Wie leicht Polizisten zu beleidigen sind
Lieber Leser, liebe Leserin, vielleicht sind Ihnen in der Stadt hier und da schon Schmierereien aufgefallen, die lediglich aus den vier Buchstaben A, C, A und B bestehen. Diese Abkürzung hat eine Tradition, die bis weit zurück in die fünfziger Jahre reicht, während der Hochzeit des Punk einen ersten Popularitätsschub erlebte und seit gut zwanzig Jahren auch im Fußballumfeld äußerst beliebt ist. Wikipedia sagt, dass A.C.A.B. für den englischen Satz “All Cops Are Bastards” steht (zu deutsche etwa: “Alle Polizisten sind Arschlöcher” bzw. “Alle Polizisten sind Miststücke” oder auch “Alle Polizisten sind uneheliche Kinder” – Übersetzungen laut LEO). Diese negative Meinung über beamtete Ordnungshüter zählte in den Knästen des Vereinigten Königreichs zu den beliebtesten Tätowierungen, was die dortigen Polizisten immer mit viel Humor nahmen. Hierzulande liegen die Dinge anders, denn das Amtsgericht Tiergarten in Berlin hat festgestellt, dass man sich strafbar macht, wenn man einem Polizisten mit dieser Abkürzung begrüßt.
Wie so oft in unserem freiheitlichen Rechtsstaat hat dieses Urteil auch gleich den Drang zur Vorbeugung bei den potenziell beleidigten Leberwürsten ausgelöst:
Wegen des Aufdrucks «A.C.A.B.» auf seinem Sweatshirt ist ein 15-Jähriger bei der Bildungsdemo am Dienstag festgenommen worden. Er musste sich im Präsidium nackt ausziehen. [Quelle: Nürnberger Nachrichten vom 19.11.2009 via Fefes Blog]
Nun steht ja außer Frage, dass der hinter der Abkürzung stehende Satz der Wahrheit entsprechen könnte. Nein, nicht alle Polizisten sind Arschlöcher (Miststücke etc.). Obwohl man sich angesichts der Äußerungen eines gewissen Rainer Wendt zu der Annahme gelangen könnte, der Arschlochfaktor läge innerhalb der Ordnungsmacht deutlich höher als in der Gesamtbevölkerung. Der nämliche Polizeihauptkommissar fungiert als Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) und wird in regelmäßigen Abständen durch aberwitzige Kamikazesprüche verhaltensauffällig.
So ließ er im Umfeld des Urteils des Bundesgerichtshofs zu Stadionverboten gegen Fußballfans verlauten:
“Die Arbeit der Polizei bleibt in Fußballstadien trotzdem sehr, sehr schwer. In der derzeitigen Situation müssen wir leider jedem Fußballfan sagen: Wer ins Stadion geht, begibt sich in Lebensgefahr.”
Zum Mitdenken: Wer ins Stadion geht, begibt sich in Lebensgefahr. Hat er gesagt, der Cop namens Wendt. Muss er ja wissen angesichts der extremen Todesrate in deutschen Fußballstadien. Nun ist jemand, der von Beruf Polizist ist und dergleichen öffentlich absondert, nicht zwangsläufig ein Arschloch oder ein Bastard. Aber ein ziemlich prima Versuchskaninchen für Tests auf geistige Gesundheit.
Da sollte der gute Wendt mal lieber unter die Kollegen gehen, denen das Kürzel A.C.A.B. seine Renaissance verdankt. Wir reden in erster Linie von den Polizeikräften in den neuen Bundesländern, deren Aufgabe es eigentlich ist, friedliche Zuschauer von Fußballspielen zu schützen. Zum Beispiel die Anhänger des Vereins Roter Stern Leipzig, die unlängst während eines Spiels ihrer Mannschaft in Brandis von Faschisten überfallen wurden. Die zuständigen Ordnungshüter waren informiert worden, dass es zu Übergriffen kommen könnte, kamen aber zunächst gar nicht, dann mit wenig Personal und begannen mit dem Hüten der Ordnung als die ersten Verletzten auf Seiten der RSL-Fans zu beklagen waren.
Stellen wir eine andere Frage: Muss man die (fiktive) Abkürzung A.F.A.B. ebenfalls als Beleidigung verstehen? Wenn man weiß, dass das “F” für “Fascists” steht? Ist allein schon die Frage danach, wie hoch der Anteil an Neonazis unter deutschen Polizisten liegt, eine Beleidigung? Damit sollte sich der merkwürdige Herr Wendt einmal auseinandersetzen.
In den alten Ländern liegt das Problem mit den Beamten, die wegen der Farbe ihrer Kampfausrüstungen auch liebevoll “Förster” oder kumpelhaft “Team Green” genannt werden (der Begriff “Bullen” ist ziemlich oldschool und wird eigentlich kaum noch benutzt…), im Fußballumfeld woanders. Ehemalige Mitspieler von Team Green wissen zu berichten, dass Polizisten, die zu Fußballeinsätzen abgeordnet werden, nicht selten zuvor von ihren Vorgesetzten scharf gemacht werden. Auch sollen bei der Auswahl der eingesetzten Beamten diejenigen bevorzugt werden, die der körperlichen Gewalt nicht abgeneigt sind. Gern verwendet wird auch die Strategie, innerhalb der Truppe Gerüchte zu streuen – zum Beispiel, dass “Hooligans” gezielt Beamtinnen angegriffen und schwer verletzt hätten oder dass die “gewaltbereiten Anhänger” dieses Mal bewaffnet gegen Kollegen vorgingen.
Sicher handelt es sich dabei um bedauerliche und seltene Fälle, denn die Gewalt, die geht IMMER von den so genannten “Fans” aus. So zum Beispiel im April 2009 in Düsseldorf als die Polizei 250 Anhänger der Fortuna an deren Treffpunkt über fast sechs Stunden einkesselte. Die Gewalt der Eingekesselten zeigte sich deutlich in bösen Blicken gegen Beamte und den Wunsch, den Kessel zu verlassen. Was blieb den Cops als mit Pfefferspray gegen den entfesselten Mob (siehe dieses Video) vorzugehen – allein schon aus Selbstschutz.
Nein, nicht alle der dort eingesetzen Cops waren Bastarde. Ja, es gibt sehr nette Polizisten und Polizistinnen. Sogar besonnene Einsatzleiter sollen vorkommen. Auch im Umfeld von Risikospielen, bei denen die Ordnungskräfte in der Regel friedliche Rechtsradikale gegen gewaltbereite rote Zecken schützen müssen.
Und das heißt im Klartext: Der hinter der Abkürzung stehende Satz “All Cops Are Bastards” ist falsch, falsch, falsch! Tatsächlich meinen es die Leute, die diese vier Buchstaben an Wände malen oder sprühen, gar nicht so böse. Wenn Sie also das nächste Mal auf ein Grafitti treffen, dass “A.C.A.B.” oder einfach “ACAB” oder gar “acab” lautet, dann sollten Sie wissen, dass diese Abkürzung eigentlich nur für eine beliebte Bestellung im Wirtshaus steht: “Acht Cola, acht Bier”.
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Müssen Fahrzeughalter aus Aachen, die sich für die Buchstaben AB auf ihrem Kennzeichen entscheiden, eigentlich auch mit einer Anzeige wegen Beleidigung rechnen, wenn sie von den Förstern kontrolliert werden?
Oder wird bald das gute alte Lied von Slime auf den Index gesetzt?
Man weiß es nicht.
Ich trinke dann mal die acht Bier und lasse die Cola stehen.
BTW: All Colours Are Beautiful..
[Antwort]
Lieber Rainer, die Problematik mit unwissenden und /oder schlecht vorbereiteten “Strassenförstern” liegt m.E. in der Unfähigkeit der Politik (Innenministerien)zu erkennen wo die Probleme wirklich sind. Es gibt “Linke” und “Rechte” Vollprolls die jedes “Event” kaputt machen können, leider ist der Hang zur Toleranz gegenüber “rechten Idioten” in unserer Republik immer noch ausgeprägter als die Erkenntnis, dass man mit Verständnis, Ruhe und Besonnenheit, die oben beschriebenen Kessel, vermeiden könnte. Zur Ehrenrettung der “Waldmeister” möchte ich anmerken, dass in der “freien Wirtschaft” eher weniger Menschen bereit sind sich für diese Bezüge die Wochenenden um die Ohren zu schlagen und sich mit randalierenden Vollidioten auseinander zu setzen. ACAB sollte für jeden “Ansporn” zum nachdenken sein.
[Antwort]