personal auf die jeweiligen Spieler einwirkt.
Wie aber lässt sich diese Fortuna-Kultur beschreiben? Ein Element ist sicher eine durch nichts zu rechtfertigende Arroganz der Fans. Auch wenn tatsächlich einmal eine Söldnertruppe (siehe Marin, Markus et al) unter der Führung eines desinteressierten und inkompetenten Trainers den Negativdurchmarsch nach unten vollzieht, leiern die Anhänger gebetsmühlenartig die Legende vom Traditionsverein herunter. Immer noch halten Typen Schals hoch, auf denen die Fortuna als Macht am Rhein beschrieben wird. Immer noch ist die Mehrheit der Fans davon überzeugt, dass ihr Club eigentlich in die erste Liga gehört. Gleichzeitig befleißigt sich das Gros der Zuschauer traditionell dem ewigen gemecker. Das war schon in den sechziger Jahren so. Stand man mitten im Rentnerblock des gesprengten Rheinstadions unter lauter Hutträgern und Zigarrenpaffern, dann hörte man selbst bei gewonnen Spielen selten mehr als Kritik an den Akteuren. Andererseits lässt die Fortuna weite Kreise der Düsseldorfer Bevölkerung völlig kalt – selbst in Jahren, in denen der DFB-Pokal gewonnen oder um die Meisterschaft mitgespielt wurde.
Wie sehr dieses irrationale Anspruchsdenken greift, hat sich vor einigen Jahren an den Maßnahmen der Vereinsführung gezeigt. Auf Initiative des Aufsichtsratsvorsitzenden Oberbürgermeister Joachim Erwin wurde der “Weltmeister” Thomas Berthold als Manager geholt. Dessen einzige Qualifikation war übrigens dessen Teilnahme an der gewonnenen WM von 1990. Ansonsten glänzte er durch den Einkauf von südamerikanischen Spielern nach Ansicht eines Bewerbungsvideos. Typisch für Fortuna: Ein Weltmeister musste es sein, mindestens. Bei aller Höhenfliegerei wird seit Jahrzehnten die Nachwuchsarbeit vernachlässigt, und ein begabter Jungspieler überlegt es sich dreimal, ob er statt zur Fortuna nicht lieber nach Mönchengladbach oder Köln geht.
Man bedenke: Fortuna Düsseldorf spielte zuletzt in der Saison 1996/97 in der ersten Bundesliga, also vor elf Jahren. Die letzte Sternstunde des Vereins, der direkte Durchmarsch aus der vierten in die erste Liga datiert von 1995/96, und einen einstelligen Tabellenplatz in Liga 1 gab es zuletzt 1983. Zwischendurch profilierte sich die Fortuna als Langweiler der Liga; selbst zu Spielen gegen Spitzenclubs verloren sich gern mal weniger als 5.000 Zuschauer im zugigen Rheinstadion. Seitdem herrschen in Fußball-Düsseldorf Tristesse und eine wechselnde Reihe von Größenwahnsinnigen. Das Ganze seit Jahren mit einem 8-Millionen-Schulden-Fels über den Köpfen der Verantwortlichen. Während andere Vereine, die sich seinerzeit Darlehen von Sportwelt-Chef Kölmel besorgt hatten, sinnvolle Einigungen mit diesem erzielten, herrscht in Düsseldorf Ungewissheit.
Zusammengefasst: Ein Verein mit großen Ansprüchen, großmäuligen Fans, massiven strukturellen Problemen, einem immensen Schuldenberg und ohne Rückhalt in der Stadt. Das erleben auch die jeweiligen Profis auf dem Platz. Gelingt ihnen ein gutes Spiel, werden sie bejubelt wie Weltmeister, blamieren sie sich, müssen sie sich beschimpfen, bespucken und teilweise körperlich angreifen lassen. Dieselben Akteure, die an einem Tag bejubelt werden wie kleine Ronaldinhos, müssen sich andern Tags als Püppchen und Söldner diffamieren lassen. Damit müssen die Jungs natürlich auch erstmal klarkommen.
Wie gesagt: Dies alles gilt nicht nur dür die Saison 2007/08 und die derzeitgen Spieler. Ich erinnere mich, wie im März 2002 nach einer Heimniederlage gegen Magdeburg Fortuna-Fans das Spielfeld stürmten mit der lautstark geäußerten Ankündigung, gewisse Spieler zu verprügeln. Ich erinnere mich an Vorfälle nach verlorenen Spielen von vor zehn Jahren, als der Mannschaftsbus mit Bierdosen beworfen wurde. Aber ich erinnere mich auch an die fröhliche Euphorie nach dem letzten Aufstieg in die Regionalliga im Frühjahr 2004. Und dann geh ich im F95-Sweatshirt vor die Tür und werde an der nächsten Ecke gefragt: “Samma, in welcher Liga spielt die Fortuna eigentlich?” Das ist Düsseldorf, das ist die Fortuna. Und die launische Diva wird nur dann zur Fußballgöttin, wenn sich das ändert … also nie.
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Nachdem ich gesehen habe, dass Fortuna 3:1 verloren hat, habe ich mich nicht getraut, irgendeinen Bericht dazu zu lesen. Das ist jetzt der Erste überhaupt. Weitere zu lesen, traue ich mich noch nicht.
Einfach schade und ein bißchen entäuschend. Weshalb verlieren die gegen einen insolventen Verein? Weshalb?
Tagedieb
[Antwort]
Das ist genau der Kommentar, der wiederspiegelt was im Fanlager los ist:
“Warum nur konnte es der Superfortuna passieren, dass sie gegen einen Klümpkesverein verliert?” Ich sachs Euch: Weil die jung und hungrig sind!
Rumgejammer ohne auch nur ansatzweise konstruktive Kritik zu üben hilft hier nicht weiter.
[Antwort]
Am schlimmsten ist immer der folgende Tag im Büro. Wenn die “lieben” Kollegen
schon die Zeitungsartikel an dem Rechner plaziert haben und der Wimpel einen
Trauerflor bekommen hat.
Auf die Frage wann sie das letzte Mal bei “Ihren”-Vereinen (HSV,Scheiß-Bayern, etc.) im Stadion waren, kommt nur Schweigen. Nichts als Schweigen. Dann lieber zu den Heimspielen und gelegentliche zu Auswärtsspielen bei meinem Verein. Der Verein meiner Stadt.
Das wird sich nie ändern, egal in welcher Liga!
Rot-Weisse Grüsse
[Antwort]