Stell dir vor, es ist Eishockey-WM und keinen interessiert's
[Upd.] DEL killt deutsches Eishockey
Update:
Vor allem in der DEL, deren Klubs nun mal die Basis einer starken Nationalmannschaft bilden müssten, regiert einen Tag vor Lizensierungsschluss das Chaos.
Kassel wurde Donnerstag seitens der Liga ausgeschlossen, doch das Landgericht Köln hob die Entscheidung Freitag wieder auf. Frankfurt stellte Freitag Antrag auf Insolvenz, wird aber Montag auch seine Lizenzunterlagen einreichen, da das Insolvenzverfahren noch nicht eröffnet ist. Auch Krefeld braucht noch dringend Geld. Und nicht zuletzt die Haie. [Quelle: Express.de vom 30.05.2010]
Vielleicht erledigt sich diese unsägliche Veranstaltung namens DEL von selbst, und das deutsche Eishockjey bekommt noch einmal eine Chance.
Als mit der Saison 1994/95 die Deutsche Eishockey Liga (DEL) den Betrieb aufnahm, hofften Tausende deutscher Eishockeyfans, dass das wirtschaftliche Chaos vergangener Jahre nun ein Ende haben würde. Diese Hoffnung wurde weitgehend eingelöst. Aber um welchen Preis? Die Erfinder hatten sich an den beiden nordamerikanischen Ligen (NHL und IHL) orientiert und die DEL von vornherein in jeder Hinsicht als Teil der Entertainment-Branche angelegt. Man war der Ansicht, dass es die Deutschen schon toll finden würden, mit der ganzen Familie popcorn-kauend auf weichen Sesseln von Sportlern bespaßt zu werden. Dass dem aber in den Metropolen des Eishockeys eine ganz andere Tradition entgegenstand, ignorierte man. So entstanden Profiteams ohne oder mit schwacher Anbindung an vorhandene Eishockeyvereine. Da Auf- und Abstieg im Austausch mit der Bundesliga praktisch abgeschafft wurde, muss von einer reinen Plastikliga gesprochen werden.
Gerade nach dem Bau der großen Multifunktionsarenen in neun der 15 Spielorte ergaben sich recht ordentliche Zuschauerzahlen. Es schien, als sei Eishockey dank der DEL auf einem guten Weg in Richtung öffentlicher Aufmerksamkeit. Im Zuge der alles umfassenden Vermarktung wurden aber bereits zum Ligastart die Fernsehrechte vorzugsweise ins Pay-TV vergeben. Inzwischen verfügen zwar verschiedene öffentlich-rechtliche und private Sender über Nachverwertungsrechte, aber Eishockey findet im Fernsehen praktisch nicht mehr statt. Und auch wenn die DEL eine nennenswerte Anzahl Zuschauer zieht (2009/10: gesamt 2.263.747 bei 392 Spielen; Schnitt: 5,774 – Quelle: eishockey.net), haben sich die Fan-Szenen in den vergangenen 15 Jahren dramatisch verkleinert; und dass besonders in den ehemaligen Hochburgen Düsseldorf, Köln und auch Berlin. In der öffentlichen Wahrnehmung der Bürger an den Standorten existiert Eishockey so gut wie gar nicht mehr, die Presseberichterstattung liegt etwa auf dem Niveau von Randsportarten. Und
Eine kürzlich vom Meinungsforschungsinstitut promit durchgeführte Umfrage ergab, dass mehr als 95 Prozent keinen einzigen deutschen Nationalspieler namentlich kennen. Nicht einmal 14 Prozent der Befragten wussten, dass dieses Jahr die Weltmeisterschaft in Deutschland stattfindet. Umgekehrt gaben mehr als 85,3 Prozent an, es würde sie so oder so nicht jucken. „Sehr interessiert“ am Eishockeysport sind derselben Umfrage zufolge nicht einmal ein Prozent der Bevölkerung. [Quelle: Focus Online]
Das hat dazu geführt, dass die Nachwuchsarbeit im deutschen Eishockey fast zum Erliegen gekommen ist. In den Hochzeiten des deutschen Eishockeys, also etwa zwischen 1975 und 1990, konnten die Vereine in den Hochburgen und in Bayern, dem Stammland des deutschen Eishockeys, aus dem Vollen schöpfen. Gerade in Süddeutschland zog es in diesen Jahren annähernd genauso viele Buben aufs Eis wie auf den grünen Rasen. Im Jahr 1988 bestand die Gruppe der Bambini bei der Düsseldorfer EG aus fast 30 Kindern. Für die Jungs und vor allem ihre Eltern war eine sportliche Karriere im Eishockey ein Wunschtraum. Auch wenn in den meisten Vereinen Spieler aus den USA, aus Kanada, der UdSSR, Skandinavien oder der damals noch existierenden Tschecheslowakei mitspielten, hatten begabte Nachwuchsspieler doch die Chance, Profiverträge zu bekommen. Aus den den Jahrgängen 1979 und 1980 der Düsseldorfer EG spielten in späteren Jahren insgesamt fast zwanzig Jungs zumindest teilweise als Profis in deutschen Clubs; Daniel Kreutzer ist davon der bekannteste Vertreter.
Der Kader eines DEL-Teams umfasst in der Regel 22 bis 25 Spieler. Laut Reglement darf jedes Team bis zu 12 Ausländer einsetzen. Das bedeutet, dass knapp die Hälfte eines Kaders mit deutschen Spielern besetzt ist. Da aber die wirklich begabten deutschen Cracks frühzeitig in die Profiligen Nordamerikas geholt werden, spielt in der DEL insgesamt eher die zweite Garde bzw. sitzt die Zeit auf der Bank ab. Das bedeutet für einen Buben und seine Eltern, dass die Wahrscheinlichkeit, später Eishockeyprofi zu werden oder zumindest regelmäßig spielen zu können, extrem gering sind. Nur die schon im Jugendalter hervorstechenden Jungs, die dann möglicherweise auch noch einen Schüleraustausch nach USA unternehmen, können Hoffnung haben.
Das führt zu einem ständigen Rückgang der Anmeldezahlen in den Eishockeyvereinen. Viele Traditionsvereine haben sich aufgrund des Nachwuchsmangels ganz zurückgezogen. Und so leben deutsche Nationalmannschaften vorwiegend von Profis, die im Ausland aktiv sind. Der Deutsche Eishockeybund (DEB) hat nun erneut gefordert, die Ausländerquote schrittweise von zwölf auch acht und dann auf sechs zu reduzieren. Dagegen wehrt sich die DEL mit Argument, so viele deutsche Spieler gäbe es gar nicht, die Ausländerstellen zu besetzen, und mahnt eine bessere Nachwuchsarbeit des DEB an. Diese Chuzpe ist der Liga und ihren Machern und Sprechern zu eigen. Düsseldorfs Manager Lance Nethery sagt dann auch noch: “Immer muss die DEL als Sündenbock für die Erfolglosigkeit der Nationalmannschaft herhalten. Das nervt!”
Und nun hat man die Eishockey-WM im eigenen Land, und keinen interessiert’s. Zwar wird am Freitag beim Eröffnungsspiel zwischen Deutschland und den USA in der Arena auf Schalke ein neuer Weltrekord der Zuschauerzahlen aufgestellt, wenn sich mehr als 76.000 Leute die Partie anschauen. Der Verkauf der Tickets für die Gruppenspiele in Köln und Mannheim verläuft dagegen schleppend. Das war auch schon mal anders. Bei der WM in Deutschland 1955 (u.a in Düsseldorf) waren sämtliche Spiele ausverkauft. Dito bei der WM 1975 mit den Austragungsorten Düsseldorf und München.
In den Jahren zwischen etwa 1969 und 1985 wurden in der Regel ALLE Begegnungen im Fernsehen übertragen, und die Eishockeyfans trafen sich in den Stammkneipen zum öffentlichen Rudelguck. Das wird dieses Jahr nicht geschehen.
DEL abschaffen
Dieser wunderbare, schnelle und aufregende Sport wird in Deutschland nur dann wieder die alte Popularität zurückgewinnen, wenn die DEL pleite geht, sich auflöst oder sonstwie abgeschafft wird. Ein erster Schritt dahin wäre eine Reihe von Modusänderungen. So sollte es einen regulären Auf- und Abstieg zwischen der DEL und der Bundesliga geben. Ähnlich wie früher sollte in der ersten Liga mit 12 Mannschaften eine normale Doppelrunde (44 Spiele) gespielt werden anstelle dieser 56 Begegnungen, die heute von den 15 Teams bestritten werden. Die Meisterschaft würde nach dem Play-off-Verfahren zwischen den ersten vier Teams, der Abstieg unter den letzten vier der Tabelle ausgespielt werden. Die Kadergröße wäre auf 22 begrenzt, von denen maximal sechs Ausländer sein sollten. In jedem Kader müssten zudem vier Jungs aus dem eigenen Nachwuchs im Alter von maximal 20 Jahren stehen. Für die zweite Bundesliga würden dieselben Regeln (12 Teams, Play-offs, Kader etc.) gelten. Es gäbe eine Begrenzung der Spielergehälter und strenge Auflagen für die Lizenzvergabe.
Es ist leicht zu erkennen, dass diese Veränderungen von der DEL selbst niemals eingeführt würden. Der DEB hätte es aber in der Hand, solche Bedingungen zu erzwingen. Beispielsweise durch ein Ende der Kooperation mit der DEL und dem Ausschluss der in der DEL spielenden Teams und Spieler aus dem DEB. Das würde möglicherweise zu einer Stärkung der DEB-Ligen führen und vielleicht sogar zum Abwandern deutscher Teams in ausländische Ligen (Den Eisbären Berlin lag ja schonmal ein Angebot der russischen Liga vor.). Mittelfristig könnten diese Zwangsmaßnahmen jedoch zu einer Renaissance des deutschen Eishockey und wachsende Zahlen im Nachwuchsbereich bewirken.
RSS-Feed für Kommentare zu diesem Artikel.
|
Trackback-URL
Ich kann das voll und ganz unterschreiben!
[Antwort]
dito! Mal ein Blick zum Basketball…
Giants haben übrigens Insolvenz angemeldet. Bleibt zu hoffen, dass es nicht zu einer “Rettung” durch die Stadt kommt…es sind ja schon genug Subventionen geflossen.
[Antwort]