Ich bekenne: Wär ich so Anfang bis Ende zwanzig, ich wär ein Ultra. Ich stünde nicht nur bei jedem Heimspiel meiner geliebten Fortuna in der Südkurve, sondern führe zu jedem noch so öden Auswärtsspiel in jede noch so öde Walachei. Ich würde Hirnschmalz aufwenden, um dolle Sprüche für dolle Spruchbändern zu kreieren. Ich sänge neunzig Minuten lang die anfeuernden Gesänge und brüllte mir bei Bedarf die Seele aus dem Leib. Ich wär Teil einer Gemeinschaft von Typen und -innen, den der Fußball und die Fortuna mehr ist, als bloß flockiges Entertainment am Wochenende. Wär ich frech und mutig, würde ich auch mal versuchen, Rauchpulver oder eine Seenotrettungsfackel ins Stadion zu schmuggeln. Und überhaupt würde ich im Rahmen meiner Fähigkeiten alles daran setzen, die Umwandlung des Fußballs in ertragreiches Family-Entertainment aufzuhalten. Ich fürchte, ich würde das alles viel ernster nehmen, als mir und der Welt gut täte. Aber ich könnte nicht anders…
Fußball ist mehr als Unterhaltung. Fußball ist sogar mehr als Sport und auf jeden Fall nicht bloß Business. Es hängt zuviel Heimat dran. Heimatliebe ist etwas durch und durch Irrationales, eine reine Emotion, kein bisschen vernünftig und – falls nicht missbraucht oder umgelenkt – etwas Harmloses, das einem Menschen Halt geben kann in dieser haltlosen Welt. Der Verein ist ein Stück Heimat, ein extrem prägendes dazu, denn die historischen Siege, Niederlagen, Auf- und Abstiege dringen viel tiefer in die Persönlichkeit ein als irgendwelche Wahlergebnisse oder Grundsteinlegungen oder Großveranstaltungen. Fußball ist der friedliche Ersatz für die Kriegszüge der Städte gegeneinander. Ja, Fan(anatismus)tum hat nicht nur mit Liebe zu tun, sondern auch mit Hass. Wer seinen Verein liebt, der hasst die anderen. Fan-Kultur ist nicht mehr als die Sublimierung dieses Hasses in die starke, kreative und andauernde Unterstützung der eigenen Mannschaft.
Natürlich ist das kein ungefährliches Spiel. Immer wenn das Liebe-Hass-System mit Bedeutung außerhalb des Fußballs aufgeladen wird, wenn pervertierte Begriffe wie “Ehre” oder “Treue” ins Zentrum rücken, gerät die Sache außer Kontrolle. Dann verhauen Fans andere Fans, weil die einen die Fahne der anderen entehrt haben. Nun sind ja Schlägereien unter Testosteronträgern anunpfirsich nix Schlimmes, jedenfalls so lange wie keine Waffen eingesetzt werden und auf am Boden Liegende nicht mehr geschlagen oder getreten wird. Eine Platzwunde über der Augenbrauen hat noch niemandem langfristig geschadet. Es gibt einen gesunden Schutzmechanismus gegen das Umschlagen des Fan-Seins ins Kämpfertum: die Selbstironie. Wenn es Ultras gelingt, ab und zu von außen auf sich selbst zu schauen und dabei auch ein Grinsen hinkriegen, dann werden sie im Rahmen des Spiels bleiben.
Dass es solche intensiven Fans gibt, ist für die Apologeten des Fußball-Businesses eine schwere Bedrohung. Wie den Manager der Entertainment-Industrie echte Emotionen immer gefährlich sind, denn diese sind im Gegensatz zu den von ihnen mit ihren Marketing-Mitteln erzeugten weder zu kontrollieren, noch in Umsatz umzumünzen. Der Ultra ist im Zuge des Umbaus unerwünscht. Und doch gibt es da ein Dilemma für die Profitgeier. Kein Event-Tourist kommt in die Arena, wenn dort keine Stümmung herrscht. Denn sein Klischee vom Fußballspiel ist das eines emotionalen Ereignisses, das von Stümmung erzeugenden Fans auf den billigen Plätzen befeuert wird. Andererseits gilt der Fußballmafia ja der Familienvater, der mit den Kindern in die Arena einrückt, für trockene, nicht allzu kalte Sitzplätze einiges ausgibt und zudem weitere Euros für Cola, Wurst, Popcorn und vor allem Merchandising-Artikel raustut, als der ideale Kunde. Gerade deutsche Väter haben den merkwürdigen Zwang, ihre Kinder vor den verschiedenen Ausprägung von Emotion – namentlich der Gewalt – abzuschirmen.
Ich gestehe, dass mich ein Ereignis in meiner Eigenschaft als die Tochter mit ins Stadion nehmender Vater erheblich traumatisiert hat. Im August 1996 (die Tochter war gerade 11) besuchten wir das Heimspiel der Fortuna gegen Äff-Zeh K*** im guten, alten Rheinstadion. Kategorie-C-Fans aus dem berühmten Block 36 gelang es Anfang der zweiten Hälfte, eine Zaunfahne der K***er zu stehlen. Daraus entwickelte sich ein Scharmützel, das im Eindringen von Düsseldorfer Anhänger in den Gästeblock und blutige Schlägereien mündete. Wir saßen im Familienblock am südlichen Ende der Haupttribüne, kaum dreißig Meter entfernt vom Ort der Schlacht. Wie immer beim Anblick von Gewalt stieg mir das Adrenalin, und ich war hin- und hergerissen zwischen dem Fluchtreflex und dem Wunsch, selbst ein paar K***ern aufs Maul zu geben. Die Tochter war dagegen schockiert. Erst recht als Väter mit ihren weinenden Kindern, die als Fans des Äff-Zeh im angegriffenen Block untergebracht waren, bei uns Asyl suchten. Ganz ehrlich: Ich fand nicht die Tatsache scheiße, dass sich da irgendwelche Picos gegenseitig verkloppten, sondern nur dass man Familien in den Gästeblock geschickt hatte.
Wie gesagt: Die Diskriminierung der extremen Fans ist Teil der Kampagne, bei der die Vergeschäftlichung des Fußballs den Endpunkt bilden soll. Natürlich spielen die vorwiegend dumm-faulen Spochtrepochter dabei eine wichtige Rolle. Kürzlich kam es beim Spiel der Fortuna beim verhassten RWE zur Zündung von Rauchpulver und Bengalos im Block der Tuna-Freunde. Das sah toll aus. Leider fanden es aber ein paar Dumpfnasen besonders lustig, die Fackeln auf das Spielfeld zu werfen bzw. Leuchtkugeln quer über den Platz abzufeuern. Wie aber bezeichnete die Journaille das? “Es kam zu Ausschreitungen”. Ja, denn das Entzünden von Feuerwerkskörpern ist bekanntlich nackte Gewalt. Wie bigott dieser Berufsstand ist, der sich im wesentlichen aus Leuten zusammensetzt, die nichts Richtiges gelernt haben, zeigt sich, wenn vergleichbare Bilder – z.B. aus dem Stadion von Dynamo Zagreb -, auf denen die ganze Kurve brennt, mit annähernder Begeisterung als “stümmungsvoll” kommentiert werden.
Noch deutlicher zeigt sich dies an der wunderbaren Dokumentation der Brüder Lars und Axel Pape, die unter dem Titel “Warum halb vier?” das Fansein aus ganz verschiedenen Blickwinkeln zeigen. Die Stümmungsbilder wurden übrigens unter aktiver Beteilung verschiedener Fortuna-Fangruppen im altehrwürdigen Paul-Janes-Stadion am Flinger Broich inszeniert und gedreht. Highlight dieser Szenen ist die große Pyro-Aktion (siehe Bild), die fast allen, die den Film gesehen haben, Gänsehäute beschert haben.
Fußball muss brennen, und Begalos in den Händen halbwegs nüchterner, besonnener und sachkundiger Fans sind nicht nur ein sichtbares Zeichen der Begeisterung, sondern auch ein notwendiges Signal gegen den modernen Kommerzfußball. Deshalb sind Rauch und Feuer vom DFB (der ja nicht mehr ist als der Hund, mit dem Schwanz DFL kraft seiner TV-Rechteinnahmen wedelt) auch bei Strafe verboten. Vereine, bei deren Spielen gezündelt werden, müssen mit hohen Geldstrafen, schlimmstenfalls aber auch mit Platzsperren und Geisterspielen rechnen. Auch Vereine, deren Fans bei Auswärtsspielen Pyro-Aktionen gefahren haben, werden ebenfalls bestraft. Das Perfide an diesem Strafsystem ist, dass so ein Graben zwischen den Ultras und den anderen Fans aufgerissen wird. Die Diskussion zur halbherzigen Platzsperre gegen die Fortuna nach den Essener Vorfällen im Fan-Forum zeigt dies deutlich.
Die Argumentation gegen jede Form von Befeuerung ist nachvollziehbar: Pyro zieht Strafen nach sich, Strafen kosten Geld, das Geld fehlt dem Verein, es schwächt ihn, weil es qua Strafgeld bei der Beschaffung von Personal an Kohle mangelt. Daraus leitet sich die Einsicht ab: Pyro schadet dem Verein. Plötzlich sind die Ultras Vereinsschädlinge – der Zorn richtet sich gegen sie und nicht den kommerzhörigen DFB. Dabei gehen dessen Einschränkungen des Supports noch weiter und nehmen teilweise groteske Züge an. Wer Fahnen und Transparente mit ins Stadion nehmen will, muss Bedingungen erfüllen, die ähnlich detailliert sind wie EU-Bestimmungen über die Krümmung von Bananen. Zudem müssen sich Personen, die derartiges planen, beim Verein melden und einen Fahnenpass beantragen. Die Länge von Fahnenstangen ist genauso vorgeschrieben wie deren Dicke und das verwendete Material. Geregelt ist zudem, wo im Stadion welche Fahnen und Transparente auf welche Weise befestigt werden dürfen. Spontane Aktionen sind dadurch grundsätzlich gefährdet, und nicht selten werden Transparente mit dem Hinweis auf die Bestimmungen untersagt, obwohl es eigentlich darum geht, bestimmte Meinungsäußerungen – z.B. zu Vereinsfunktionären und/oder Sponsoren – zu verbieten.
Wie reagieren die harten Fans darauf? Ultras scheren sich wenig an Verboten und nehmen persönliche Strafen und Stadionverbote (die sich nur schwer durchsetzen lassen) in Kauf. Viele aber bleiben weg. So kommt es bei den wahren Fans der Traditionsvereine gerade zu einer eigenartigen Bewegung. Anstatt das jeweilige Profiteam anzufeuern, gehen sie zu den Spielen der zweiten Mannschaft, da wo Fußball noch nach Rasen riecht, wo man mit Bier und Wurst gemütlich und unter Freunden auf den Wällen steht, die auf den Provinzfußballplätzen als Stehränge dienen. Sie haben Fahnen dabei, sie tragen Triktos und sie feuern ihre Mannschaft an, friedlich und fantasievoll. Dies ist ein Trend, aber auch Indiz für die Resignation. Liebe ist nicht übertragbar, auch nicht auf eine zweite Mannschaft. Liebe zeigen zu dürfen, muss man sich aber auch manchmal erkämpfen. Wenn’s sein muss mit Rauch und Feuer.
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danke für die blumen;-)
ansonsten ist der ganze artikel natürlich top!
genau wie dein statement einst im wdr!
gruß aus berlin
lars
[Antwort]
Zum Verständnis: Dieser Lars ist der Lars, der zusammen mit seinem Bruder Axel die Doku “Warum halb vier” geschaffen hat. Eine DVD, die sich jeder wahre Fußballfreund zulegen sollte (um mal ganz unverschämt Werbung zu machen…;–))
[Antwort]
[...] sind, dafür ist der in den 70er Jahren angelegt Pfad schon zu lange beschritten worden. Ach ja, Ultrá bin ich auch keiner, ich liebe einfach nur den Fußball und mache mir teilweise tatsächlich Sorgen [...]